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Bernie Ecclestone im Interview

"50 Jahre klingt besser als lebenslänglich"

Briatore & Ecclestone Foto: dpa 72 Bilder

Formel 1-Chef Bernie Ecclestone sprach mit auto motor und sport.de über das Briatore-Urteil, die Sparmaßnahmen der Formel 1 und sein ungeliebtes Medaillensystem. Außerdem verriet er erstmals, wie er die Tickets für die Fans billiger machen will.

10.10.2009

Wie haben Sie Hockenheim gerettet?
Ecclestone: Wenn zwei Parteien das gleiche wollen, dann schaffen sie es auch, zu einem Abschluss zu kommen. Wir wollten nach Hockenheim zurück, sie wollten ein Rennen. Am Ende haben wir einen Kompromiss gefunden. Die größte Hürde waren die Finanzen.

Beteiligen Sie sich am Risiko?
Ecclestone: Ja.
 
Funktioniert dieses System auch auf anderen Rennstrecken?
Ecclestone: Wahrscheinlich nicht. Wissen Sie, Hockenheim ist für uns etwas Besonderes. Wir fahren schon so lange dort und wollten das Rennen nicht verlieren.
 
Die Formel 1 hat in den letzten Jahren viele Skandale gesehen. Zuviele?
Ecclestone: Was in der Formel 1 passiert ist, passiert überall im Leben. Hat es der Formel 1 geschadet? Ich weiß es nicht. McLaren, das war Industriespionage. Gut möglich, dass wir so einen Fall schon früher hatten, und keiner hat etwas davon mitbekommen. Zum Problem wird so ein Fall, wenn er auffliegt. Dann steht die Affäre im Mittelpunkt des Interesses. Die FIA hat als Polizei unseres Sports die Pflicht zu reagieren, weil es Wettbewerbsverzerrung ist. Und sie muss Urteile fällen. Die sind vielleicht nicht immer nachvollziehbar, aber das liegt in der Natur der Sache. Im Fußball ist der Schiedsrichter der Buhmann. Er gibt manchmal einen Platzverweis, und wenn er sich später den Fall anschaut, bedauert er es.
 
Wollen Sie damit sagen, Flavio Briatore ist in der Singapur-Affäre zu hart
bestraft worden?

Ecclestone: Er hat eine Strafe verdient. Kein Zweifel. Was mir nicht gefiel, war der Ausdruck "lebenslang". Nicht mal, wenn Sie heute einen umbringen, kommen Sie lebenslang ins Gefängnis. 50 Jahre hätte besser geklungen. Für Flavio hätte es auch lebenslänglich bedeutet.
 
Zwei Sponsoren von Renault haben ihr Engagement mit sofortiger Wirkung beendet. Ist das ein Warnsignal?
Ecclestone: Ich glaube, das war eine Überreaktion. Ihre Verträge liefen am Ende des Jahres sowieso aus. So lange hätten sie noch warten können. Ich würde daraus keine Rückschlüsse auf die Reaktionen der Fans ziehen. Sicher haben wir einige kritische Kommentare von den Zuschauern gelesen. Aber repräsentieren diese Einzelmeinungen Hunderte von Millionen Zuschauer am Fernsehschirm? Ich würde mir keine Aussage darüber zutrauen, ob der Vorfall bei den Fans dazu führt, dass sie sich nicht mehr für die Formel 1 interessieren.
 
Offenbar wird heute spioniert, gelogen und gecrasht, weil es so wichtig ist, zu gewinnen. Ist das das Dopingproblem der Formel 1?
Ecclestone: In jeder Sportart wird auf irgendeine Weise an die Grenzen oder auch darüber gegangen, um erfolgreich zu sein. Ich bin überzeugt, dass es viel mehr Fälle gibt, die nie aufgedeckt werden, weil sie die Leute nicht haben erwischen lassen. Das ist kein Formel 1 spezifisches Problem.
 
Nelson Piquet hat einen Unfall verursacht, weil es sein Team so wollte. Lewis Hamilton hat gelogen, weil sein Team ihn dahingehend instruierte. Sind die heutigen Fahrer Marionetten ihrer Teams?
Ecclestone: Es gab eine Abmachung, beide Fahrer standen unter Druck, und sie haben getan, was man von ihnen verlangt hat. Das ist nicht mit früher zu vergleichen. Damals gab es nicht den Druck, gewinnen zu müssen. Man wollte gewinnen und hat dafür vielleicht einmal eine Kurve abgeschnitten.
 
Sind die anderen Fahrer Heuchler, wenn sie behaupten, sie hätten sich nie missbrauchen lassen? Glauben Sie denen?
Ecclestone: Ja. Ich war schon überrascht, dass sich Nelson Piquet dazu hat einspannen lassen.
 
Zur Zeit gibt es 14 Teams auf der Nennliste. Wieviele davon werden wir 2010 am Start sehen?
Ecclestone: Ich sehe keinen weiteren Hersteller aussteigen. Sie haben eine Garantie bis 2012 abgegeben, und ich bin mir sicher, dass sie dieses Versprechen respektieren werden. Von den kleinen Teams könnten es vielleicht zwei nicht schaffen.
 
Wieviel ist die Garantie der Hersteller wert?
Ecclestone: Wir könnten sie verklagen.
 
Was tun Sie, wenn sich herausstellt, dass eines oder mehrere der neuen Teams die Situation nur ausgenutzt hat, um Geld einzutreiben?
Ecclestone: Ich glaube, es waren am Anfang alles seriöse Projekte. Der eine oder andere hat vielleicht herausgefunden, dass er sich da übernommen hat. Früher haben wir von neuen Teams, zum Beispiel Toyota, eine Bürgschaft von 48 Millionen Dollar verlangt, um uns vor Missbrauch zu schützen. Das wurde aufgegeben, mit der Gefahr, dass ein neues Team nur auf den Startplatz scharf ist, um ihn später dann weiterzuverkaufen. Ich hoffe, dass wir da nicht für unsere Großzügigkeit bestraft werden.
 
Warum hat Lotus den Vorzug vor Sauber bekommen? Lotus hat Geld, aber weder eine Mannschaft noch eine funktionierende Infrastruktur. Sauber hat alles.

Ecclestone: Lotus hat alle Punkte rechtzeitig erfüllt. Sie haben die Finanzierung sichergestellt, Cosworth-Motoren anbezahlt, und einen Plan erstellt, wie sie die Autos bauen. Ich sage Ihnen, sie werden 2010 mit zwei Autos antreten. Bei BMW-Sauber hieß es zwar immer, dass der Rennstall gekauft wird, aber wir wussten bis zum Stichtag nicht, wer es sein würde.
 
Die Formel 1 ist im Wandel. Kehren wir zu den alten Zeiten mit mehr Privatteams als Herstellern zurück?
Ecclestone: Ich habe nichts gegen die Hersteller, im Gegenteil. Sie sind gut für den Sport. Es gibt nur ein Problem. Sie sind nicht in der Lage zu vernünftigen Kosten ein Formel 1-Team zu führen. Wir haben jetzt einen Weg gefunden, das von außen zu beschränken. Einigen gefällt das nicht, weil sie lieber im alten Stil weiterleben möchten. Einige Leute müssen vielleicht von ihren hohen Gehältern runter, andere müssen Stellen abbauen. Ich weiß, dass man in der Chefetage von BMW dafür war, die Kosten auf unter 50 Millionen Euro pro Jahr zu drücken. Leider ist diese Erkenntnis erst spät gereift. Wir mussten die Hersteller mit der Nase drauf stoßen, dass man die Notwendigkeit, für den Erfolg viel Geld zu investieren, einschränken muss.
 
Wieviele der 19 Rennen werden wir 2010 sehen?
Ecclestone: Es gibt noch Probleme mit Kanada. Sie wollen das Rennen, wir wollen es. Das Problem sind die Gesetze im Land.
 
Ist das der Weg der Zukunft: Mehr Rennen, weniger Tests?
Ecclestone: Absolut. Hat einer die Testfahrten in diesem Jahr vermisst? Ich bin dafür, dass wir in Zukunft am Montag nach dem Rennen testen. Die Autos sind da, die Leute auch. Das hält die Kosten in Grenzen. So können wir jungen Fahrern eine Chance geben. Der Fehler des aktuellen Systems ist, dass es praktisch unmöglich ist, junge Fahrer auszuprobieren. Das schützt die etablierten Fahrer, ist aber absolut falsch. Wenn wir so weitermachen, muss ich selbst am Ende noch ein Comeback geben. Ein Test am Montag nach dem Rennen wäre ideal. Man könnte die Rundenzeiten direkt miteinander vergleichen.
 
Werden die sinkenden Kosten die Hersteller zurückbringen?
Ecclestone: Es gibt keine billigere Form der Promotion für einen Hersteller als die Formel 1. Sie werden bald begreifen, dass der Gegenwert für das eingesetzte Geld gut ist.
 
Wird es die Hersteller nicht abschrecken, dass der Vorteil der unbegrenzten Mittel im Vergleich zu Privatteams verloren geht?
Ecclestone: Geld ist nicht alles. Wie lange hat Ferrari keine Weltmeisterschaft gewonnen, obwohl sie das meiste Geld hatten? Die nächste Ära wird nicht das Geld belohnen, sondern die Qualität der Leute, die für ein Team arbeiten.
 
Jenson Button hat die erste Saisonhälfte dominiert, jetzt zittert er sich von Punkt zu Punkt. Ist er ein echter Weltmeister?
Ecclestone: Sie wissen, dass ich das aktuelle Punktesystem nicht mag.
 
Aber mit Ihrem Medaillensystem wäre Button bereits Weltmeister. Das ist auch unbefriedigend.
Ecclestone: In meinem System hätte er die ersten sechs Rennen nicht gewonnen.
 
Warum?
Ecclestone: Dieses Jahr ist ein komisches Jahr. BrawnGP hat von ihrer Überlegenheit in der ersten Saisonhälfte profitiert. Wenn es darum geht, Rennen gewinnen zu müssen, um Weltmeister zu werden, wären die anderen Teams vielleicht früher aufgewacht. Button wird so oder so Weltmeister. Mit meinem und dem aktuellen System. Mein Ansatz ist der, dass der Mann mit den meisten Siegen Weltmeister werden muss, und dass der Zweiplatzierte nicht sagt: Wegen zwei Punkten Differenz gehe ich kein Risiko ein.
 
Ihr Vorschlag findet aber keinen Gefallen.
Ecclestone: Nächstes Jahr wird sich vieles ändern. Es gibt keine Tankstopps mehr. Die Fahrer sind gezwungen, auf der Strecke zu überholen. In diesem Jahr wurden die Hälfte der Rennen durch eine clevere Strategie gewonnen. Das wird 2010 nicht mehr der Fall sein. Und wissen Sie, was der zweite positive Effekt ist?
 
Sagen Sie es.
Ecclestone: Die Rennen werden für die Zuschauer einfacher zu verstehen sein. Die Tankstopps waren ein gutes Showelement, als sie eingeführt wurden. Mittlerweile sind sie zu sehr automatisiert. Es gibt kaum noch Überraschungen.
 
Ist die Wirtschaftskrise eine Gefahr oder eine Chance für die Formel 1?
Ecclestone: Es ist einerseits schade, dass es soweit gekommen ist, andererseits aber auch gut. Es war ein Weckruf. Alle müssen den Gürtel enger chnallen. Die Hersteller haben unsinnig viel Geld ausgegeben. Jeder im Team flog Business, man wohnte in den teuersten Hotels und jeder höhere Angestellte hatte einen Assistenten, der einen Assistenten hatte. Ich verstehe, dass die Teams ihre Sponsoren unterhalten wollen. Aber muss jeder gleich eine riesige Mannschaft nur dafür zur Rennstrecke mitnehmen, um das Team zu versorgen?
 
Wie sehen Sie die Zukunft?
Ecclestone: Die Teams werden weniger Geld ausgeben, wir müssen ihnen weniger bezahlen, das entlastet die Veranstalter und die können billigere Tickets an die Fans verkaufen.

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