Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Die Formel 1 und die Piratenserie

Chancen und Risiken

FOTA-Treffen Monaco Foto: dpa 51 Bilder

Die Stunde null rückt näher. Am Freitag (12.6.) gibt die FIA die Formel 1-Teams für die Saison 2010 bekannt. Dann entscheidet sich auch, ob die Königsklasse in zwei Serien zerfällt. Wir leuchten die Chancen und Risiken dieses Szenarios aus.

09.06.2009

Am Mittwoch (10.6.) tagen die in der FOTA organisierten Teams ein letztes Mal, bevor die FIA zwei Tage später die Nennliste für die Formel 1-WM 2010 bekannt gibt. Ein von Flavio Briatore angeregtes Treffen mit Max Mosley hatte der FIA-Präsident abgelehnt. Stattdessen schickte er ein letztes Friedensangebot an die FOTA-Teams: Schreibt euch bis Dienstag Abend (9.6.), 18:00 Uhr bedingungslos ein, dann können wir gemeinsam ein neues Reglement ausarbeiten.

Die Teams haben bereits angedeutet, dass sie antworten wollen, sind sich aber nicht sicher, ob sie fristgerecht zu einer einvernehmlichen Antwort kommen. Ferrari-Rennleiter Stefano Domenicali beschwört den gesunden Menschenverstand: "Wir brauchen eine schnelle Lösung, weil jeder Tag mehr, an dem wir diskutieren, dem Sport schadet. Vielleicht haben wir alle ein wenig den Überblick verloren und sehen nur unsere eigene kleine Welt. Das ist der Moment aufzuwachen."

Lotus, Brabham und March zurück in die Formel 1?

Das hört sich wie ein Hilferuf an. Aber auch Mosleys letzter Annäherungsversuch zeigt, dass dem FIA-Chef nicht ganz wohl in seiner Haut ist. Viele der über zehn Neubewerbungen sind Alibi-Nennungen. Einigen von ihnen berühmte Namen wie Lotus, Brabham und March zu geben klingt auch nicht gerade überzeugend. Es ist fast das Eingeständnis dafür, dass es nur mit Namenlosen auch nicht geht. Keiner der Beteiligten will eine Spaltung. Doch das Gespenst von zwei Serien ist solange nicht vom Tisch, wie die Fronten zwischen FIA und FOTA verhärtet bleiben. Wir leuchten die Chancen und die Risiken einer Piratenserie unter dem Banner der FOTA auf.

Die Pluspunkte der FIA

Der Verband hat den fast unbezahlbaren Namen "Formel 1-Weltmeisterschaft". Er greift auf ein funktionierendes System zurück. Technische Abnahme, Rennleitung, medizinische Versorgung, Kontrolle der Rennstrecken, Streckenposten, Berufungsgerichte in Streitfällen. Er hat mit CVC und Bernie Ecclestone Partner, deren Apparat routinemäßig Fragen wie Bandenwerbung, Paddock Club, Transportabwicklung zu den Überseerennen, TV und die Fahrerlagerorganisation abwickelt.  

Die Risiken der FIA

Sollten sich die FOTA-Teams und ihre Fahrer abspalten, fehlen zu allererst die Superstars im Cockpit. Die Nachwuchspiloten, die man rekrutieren müsste, locken keine Zuschauer auf die Tribünen. Oder die FIA wäre gezwungen, Ladenhüter wie Jacques Villeneuve, Juan Pablo Montoya oder Ralf Schumacher zu reaktivieren. Die Fans kommen in Silverstone wegen Jenson Button oder Lewis Hamilton und nicht wegen BrawnGP oder dem Motorenlieferanten Mercedes.

Der einzige Rennstall mit Strahlkraft ist Ferrari. Die FIA hätte aber mit Williams auch nur ein Team mit einem traditionsreichen Namen. Die gekauften Etikette von Lotus, Brabham und March kann man nicht ernst nehmen. Deren neuen Besitzer haben nichts aber auch gar nichts mit der Historie dieser Teams zu tun. Sämtliche Neubewerber wären in ihren ersten Jahr selbst bei einem Budgetlimit von 45 Millionen Euro nur Kanonenfutter für Williams und Force India. Es könnte eine ziemlich langweilige Weltmeisterschaft werden. Der Wertverlust wäre enorm. Veranstalter und TV-Anstalten würden bei Bernie Ecclestone einen dramatischen Preisabschlag verlangen, kündigen oder Dienst nach Vorschrift betreiben.

