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Auf der Strecke mit Gerhard Berger

"Ich finde den Sound gut"

Gerhard Berger - Bahrain Test 2014 Foto: ams 50 Bilder

Gerhard Berger hat sich bei den Testfahrten in Bahrain die Zeit genommen, mit auto motor und sport um die Strecke zu gehen. Der Österreicher liefert interessante Einblicke aus der Sicht eines Ex-Rennfahrers.

23.02.2014 Michael Schmidt

Treffpunkt Boxeneingang. Gerhard Berger kommt pünktlich zur Mittagszeit. Die Sonne brennt mit 24 Grad vom Himmel. Wir fangen in der Boxengasse an, gehen von Team zu Team. Bergers Bewertung der elf Rennställe lesen Sie nächste Woche bei uns. Jetzt ist erst einmal ein Streckenrundgang angesagt.

Der 54-jährige Österreicher lobt zunächst die Location: "Endlich hat es die Formel 1 kapiert, dass sie hier in Bahrain ideale Bedingungen zum Testen vorfinden. Die Anlage ist unschlagbar. Du hast Wettersicherheit und nicht wie in Europa jeden Tag andere Temperaturen, anderen Wind und das Regenrisiko. Das Geld, das die Teams hier zum Testen investieren, ist gut angelegt."

20 km/h schneller - finde ich gut

Wir steuern auf den VIP-Turm zu. Berger hat einen Shuttle organsiert. Er kennt Kronprinz Salman bin Hamad bin Isa Al Chalifa persönlich. Da stehen alle Türen offen. Uns wird ein Fahrer gestellt, der uns über die Service-Straßen um die Strecke chauffiert. Bis er eintrifft, gehen wir auf den Balkon des Turms. Unter uns liegt das Ende der Zielgeraden und die Kurven 1, 2 und 3.

Als Nico Rosberg und Kimi Räikkönen anfliegen, meint Berger mit Kennerblick: "Der Top-Speed ist um 20 km/h höher geworden. Das steht der Formel 1 gut zu Gesicht. Sie braucht imposante Zahlen, und die Fans wollen natürlich wissen, wie schnell, wie stark?" Rückblickend auf seine eigene Turbo-Zeit meint er: "Wir hatten im Gegensatz zu den heutigen Autos Riesen-Flügel drauf. Leistung war im Überfluss da." Auch die Leistung heute kann sich sehen lassen. 860 PS, wenn alle Systeme volle Power liefern.

Ferrari bremst anders als Mercedes

Beim Runterschalten stellen wir gleich große Unterschiede zwischen dem Ferrari und dem Mercedes fest. "Beim Mercedes ist der Übergang von einem Gang zum anderen unheimlich flüssig. Der Ferrari schaltet ein Mal, dann Totenstille, dann wieder. Kurz vor der Kurve bleiben die Hinterräder stehen. Das geht auf die Reifen", beobachtet Berger.
 
Räikkönen fliegt trotzdem an dem Mercedes vorbei. Rosberg beginnt gerade seine Rennsimulation. Räikkönen ist auf einem anderen Programm unterwegs. Man merkt es beim Beschleunigen. "Bei Kimi hörst du in zwei Gängen deutlich Wheelspin. Rosberg schaltet früher und vermeidet das. Kimi dreht die Gänge höher aus. Der Mercedes scheint auch ein besseres Motorenmapping zu haben."

Lotus liegt gut, hat aber keine Power

Wir lassen uns in Kurve 4 chauffieren. Die Autos bremsen sich drei Meter entfernt von uns aus 280 km/h auf 90 km/h herunter. "Beim Mercedes schaut alles weich und rund aus." Gleich darauf kommt Maldonado im Lotus angeflogen. Der Venezolaner schaltet härter runter, steht aber ähnlich früh auf dem Gas. Am Kurvenausgang schwänzelt der Lotus etwas.
 
Berger freut sich: "Ist doch toll für die Zuschauer. Die Autos stehen wieder quer." Obwohl Maldonado deutlich langsamer ist als Rosberg, applaudiert Berger: "Das Auto macht einen guten Eindruck. Das Ganze wird aber durch die Motor-Leistung überschattet. Du hörst ganz klar, dass da noch weniger Power unterwegs ist als bei Mercedes und Ferrari."

Lärm-Diskussion wird bald einschlafen

Berger und ich beziehen in den schnellen Kurven 5, 6 und 7 Position. Auch da macht der Lotus eine gute Figur. Rosberg fährt aber konstanter als Maldonado. Der Mann aus Südamerika baut jede dritte Runde einen kleinen Fehler ein. Als die Autos den Berg herunterfliegen, meint Berger: "An der Stelle könnte der Sound etwas lauter sein."
 
Das Thema Lärm treibt den zehnfachen GP-Sieger um: "Was ich da alles für einen Unsinn lese. Hauptsächlich von Leuten, die diese Autos noch nie gehört haben und nur das nachplappern, was sie anderswo lesen. Mein erster Eindruck: Total anders, aber nicht unsympathisch. Wenn es noch eine Spur aggressiver wird, wird sich keiner mehr beschweren. Die alten Turbos aus meiner Zeit haben auch anders als ein V8 geklungen. Ich wette, dass diese Diskussion nach zwei Rennen einschlafen wird." Ich finde: Der Sound hört sich ein bisschen an wie in der MotoGP.

Rosberg verbremst sich zwei Mal in Folge

Daniel Ricciardo schleicht um den Kurs. "Oje, schon wieder ein Problem", schüttelt Berger den Kopf. Ist Red Bull noch zu retten? "Sie sind da voll in der Hand von Renault. Die müssen das hinkriegen." Wir kommen in Kurve 10 an. Rosberg fährt jetzt nicht mehr weiche Reifen, sondern die Mischung "medium". Prompt verbremst er sich zwei Mal in Folge beim Anbremsen der Kurve. Ein Mal schlägt er sogar eine Pirouette.
 
Beim Reinbremsen in die Zweite-Gang-Linkskurve bleiben die Hinterräder stehen. "Da stimmt was mit der Abstimmung der Bremsbalance oder dem Motormapping nicht. Vielleicht liegt es am anderen Grip der Medium-Reifen. Aber vorher mit den alten weichen Gummis war er eigentlich ordentlich unterwegs."

High Tech vom Feinsten

Es ist Mittagszeit. Wir merken es, dass der Verkehr auf der Strecke abnimmt. Sind wohl alle beim Essen. Wenigstens kommt jetzt Jenson Button vorbei. Nach zwei langsamen Einführungsrunden lässt es der McLaren-Pilot fliegen. "Sieht gut aus. McLaren ist für mich ein Geheimfavorit", urteilt Berger.
 
Dann bricht er eine Lanze für das neue Reglement: "Ich war am Anfang skeptisch, weil ich das Gefühl hatte, dass die Fans und die Show mit zu viel Technik überlastet werden. Doch was ich hier gesehen habe ist High Tech vom Feinsten. Für die Auto-Hersteller der perfekte Prüfstand für ihre Serienauto-Entwicklung. Gut ist, dass nicht nur die Techniker eine Rolle spielen. Auch der Fahrer ist stark mit eingebunden. Er muss die Technik verstehen und sie optimal nutzen."

Berger erwartet gute Show

Berger erwartet spannende Rennen: "Ich glaube, die Show wird gut. Weil die Rennen auf eine gute Art unberechenbar sein werden. In den letzten Jahren hast du nach ein paar Runden gewusst, wo der Hase hinläuft. Jetzt hängt das Ergebnis von vielen Faktoren ab. Dem Spritverbrauch, dem Reifenmanagement, der Rennstrategie, der Standfestigkeit. Wer im ersten Renndrittel klug fährt, kann am Ende der große Sieger sein. Es werden wieder Autos ausfallen. Auch das ist ein Überraschungsfaktor, den wir in den letzten Jahren nicht mehr hatten."
 
Das Thema Spritsparen sieht Berger nicht so eng: "Da fährt keiner mehr langsam durch die Gegend. Der Computer gibt die Marschroute vor, und der Fahrer wird sich immer an diesem Limit bewegen. Von wegen GP2-Tempo. Die Autos sind ja jetzt schon wieder fast so schnell wie im letzten Jahr. Und in der Technik liegt noch ein Riesen-Potenzial." Weil nur noch Rosberg um die Strecke orgelt entscheiden wir, ins Fahrerlager zurückzukehren. In den restlichen vier Kurven erwartet uns nichts mehr, was wir noch nicht gesehen hätten.

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