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Bianchi-Unfall in Suzuka

Zu viel Risiko im Kampf um Platz 17?

Jules Bianchi - GP Japan 2014 Foto: xpb 16 Bilder

Zum Bianchi-Unfall in Suzuka stellen sich drei Fragen: Wie schnell war Jules Bianchi im Vergleich zu seinen Kollegen in der Runde des Unfalls? Hätte die Rennleitung ein Safety-Car auf die Strecke schicken müssen? Wäre ein Käfig um das Cockpit herum eine Patentlösung? Wir geben die Antworten.

09.10.2014 Michael Schmidt

Auch am Donnerstag (9.10.2014) vor dem GP Russland drehten sich alle Diskussionen um den Unfall von Jules Bianchi in Suzuka. Es bleiben viele offene Fragen: Wie schnell war Bianchi, als er in der 42. Runde des GP Japan von der Strecke flog? Warum hat der Marussia kaum verzögert? Muss man in Zukunft immer mit einem Safety-Car reagieren, wenn ein Auto von der Strecke gezogen wird? Was würde ein Käfig um den Fahrer in einem solchen Fall bringen?

Die FIA hält weiter die Telemetrie-Messungen unter Verschluss. Solange Jules Bianchi mit schwersten Kopfverletzungen in einem Krankenhaus in Japan liegt, will keiner dem unglücklichen Fahrer eine Mitschuld an dem Crash geben.

Doch der Verband hat die Rechnung ohne die Hardcore-Fans gemacht. Zuerst tauchte ein Film eines Zuschauers auf, der den Einschlag von Bianchi in den Bergekran zeigt. Andere haben die GPS-Tracking-Daten der Formel 1-App analysiert. Das System zeigt, wo sich die Autos auf der Strecke befinden und wie schnell sie ungefähr fahren.

Schwerer Unfall auch ohne Traktor

Auf dem Film wird die Wucht des Aufpralls deutlich. Der Marussia hebt den neun Tonnen schweren Kran um eineinhalb Meter an, wird dann wie eine Billardkugel fast rechtwinkelig in eine Öffnung zwischen zwei Leitplanken abgelenkt, wo er innerhalb von 5 Metern zum Stehen kommt. Einhelliges Urteil in der Szene: "Auch ohne den Traktor im Weg wäre es bei dem Speed ein schwerer Unfall gewesen. Natürlich mit glimpflicheren Folgen."

Das Dunkel um das Rätsel, wie schnell Juels Bianchi im Moment des Abfluges war, beginnt sich ebenfalls zu lichten. Anhand der GPS-Daten der Formel 1-App soll die Geschwindigkeit ca. 213 km/h betragen haben. Selbst wenn der Wert nicht exakt der Realität entspricht, so gibt er aber dennoch Aufschluss über die Relation zu den Geschwindigkeiten anderer Fahrer.

Angeblich soll ein Fahrer vergleichbar schnell unterwegs gewesen sein: Der Schwede Marcus Ericsson. Doch der der Caterham-Pilot hatte zu diesem Zeitpunkt Extremwetter-Reifen drauf, war also für die Bedingungen besser gerüstet. Zwischen Bianchi und Ericsson ging es um Platz 17. Der Abstand bei der letzten Zieldurchfahrt betrug 8,1 Sekunden. Ericsson holte mit Riesenschritten auf. In der Runde davor um 1,2 Sekunden.

Bianchi verliert nur 20 km/h auf dem Kiesbett

Hat Bianchi im Kampf um Platz 17 zu viel riskiert? Obwohl die gelbe Flagge (>>> zum Wirbel um die grünen Flaggen) nach Aussage aller Fahrer an Posten 10 und 11 deutlich zu sehen war. Obwohl ihn das Team zwei Mal über Funk gewarnt hatte. Viel spricht dafür. Die Dunlop-Kurve ist im Regen tückisch. Sebastian Vettel erklärt warum: "Auf der Außenseite bildet sich eine Spur, auf der das Wasser stehen bleibt. Wenn du da draufkommst, wird es kritisch."

Die Aufnahmen der Streckenkamera zeigen, dass Bianchi diese Spur berührt. Der Marussia stellt sich quer, Bianchi korrigiert, kann aber den Drift nicht durchziehen. Wegen des starken Drehmoments der Motoren fängt er sich einen Konter ein und biegt schnurstracks nach rechts Richtung Leitplanken ab. Genau in dem Augenblick, in dem das Bergefahrzeug mit Adrian Sutils Sauber am Haken rückwärts fährt.

Weil das Auto auf seinem Weg zuerst auf einen kurzen Grünstreifen gerät und dann über das mit Wasser vollgesaugte Kiesbett springt, baut sich kaum Geschwindigkeit ab. Experten schätzen die Verzögerung anhand der Filmaufnahmen auf höchstens 20 km/h. Damit wäre auch die Aufprallgeschwindigkeit höher als zunächst angenommen.

Mindestens 0,5 Sekunden langsamer bei Doppel-Gelb

Die meisten anderen Fahrer haben angesichts der Gefahr einen Gang höher geschaltet, haben gelupft oder sind mit Schleppgas an der Unfallstelle vorbeigefahren. Praktisch alle Teams stehen hinter der Entscheidung von FIA-Rennleiter Charlie Whiting, in diesem Fall auf eine Safety-Car zu verzichten. "Charlie hat alles richtig gemacht", sagt ein Teamchef, der nicht genannt werden will. "Doppelt Gelb muss ausreichen, damit die Fahrer den Fuß vom Gas nehmen."

Es gibt nämlich klare Regeln für die Flaggen. Bei einfach Gelb muss der Fahrer in dem Gefahrensektor mindestens zwei Zehntel langsamer fahren. Bei doppelt Gelb eine halbe Sekunde. Sollte sich herausstellen, dass ein Fahrer schneller war, drohen Strafen.

Jetzt wird diskutiert, ob man in Zukunft nicht bei einem ähnlichen Fall in dem betreffenden Sektor die Safety-Car-Deltazeit vorschreiben sollte. Die entspricht 145 Prozent des normalen Renntempos. "Technisch kein Problem", sagen mehrere Ingenieure einstimmig. Man müsse nur sicherstellen, dass diese Maßnahme für alle Fahrer über einen gleich langen Zeitraum gilt, um keinen zu benachteiligen.

Und es müsste diskutiert werden, was in den Übergangsphasen passiert. Also dann, wenn ein Fahrer gerade noch mit Vollgas in den Gefahrensektor eingefahren ist, der hinter ihm aber gerade noch rechtzeitig das Signal erhält.

Käfig hätte Bianchi wohl nicht geholfen

Auch der Vorschlag eines Käfigs um den Fahrerkopf wurde wieder heiß debattiert. Die meisten Vertreter im Fahrerlager sind dagegen. Man sollte einen extremen Unfall, der ein Mal alle Jubeljahre passiert, nicht dazu missbrauchen, den Charakter des Sports zu verändert.

Mercedes-Technikchef Paddy Lowe glaubt auch nicht, dass Bianchi ein Käfig angesichts der Wucht des Aufpralls geholfen hätte: "Wenn ihm der hintere Überrollbügel abreißt, wäre auch ein Käfig vor seinem Helm abgebrochen. Gegen solche Kräfte kannst du dich nicht wehren. Im Fall eines Käfigs hätte er die Trümmerteile auf den Kopf bekommen. Es kann, wenn es dumm läuft, sogar gefährlicher sein."

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