Ein Preisnachlass ist nicht möglich, weil CVC selbst jedes Jahr einen dreistelligen Betrag an Zinslast für die Finanzierung des Kaufs der Formel 1 bei der Royal Bank of Scotland abstottern muss. Die Rechnung geht nur auf, wenn genügend Geld reinkommt. Viele der neuen Teams sind selbst nicht in der Lage ein Auto zu bauen. Prodrive-Chef David Richards hatte diesbezüglich vor einem Monat bei BrawnGP angefragt, ob man mit dem Bau von Chassis aushelfen könne. 

Die Risiken der FOTA

Sie läuft Gefahr, über ihren eigenen Apparat zu stolpern. Die meisten Teamchefs sind keine Racer. Viele wurden in Konzernen groß, denken in großen Strukturen und wären deshalb ungeeignet, eine neue Serie zu leiten. Man bräuchte Typen wie Max Mosley und Bernie Ecclestone, die unabhängig von den beteiligten Teams Entscheidungen treffen. Doch solche Leute sind rar und nicht aus dem Hut zu zaubern. Ferrari hat einen Vertrag mit der FIA, der bereits von einem französischen Gericht als verbindlich eingestuft wurde. Und der auch nicht dadurch verwirkt ist, weil die FIA eigenmächtig ein Reglement für 2010 verkündet hat. Ferrari ließ sein Veto-Recht zwei Mal ungenutzt verstreichen. Der Rennstall könnte die FIA jedoch klassisch ausbremsen und in beiden Serien melden. Bei der FIA würden dann Luca Badoer und Marc Gené mit zweitverwerteten Autos und einem Budget von 45 Millionen Euro antreten. Sie wären bei der zu erwartenden Konkurrenz wahrscheinlich gar nicht mal so langsam. Doch was macht eine FOTA-Serie, wenn es wie im Diffusor-Fall zu technischen Streitereien kommt? Wer entscheidet, was legal ist und was nicht?

"Wir müssten", lächelt Ross Brawn, "diese Entscheidung wahrscheinlich der FIA überlassen." Grotesk , aber wahr. Die FIA ist gezwungen, auch Konkurrenzserien unter ihr Patronat zu stellen, wenn das gewünscht wird. Reine Privatteams hätten langfristig im Teich der Hersteller keine Chance. Allen Sparplänen zum Trotz, die sich die FOTA verordnet hat: Es gibt noch immer genügend undichte Stellen, an denen sich ein Team mit viel Geld in der Hinterhand Vorteile verschaffen kann. Die Werksteams werden wie in der DTM einen Teufel tun, den Privatiers so zu helfen, dass sie später von ihnen blamiert werden.

Die Medien würden von den großen Presseapparaten der Hersteller wahrscheinlich noch mehr kontrolliert. Die Statements der Beteiligten sind bereits jetzt an Belanglosigkeit nicht mehr zu überbieten. Die FOTA müsste zunächst auch einen Grundstock an Geld bereitstellen, der an die Teams ausbezahlt wird, damit die im ersten Jahr in der Lage sind, je drei Autos an den Start zu bringen. Einnahmen aus TV-Rechten, Bandenwerbung, Paddock Club und Startgelder würden zwar zu 100 Prozent an die Teams ausbezahlt, aber sie müssten erst einmal fließen. Bei einer neuen Serie wird sich kein Mensch auf Vorkasse einlassen. Einige Hersteller würden angesichts neuer Investitionen unter Umständen kalte Füße bekommen. Argument: Wir sind kein Sportveranstalter. Auf der Bühne zu fahren ist in Ordnung, aber sie auch noch aufbauen?  

Die Chancen der FOTA

Eine Neugründung könnte alles richtig machen, was die Formel 1 im Verlauf der letzten Jahre falsch gemacht hat. Man hätte die rennomierteren Namen bei den Fahrern und den Teams. Man hätte den Marketingapparat der Hersteller. Man könnte mit den Rennstrecken Verträge schließen, die von Ecclestone verprellt wurden, und die Fan-freundlicher sind als die Retortenstrecken der modernen Formel 1.

Beispiele: Silverstone, Imola, Kyalami, Montreal, A1-Ring, Hockenheim. Man könnte mit den TV-Anstalten Verträge schließen, die bei der Formel 1 zu kurz gekommen sind. Man könnte den Veranstaltern nicht mehr 20 bis 30 Millionen Dollar abknöpfen, sondern nur noch zwischen fünf und zehn. Damit würden sich auch die Eintrittspreise dritteln und die Tribünen wären wieder voll. Man hätte die Fans auf seiner Seite. Man könnte auch mit den lächerlichen Schiedsrichterentscheidungen aufräumen, die in den letzten Jahren so manches Formel 1-Resultat in einem fragwürdigen Licht erscheinen ließen.  

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden