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Claire Williams im Interview

„Lance Stroll hat sich Cockpit verdient“

Claire Williams - Formel 1 - 2016 Foto: sutton-images.com 22 Bilder

Claire Williams leitet seit 2013 das Formel 1-Team von Williams. Die Tochter des Firmengründers erklärt im Gespräch mit auto motor und sport, wo sich Williams noch verbessern muss und warum sie an ihren Neuzugang Lance Stroll glaubt.

19.11.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar
Wie geht es Sir Frank?

Williams: Es geht ihm jetzt wieder gut. Er hat eine lange Genesungsphase hinter sich. Vor drei Wochen konnten wir ihn aus dem Krankenhaus holen. Jetzt haben wir ein Auge auf ihn und hoffen, dass er sich weiter gut erholt. Sie wissen ja, wie er ist. Frank ist ein Kämpfer. Der will so schnell wie möglich wieder zurück.

Wie wichtig ist der vierte Platz in der WM für Sie?

Williams: Schon wichtig. Einerseits finanziell, anderseits auch aus Stolz. Nachdem wir zwei Mal hintereinander Dritter geworden sind, willst du nicht viel weiter abrutschen. Wir wussten schon vor der Saison, dass es schwer werden würde, den dritten Platz zu verteidigen. Der vierte Platz ist uns wichtig, aber es wird schwer sein, das Punktedefizit noch wettzumachen.

Wo liegen die Stärken und Schwächen im Vergleich mit Force India?

Williams: Sie haben ein sehr gutes Aeropaket, das sie in Barcelona zum ersten Mal gezeigt haben und exzellent umsetzen. An der Strecke machen sie praktisch alles richtig. Wir haben zu viele Fehler gemacht. Das Auto ist nicht so gut, wie wir uns das erhofft hatten. Wir untersuchen immer noch, warum das so ist. Es ist nicht ein bestimmter Punkt, sondern eine Anhäufung von verschiedenen Faktoren. Das betrifft auch die Weiterentwicklung unter dem Jahr. Die Upgrades haben nicht das gebracht, was der Windkanal versprochen hat. Dazu kam, dass wir das Entwicklungsprogramm früher eingestellt haben als sonst, um uns um den nächstjährigen FW39/40 zu kümmern. Uns sind auch strategisch an der Boxenmauer einige Fehler unterlaufen.

Und das Reifenmanagement?

Williams: Auch da sind wir nicht sattelfest. Die Reifen haben uns in diesem Jahr vor Probleme gestellt. Eigentlich schon seit einer Weile. Es ist schwierig, alle Mischungen zu verstehen. Eine Minute funktionieren die Reifen, dann wieder nicht. Da stehen wir nicht allein da. Deshalb müssen wir dieses Problem unbedingt lösen.

Sie haben das Problem der Boxenstopps gelöst und sind jetzt die Nummer 1 in dieser Disziplin. Lässt sich das auch auf den anderen Gebieten so lösen?

Williams: Auf die Boxenstopps dürfen wir stolz sein. Das hat nichts mit Glück zu tun. Wir waren über die gesamte Saison gesehen die Besten. Warum haben wir uns da so verbessert? Weil wir wussten, dass wir auf dem Gebiet ein Problem hatten. Deshalb bin ich auf den anderen Gebieten optimistisch. Wir wissen, wo unsere Schwächen liegen. Das ist schon mal der erste Schritt, etwas besser zu machen. Wir arbeiten seit 5 Monaten daran, die anderen Baustellen aufzuräumen. Ich hoffe, wir sehen 2017 die ersten Ergebnisse und sind dann 2018 in einer deutlich stärkeren Position.

2014 und 2015 haben Sie jeweils eines der Top-Teams geschlagen. Ist das überhaupt noch möglich?

