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Neue Details zum Quali-Streit

Was suchte Hamilton bei der Rennleitung?

Lewis Hamilton - GP Ungarn 2016 Foto: sutton-images.com 81 Bilder

Die vielen Grauzonen im Reglement nerven die Formel 1-Fans. Dazu zählt auch die Diskussionen um Nico Rosbergs Pole Position unter gelber Flagge. Rosberg wurde verspätet vorgeladen, weil es neues Beweismaterial gab. Nicht etwa weil Lewis Hamilton bei der Rennleitung war.

25.07.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

Der Fall Rosberg hat zwei Dimensionen. Reicht Lupfen über 30 Meter bei doppelt geschwenkter gelber Flagge aus? Und warum bogen die Sportkommissare mit ihrer Untersuchung erst dreieinhalb Stunden nach Ende des Trainings um die Ecke? Die Fakten lagen sofort nach der Zielflagge auf dem Tisch.

Nico Rosberg war an der Stelle, an der wegen eines Drehers von Fernando Alonso doppelt geschwenkte gelbe Flaggen gezeigt wurden, über eine Strecke von 30 Metern vom Gas gegangen, hatte die Geschwindigkeit um 20 km/h reduziert und gegenüber einer schnellen Runde 0,12 Sekunden eingebüßt.

Lewis Hamilton fragte hinterher provokativ: „Ist das genug? Nico hat im Scheitelpunkt nur ein Zehntel an dieser Stelle verloren. Ein Zehntel in Relation zu meiner bis dahin schnellsten Runde. Die Regel besagt, dass man bei doppelt Gelb in dem betreffenden Mini-Sektor eine halbe Sekunde verlieren muss.“

Rosberg findet Hamilton-Darstellung unfair

Die Sportkommissare entschieden nach der Anhörung von Rosberg für Rosberg. Weil die Regeln eine Bestrafung nicht hergaben. Rosberg klärte auf, was Hamilton anzweifelte: „20 km/h in einem Formel 1-Auto ist eine Menge Holz. Ich bin praktisch gerollt und hatte die Situation jederzeit unter Kontrolle. Erst als ich um die Kurve rum war und gesehen habe, dass die Strecke wieder frei ist, habe ich wieder Gas gegeben.“

Der WM-Zweite fand die Darstellung des Teamkollegen unfair. „Weil er nicht das ganze Bild gezeichnet hat. Ich war am Kurveneingang langsamer als er. Lewis bezieht sich auf eine Stelle, an der ich schon sehen konnte, dass keine Gefahr mehr bestand.“ Sebastian Vettel ergriff Hamiltons Partei, obwohl er sich wie Rosberg mit Lupfen durch die Passage gemogelt hatte und eine schnellere Rundenzeit geschafft hätte, wäre er nicht später von zwei Kollegen aufgehalten worden.

„Hier muss eine klare Regel her. Wir geben ein schlechtes Beispiel für den Nachwuchs ab, wenn wir mit Lupfen durchkommen. Beim nächsten Kartrennen sagen sich die Kids, dass sie es in einer vergleichbaren Situation genauso machen wie in der Formel 1. Doppelt Gelb heißt eigentlich, dass wir bereit sein müssen, sofort anzuhalten. Es könnten ja Streckenposten auf der Straße stehen.“

Hamilton wollte Infos zur Gesetzeslage

Waren den Sportkommissaren an jenem Samstag die gleichen Gewissenbisse gekommen? Sie baten Rosberg um 19.45 Uhr zum Rapport, obwohl sich der Vorfall um 15.55 Uhr ereignet hatte. Die späte Untersuchung bekam eine neue Dimension, als sich herumsprach, dass Lewis Hamilton gegen 17 Uhr im Büro der Rennleitung hereinschneite. Hatte der Teamkollege Rosberg angeschwärzt und wurde deshalb die Szene, die schon zu den Akten gelegt schien, neu aufgerollt?

Zeugen beteuern glaubhaft, dass Hamilton den Namen Rosberg nicht einmal genannt hatte, und dass er auch keinen Kontakt zu den Sportkommissaren aufnahm. Weil er seine Runde ohnehin abbrechen musste. Als Hamilton aus Kurve 8 kam, stand Alonso mitten auf der Straße. „Lupfen hätte in unserem Fall nicht ausgereicht“, gab Daniel Ricciardo zu, der direkt hinter Hamilton fuhr.

Hamilton wollte in der Rennleitung lediglich wissen, was viele Fahrerkollegen später auch gerne gewusst hätten: Wie weit können wir gehen? Wo liegt die Grenze bei einfach und bei doppelt Gelb? Wie interpretiert die Rennleitung den Passus: Bereitmachen zum Anhalten? Gilt die Regel nicht mehr, dass man bei einer gelben Flagge zwei und bei zwei gelben Fahnen fünf Zehntel in dem betreffenden Mini-Sektor verlieren muss?

