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Alain Prost exklusiv

"Die Turbo-Ära war die schönste Zeit"

Alain Prost Foto: Wilhelm 18 Bilder

Alain Prost ist als TV-Experte und Renault-Botschafter wieder verstärkt in der Formel 1 aktiv. Der Franzose soll Renault helfen, die Erfolge in der Königsklasse besser weltweit zu vermarkten. Mit auto motor und sport hat der 51-fache Grand Prix-Sieger über alte und neue F1-Motoren gesprochen.

09.03.2013 Michael Schmidt
Sie sind alle Motortypen gefahren: V6, V8, V10 und V12. Welcher Motor-Typ hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Prost: Die Turbo-Ära, auch wenn sie für mich manchmal frustrierend war wegen der vielen Zuverlässigkeitsprobleme. Es ging nicht nur ums Fahren. Du hattest im Cockpit viel zu tun. Den Boost regulieren, auf den Spritverbrauch aufpassen. Der Motor bremste weniger mit als ein Sauger. Du musstest unheimlich auf die Bremsen aufpassen, mit den Gängen mitverzögern. Es hat einen kompletten Rennfahrer verlangt. Die Saugmotor-Ära danach war für den Fahrer viel einfacher.

Wie war das Gefühl, im Training mit mehr als 1.000 PS unterwegs zu sein?

Prost: Auf einigen Rennstrecken war es wie der Ritt auf einer Rakete. Auf anderen haben wir freiwillig Boost zurückgedreht, weil du mit weniger Leistung schneller warst als mit zu viel. Wir hatten Schlupf bis in den fünften Gang.

Was blieb Ihnen aus der Turbo-Ära der 80er Jahre am meisten im Gedächtnis?

Prost: Wir sind mit 250 Liter Benzin im Tank losgefahren. Das Auto war am Anfang des Rennens ein völlig anderes als das am Ende des Rennens. Es war viel Denkarbeit nötig, wie man das Auto abstimmen sollte. Meistens haben wir es für die Anfangsphase optimiert, weil da das Auto durch das hohe Gewicht am meisten belastet wurde. Es hat viel Disziplin verlangt, am Anfang nicht zu schnell zu fahren, um Bremsen und Reifen zu schonen. Besonders hart war es, wenn Kollegen losgelegt haben wie die Feuerwehr. Da war natürlich die Versuchung groß, das Tempo mitzugehen. Aber du hast am Ende immer dafür bezahlt. Für die Qualifikation musste man dann wieder völlig umdenken. Voller Boost, leichtes Auto, Qualifikationsreifen. Auf einigen Strecken hast du einfach den Verstand ausgeschaltet.

Haben es die Fahrer von heute leichter?

Prost: Irgendwie schon. Machen Sie mal einem Fahrer von heute klar, dass er die ersten fünf oder sieben Runden vorsichtig fahren muss. Die können nichts damit anfangen.

Wie ist Ihre Rolle bei Renault?

Prost: Ich habe an der Rennstrecke keine Funktion. Zum einen bin ich Markenbotschafter, zum anderen berate ich Renault in technischen und strategischen Fragen. Ich bin ein Teil einer Gruppe von Leuten, die für Renault Grundsatzentscheidungen im Motorsport trifft. Ich werde also Fahrern keinen Rat geben, nur weil sie einen Renault-Motor fahren. Das erste Ziel ist es, die Formel 1 wieder näher an die Anforderungen der Serie zu bringen. Der zweite, Renault besser darzustellen. Wie viele Leute wissen draußen, dass Renault die letzten drei Weltmeisterschaften gewonnen hat? Alle reden nur von Red Bull. Da muss etwas passieren. Wir müssen unsere Leistung besser verkaufen. Die Leute sollen wissen, was wir tun, und warum wir es tun.

Hat Renault seine Erfolge zu bescheiden vermarktet?

Prost: Absolut. Renault hat sich zu wenig in den Vordergrund gestellt. Den technischen Job hat Renault immer perfekt gelöst. Aber sie hätten ihre Erfolge besser vermarkten können. Wir arbeiten daran, es besser zu machen. Da wird uns der neue Motor helfen, weil er den Motorhersteller wieder in den Vordergrund rückt.

Was halten Sie von der neuen Motorenformel für 2014?

Prost: Ich war immer technisch interessiert und bin echt neugierig, was da passiert. Es ist ein faszinierendes Projekt. Ich informiere mich, um auf dem Laufenden zu sein, aber die Technik wird von anderen Leuten gemacht. Renault hat allein 30 Ingenieure aus der Serie in dieses Projekt geschleust, um zu helfen. Dadurch könnte die Formel 1 wieder zum Prüfstand für die Serie werden. Mich erinnern die Turbos an die schönste Zeit meiner Rennfahrerkarriere. Für die Fahrer wird es eine neue Herausforderung. Wer schnell sein will, muss das ganze System verstehen. Da ist viel Kopfarbeit gefragt.

