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Ecclestone-Prozess wird eingestellt

74.500.100 Euro für die Freiheit

Bernie Ecclestone - GP Monaco 2014 Foto: xpb 41 Bilder

Bernie Ecclestone hat seine schwerste Schlacht geschlagen. Der Formel 1-Chef kam mit einem blauen Auge davon. Das Münchener Landgericht stellte das Verfahren wegen angeblicher Bestechung gegen eine Zahlung von 100 Millionen Dollar ein. Auch, weil die Beweislage so dünn war, dass Ecclestone die Vorwürfe kaum zu beweisen waren.

05.08.2014 Michael Schmidt

Es war ein Pyrrhus-Sieg. Bernie Ecclestone ist ein freier Mann. Unschuldig, nicht vorbestraft, nicht mehr im Verdacht, den BLB-Banker Gerhard Gribkowsky mit 44 Millionen Dollar bestochen zu haben, um den Verkauf der Formel 1-Aktien an seinen Wunschpartner CVC Capitals zu beschleunigen und sich seine Position als Chefbroker der Königsklasse zu sichern.

Das Münchener Landgericht akzeptierte gegen eine Zahlung der Rekordsumme von 100 Millionen Dollar die von der Verteidigung beantragte und von der Staatsanwaltschaft abgenickte Einstellung des Verfahrens, das seit April im Wochenrhythmus läuft. Nach heutigem Wechselkurs beträgt die Summe 74.500.100 Millionen Euro. Die Zahlung muss innerhalb einer Woche erfolgen.

Beweise gegen Ecclestone zu schwach

In der Öffentlichkeit kommt der Schritt schlecht an. Es sieht so aus, als hätte sich Ecclestone freigekauft, und die Zahlung scheint den Verdacht zu bestätigen, die Justiz lasse die Großen laufen und hänge nur die Kleinen. Ecclestones Gegner werten die Zahlung der astronomischen Summe als halbes Schuldeingeständnis. Es ist weder das eine, noch das andere. Der Betrag bemisst sich an Ecclestones Vermögen, das auf 3,8 Milliarden Dollar taxiert wird. Tatsächlich sind Verfahrenseinstellung dieser Art Usus in der deutschen Justiz.

Tatsächlich stimmte Richter Peter Noll dem Deal nur deshalb zu, weil der bisherige Verlauf der Verhandlung keine Beweise hervorbrachte, die die Anklage stützen würden. Im Gegenteil. Kronzeuge Gribkowsky zeigte Erinnerungslücken und verstrickte sich in Widersprüche. Andere Zeugen erhärteten eher Ecclestones Geschichte, er habe sich von Gribkowsky mit vermeintlichem Insiderwissen über seine Rolle in der Bambino Holding erpresst gefühlt.

Warum trennt sich Bernie von so viel Geld?

Für das Münchener Landgericht wäre ein Freispruch mangels Beweisen eine böse Schlappe gewesen. Der gleiche Richter hatte 2012 Gerhard Gribkowsky wegen Bestechlichkeit und Untreue zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Urteilsspruch stützte sich damals auf ein Geständnis des Angeklagten. Das Gericht hätte nun, zwei Jahre später, erklären müssen, warum es vielleicht doch nicht so war, wie es Gribkowsky damals glauben ließ. Da wäre möglicherweise wieder die Frage im Raum gestanden, warum Gribkowsky seinerzeit die Bestechung einräumte. Im Lager von Ecclestone glaubte man, um sich mit dem Geständnis eine mildere Strafe zu erkaufen.

Doch warum trennt sich Ecclestone von so viel Geld, wenn er damit rechnen durfte, freigesprochen zu werden. Das hat womöglich mit seinem Alter zu tun. Der kleine Engländer wird im Oktober 84 Jahre alt. Der Prozess in München hat ihn sichtbar mitgenommen. Es war eine neue Erfahrung für Mister E. Zum ersten Mal hielt nicht er die Zügel in der Hand. Und der Prozess fand in einer Sprache statt, die er nicht verstand. Es strengt an, den ganzen Tag einer Simultanübersetzerin zu lauschen und sich dabei auf die Sache zu konzentrieren.

Bernie ist wieder vorzeigbar. Doch reicht das CVC?

Ist der Fall damit abgeschlossen? Für Ecclestone noch nicht. Die Bayerische Landesbank pocht auf Entschädigung. Ob ihr die angebotenen 25 Millionen Euro reichen, ist zu bezweifeln. Juristisch ist man dem ehemaligen Verhandlungspartner noch nicht beigekommen. Ein Gericht in New York erklärte sich für eine Klage der US-Investmentfirma Bluewater, sie sei bei dem Verkauf der Formel 1-Aktien trotz eines besseren Angebots nicht berücksichtigt worden, als nicht zuständig. Ein Londoner Gericht wies die Klage der Constantin Medien zurück, die Ecclestone unterstellten, die Formel 1-Anteile zu billig verkauft zu haben.

Offiziell hat Ecclestone damit eine reine Weste. Er ist deshalb nach allen Compliance-Regeln wieder vorzeigbar und könnte in seine alten Ämter zurückbefördert werden. Kann der Pate der Formel 1 nun sein Geschäft so weiterführen, wie er das seit 40 Jahren tut? Das ist zu bezweifeln. Die Heckenschützen bei CVC, die sich stark gemacht haben, als Ecclestone angeschlagen war, sind immer noch da. Es gibt seit geraumer Zeit Gerüchte, dass gewisse Kreise bei den Rechteinhabern ohne ihre Geldvermehrungsmaschine weitermachen würden, egal wie der Prozess in München weitergeht.

Ecclestone macht sich unverzichtbar

Ecclestone hat nicht umsonst in letzter Zeit neue Geschäfte abgeschlossen oder angebahnt und diese entgegen seiner Gewohnheiten offensiv vermarktet. Zum Beispiel die Abkommen mit Mexiko und Aserbaidschan als künftige GP-Schauplätze. Beide werden jenseits von 30 Millionen Dollar als Antrittsgeld bezahlen. Auch mit dem Nürburgring gibt es eine Absichtserklärung für mehr Geld. Allerdings mit ungewissem Ausgang. Monza stellte Ecclestone die Rute ins Fenster. Entweder ihr zahlt mehr, oder ihr fliegt nach 2016 aus dem Kalender. Unzuverlässige Zahler wie Indien und Korea hat Bernie längst ausgeklinkt. Das alles soll CVC zeigen, was er wert ist.

Die größte Gefahr droht Ecclestone bei einem Verkauf. CVC dementiert zwar solche Absichten, doch hinter den Kulissen bringen sich vier Interessenten in Stellung. Die besten Aussichten hat der amerikanische Medien-Mogul John Malone. Der wiederum soll kein Interesse haben, mit Ecclestone weiterzuarbeiten. Es ist noch nicht einmal sicher, ob Bernie Ecclestone überhaupt weitermachen will. Vertraute wollen im Lauf des letzten Jahres entdeckt haben, dass der Architekt der modernen Formel 1 sich auch ein Leben ohne sein liebstes Spielzeug vorstellen könne.

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