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Brüssel kann helfen

Chance für die Formel 1-Rebellen

Formel 1-Flagge & Europa-Flagge Foto: xpb 41 Bilder

Seit dem Zusammenbruch von Marussia und Caterham versuchen die kleinen Teams ihren Hals zu retten. Seit dieser Zeit drehen sich die Gespräche nur im Kreis. Bernie Ecclestone und die großen Teams haben eine andere Agenda. Die FIA verhält sich still. Dabei liegt die Lösung so nah, behaupten Experten. Bei der EU-Kommission in Brüssel.

18.11.2014 Michael Schmidt

Die Angst geht um an der Basis der Formel 1. Die Angst, dass es einem bald genauso geht wie Marussia und Caterham. In beiden Teams führen Insolvenzverwalter das Regiment. Die nächsten könnten Lotus, Sauber und Force India sein. Gestandene Teams, die mit Budgets von 110 bis 180 Millionen Euro operieren. Die aber über ihre Verhältnisse leben müssen, weil sie der Wettbewerb dazu zwingt. Vor drei Jahren reichten noch 80 Millionen Euro, um im Mittelfeld mitzufahren. Heute sind 120 Millionen das Minimum.

2014 sind die Motoren-Kosten noch einmal drastisch gestiegen. Von 9 auf 35 Millionen Euro. Wegen der neuen Antriebseinheiten. Es sind nicht die Motoren allein, die den Privatteams das Konto leer räumen, sondern auch die Folgekosten. Neue Getriebe, neue Steuergeräte, mehr Kühlung, eine aufwendigere Installation. Lotus-Chef Gerard Lopez sagt: "Wir haben diese Motoren nie gewollt. Sie wurden uns aufgezwungen." Sein Kollege Rob Fernley von Force India ergänzt: "Die neue Antriebstechnologie ist ein Schaufenster für die Hersteller. Wir aber müssen dafür teuer bezahlen."

FOTA fällt der Formel 1 auf den Kopf

Die großen Teams Ferrari, Mercedes, Red Bull-Renault und bald schon McLaren-Honda können ihr Image mit grüner Technologie aufpolieren. Das ist ihr Mehrwert. "Für uns ist das zweitrangig", sagt Fernley. Im Namen der bedrohten Teams hat sich der Brite vor dem Rennen in Abu Dhabi schriftlich an Bernie Ecclestone gewandt und ihm die Gefahren aufgezeigt, wenn sich nichts ändert. Der Brief liegt auto motor und sport vor.

Die Profiteure bekommen auch noch mehr Geld aus dem großen Kuchen, den Bernie Ecclestone verteilt. In diesem Jahr wurden 412 der 835 Millionen Dollar nur an die vier großen Teams verteilt. Das Ungleichgewicht wird sich weiter Richtung Top-Teams verschieben. Die Ausschüttung von Mercedes steigt im nächsten Jahr wegen des WM-Titels von 92 auf 126 Millionen Dollar. Und bei einem weiteren Titel gibt es noch einmal 30 Millionen mehr.

Der Grund für die ungleiche Verteilung der Gelder liegt nach Ansicht von Ex-Mercedes-Teamchef Ross Brawn in der Gründung der Teamvereinigung FOTA: "Das fällt der Formel 1 heute auf den Kopf. Für Bernie war die FOTA eine echte Bedrohung. Seine größte Sorge war eine Konkurrenzserie. Er musste sie zerschlagen und hat es damit getan, dass er Ferrari und Red Bull mit dem Versprechen herauslockte, ihnen einen extra Bonus zu bezahlen."

Lotus, Force India und Sauber führen seit dem GP USA Gespräche mit Bernie Ecclestone und den großen Teams. Doch es ist keine Bewegung in Sicht. Die Topteams wollen sich von ihren Privilegien nicht trennen. Sie sehen CVC in der Pflicht. Red Bull-Berater Helmut Marko fordert: "Die sollen einen größeren Anteil ihrer Einnahmen an die Teams ausschütten." Gleichzeitig berufen sich Ferrari, Red Bull, Mercedes und McLaren auf bestehende Verträge. CVC tut das gleiche. Wenn der eine den anderen vorschiebt, passiert nichts.

Boykottdrohung ist ein Flop

Die Rebellen wollen bis zum Saisonfinale in Abu Dhabi eine Lösung. Doch sie haben bis jetzt außer den richtigen Argumenten nicht viel in der Hand. Die leise Boykottdrohung war ein Rohrkrepierer. Damit hätten sich Lotus, Force India und Sauber nur ein Eigentor geschossen. Das wissen sie auch. Dabei liegt die Lösung auf der Hand. Es gibt eine Drohkulisse, vor der die Top-Teams, CVC und die FIA Angst haben. Man könnte die Uneinsichtigen zur Einsicht zwingen und aktiv einen Neubeginn anschieben.

Die Rettung wäre der Gang zur EU-Kommission. Der Vertrag zwischen den Teams, der FIA und den Rechteinhaber ist nach Meinung von Experten illegal. Weil er jedes Wettbewerbsrecht verletzt. Und auch Paragraf 1.1.1. in der FIA-Satzung, der sportliche Fairness verlangt. Der frühere FIA-Präsident Max Mosley zieht einen passenden Vergleich: "Den großen Teams mehr Geld zu geben ist so, als würdest du ihnen erlauben, mit einem größeren Motor zu fahren."

Nicht nur die ungerechte Geldverteilung fällt unter den Vorwurf der Wettbewerbsverfälschung. Auch die Strategiegruppe verletzt die Statuten der Fairness. Die großen Teams legen die Regeln so fest, wie sie ihnen in den Kram passen. Das Veto-Recht von Ferrari würde ebenfalls keiner Prüfung der EU-Richter standhalten.

Die Apanage von 40 Millionen Dollar an die FIA verstößt genauso gegen alte Abmachungen von Mosley mit der EU-Kommission wie der Passus im Financial Agreement, dass die FIA bei einem Börsengang ein Prozent der Aktien der Dachgesellschaft Delta Topco zu einem Preis von einem US-Cent pro Aktie erhält. Das entspricht einer unzulässigen Vermischung zwischen Sport und Finanzen.

EU-Kommission in Brüssel kann auf eigene Initiative handeln

Der Gang vor ein EU-Gericht ist jedoch nicht ratsam. Weil er zu lange dauert. Bis ein Urteil fällt, wären die Kläger wahrscheinlich schon pleite. Doch Insider sehen einen viel unbürokratischeren Weg, Druck auf das Formel 1-Establishment auszuüben. Die EU-Kommission kann auf eigene Initiative eine Untersuchung einleiten und sie zur dringlichen Angelegenheit erklären. Da können die Dinge innerhalb eines halben Jahres ins Rollen kommen.

Angeblich hat die gerade neu gegründete Kommission schon ein Auge auf die Missstände in der Formel 1 geworfen. Es stand ja zuletzt viel in der Presse darüber. Eine Mitspielerin könnte die Labour-Abgeordnete Anneliese Dodds sein, die ihren Wahlkreis im Südwesten von England hat. Wenn der EU-Kommissarin aufgezeigt wird, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich tausende Arbeitsplätze bedroht sind, bekäme das Anliegen der kleinen Teams in der Formel 1 eine ganz neue Dynamik.

Gerhard Berger ist überzeugt: "Wenn sich jetzt nichts bewegt, reiten sie das Geschäft tot." Nach Ansicht von Berger, Mosley oder Brawn kann der Sport nur mit einem Drei-Punkte-Plan gerettet werden. CVC muss mehr Geld an die Teams ausschütten. Dieses Geld muss in annähernd gleichen Portionen verteilt werden. Dazu müssen die Kosten drastisch sinken. Entweder über eine Budgetdeckelung oder eine Restriktion an Werkzeugen, Material und Personal. Gleichzeitig könnte dann das Reglement gelockert und vereinfacht werden, um den Ingenieuren mehr Freiheiten zu geben.

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