Was ist das letzte Formel 1-Auto, das Sie gefahren sind?

Prost: Der Red Bull und der Lotus.

Wie fühlte sich das an?

Prost: Der größte Unterschied ist die Sitzposition, weil die Beine so hoch liegen. Am Anfang völlig ungewohnt, aber das legt sich schnell. Dann natürlich das Linksbremsen. Ich bin in meiner aktiven Zeit nie mit nur zwei Pedalen gefahren. Nach einigen Runden ging es. Beim Fahren spürt man es nicht so, aber wenn du zurück an die Boxen kommst und das Auto aus langsamer Geschwindigkeit anhalten musst, dann kannst du echt durcheinanderkommen. Ich wollte plötzlich mit dem rechten Fuß bremsen und gab Gas. Ich bin mir sicher, dass der spanischen Rennfahrerin Maria de Villota bei ihrem Testunfall so etwas Ähnliches passiert ist, und ich kann es voll nachvollziehen. Abgesehen davon sind die modernen Autos relativ einfach zu fahren. Du erreichst schnell einen bestimmten Speed. Erst die letzten Zehntel werden hart.

Wären die modernen Autos mit all ihren Knöpfen und Einstellmöglichkeiten nicht ein Paradies für Sie?

Prost: Ich weiß es nicht. Mir ist der Einfluss der Techniker zu groß. Vieles ist vorbestimmt, weil es vorher schon simuliert wurde. Der Fahrer ist nur noch ausführende Kraft und kann mit seinen Knöpfen dann das Finetuning machen. Nächstes Jahr mit den neuen Motoren wird es aus meiner Sicht für den Fahrer wieder interessanter. Weil alles bei null beginnt. Dann sind die Ingenieure zunächst wieder mehr auf das Feedback der Fahrer angewiesen.

Es gibt keinen GP Frankreich. Die Formel 1 verschwindet in Frankreich im Privatfernsehen. Was passiert da gerade in Ihrem Land?

Prost: TF1 hat für eine lange Zeit einen guten Job gemacht, aber es wurde immer schwieriger für sie den Sport zu verkaufen. Wir hatten lange keinen französischen Fahrer. Wir haben keinen Grand Prix. In unserem Land wurde das Auto in den letzten Jahren als Umweltverschmutzer verteufelt. Deshalb haben sich unsere Hersteller mehr und mehr aus dem Sport zurückgezogen, weil sie dachten, es sei schlecht für ihr Image. Es könnte sich aber etwas ändern. Die Leute kapieren langsam, dass in Frankreich eine Million Menschen oder mehr vom Automobil leben. Canal Plus wird die Formel 1 anders verkaufen, jünger, frischer, aggressiver. 2014 gibt es die neuen Motoren mit einer faszinierenden Technologie, die auch eine Serienrelevanz hat.

Werden Sie als Kommentator für Canal Plus arbeiten?

Prost: In einem gewissen Umfang ja. Ich sehe darin eine Verpflichtung. Es ist wichtig, den Leuten den Sport zu erklären. Dann ist er gleich viel spannender.

Warum hat es so lange gedauert, bis Frankreich wieder ein paar Formel 1-Fahrer bekam? Wo sind die Rennfahrerschulen in Ihrem Land geblieben?

Prost: Renault engagiert sich ja mit der Renault-Weltserie. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zu meiner Zeit, als die Mineralölfirma elf jungen Talenten den Weg nach oben geebnet hat. Als ich die Rennfahrerschule bestanden hatte, bekam ich ein Budget für die Formel Renault bereitgestellt. Die Leute von elf haben mir klipp und klar gesagt: Alain, hier ist dein Budget. Wenn du die Meisterschaft gewinnst, gibt es neues Geld. Wenn nicht, bist du draußen. Was passiert heute? Es gibt Fahrer, die bleiben drei, vier oder fünf Jahre in einer Serie hängen. Das ist falsch. Gute Leute kriegst du nur, wenn du ihnen das Messer an den Hals setzt. Wenn sich ein Fahrer als nicht geeignet erweist, muss man es mit einem anderen probieren. Heute kann ich in den Nachwuchsformeln keinen mehr ausmachen, von dem ich sagen könnte: Das ist der nächste Champion. Ein anderes Problem ist, dass es zu viele Nachwuchsserien gibt.

Und der GP Frankreich?

Prost: Uns fehlen drei bis vier Millionen Euro. Doch wo sollen die herkommen? Von der öffentlichen Hand? Kein privater Investor gibt Geld, wenn er von vornherein weiß, dass er es wieder verlieren wird. Am Ende muss Bernie entscheiden, wie wichtig ihm ein GP Frankreich ist.

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