Williams: Es ist härter als noch vor zwei Jahrzehnten, als man sogar noch Weltmeister werden konnte gegen Teams mit größeren Budgets. Aber ich glaube nicht, dass es unmöglich ist. Würde ich es glauben, bräuchten wir ja gar nicht mehr mitfahren. Ich glaube nicht, dass man unbedingt Hunderte von Millionen braucht, um einen Titel zu holen. Wir haben genügend Beweise von Teams, die so viel Geld ausgeben und nicht mal ein Rennen gewinnen. Es muss immer noch möglich sein, indem man schneller und besser arbeitet. Und indem man das Budget präziser in die Dinge investiert, die Rundenzeit bringen.

Ist es heute schwieriger, ein Budget wie das von Williams aufzutreiben?

Williams: Es war noch nie so schwierig wie jetzt. Seit es meine Aufgabe ist, Geld zu finden, wurde es jedes Jahr härter. Das Klima hat sich seit der Finanzkrise 2008 eigentlich nicht verbessert. Weil der Wettbewerb um die Werbegelder härter geworden ist. Sie werden heute vermehrt in digitale Werbung gesteckt. Mit dieser Herausforderung müssen wir leben. Es hilft nicht zu jammern. Du musst einfach schlauer und kreativer sein. Wir haben das Glück bei Williams, dass wir uns mit unserer Technologiesparte ein zweites Standbein aufgebaut haben. Das schafft Partnerschaften, die sich für beide Branchen unserer Gruppe interessieren.

Die Gelder daraus nutzen Sie auch, um das Formel 1-Geschäft zu subventionieren?

Williams: Ja, das war auch einer der Gründe, warum wir uns breiter aufgestellt haben. Es ist eine neue Einnahmequelle. In diesem Jahr haben sich die Einnahmen aus diesem Geschäft verdoppelt, und das hilft uns, das Formel 1-Team zu unterstützen.

Warum hat es so lang gedauert, bis Sie ihre Fahrer bekanntgegeben haben?

Williams: Wir waren uns seit einigen Monaten im Klaren, was wir wollen. Aber dann kamen einige Dinge dazwischen. Wir wollten, dass Lance Stroll erst einmal die Formel 3-Meisterschaft gewinnt. Dann begannen die Überseerennen, und mein Vater wurde krank. Deshalb wurde es immer wieder verschoben, bis endlich mal alle am gleichen Termin Zeit hatten.

Mit Lance Stroll stellen Sie einen 18-jährigen Neuling für einer Saison ein, in der es die schnellsten Formel 1-Autos aller Zeiten geben wird. Wie groß ist das Risiko?

Williams: Du erreichst nichts, wenn Du keine Risiken eingehst. Lance hat seine Aufnahmeprüfung bestanden. Und wir würden ihn nicht nehmen, wenn wir nicht an ihn glauben würden. Er hat sich sein Cockpit verdient. Lance hat fast 50 Prozent aller Formel 3-Rennen in diesem Jahr gewonnen. Er lag 185 Punkte vor dem Zweiten. Das ist mehr als Dominanz. Das Alter? Max Verstappen kam noch jünger in die Formel 1, und schauen Sie sich an, was er schon geleistet hat. Natürlich ist ein Fahrerwechsel mit Risiken verbunden, speziell wenn man einen so jungen Fahrer verpflichtet. Aber es ist ein kalkuliertes Risiko. Lance wird seine Fehler machen, so wie sie bis jetzt jeder Neuling gemacht hat. Aber wir haben für ihn ein wirklich umfangreiches Testprogramm auf die Beine gestellt, bei dem er so viele Generalproben für die künftigen Anforderungen bekommt, wie selten ein Fahrer zuvor. Natürlich sitzt er nur in einem 2014er Auto mit Academy-Reifen, doch er kann sich damit wirklich auf alle Szenarien vorbereiten, die ihn nächstes Jahr erwarten. Lance ist einer der intelligentesten Fahrer, die ich kennengelernt habe. Und er lernt sehr schnell. Er macht Fehler nicht zwei Mal. Ich bin zuversichtlich und habe nicht den geringsten Zweifel, dass Lance eine gute Leistung abliefern wird. Wir sind ein ernsthaftes Team, das irgendwann mal wieder Rennen gewinnen will. Das werden wir nicht dadurch gefährden, indem wir einen Fahrer anstellen, der nicht bereit für den Job ist.

Können Sie etwas über seine Vorbereitung in dem 2014er Williams erzählen?

Williams: Ich kann nicht allzu sehr ins Detail gehen. Er ist bereits auf einer Handvoll europäischer Strecken gefahren und wird noch auf weiteren Strecken außerhalb Europas unterwegs sein. Am Ende wird er rund 8.000 Formel 1-Kilometer abgespult haben. Er soll sich mit der Aufgabe vertraut machen, mit den Ingenieuren arbeiten, die Arbeitsprozesse lernen und ein ganzes Rennwochenende simulieren. Das geht von Boxenstopps bis zu Startübungen. Seine Vorbereitung ist beispiellos in einer Zeit, wo praktisch nicht mehr getestet werden darf.

Warum wird es so geheim gehalten?

Williams: Wir wollen den Druck von ihm nehmen. Und er soll von seiner Aufgabe nicht abgelenkt werden. Viele Leute interessieren sich für ihn und seine Story. Nicht nur, weil er ein Talent ist, sondern auch weil er einen bekannten Vater hat.

Es ist kein Geheimnis, dass sein Vater sehr reich ist. Wie wichtig war das Geld, das Stroll mit einbringt?

Williams: Ich habe diesen Punkt bei der Fahrer-Präsentation klar gemacht. Das Geld war nicht ausschlaggebend. Es war bei Williams immer so, dass finanzielle Dinge die Fahrerentscheidung nicht beeinflussen dürfen. Jeder kann unsere finanzielle Situation einsehen, da wir an der Börse notiert sind. Schauen Sie hin, und sie werden erkennen, dass wir nicht um jeden Preis Fahrerentscheidungen auf der Basis der Mitgift treffen müssen. Ja, Lance stammt von einem privilegierten Hintergrund. Er selbst macht da auch keinen Hehl daraus. Und es hat ihm sicher auf dem Weg nach oben geholfen. Das trifft aber auch auf viele andere Fahrer zu. Entweder haben die Eltern die Karriere unterstützt, oder sie hatten Sponsoren im Rücken. Am Ende hat uns sein Talent überzeugt. Lance könnte alles Geld der Welt haben, es würde ihn nicht schneller im Auto machen. Er hat gezeigt, dass er unabhängig von seinem finanziellen Hintergrund eine Meisterschaft dominieren kann. Er hat die Formel 4-Meisterschaft gewonnen, die Toyota Racing Serie 2014, er wurde in seinem ersten Formel 3-Jahr Fünfter und in seinem zweiten Meister.

Die Formel 1 wechselt nächstes Jahr wahrscheinlich ihren Besitzer. Was erwarten Sie von Liberty Media?

Williams: Es ist noch etwas früh, darüber zu sprechen, weil bis jetzt nur ein Teil des Deals über die Bühne gegangen ist. Wir hatten einige Meetings mit Chase Carey, und er hat einen guten Eindruck auf uns gemacht. Er vertritt einen Medienkonzern. Wenn wir uns deren Pläne so anhören, dann können sie einen guten Job in der Formel 1 machen. Jeder Sport muss sich permanent hinterfragen und muss sich Gedanken machen, wie er die nächste Generation begeistert. Und die junge Generation ist sehr verschieden von der, die wir in den letzten 50 Jahren gewohnt waren. Egal ob Sport oder Unterhaltung, wir müssen diese Generation erreichen. Die Methoden sind heute andere als früher. Daran müssen wir uns anpassen.

In der Galerie zeigen wir Ihnen ein paar erste Bilder von Williams-Neuzugang Lance Stroll.

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Verdient? Gekauft. Kann man mal verwechseln. Macht sich aber nicht so gut, schließlich zeigen die Bilanzen das wahre Bild.

Proesterchen 20. November 2016, 10:42 Uhr
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