Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Eddie Jordan über Schumacher-Debüt

"Karriere begann mit einer Lüge"

Michael Schumacher - F1-Debüt - GP Belgien 1991 Foto: sutton-images.com 38 Bilder

Im zweiten Teil unserer Serie zum Jubiläum des Schumacher-Debüts verrät der damalige Teambesitzer Eddie Jordan, warum er Schumi im August 1991 eine Chance gab, wer für den Formel 1-Einsatz bezahlte und welche Schwierigkeiten es rund um die Premiere gab.

23.08.2016 Michael Schmidt 1 Kommentar

Um Schumachers Debüt zu erklären, muss ich weit ausholen. Vor der Saison 1991 hatte ich Verträge mit Andrea de Cesaris und Bertrand Gachot als Stammfahrer abgeschlossen. Zu der Zeit sollten Gachot und ich für Pepsi Cola eine Präsentation machen. Wir brauchten Sponsorgeld. Ich war da, er nicht. Natürlich war ich sauer, weil ich alles alleine präsentieren musste. Trotzdem haben wir den Seven Up-Deal bekommen. Immerhin ein Erfolg.

Als ich in die Fabrik zurückkam, sagte man mir, dass es mit Bertrand ein Problem gibt. Er war kurzfristig festgenommen worden und sah sich mit einer Anzeige konfrontiert. Deshalb war er nicht gekommen. Er erklärte mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Alles würde sich aufklären. Vielleicht war es ein Fehler von mir, nicht mehr über die Sache herauszufinden. Vier Monate später hörte ich plötzlich, dass Gachot einen Gerichtstermin haben würde. Er hatte die Sache unterschätzt. So konnte ich ihm auch nicht helfen.

Gachot muss ins Gefängnis

Das Dumme war nur, dass er sich mit einem Taxifahrer angelegt hatte. Die Angelegenheit war schlimm genug, aber Taxifahrer stehen unter besonderem Schutz. Der Richter wollte ein Exempel statuieren. Da war ein junger Bursche, noch dazu Rennfahrer, der bei einem Streit mit einem Taxifahrer ein Reizgas verwendete. An dem Tag stand das Telefon nicht still. Ich fiel aus allen Wolken, als ich hörte, dass Bertrand zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Nicht mal auf Bewährung. Natürlich ist er sofort in Berufung gegangen, und weil sein Vater eine große Nummer im Europäischen Parlament war, wurde die Strafe auf sechs Monate heruntergesetzt. Ich war völlig konsterniert, wollte nicht glauben, dass der Fall so ausgeht.

Zehn Tage vor Spa musste ich einen Fahrer finden. Der erste, den ich anrief war Stefan Johansson. Mein alter Freund, ein ehemaliger Teamkollege, leider ohne Geld. Dann erinnerte ich mich, dass Mercedes-Mann Gerd Krämer mir schon beim zweiten Saisonrennen in Brasilien von Michael Schumacher erzählt hatte. Ich kannte auch Willi Weber, weil der mein Formel 3000-Team kaufen wollte. Das hatte ich immer noch, als Absicherung, wenn mein Formel 1-Abenteuer den Bach runtergehen sollte.

Jordan: „Hatte Zweifel an Schumacher“

Meine Scouts hatten Schumacher in der Formel 3 beobachtet und waren ziemlich beeindruckt. Trotzdem hatte ich Zweifel, weil Michael im Sauber-Sportwagen nicht schneller als Frentzen war. Die Deutschen brachte ich irgendwie nicht mit der Formel 1 in Verbindung. Für mich waren das typische Sportwagenfahrer. Also rief ich erst Krämer an, nur um ein paar Minuten später mit Willi zu sprechen.

Ich brauchte Geld. Weber hatte die Idee, dass ich mal mit Sauber sprechen sollte. Über die könnte ich vielleicht von Mercedes Geld bekommen. Tatsächlich hat dann Mercedes das Geld über die Adresse Sauber an mich bezahlt. Deshalb finde ich es gut, dass Michael heute in einem Mercedes sitzt. Sie haben ihn in die Formel 1 gebracht, also verdienen sie es auch, dass er dorthin wieder zurückkehrt.

Ich rief Michael am Sonntag vor dem Rennen an und sagte ihm, dass er sich um eine Superlizenz kümmern müsse, wenn er fahren wolle. Ich fragte ihn und Weber getrennt, ob Michael schon mal in Spa gewesen sei. Beide sagten ja. Wörtlich genommen entsprach es vielleicht der Wahrheit, tatsächlich war es eine blanke Lüge. Michael war vielleicht mal in Spa, ist dort aber nie eine Runde gefahren. Das hatte ich natürlich mit meiner Frage gemeint. Hätte er mir das gebeichtet, hätte ich ihn nicht fahren lassen. Nicht auf dieser Strecke.

Schumacher überzeugt beim Test in Silverstone

So begann seine Karriere mit einer Lüge. Die einzige Beruhigungspille für mich war, dass wir in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr durch die Vorqualifikation mussten. Vor dem Test sprach ich mit unserem Sportdirektor Trevor Foster. Er glaubte immer an junge Fahrer. Was wird uns dieser Bursche bringen? Wird er besser sein als Stefan Johansson? Ich sagte ihm, dass er ganz genau hinschauen solle, wenn Michael in Silverstone testet.

Ich saß an diesem Tag im Büro, auch wenn unser Teammanager Ian Phillips rumerzählt, ich sei auf Urlaub in Spanien gewesen. Da alles so schnell ging, hatten wir keinen Overall für Michael. Er musste mit einem alten Anzug von John Watson fahren. Es war einer dieser 'schnellen Tage' in Silverstone. Die Sonne kam heraus, aber die Temperatur war noch niedrig. Das gab dem Motor mehr Power, und die Reifen hatten mehr Grip. Das konnte für eine halbe Sekunde gut sein.

Ich erinnere mich noch an den Anruf von der Strecke als wäre es heute. Sie sagten mir: Der Kerl ist eine Rakete. Ich sagte: 'Checkt das ab mit Silverstone-Sid. Vielleicht habt ihr euch in der Streckenführung geirrt.' Alles in Ordnung, kam als Antwort zurück. Es gab da einen engen Streckenteil, genannt der Loop. John Watson war dort unschlagbar. Schumacher hat in der Passage sofort eine neue Zwischenbestzeit aufgestellt.

Trevor und die Mechaniker kamen am Abend ins Büro zurück, und ich sah es ihren Gesichtern an, dass da was passiert sein musste. „Der ist wahnsinnig“, sagte Nick, mein Mechaniker, der schon in Formel 3-Zeiten für mich gearbeitet hatte. Dann kam der Dienstag. Noch immer war keine Lizenz da. Wir brauchten einen Overall. Ging aber nicht, dazu war die Zeit zu kurz. Deshalb steckten wir Michael in einen alten Anzug von de Cesaris. Und der Name musste ans Auto. Wir haben ihn zuerst ein paar Mal falsch geschrieben. 'Schumacher' ist für einen Engländer ein furchtbar kompliziertes Wort.

Schumacher sorgt für volles Haus in Spa

In Spa kam mehr Ärger dazu. Unsere Trucks wurden beschlagnahmt. Bernie startete unter allen Teams eine Kollekte, legte selbst noch was drauf, um die Transporter wieder auszulösen. Der Gerichtsvollzieher gab am Samstag um 18 Uhr die Trucks frei. Dann kam die Qualifikation. Michael fuhr in die vierte Startreihe. Das erste Mal in Spa. Es war unglaublich. Das hat am Renntag 15.000 Zuschauer mehr nach Spa gebracht. Kerpen liegt ja gleich um die Ecke.

Ich kümmerte mich mehr um de Cesaris. Der arme Kerl hat unter dem Hype um Michael gelitten wie ein Hund. Aber er war unser Fahrer der ersten Stunde, er hat die ersten Punkte für uns geholt, und ich wollte ihn nicht hängen lassen. Trevor passte auf Michael auf. Der hatte uns längst überzeugt. Es spielte keine Rolle, dass er am Sonntag nach einem Kilometer ausfiel. Jeder hatte genug gesehen. Trotzdem wurde es ein Tag der Enttäuschung für uns. Michael hätte sein erstes Rennen ohne den Kupplungsschaden gewonnen. De Cesaris hätte es gewinnen müssen.