Charlie Whiting bestätigte auf Nachfrage, dass diese Regel weiterhin gilt, aber nicht einheitlich anwendbar sei. Gerade in dem speziellen Fall. Die 16 Mini-Sektoren am Hungaroring sind alle unterschiedlich lang. Der fragliche in Kurve 8 hat eine Fahrzeit von 9 Sekunden. Der darauffolgende in Kurve 9 ist dagegen nur 3 Sekunden lang. Man kann deshalb nicht in beiden Sektoren den gleichen Zeitverlust einfordern.

Neues Film-Material von einer Streckenkamera

Ob Hamiltons Besuch in der Rennleitung dazu diente, dass die den Fall noch einmal aufrollt, war reine Spekulation. Der Weltmeister legte keine neuen Erkenntnisse auf den Tisch, so dass es weder für die Rennleitung noch für die Sportkommissare einen Anlass dazu gab, einen zweiten Blick auf den Vorfall zu werfen.

Tatsächlich war es neues Film-Material von einer Streckenkamera, das neue Fakten schaffte. Das war bei der Fülle an Beweismaterial zunächst nicht gesichtet worden. Die Kamera zeigte von hinten auf Kurve 9 und gestattete einen besseren Blick auf die Flaggenposten. Ursprünglich wurden in Kurve 8 und 9 doppelt geschwenkte Flaggen und Leuchttafeln gezeigt. Der betreffende Fahrer hätte demnach auch in beiden Mini-Sektoren lupfen müssen.

Bei Rosberg ging man zunächst davon aus, dass die zweite gelbe Flagge just in dem Moment eingezogen wurde, als der Mercedes aus Kurve 8 heraus beschleunigte. Der Film allerdings zeigt, dass lediglich von doppelt auf einfach Gelb gewechselt wurde, und zwar als sich der Trainingsschnellste auf halbem Weg zwischen den Kurven 8 und 9 befand. Damit stand die Frage im Raum, wie Rosberg das wissen konnte, als er am Scheitelpunkt von Kurve 8 wieder voll aufs Gas ging.

Die Sportkommissare mussten sich mit der Causa Rosberg noch einmal befassen. Sie ließen Gnade vor Recht ergehen, weil der Zeitvergleich auf einer abtrocknenden Strecke nie ganz fair sein kann. Rosberg war zu dem fraglichen Zeitpunkt langsamer als er hätte sein können, wenn er voll draufgehalten hätte. Als er in den Mini-Sektor von Kurve 9 eingefahren war, blinkte dort nur noch einfach Gelb.

Vettel fordert Messung in großen Sektoren

Während sich Rosberg in seiner Verteidigung auf die Regeln versteifte und Hamilton forderte, in Zukunft klare Richtlinien vorzugeben, die für alle Bedingungen, alle Strecken und alle Fahrer gelten, machten Ricciardo und Vettel Vorschläge, wie man besser mit gelben Flaggen umgehen sollte.

Ricciardos Idee, immer dann alle Rundenzeiten zu annullieren wenn irgendwo doppelt Geld gezeigt wird, fand bei Whiting keinen Zuspruch: „Das wäre unfair gegenüber den Fahrern, die zum Zeitpunkt von Alonsos Dreher vor Fernando lagen, also nie in den Risiko-Bereich gekommen sind.“

Da ist Vettels Idee praktikabler. Der Ferrari-Fahrer schiebt das Problem auf die immer perfektere Technik. Früher gab es nur 3 Sektoren. Wer sich bei Gelb in einem Sektor verbesserte, hatte ein Problem. Jetzt werden die 3 großen Sektoren in viele kleine zerhackt, und man schaut sich nur noch den Mini-Sektor an, in dem sich der Vorfall ereignet hat. Was dazu führen kann, dass man im großen Sektor trotzdem Zeit gutmachen kann.

Vettel schlägt vor: „Wir sollten zu dem alten System zurückkehren. Du darfst in dem großen Sektor nicht schneller sein. Dann hören die Diskussionen auf, wie viel Lupfen erlaubt ist und wie viel nicht.“

Neuester Kommentar

Rosberg: "Lewis bezieht sich auf eine Stelle, an der ich schon sehen konnte, dass keine Gefahr mehr bestand.“

Genau das finde ich höchst problematisch. Ein Fahrer darf eine Gefahrensituation nicht nach eigenem Ermessen beurteilen, sondern muss auf die geschwenkten Flaggen reagieren.

PeterSchlosser 25. Juli 2016, 23:30 Uhr
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