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Ausflug nach Montjuich

Eine Rennstrecke für echte Rennfahrer

F1 - Barcelona - Circuit de Montjuïc - Montjuich Foto: Daniel Reinhard 18 Bilder

Einen Tag vor dem Beginn der Winter-Testfahrten hat die Formel 1-Delegation von auto motor und sport einen kleinen Ausflug gemacht. Nein, nicht ans Meer oder ins Museum. Wir haben die alte Rennstrecke im Montjuich Park besucht. Und dabei erlebt, was der Formel 1 heute fehlt.

21.02.2016 Michael Schmidt

Schuld ist Ferrari. Sie haben für einen Filmtag den Circuit de Barcelona-Catalunya gesperrt. An der Schranke zum Fahrerlager war Schluss. Wer den neuen Ferrari in Action sehen wollte, musste sich auf einen 400 Meter Luftlinie entfernten Hügel stellen. Nach ein paar Beweisfotos war der Arbeitstag beendet.

Was also tun mit einem freien Sonntag, so kurz vor den Winter-Testfahrten? Wir hätten bei strahlend blauem Himmel ans Meer fahren können. Oder Café schlürfen auf den Ramblas. Oder ein bisschen Kulturprogramm mit Sagrada Familia oder Gaudi-Museum. Haben wir alles schon hinter uns. Schließlich kommen wir seit 1991 nach Barcelona. Zu bislang 25 Grand Prix und gefühlten 1.000 Testtagen.

Das Ende kam am 27. April 1975

Weil wir 1975 noch nicht in Barcelona waren, kam uns eine Idee. Kollege Andreas Haupt, unsere beiden Fotografen Daniel Reinhard und Stefan Baldauf und ich wollten ein bisschen Rennhistorie einatmen. Also auf nach Montjuich, den Hausberg von Barcelona. Dort fand 1969, 1971, 1973 und 1975 vier Mal der GP Spanien statt. Für Daniel Reinhard hatte der Ausflug eine ganz besondere Bedeutung. Sein Vater hatte 1969 auf diesem Kurs die schweren Unfälle von Graham Hill und Jochen Rindt fotografiert. Beide Lotus waren wegen Heckflügelbrüchen aus der Bahn geworfen worden.

Der letzte Grand Prix 1975 endete mit einer Katastrophe. Rolf Stommelen flog am Ende der Zielgeraden in die Zuschauer. Auch an seinem Hill GH1 hatte sich der Heckflügel selbständig gemacht. Ein Streckenposten, ein Fotograf und drei Besucher starben. Rolf Stommelen wurde mit schweren Beinfrakturen und einem Beckenbruch aus dem Wrack geborgen. Der Kölner hatte das Rennen angeführt. Kurz darauf wurde das Rennen abgebrochen und Jochen Mass zum Sieger erklärt.

Nur eine Metall-Plakette erinnert an die Montjuich-Strecke

An jenem unheilvollen 27. April 1975 fand der GP Spanien zum letzten Mal auf dem Stadtkurs statt, der Durchschnittsgeschwindigkeiten von bis zu 165 km/h zuließ. Motorräder fuhren hier noch bis 1986. Wie verrückt muss das erst gewesen sein? Heute erinnert nur noch eine große Metall-Plakette hinter dem Olympiastadion von Barcelona an eine der spektakulärsten Strecken der Formel 1-Geschichte. Man muss die Streckenführung schon kennen, um eine Runde auf der Berg-und Talbahn nachzufahren.

Um es kurz zu machen. Es ist eine Rennstrecke für richtige Rennfahrer. Nicht so ein seelenloser Retoretenkurs wie der 25 Kilometer entfernte Circuit de Barcelona-Catalunya. Die FIA würde schon bei dem Sprunghügel am Ende der Zielgeraden ihr Veto einlegen. Und die meisten Fahrer von heute würden sich wahrscheinlich weigern, auch nur eine Runde im Renntempo zu drehen. Ich glaube, Sebastian Vettel hätte die Tour gefallen. Er hat etwas übrig für Motorsport-Geschichte.

Wir biegen am Beginn der bergauf führenden Zielgerade in die Strecke ein. Erst drehen wir zwei Runden mit dem Mietwagen, dann eine zu Fuß. Auf unserer 3,79 Kilometer langen Wanderung werden wir vier Mal von einem Original VW-Käfter überholt. Der ältere Herr am Steuer sieht so aus, als wisse er, auf welch historischem Boden er sich bewegt.

Spätestens dort, wo die lange Linksbiegung abrupt in ein Gefälle übergeht, können wir nachvollziehen, was es vor über 40 Jahren bedeutet haben muss, die darauf folgende Haarnadel anzubremsen. Die Autos sind damals mit Tempo 270 über die Kuppe geflogen. Gleich danach mussten die Piloten voll in die Eisen. Sie hatten alle Hände voll zu tun, ihre schlingernden Fahrzeuge auf Kurs zu halten.

Highspeed-Passagen in der Stadt

Fotograf Reinhard stellt sich an jene Stelle, an der sein Vater das Lotus-Drama 1969 ablichtete. Trümmer des Autos von Graham Hill hatten Josef Reinhard damals die Blende des Objektivs zerschlagen. Als er gerade seine zweite Kamera bereitgemacht hatte, kam schon Jochen Rindt angeflogen. Er krachte in den am Streckenrand liegenden Lotus seines Teamkollegen. Reinhards Bilder gingen um die Welt.

Die Strecke windet sich nach der Mutprobe in einigen engen Kurven in die Stadt hinunter. Was für eine Kulisse, was für Kurven! Immer im Hintergrund das beeindruckende Panorama der Stadt. Unten geht es an Theatern, Parklandschaften und Palmen vorbei auf die kurze Gegengerade. Der Anstieg danach wurde seinerzeit kaum auf Fotos verewigt. Weil der Montjuich Park ein Überangebot an guten Fotopunkten bereitstellte.

Dabei ist der Schlussabschnitt mit seinen superschnellen Kurven fahrerisch anspruchsvoller als das Bergabgeschlängel auf der gegenüberliegenden Seite. Wir stellen uns gerade vor, wie die PS-Ritter von damals quer mit über 180 km/h durch die lange Linkskurve vor Start und Ziel gedriftet sind. Ohne Reifenstapel und Tecpro. Ohne Crashtest und Kohlefaser als Ritterrüstung. Wer hier schnell sein wollte, musste ganz viel Selbstvertrauen in sein eigenes Können haben.

Dann überlegen wir kurz und kommen zu dem Schluss, dass man diese Piste auch nach modernen Maßsstäben sicher machen könnte. Die Bahn ist für einen Stadtkurs erstaunlich breit, die Auslaufzonen in den Bremszonen lang genug, um zumindest ein Maß an Sicherheit zu erreichen, wie es in Monte Carlo heute noch akzeptiert wird. Nur der Sprunghügel wäre Gift für die Autos der Neuzeit. Sie würden nicht landen, sondern aufsteigen. Wir einigen uns darauf: Wenn die Formel 1 hier fahren würde, dann hätte sie wieder ein paar Fans mehr. Uns sowieso.

Kommen Sie mit uns auf eine Runde Montjuich anno 2016, klicken Sie sich durch die Fotoshow und vergleichen Sie die Bilder mit der Vergangenheit. Zu empfehlen sind die Aufnahmen aus dem Jahr 1971 (Youtube-Video).

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