Wir hatten von Ford neue Motoren bekommen. Dem Ford-Werksteam Benetton hätte das nicht gefallen, weil wir ihnen zu stark wurden. Die Sache musste unter der Decke bleiben. Deshalb hat uns Ford nichts von der neuen Spezifikation erzählt. Die Kolben hatten einen Ölabstreifring weniger. Deshalb brauchte der Motor mehr Öl. Wir hätten das mit mehr Öl ausgleichen müssen, wussten aber nichts davon. Drei Runden vor Schluss ging der Motor hoch. Das Öl war aufgebraucht.

Schumacher-Ausfall unvermeidlich

Michael wäre wahrscheinlich das gleiche passiert, hätte beim Start nicht die Kupplung gestreikt. Heute fragen mich die Leute, warum wir Michael nicht gehalten haben? Weil wir keine Chance hatten. Erstens: Es war klar, dass Bernie einen deutschen Fahrer in einem Top-Team haben wollte. Michael war eine andere Nummer als Stuck, Mass oder Winkelhock. Das war Bernies Lottogewinn. Zweitens: Bernie wusste, dass wir finanziell auf der Kippe standen. Alles Geld, was reinkam, wurde sofort ausgegeben. Drittens: Dass wir 1992 Yamaha-Motoren nehmen mussten, weil es die gratis gab. Viertens: Es gab nur ein Team, das Michael aufnehmen konnte. Das war Benetton.

Da stieß Bernie aber zunächst auf taube Ohren. Briatore wollte Piquet, Walkinshaw, Brundle. Also kein Platz für Michael. Bernie setzte sich am Ende durch. Flavio musste fast zu seinem Glück gezwungen werden. Kampflos wollte ich mich aber nicht geschlagen geben. Ich habe in Monza eine einstweilige Verfügung gegen den Wechsel zu Benetton erlassen. In England war das nicht möglich, weil jeder ein Recht auf Arbeit hat. Deshalb habe ich es in Italien im Namen von Moreno versucht, der wegen Michael seinen Platz bei Benetton verlor. Moreno hatte einen Vertrag. Also musste eine Abfindung her. Für Moreno und mich. Bernie hat das alles geregelt. Michael sollte ihm dankbar sein. Und natürlich Gachot. Mein Anteil ist eher klein. Klar, war es ein Risiko das Cockpit einem Neuling zu geben. Aber ich brauchte einfach das Geld.

In unserer Fotogalerie zeigen wir noch einmal die besten Bilder von Schumachers Formel 1-Debüt in Spa. Hier haben wir die Links zu den anderen Teilen unserer Jubiläums-Serie:

Teil 1: Michael Schumacher: Die Geheimnisse meiner F1-Premiere

Teil 2: Eddie Jordan: Schumachers Karriere begann mit einer Lüge

Teil 3: Ian Phillips: „Schumacher ein Verrückter oder ein Superstar“

Teil 4: Gary Anderson: „Michael fuhr Eau Rouge locker voll“

Teil 5: Willi Webber: Jordan – „Who the fuck is Schumacher?“

Neuester Kommentar

MSC:
"Die Geschichte mit der angeblichen Lüge, dass ich dem Team gesagt habe, ich sei vorher schon mal in Spa gewesen, muss ich aufklären. Eddie hatte Willi gleich beim ersten Kontakt gefragt, ob ich dort mal gefahren sei. Und Willi hat ja gesagt, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass ich dort nie war. Er war einfach davon ausgegangen, weil Spa ja im Kalender der Sportwagen-WM war. Ich habe an dem Termin aber an einem Formel 3-Rennen teilgenommen."

Jordan:
"Ich fragte ihn und Weber getrennt, ob Michael schon mal in Spa gewesen sei. Beide sagten ja. ....Das hatte ich natürlich mit meiner Frage gemeint. Hätte er mir das gebeichtet, hätte ich ihn nicht fahren lassen."

Nach Version von EJ hat er auch MSC direkt gefragt, der angeblich auch "Ja" gesagt haben soll. MSC selbst spricht von der "angeblichen Lüge" aber nur von (Rolex-)Willy, seinen Part lässt er geschickt aussen vor :-)

Soll keine Kritik an ihm sein, im Nachhinein betrachtet hat er alles richtig gemacht, auch wenn er EJ ein beherztes "Ja, selbstverständlich, natürlich, na klar bin ich schon mal in Spa gefahren" als Antwort gegeben hätte *g*

Mach5 23. August 2016, 16:01 Uhr
Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden