Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Strategie-Poker in Austin

Das Geheimnis der Mercedes-Taktik

Lewis Hamilton - GP USA 2015 Foto: Mercedes 75 Bilder

Der GP USA war ein Festival der Strategen. Der Mangel an Vorbereitung zwang die Taktiker, auf die wechselnden Bedingungen und auf die Rennsituation zu reagieren. Wir verraten, wie die Sieger von Austin taktiert haben und warum es zu den Entscheidungen an der Boxenmauer kam.

27.10.2015 Michael Schmidt

Das sind die Momente, in denen die datengläubige Formel 1 an ihre Grenzen kommt. Drei Stunden freies Training und zwei Qualifikationsrunden fanden auf überschwemmter Strecke statt. Die Fahrer verbrachten alle Proberunden auf den Schlechtwetter-Reifen. Als kurz vor dem Start der Himmel seine Schleusen schloss, meinte Pirelli-Reifenche Paul Hembery: "Alle haben noch das volle Kontingent Intermediates. Das reicht für die Renndistanz."

Tatsächlich rüsteten alle im Feld in den Runden 17 bis 19 auf Trockenreifen um. Einige probierten es vorher und fielen auf die Nase. Der Mangel an Vorbereitung und Daten und die abtrocknende Strecke waren eine Herausforderung für die Strategen. "In so einem Fall zählt nur Erfahrung. Da greifen die üblichen Strategieprogramme nicht. Weil du bei einem Start auf nasser Strecke auch nicht gezwungen bist, zwei unterschiedliche Mischungen zu fahren. Allein der Rennverlauf und der Zustand der Reifen entscheiden", erklärte Mercedes-Strategiechef James Vowles.

Warum durfte Hamilton vor Rosberg zum ersten Stopp?

Mercedes feierte trotz des turbulenten Rennverlaufs und trotz der Chance alle Fehler der Welt zu machen seinen neunten Doppelsieg. Demnach muss der Kommandostand meistens richtig entschieden haben. Was man schon am Boxenstopp-Protokoll sieht. Es gab nur vier Fahrer, die mit zwei Reifenwechseln über die 56 Runden kamen: Lewis Hamilton, Nico Rosberg, Max Verstappen und Sergio Perez.

Die erste Herausforderung bestand in der Frage: Wann wechseln wir von Intermediates auf Slicks? Die Strecke trocknete schnell ab, aber es dauerte lange, bis sich der Griff zu Trockenreifen lohnte. Marcus Ericsson machte in der 17. Runde den Anfang. Die Zwischenzeit des Schweden im zweiten Sektor gab dem Mercedes-Kommandostand das Signal. Es ist Zeit zum Wechsel.

Doch warum wurde Hamilton vor Rosberg an die Box geholt, obwohl Rosberg doch an der Boxeneinfahrt vor dem Teamkollegen lag? "Eine Grenzentscheidung", wie Vowles zugibt. Hamilton hatte am Ende der langen Gerade seine Nase noch vor Rosberg. "Und da treffen wir unsere Entscheidung. Wenn sich danach noch etwas ändert, macht es keinen Sinn, darauf zu reagieren. Lewis hätte ja vor der Boxeneinfahrt erneut kontern können. Wenn man das bis zum letzten Augenblick offenlässt, schafft man sich beim Boxenstopp Probleme."

Tatsächlich hatte Rosberg keinen Nachteil, eine Runde später auf Slicks zu gehen. Die erste Runde auf frischen Reifen war wegen des kühlen Asphalts kein Matchwinner. "Hätten wir mit beiden noch jeweils eine Runde länger gewartet, wäre es ein anderes Thema gewesen", geben die Mercedes-Strategen zu.

Warum blieb Mercedes in der ersten SC-Phase draußen?

Als Marcus Ericsson in der 27. Runde die erste Safety-Car-Phase auslöste, standen alle vor einem Dilemma. Es gab die Wahl zwischen Pest und Cholera. Der Zeitpunkt war einfach zu früh für eine eindeutige Strategie. Man konnte auf einen Wechsel auf harte Reifen setzen und hoffen, damit bis zum Ende zu fahren. Man konnte warten und den zweiten Stopp später planen. Oder gleich die aggressive Variante mit zwei weiteren Stopps wählen.

Max Verstappen, Sebastian Vettel und Sergio Perez wurden auf Risiko gesetzt. Dieser Stopp sollte ihr letzter sein. Wobei Toro Rosso sich mit den weichen Reifen auf einen besonderen Poker einließ. Keiner hatte Erfahrungswerte, wie sich die Mischung "soft" auf 28 Runden verhalten würde. Vettel musste später seiner Taktik wieder abschwören. Weitere Safety-Cars und Mercedes zwangen ihn dazu.

Mercedes entschied sich fürs Draußenbleiben, auch auf die Gefahr hin, dass die Gegner mit frischen Reifen aufschließen. Und trotz der Tatsache, dass Vettel mit den Slicks auf feuchter Fahrbahn massiv Boden auf die Mercedes gutmachte. Die Ingenieure trauten dem Braten nicht. 28 Runden auf einem Satz Reifen bedeutete zu viel Risiko.

Mit starken Re-Starts und Reifen, die erst acht und neun Runden alt waren, hoffte Mercedes eine Lücke aufzufahren, die groß genug sein würde, bei einem späteren Stopp entweder vor Vettel zu bleiben oder ihn am Ende mit frischeren Reifen in die Knie zu zwingen. "Außerdem rechneten wir damit, dass auch Vettel ein weiteres Mal stoppen würde", so Vowles.

Warum nutzte nur Rosberg das virtuelle Safety-Car?

In der 36. Runde löste Nico Hülkenberg eine virtuelle Safety-Car-Phase aus. Zu dem Zeitpunkt lag Rosberg knapp vor Hamilton, 8,6 Sekunden vor Vettel und 12,0 Sekunden vor Verstappen. Damit war klar. Rosberg muss an die Box, Hamilton bleibt draußen. Der Abstand der beiden war zu knapp, um Hamilton auf seinen Teamkollegen warten zu lassen.

Ein Stopp bei einem virtuellen Safety-Car kostet im Vergleich zu normalem Renntempo nur 12 statt 21 Sekunden. Nur Rosberg konnte von diesem Geschenk profitieren. Hamilton hätte bei einem perfekten Stopp beider Autos durch Warten 6 Sekunden verloren. Damit wäre der Gewinn gegenüber einem normalen Boxenstopp netto nur 3 Sekunden gewesen. Während Rosberg direkt hinter Vettel und Verstappen auf die Strecke zurückkehrte, wäre Hamilton bei einem gleichzeitigen Stopp weiter ins Feld zurückgefallen. Deshalb lautete der Auftrag an den Weltmeister: Tempo bolzen, sobald das Rennen wieder freigegeben wird.

Es funktionierte. Rosberg überholte mit dem Vorteil frischer Reifen innerhalb von 3 Runden Verstappen und Vettel. Und Hamilton hatte in der 42. Runde 6,9 Sekunden Luft auf Vettel und 12,7 Sekunden auf Verstappen. Dann rückte Bernd Mayländer wegen des Unfalls von Daniil Kvyat ein zweites Mal aus. Es war ein Geschenk für Hamilton. Weil auch Vettel die Gelegenheit nutzte, die harten Reifen gegen die weichen einzutauschen. Und weil Mercedes Hamilton nach dessen zweiten Stopp sogar noch vor den Toro Rosso von Verstappen brachte.

Was hätte Mercedes im Rückblick besser machen können?

Aus Sicht von Rosberg war das zweite Safety-Car fatal. Es verhalf Hamilton auf einen Logenplatz hinter ihm, und das auch noch mit Reifen, die um 5 Runden frischer waren. Die Mercedes-Strategen legen sich da fest: "Ohne das zweite Safety-Car hätte Nico gewonnen. Lewis hätte noch einmal bei Renntempo stoppen müssen, wäre wahrscheinlich hinter den Ferrari und den Toro Rosso gefallen, hätte sie aber wieder überholt. Bei Vettel dachten wir uns: Entweder macht er einen dritten Stopp, oder er ist mit seinen alten Reifen am Ende 4 Sekunden langsamer als Lewis."

Hätte Mercedes im Rückblick mit mehr Wissen über die Qualitäten der Reifen etwas anders gemacht? "Wir hätten wahrscheinlich in der ersten Safety-Car-Phase die Taktik gesplittet und hätten Lewis auf harte Reifen gesetzt und Nico weiterfahren lassen, um ihn später reinzuholen und ihm noch einmal weiche Reifen mitzugeben."

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden