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BMW-Sportchef Mario Theissen

Ruhestand nach 34 Jahren

Mario Theissen Foto: dpa 104 Bilder

BMW-Sportchef Mario Theissen geht in den Ruhestand. Der 59-Jährige blickt an seinem letzten Arbeitstag auf 34 Jahre Unruhestand zurück. Höhepunkt in seinem Berufsleben waren die zwölf Jahre Motorsport.

30.06.2011 Michael Schmidt

Wie kommt einer aus der Eifel zu BMW? Der junge Ingenieur Dr. Mario Theissen schrieb im Jahr 1977 zehn Bewerbungen. Er hätte zu Volkswagen gehen können, zu Mercedes oder eben zu BMW. Nur bei Mercedes wäre das Einstiegsgehalt so niedrig gewesen wie in München. Und BMW war damals noch nicht wie vermutet eine Weltfirma, sondern "ein bodenständiges bayerisches Unternehmen". Doch bei BMW lockte die Aufgabe. "Man bot mir die Stelle eines Berechnungsingenieurs an. Die Abteilung bestand damals nur aus zwei Leuten und war gerade im Aufbau begriffen. Man musste sich schon dumm anstellen, wenn man da nicht weiterkommen würde."

Als Spätberufener zum Motorsport

Berechnungsingenieure waren bei den Kollegen vom Versuch nicht besonders hoch angesehen. "Was beim Ladungswechsel passiert, probierten die lieber am Prüfstand aus. Ich musste deshalb mit meinen Berechnungen immer zuerst bei den Herren vom Versuch antreten." Für den Motorsport interessierte sich der junge Theissen damals nur als Fan. Erst 22 Jahre später kam er beruflich damit in Verbindung. "Der Funke war immer da, aber er wurde erst gezündet, als mich der damalige Vorstandsvorsitzende Dr. Milberg im Frühjahr 1999 fragte, ob ich zusammen mit Gerhard Berger unser Formel 1-Projekt leiten wolle."

Theissen sagte zunächst einmal ab. "Weil eine Doppelspitze nur in einem von zehn Fällen funktioniert." Der Vorstand ließ nicht locker, und so kam es zu der ersten Begegnung mit seinem designierten Kompagnon Berger. Da war das Eis gebrochen. "Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Unser Knowhow ergänzte sich perfekt. Gerhard hatte sein Netzwerk im Motorsport, ich bei BMW. Es war genau der eine von zehn Fällen, bei dem die Doppelspitze funktioniert." Rückblickend sagt der angehehende Ruheständler: "Die vier Jahre mit Gerhard waren die schönsten."

Zwei Mal beinahe Weltmeister

In den zehn Jahren in der Formel 1 hatte BMW zwei Mal die Chance den Titel zu gewinnen. 2003 als Motorenpartner von Williams, 2008 mit einem eigenen Team. "Wir haben die Chancen aus den unterschiedlichsten Gründen verspielt. 2008 war es einfach so, dass Ferrari und McLaren den längeren Atem hatten." Theissen sieht es nicht als unvollendete Aufgabe: "Wir haben das große Ziel nicht erreicht, aber ich habe in meinen zwölf Jahren Motorsport viele Erfolge erlebt. Mein Bedarf an positiven Erinnerungen war gedeckt."

Die Kritik von Robert Kubica, dass BMW 2008 den WM-Titel verspielt hätte, weil man den Einsatz nicht erhöht habe, hält Theissen auch drei Jahre danach noch für ungerechtfertigt: "Das Team wollte den Titel genauso wie Robert. Wir haben bei der Entwicklung des 2008er Autos nicht nachgelassen, im Gegenteil. Die Aerodynamikabteilung hat genauso viele neue Entwicklungen abgeliefert wie zuvor. Leider sind wir damit auf der Stelle getreten. Diese Schwäche hat sich dann im Folgejahr gezeigt. Das 2009er Auto war aerodynamisch nicht konkurrenzfähig."

Aus heutiger Sicht meint Theissen, dass man den Zusammenschluss mit Sauber schon zwei Jahre früher hätte herbeiführen sollen. Die Ehe mit Williams stand 2004 und 2005 unter keinem guten Stern mehr. Ob es daran liegt, dass Engländer und Deutsche im Motorsport selten harmonieren, darauf will sich Theissen nicht festnageln lassen. "Es gibt ja nicht nur einen kulturellen Unterschied der Nationen sondern auch einen der Firmen. Und der war bei BMW und Williams gravierend. Meine Erfahrung mit Williams ist ambivalent. Am Anfang haben uns die Williams-Jungs sehr gut geholfen in die Spur zu kommen. Später gab es dann schon die eine oder andere Auseinandersetzung." Trotzdem tut es weh, den Niedergang des Traditionsrennstalls aus der Ferne mit ansehen zu müssen: "Es ist immer schwierig, ein professionelles Management in einer Inhaber geführten Firma zu installieren. Ich hoffe, dass Williams wieder die Kurve kriegt. Sie gehören in die Formel 1."

LeMans-Sieg ist unvergleichlich

Was mit dem GP Australien 2000 und einigen Bauchschmerzen ob die Motoren halten würden ("Sie hatten zuvor nicht eine Renndistanz geschafft") begann, endete 2009 mit der auch für Theissen überraschenden Rückzugserklärung. Sie wäre laut Theissen sowieso gefallen, auch wenn BMW 2008 den WM-Titel gewonnen hätte. "Der Konzern hat Mitte 2009 die Unternehmensstrategie auf den Prüfstand gestellt. Und wenn wir 2009 um den Titel gefahren wären, hätte das an der Entscheidung der Konzernleitung auch nichts geändert. Sie hätten sie nur nicht im Juli, sondern erst zum Saisonende bekanntgegeben."

Theissen kann sich deshalb auch nicht vorstellen, dass Hersteller wie BMW, Honda oder Toyota nach Überwindung der Wirtschaftskrise sofort wieder in den Motorsport einsteigen. "Sie werden nicht so schnell ihre Meinung ändern, nur weil die Krise wieder am Abflauen ist. Das waren damals Grundsatzentscheidungen.“"

Das schönste Erlebnis fand auf keiner Grand Prix-Strecke statt. "Der emotionalste Moment war unser Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans. Das ist mit der Formel 1 nicht vergleichbar. Du stehst 24 Stunden an der Box, bis insgesamt 40 Stunden auf den Beinen und musst permanent damit rechnen, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Und das tut es in der Regel auch. Wenn du dann so ein Rennen gewinnst, dann nimmt dich das mental mehr mit als ein Sieg in der Formel 1, bei dem du eine Stunde später schon wieder an das nächste Rennen denkst."

Der Konzernmensch Theissen landete im Motorsport in einer völlig neuen Welt. "Der Motorsport kann von der Arbeitsweise im Konzern lernen. Gewisse Prozesse sind übertragbar unter der Voraussetzung, dass man immer auf dem Gas bleibt. Im Motorsport gibt es keine Umleitungen, keine Verzögerungen, keine Matrixorganisationen. Umgekehrt profitiert das Unternehmen vom Sport. Dort passiert alles viel intensiver. Du bekommst alle zwei Wochen ein Feedback, ob das, was du getan hast, gut oder schlecht war. Das verändert die Denkweise. Unsere gesamte Elektronikabteilung blieb an Bord und arbeitet heute in der Hybridentwicklung."

Die Formel 1-Saison 2011 konnte Theissen nur sporadisch verfolgen. Als BMW-Sportchef war er zwischenzeitlich auf anderen Schauplätzen unterwegs, so wie beim 24 Stunden-Rennen am Nürburgring am vergangenen Wochenende. Trotzdem fällt das Urteil positiv aus: "Es wurde lange darüber nachgedacht, mehr Überholmanöver zu produzieren. Ich finde, das ist gut gelungen."

Ohne Plan in den Ruhestand

Jedes Mal, wenn Sebastian Vettel gewinnt, wird der scheidende Motorsportchef daran erinnert, dass er den aktuellen Weltmeister 2007 für BMW hätte verpflichten können. Theissen ließ Vettel jedoch zu ToroRosso ziehen. Ein Fehler? "Es war eine schwierige Entscheidung. Wir hatten die Wahl zwischen drei Möglichkeiten. Sebastian als Testfahrer festhalten, ihn als unbeschriebenes Blatt für einen erfahrenen Mann im Cockpit auszutauschen in einer Phase, in der wir Erfolge haben wollten, oder ihn zu ToroRosso ziehen zu lassen. So schmerzhaft es war, ich würde die Entscheidung heute wieder so treffen."

Auf eine andere Weise schmerzhaft erinnert sich Theissen an Robert Kubica, der von 2006 bis 2009 für die weißblaue Marke fuhr. Der Rallyeunfall des Polen wirft die Frage auf, ob das so in seiner BMW-Zeit auch hätte passiert können. "Ich hätte ihm die Rallyefahrerei verboten", erwidert Theissen. "Ich kann nachvollziehen, dass es für einen Rennfahrer faszinierend ist, an einer Rallye teilzunehmen, aber in so einem Fall muss man immer abwägen, was daran hängt. Es geht hier ja nicht nur um die Karriere eines Fahrers, sondern hinter einem Formel 1-Projekt stehen ja immer auch 700 Mitarbeiter."

Leitende Mitarbeiter von BMW gehen mit 60 Jahren in Rente. Dr. Mario Theissen verabschiedet sich schon ein Jahr früher. Den Einstieg in die DTM wird er nur noch als Zuschauer erleben. "Das war mit meinen Chef Klaus Draeger so abgesprochen. Wäre ich mit 60 gegangen, hätte ich das nach einer halben Saison DTM tun müssen. Das wäre wenig sinnvoll gewesen." Auf die Frage, wie der erste Tag in der Rente aussehen wird, muss Theissen passen: "Ich weiß es nicht. Es ist mein Ziel, ohne Verpflichtungen aus der Firma zu gehen. Meine letzten 34 Jahre waren verplant. Jetzt will ich mal schauen wie lange es ohne einen festen Plan gutgeht. Manche geben mir drei Tage, andere drei Monate. Ich bin guter Dinge, dass es länger dauert."
 

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