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Bernie Ecclestone im Interview

Formel 1 ohne Mercedes und Ferrari?

Bernie Ecclestone - GP Mexiko 2016 Foto: sutton-images.com 41 Bilder

Das Interview mit Bernie Ecclestone hat für jede Menge Diskussionen gesorgt. Wir haben die wichtigsten Aussagen aus dem langen Gespräch mit dem F1-Boss noch einmal zusammengefasst und eine Reaktionen darauf gesammelt.

22.11.2016 Michael Schmidt 4 Kommentare

Bernie Ecclestone hat wieder einmal für viele Diskussionen unter den Formel 1-Fans gesorgt. In seinem Interview mit auto motor und sport hat der F1-Boss wie gewohnt klar Stellung zu einigen heißen Themen bezogen. Das blieb natürlich nicht unbemerkt. Auf vielen großen Nachrichtenseiten in der ganzen Welt waren die markigen Zitate zu lesen. Damit Sie sich nicht noch einmal das ganze 35-minütige Gespräch durchlesen müssen, haben wir noch einmal die wichtigsten Aussagen kompakt zusammengefasst:

Thema Politik: Bernie Ecclestone hat eine klare Meinung zum neu gewählten US-Präsidenten: „Donald Trump ist gut für die Welt, gut für Amerika. Er ist flexibel. Und er ist bereit, die Veränderungen vorzunehmen, die Amerika und die Welt brauchen. Die Welt ändert sich. Also brauchst du Leute, die sich mit verändern wollen“, erklärte der F1-Boss. Auch dem Brexit-Beschluss Großbritanniens kann Ecclestone offenbar viel abgewinnen: „England wollte sich nicht mehr von anderen Ländern regieren lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass 2 oder 3 andere Länder diesem Beispiel folgen werden.“

Für große Diskussionen sorgten auch die Aussagen zu der Dominanz der Silberpfeile: „Mercedes macht einen First-Class-Job. Sie verdienen jeden Erfolg. Das Problem ist, dass Seriensieger nicht gut für das Produkt sind. Die Leute schauen sich ein Rennen lieber an, wenn jeder eine Chance hätte zu gewinnen. Heute weißt du, wer gewinnt.“ Ecclestone glaubt auch nicht daran, dass sich die Mercedes-Dominanz im nächsten Jahr ändert und Red Bull den Silberpfeilen Paroli bieten kann. „Wenn Red Bull glaubt, dass sie Mercedes mit einem besseren Aero-Paket schlagen können, dann frage ich sie: Wieso ist sich Red Bull da so sicher? Mercedes kann genauso gut eine bessere Aerodynamik haben.“

Formel 1 ohne Ferrari und Mercedes keine schreckliche Vision

Auch zur Kritik am unfairen Auszahlungsmodus der Formel 1 bezog der F1-Boss Stellung: „Wir zahlen den Teams dieses Jahr fast eine Milliarde Dollar. Mercedes wird nächstes Jahr das meiste Geld aus unserem Topf verdienen. Sie bekommen die beste TV-Präsenz. Wir machen sie damit noch besser. Das müssen wir uns anschauen. Es könnte uns passieren, dass uns dann Mercedes und Ferrari davonlaufen. Aber mal ehrlich. Wenn die Rennen dadurch besser werden, wäre es vielleicht gar keine so schreckliche Vision. Wir müssen sowieso dauernd damit rechnen, dass uns die Hersteller eines Tages verlassen.“

Für besonders viel Aufregung sorgten die Kommentare zu der Zukunft einiger Rennen: „Schauen Sie sich an, was wir für Singapur getan haben. Ja, der Grand Prix hat Singapur viel Geld gekostet. Aber er hat ihnen auch viel Geld gebracht. Singapur war plötzlich mehr als nur ein Flugplatz, um von dort irgendwo hin zu fliegen. Jetzt glauben sie, dass sie ihr Ziel erreicht haben und wollen vielleicht keinen Grand Prix mehr.“ Mit dem Zitat konfrontiert hat Ecclestone noch einmal klargestellt, dass diese Aussage nicht heißt, dass wir Singapur auf jeden Fall verlieren werden.

Der Grand Prix von Deutschland ist dagegen akut vom Aussterben bedroht: „Wir können das Rennen in Deutschland nicht weiter subventionieren, wenn wir das gleiche nicht auch mit anderen Rennen in Europa machen“, so Ecclestone. Auch die Option selbst als Promoter aufzutreten scheint nicht interessant: „Wenn wir den Teams weiter so viel Geld zahlen wollen, wie wir ihnen gerade zahlen, dann würden sie bei diesem Modell zu wenig bekommen. Sollten sie auf Geld verzichten, ich sage dramatisch verzichten, warum nicht?“ Kanada und Brasilien, die anderen beiden Wackelkandidaten sollen ihren Platz im Kalender dagegen behalten.

Auch Ferrari war ein Thema, zu dem Ecclestone eine dezidierte Meinung äußerte, die vor allem in Italien viele Schlagzeilen produzierte: „Ferrari ist zurückgefallen in die Zeit vor Jean Todt. Ich habe Fiat damals überzeugt, Jean zu verpflichten. Einen Manager von außen. Das Team war zu italienisch.“ Jean Todt habe damals die richtigen Entscheidungen getroffen und schaffte es, dass sich Ferrari-Boss Luca di Montezemolo nicht einmischte. Dazu erzählte Ecclestone eine interessante Anekdote: „Ich habe mich mal mit Michael Schumacher darüber unterhalten und ihn gefragt, wer das Team eigentlich führt. Er hat mir gesagt: Ich tue es.“

Chasey Carey & Bernie Ecclestone - Formel 1 2016Foto: xpb
Liberty Media will die Macht in der Formel 1 übernehmen. Ist da noch Platz für Bernie Ecclestone?

Hier haben wir noch einmal das komplette Ecclestone-Interview in der Langfassung für Sie:

Donald Trump ist der neue Präsident von Amerika. Was halten Sie davon?

Ecclestone: Perfekt. Gut für die Welt, gut für Amerika.

Warum?

Ecclestone: Er ist flexibel. Und er ist bereit, die Veränderungen vorzunehmen, die Amerika und die Welt brauchen. Die Welt ändert sich. Also brauchst du Leute, die sich mit verändern wollen. Hätte sich die andere Kandidatin durchgesetzt, wäre die gleiche Politik gemacht worden wie jetzt auch.

Brexit: Gut oder schlecht?

Ecclestone: Das Fazit ist ganz einfach. England wollte sich nicht mehr von anderen Ländern regieren lassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass zwei oder drei andere Länder diesem Beispiel folgen werden.

Kann so eine große Gemeinschaft nicht funktionieren?

Ecclestone: Der Euro kann nicht funktionieren. Er hat viele Probleme geschaffen, die wir derzeit in Europa haben. Das ist so, als würde man Autohersteller mit Künstlern in einen Topf werfen. Die Länder sind zu unterschiedlich, um sie alle gleich zu behandeln. Ich habe schon an den Tag, an dem der Euro beschlossen wurde gesagt, dass ich keinen Erfolg darin sehe.

Ihr zukünftiger Arbeitgeber kommt möglicherweise aus den USA. Wie ist Ihr erster Eindruck?

Ecclestone: Im Moment kontrollieren sie unsere Firma noch nicht. Sie schauen sich das Ganze gerade an und überlegen, was sie zum Erfolg der Firma verändern könnten. Ich habe mit den Leuten noch nicht eng genug zusammengearbeitet, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Sie haben auch nicht mit mir diskutiert, bevor sie die ersten Anteile gekauft hatten. Deshalb weiß ich nicht, was sie eigentlich wollen. Jetzt verbringen sie ihre Zeit damit zu überprüfen, was sie da gekauft haben.

Hat es Sie überrascht, dass sie etwas gekauft haben, das sie bis zum Ende des Concorde Abkommens 2020 in seinen Grundfesten nicht ändern können?

Ecclestone: Sie müssen nichts verändern an unseren finanziellen Abkommen mit den Teams. Die sportlichen und technischen Regeln der FIA ändern sich sowieso jeden Tag. Darüber müssen sie sich keine Sorgen machen. Wahrscheinlich glauben sie, dass sie kommerziell einen besseren Job machen können als bisher.

Kann der Deal noch verhindert werden?

Ecclestone: Nur wenn die Europäische Kommission entscheidet, dass der Deal gegen die Wettbewerbsgesetze verstößt. Oder wenn sich Leute beklagen, dass er das tut.

Bis jetzt hatte mit CVC ein Beteiligungsunternehmen die Kontrolle. Geht die Formel 1 in eine neue Ära, wenn ein Medienkonzern wie Liberty Media die Geschäfte übernimmt?

Ecclestone: Das ist schwer abzuschätzen, bevor wir nicht wissen, was sie wirklich vorhaben.

Was halten Sie davon, dass Ross Brawn einen Beratervertrag mit Liberty Media unterschrieben hat?

Ecclestone: Keine Ahnung. Er hat nie mit mir darüber gesprochen. Ich weiß nicht mal, ob er gefragt wurde oder er darum gebeten hat, und warum er es tut. Ross hat nie unseren Job gemacht. Er hat nie mit Veranstaltern und TV-Anstalten verhandelt. Er ist jetzt auch schon eine Weile aus dem Geschäft. Ich wüsste nicht, was er dem Sport geben könnte.

Sie glauben an Diktatur. Müssen Sie jetzt Demokratie lernen?

Ecclestone: Das einzige, was ich im Leben zu tun habe, ist meine Steuern zu zahlen und zu sterben.

Können Sie mit anderen Leuten zusammenarbeiten?

Ecclestone: Wir werden sehen.

Das hört sich nicht gerade optimistisch an?

Ecclestone: Es ist ein Fakt. Früher oder später bin ich nicht mehr dabei. Wem auch immer der Laden gehört, er wird sich einen aussuchen müssen, der die Geschäfte führt.

Werden wir Sie in Melbourne 2017 sehen?

Ecclestone: Haben Sie mich in Melbourne 2016 gesehen?

Also gut, Bahrain 2017?

Ecclestone: Ich sehe keinen Grund, warum Sie mich dort nicht sehen sollten.

Es wird viel über einen Dreijahresvertrag geredet, den Sie haben sollen?

Ecclestone: Alles falsch. Ich habe einen Vertrag, der sich immer wieder verlängert. CVC-Chef Mackenzie hatte mich beim letzten Mal gefragt, ob ich noch 3 Jahre weitermachen will. Er ist im Moment immer noch der Mann, der in der Firma bestimmt.

Ihre Zukunft hat also nichts mit Liberty Media zu tun?

Ecclestone: Wenn Liberty die nötigen Anteile und Stimmrechte gekauft haben, können sie tun und ändern, was sie wollen. Sie können mich rauswerfen, wenn sie das wollen.

Da schützt Sie auch das Concorde Abkommen nicht davor?

Ecclestone: Ich bin der CEO. Ein Geschäftsführer kann jederzeit gefeuert werden.

Haben Sie Angst davor?

Ecclestone: Ich habe vor nichts Angst.

Als Medienkonzern wird Liberty in Zukunft vermutlich die TV-Verträge selbst aushandeln wollen. Geht das mit Ihnen?

Ecclestone: Warum nicht? Wenn ihnen die Firma gehört, müssen sie mich nicht fragen. Wenn es gut für die Firma ist, ist es auch gut für deren Anteilseigner.

Aber mal ehrlich: Kämen sie damit klar, wenn andere Leute in Ihrem Revier wildern?

Ecclestone: Warten wir es ab. Es ist wie eine Hochzeit. Du musst erst ein bisschen verheiratet sein, bevor du merkst, ob es klappt.

Sind Sie happy mit der Formel 1-Saison 2016?

Ecclestone: Nicht wirklich. Mercedes macht einen First-Class-Job. Sie verdienen jeden Erfolg. Das Problem ist, dass Seriensieger nicht gut für das Produkt sind. Die Leute schauen sich ein Rennen lieber an, wenn jeder eine Chance hätte zu gewinnen. Heute weißt du, wer gewinnt. Außer es passiert wirklich etwas Außergewöhnliches.

Sind Sie optimistischer für 2017?

Ecclestone: Nein. Wenn Red Bull glaubt, dass sie Mercedes mit einem besseren Aero-Paket schlagen können, dann frage ich sie: Wieso ist sich Red Bull da so sicher? Mercedes kann genauso gut eine bessere Aerodynamik haben.

Ist es unfair den Erfolg von Mercedes auf den Motor zu reduzieren?

Ecclestone: Das Team ist so gut wie Red Bull. Die Fahrer auch. Der Mercedes-Motor ist besser. Red Bull hat vielleicht das bessere Chassis. Es kann also in beide Richtungen umschwingen. Deshalb habe ich mich vor 2 Jahren stark gemacht, dass Mercedes Red Bull mit Motoren versorgt. Dann hätten wir heute unglaublich gute Rennen.

Bernie Ecclestone - Maurizio Arrivabene (Ferrari) - Formel 1 2016Foto: sutton-images.com
Ferrari ist Ecclestone wieder zu italienisch geworden.
Was läuft schief bei Ferrari?

Ecclestone: Ferrari ist zurückgefallen in die Zeit vor Jean Todt. Ich habe Fiat damals überzeugt, Jean zu verpflichten. Einen Manager von außen. Das Team war zu italienisch. Das soll keine Kritik sein. Wir alle lieben Italien. Aber Italiener sind Italiener, so wie Deutsche Deutsche sind oder Briten eben Briten. Sie ändern sich nicht. Wenn sie ein Team in Eigenregie führen, dann funktioniert es nicht.

Glauben Sie, dass Ferrari in den nächsten 5 Jahren noch einmal den Titel holt?

Ecclestone: Das hängt von den Gegnern ab.

Ein Kritikpunkt ist: Bei Ferrari herrscht ein Klima der Angst, weil alles von oben diktiert wird. Und deshalb traut sich keiner Risiko zu. Wie sehen Sie das?

Ecclestone: Sergio Marchionne will unbedingt, dass Ferrari gewinnt. Das will ich auch. Doch weiß er, was Ferrari braucht, damit das wieder passiert? Ich kann es nicht abschätzen, weil ich nicht weiß, was intern abläuft.

Jean Todt hat offenbar sein Team gut vor dem Druck geschützt, den Luca di Montezemolo ausgeübt hat.

Ecclestone: Jean hat getan, was getan werden musste. Er hat die richtigen Leute an Bord geholt. Ich habe mich mal mit Michael Schumacher darüber unterhalten und ihn gefragt, wer das Team eigentlich führt. Er hat mir gesagt: Ich tue es.

Wäre das nicht ein Erfolgsmodell für Maurizio Arrivabene?

Ecclestone: Maurizio ist in einer schwierigen Situation. Ich nehme an, dass er seine Ideen hat. Aber er kann sie nicht umsetzen, weil jemand über ihm steht. Jean hat seine Ideen so an Montezemolo verkauft, dass der am Ende geglaubt hat, es seien seine eigenen. Das ist die Kunst.

Was halten Sie von Max Verstappen?

Ecclestone: Einfach super. Der Junge will nur gewinnen, er hat eine Meinung, und der fürchtet sich vor nichts. Er ist neben Hamilton der beste Botschafter unseres Sports.

Haben Sie ihm bei seinem ersten Sieg eine Trophäe geschenkt?

Ecclestone: Ja, eine Silber-Plakette, in das ein Telegramm eingraviert war.

Teil von Hamiltons Popularität ist seine Präsenz in den sozialen Netzwerken. Sie halten aber nichts von diesen neuen Kanälen. Sollte die Formel 1 nicht das Gleiche tun?

Ecclestone: Ich habe auf den sozialen Netzwerken bis jetzt noch nichts gesehen, was der Formel 1 gut tun könnte. Die Leute schauen da aus Zeitvertreib rein, weil sie ein bisschen von allem mitbekommen wollen. Auch ich. Wenn ich etwas über Cricket lese, werde ich doch nicht gleich zum Cricket-Fan und schaue mir beim nächsten Mal ein Match im Fernsehen an. Für Hamilton funktioniert es, weil er seine Person verkauft. Es ist eine gute Plattform, aus Menschen eine Marke zu machen. Bei einem Sport funktioniert das nicht.

Sehen Sie außer bei Hamilton und Verstappen auch bei anderen Fahrern Potenzial, ein Star zu werden?

Ecclestone: Ich bin happy wie sich Rosberg entwickelt hat. Er scheint, aus seiner Schale auszubrechen. Bis jetzt war er immer ein bisschen der Underdog. Davon hat er sich gelöst.

Wie wichtig ist ein brasilianischer Fahrer für die Formel 1?

Ecclestone: Wir brauchen einen. Bis jetzt hatten wir über Jahrzehnte immer einen, der vorne mitfahren konnte.

Können Sie Felipe Nasr irgendwo unterbringen?

Ecclestone: Welche Teams gibt es noch mit freien Plätzen? Sauber und Manor. Da wird er keinen großen Erfolg haben.

Wir haben in Brasilien immer noch über das Resultat von Mexiko gestritten. Es gab viele Strafen. Eine davon wollte Ferrari anfechten. Ist das ein guter Weg?

Ecclestone: Wir brauchen klare Regeln. Wenn nicht mal ich sie verstehe, sind sie Mist. Machen wir es wie im Fußball. Da sind Schiedsrichterentscheidungen auch nicht mehr anfechtbar. Eine rote Karte ist eine rote Karte. Die Leute müssen verstehen, dass Motorsport wie jeder andere Sport Unterhaltung ist. Wenn wir aufhören, die Leute zu unterhalten, dann Adios. Idealerweise muss das so laufen: Der Rechteinhaber soll in Abstimmung mit den Teams die Regeln aufstellen. Die FIA soll sie überprüfen. Ich bin mir sicher, dass sie jede vernünftige Regel absegnen würde. Dann schreiben sich die Teams in die Weltmeisterschaft ein und wir sagen ihnen, was sie zu tun haben.

Muss es Regeln für das Überholen geben?

Ecclestone: Nein. Die Fahrer sollen das unter sich ausmachen.

Sollte die Formel 1 permanente Sportkommissare haben?

Ecclestone: Das hatten wir schon. Und was passiert dann? Sie haben in irgendeinem Motorhome Frühstück und in einem anderen Lunch, und schon wirft man ihnen vor, parteiisch zu sein. Ideal wäre es, die Kommissare in einen Raum ohne Fernseher und Kontakt zu den Teams einzusperren. Wenn dann einer Protest einlegt, können sie unvoreingenommen die Argumente und das Beweismaterial sichten und entscheiden. Die Sportkommissare haben mir gesagt, dass sie bessere Urteile fällen, wenn sie alles genau sehen. Ich sage Ihnen: Ist ein Richter in einem Mordprozess ein besserer Richter, wenn er den Mord sieht?

Horner, Lauda, Ecclestone, Wolff & Arrivabene - Formel 1 - 2016Foto: Wilhelm
Wer sind die Freunde, wer die Feinde von Ecclestone?
Wie kann es sein, dass es in Mexiko drei Dritte gab. Einen auf der Strecke, einen auf dem Podium, einen drei Stunden später?

Ecclestone: 1966 gewann Graham Hill die 500 Meilen von Indianapolis. Danach gab es Diskussionen, ob er das Rennen tatsächlich gewonnen hat. Ich habe Graham einmal darauf angesprochen. Und was hat er mir gesagt? Weißt du, ich habe das Glas Milch getrunken. Damit bin ich der Sieger. So muss es sein. Vettel hat in Mexiko auf dem Podium den Champagner verspritzt. Also ist er Dritter.

Um etwas im System zu ändern, brauchen sie Freunde. Wie vielen Leuten in dem Geschäft können Sie trauen?

Ecclestone: Ich glaube nicht, dass es eine Frage des Vertrauens ist. Die Leute vertrauen dir, solange du etwas tust, das gut für sie ist. Sie blicken nicht über den Tellerrand hinaus. Wir haben mit Brabham 1978 das Staubsauger-Auto gebracht. Es hat gleich das erste Rennen gewonnen. Und es hagelte Proteste der anderen. Ich habe das Auto gegen den Wunsch meines Konstrukteurs Gordon Murray freiwillig zurückgezogen. Obwohl es viel Geld gekostet hat und wir wahrscheinlich alle Rennen damit gewonnen hätten. Warum? Weil mir klar war, dass jeder so ein Auto bauen würde, wenn ich unseres nicht eingemottet hätte.

Das ist heute nicht mehr möglich?

Ecclestone: Das können sie vergessen. Ich habe mich mit Colin Chapman, Ken Tyrrell und Teddy Mayer von McLaren an einen Tisch gesetzt und die Dinge unbürokratisch ausdiskutiert. Jeder wusste, was zu tun war.

Weil Sie ihnen trauen konnten. Wie viele Freunde haben sie noch im Fahrerlager?

Ecclestone: Das hängt von der Uhrzeit ab. Heute vielleicht viele. Morgen keinen mehr.

Die alten Schlachtrösser und ihre Mitstreiter verschwinden. Frank Williams ist krank, Ron Dennis verliert seinen Job bei McLaren. Fühlen Sie sich langsam einsam in diesem Geschäft?

Ecclestone: Vielleicht muss ich deshalb bald gehen. Alles ändert sich. Und wie wir schon oft festgestellt haben, selten zum Guten.

Sie wollten eine kostengünstige Alternative zu den Hybridantrieben anbieten. Das wurde abgeschmettert. FIA-Präsident Jean Todt vertritt die Ansicht, dass die Formel 1 mit der Technik mit der Zeit gehen muss. Sie nicht?

Ecclestone: Jean glaubt wirklich daran, dass wir uns mit diesen Motoren in die Zukunft bewegen. Ich glaube das nicht. Natürlich kann ich falsch liegen. Aber selbst wenn Jean richtig liegt, ist es nicht der Job der Formel 1, mit grüner Technologie Flagge zu zeigen. Wenn sie eine Ballettschule leiten würden, würden sie dann ihre Tänzer und Tänzerinnen mit Turnschuhen ausstatten, nur weil jeder mit den Dingern herumläuft? Im Ballett will ich Tänzer auf den Zehenspitzen sehen, nicht mit normalen Schuhen auf der ganzen Sohle. Von der Formel 1 erwarte ich pure Power, Lärm, Spektakel.

In Deutschland will die Politik die Autobauer dazu vergattern, ab 2030 nur noch Elektroautos anzubieten. Kann sich der Motorsport dann noch leisten, mit Verbrennungsmotoren herumzufahren?

Ecclestone: Ich sehe keine Notwendigkeit darin, dass wir ausschließlich mit Elektromotoren fahren. Noch einmal. Wir sind im Unterhaltungsgeschäft. Für Elektromotoren gibt es die Formel E.

Was halten Sie davon?

Ecclestone: Ich weiß nicht viel über die Formel E. Ich sehe auch keinen Grund darin, warum Städte Formel E-Rennen veranstalten. Sie könnten genauso gut ein Fahrradrennen abhalten. Jean darf nicht glauben, dass er die Kosten dort unter Kontrolle hält. Selbst wenn er den Herstellern nur einen kleinen Bereich gibt, in dem sie sich austoben dürfen, werden sie Hunderte von Millionen investieren, wenn sie glauben, dass sie das besser macht.

Also brauchen wir eine Budgetdeckelung?

Ecclestone: Wir brauchen Regeln, die das Geldausgeben verhindern. Schauen Sie sich die GP2 an. Sie bietet guten Sport für ganz wenig Geld.

Im Kalender 2017 gibt es 3 Rennen mit Fragezeichen. Werden wir nächstes Jahr Rennen in Montreal, Hockenheim und Sao Paulo sehen?

Ecclestone: Wir tun unser Bestes, um Kanada im Kalender zu halten. In Brasilien versuchen wir das gleiche, auch wenn es schwierig ist. Hockenheim? Wir können das Rennen in Deutschland nicht weiter subventionieren, wenn wir das gleiche nicht auch mit anderen Rennen in Europa machen.

Warum treten Sie nicht wieder selbst als Promoter auf?

Ecclestone: Wenn wir den Teams weiter so viel Geld zahlen wollen, wie wir ihnen gerade zahlen, dann würden sie bei diesem Modell zu wenig bekommen. Sollten sie auf Geld verzichten, ich sage dramatisch verzichten, warum nicht? Dieses Modell hat 50 Jahre lang funktioniert. Wir zahlen den Teams dieses Jahr fast eine Milliarde Dollar. Mercedes wird nächstes Jahr das meiste Geld aus unserem Topf verdienen. Sie bekommen die beste TV-Präsenz. Wir machen sie damit noch besser. Das soll keine Kritik sein. Wir haben den Auszahlungsmodus so bestimmt.

Werden Sie das beim nächsten Concorde Abkommen ändern?

Ecclestone: Das müssen wir uns anschauen. Es könnte uns passieren, dass uns dann Mercedes und Ferrari davonlaufen. Aber mal ehrlich. Wenn die Rennen dadurch besser werden, wäre es vielleicht gar keine so schreckliche Vision. Wir müssen sowieso dauernd damit rechnen, dass uns die Hersteller eines Tages verlassen. Mercedes wird sich an dem Tag zurückziehen, an dem es ihnen in den Kram passt. Wir hatten das alles schon so oft, und es ist noch gar nicht lange her. Honda, BMW, Toyota. Sie gehen, wenn die Formel 1 für sie den Job erfüllt hat. Es gibt keine Dankbarkeit. Es ist das gleiche mit den Veranstaltern. Schauen Sie sich an, was wir für Singapur getan haben. Ja, der Grand Prix hat Singapur viel Geld gekostet. Aber er hat ihnen auch viel Geld gebracht. Singapur war plötzlich mehr als nur ein Flugplatz, um von dort irgendwo hin zu fliegen. Jetzt glauben sie, dass sie ihr Ziel erreicht haben und wollen vielleicht keinen Grand Prix mehr.

Neuester Kommentar

Man kann ja grundsätzlich ALLES anzweifeln oder auch nur zweifelnd diskutieren. Bernie hat aus der F1 ein Wunder an Popularität - und für sich ein Wunder der finanziellen Bereicherung - gemacht. Da kann man nur vor Hochachtung den Hut ziehen, wenn man bedenkt, das er als "Gebrauchtwagen-Fritze" in dieses Metier kam. Und seine Auffassung über Trump oder Putin oder Hitler muss doch gar nicht diskutiert werden. Es ist seine Auffassung und damit Ende der Fahnenstange - ohne Diskussion! Jeder hat seine Auffassung über alles! Darf Bernie die nicht haben ohne gleich einen Shitstorm über sich ergehen lassen zu müssen??? Ich persönlich teile viele seiner Auffassungen > aber das ist Anerkennung die auch niemanden interessiert. Genauso wie Kritik an ihm niemanden interessiert. Am wenigsten ihn selber.

TinaH 21. November 2016, 20:47 Uhr
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