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Ein unnötiger Boxenstopp

So hat Mercedes Hamiltons Sieg verschenkt

Toto Wolff  - Formel 1 - GP Monaco - Sonntag - 24. Mai 2015 Foto: Wilhelm 21 Bilder

Bis zur 64. Runde hatte Lewis Hamilton alles im Griff. Dann kam das Safety Car und die Ereignisse überschlugen sich. Mercedes schenkte Nico Rosberg aus einer Mischung von Rechenfehlern, Panikreaktionen und einer übervorsichtigen Taktik den Sieg.

24.05.2015 Michael Schmidt

Bis um 15.28 Uhr Ortszeit war der GP Monaco eine Schlaftablette. Dann wurde das berühmteste Straßenrennen der Welt seinem Ruf als PS-Roulette wieder einmal gerecht. 62 Runden lang hatte Lewis Hamilton mit seinen Verfolgern Katz und Maus gespielt. Der Unfall von Max Verstappen, das Safety Car und ein Rechenfehler im Mercedes-Regiezentrum brachten ihn um den verdienten Sieg.

Premiere für Virtuelles Safety Car

Verstappens Crash löste die Premiere des virtuellen Safety Cars aus. Es wurde nach dem Unfall von Jules Bianchi erfunden, um die Streckenposten bei der Arbeit zu schützen. Was versteckt sich unter dem Kürzel VSC? Eine Neutralisation ohne Safety Car. Alle müssen das gleiche Tempo fahren. Die so genannte Safety Car-Deltazeit. Sie beträgt rund 130 Prozent der durchschnittlichen Renngeschwindigkeit. Damit wird das Rennen so lange eingefroren, bis die Streckenposten den Unfallort geräumt haben.

Doch dann passierte etwas, das Lewis Hamilton wahrscheinlich noch 100 Mal verfluchen wird. Die Unfall-Warnlampe im Toro Rosso ging an. Das tut sie automatisch bei einer Verzögerung jenseits von 15 g. In der Rennleitung löst dieses Warnsignal unmittelbar den Auftrag an das Arztauto aus, auf die Strecke zu gehen. Und damit ist ein echtes Safety Car-Pflicht. "Dieses Prozedere ist so im Reglement vorgeschrieben", erklärte FIA-Rennleiter Charlie Whiting. Zwischen dem VSC-Signal und dem Einsatz des echten Safety Cars verging weniger als eine Minute.

Zunächst einmal schien das virtuelle Safety Car Hamiltons Position zu festigen. Die Abstände werden ja eingefroren. Also kein Grund zur Panik. Tatsächlich gewann der Spitzenreiter zwischen der 63. und 64. Runde 6,6 Sekunden auf Nico Rosberg und Sebastian Vettel. In Runde 64 stieg Hamiltons Vorsprung von 19,1 auf 25,7 Sekunden an. Was damit zusammenhängt, dass er das VSC-Signal erst im Bereich der Portier-Kurve sah, während seine Gegner fast noch die gesamte Runde mit gedrosseltem Tempo zurücklegen mussten.

Der stark angewachsene Vorsprung führte die Mercedes-Strategen in die Irre. Sie glaubten die Lücke zu sehen, den Spitzenreiter für einen zweiten Reifenwechsel an die Boxen zu holen, ohne dabei die Führung abzugeben. Hamiltons Funkspruch, dass seine Reifen bereits stark gelitten hatten und hinter dem Safety Car dramatisch Temperatur verlieren würden, mag an der Boxenmauer zusätzlich den Druck erhöht haben, irgendetwas zu tun. Dabei wäre alles andere besser gewesen.

Vettels Vorsprung auf Kvyat zu knapp

Hamilton wunderte sich nicht einmal, als ihn 50 Meter vor der Boxeneinfahrt der Funkspruch erreichte, sofort an die Box zu kommen. Er glaubte, der Boxenstopp wäre der Angst geschuldet gewesen, dass Rosberg und Vettel genau das tun und dann im Finale mit frischen weichen Reifen ihn noch auf den alten harten Reifen noch herausfordern könnten.

Wenn der Kommandostand von Mercedes je so gedacht haben sollte, dann hat er sich zwei Denkfehler geleistet. Ferrari hätte Vettel nie für einen zweiten Stopp an die Box gerufen. Dafür war der Vorsprung von 17,3 Sekunden auf Daniil Kvyat zu knapp. Das hätten auch die Mercedes-Strategen auf ihren Strategieprogrammen ablesen müssen. Außerdem gilt: Das wichtigste in Monte Carlo ist die Position im Rennen. Die gibt man 14 Runden vor Schluss nicht auf. Selbst mit einem Reifenvorteil ist es in Monte Carlo unmöglich, den Vordermann zu überholen. Hamilton hätte das Rennen auch mit seinen Uraltreifen locker nach Hause gefahren. So wie 1992 Ayrton Senna sich vor dem heranstürmenden Nigel Mansell gerettet hat, obwohl der vier Sekunden pro Runde schneller fahren konnte.

Hamiltons Pech war, dass das Safety Car bereits auf ihn wartete. Es fing ihn in der Tabakkurve ein. Bernd Mayländer fuhr langsamer als die Safety Car-Deltazeit. Und so schrumpfte der Vorsprung wieder. Um exakt vier Sekunden. Laut Strategie-Algorithmus hätte Hamilton noch ein Polster von 3,5 Sekunden haben müssen, um die Führung zu behalten. "Selbst bei einem durchschnittlichen Boxenstopp", warf Teamchef Toto Wolff ein.

Zum Glück hat der Ferrari eine lange Nase

Hamilton traute seinen Augen kaum, als er an der Boxenausfahrt Rosberg vor seiner Nase sah und Vettels Ferrari links von ihm. Da Vettel die Rennlinie fuhr, war er den entscheidenden Meter vorne. "Da hat es sich ausgezahlt, dass unser Auto eine so lange Nase hat", juxte Vettel. Doch wie konnte der Computer, der sich auf GPS-Daten stützt, so daneben liegen? Er musste doch erkennen, dass Hamilton von Mayländers Mercedes AMG GT aufgehalten wurde? "Wir haben hier in der Stadt kein richtiges GPS", führte Wolff aus.

Das ist nicht ganz korrekt. Tatsächlich bekommt das GPS in den Häuserschluchten sein Signal nicht vom Satelliten. "Die Teams behelfen sich mit einem Ersatzsystem", klärte Charlie Whiting auf. "Sie orientieren sich an unseren 20 Induktionsschleifen rund um den Kurs. Die Positionen dazwischen werden anhand der letzten Geschwindigkeiten hochgerechnet."

Software hat sich geirrt

Es kann nun passieren, dass die Software ein bisschen zu spät das Signal bekam, um wie viel sich Hamiltons Tempo hinter dem SafetyCar im Vergleich zu Rosberg und Vettel verringerte. Wolff drückte es so aus: "Die Delta-Zeit war für eine Weile eingefroren." Es war der rennentscheidende Lapsus. Wolff gab zu: "Die Logik hätte wahrscheinlich gesagt, Lewis draußen zu lassen. Aber wir richten uns nach Daten. Und die gewinnen auf Dauer immer. Auch wenn wir diesmal von ihnen im Stich gelassen wurden."

Hamilton erlebte die Siegerehrung und die Pressekonferenz mit einem versteinerten Gesicht. "Ich musste mich nicht einmal anstrengen. Wenn ich gewollt hätte, wäre ich doppelt so weit in Führung gelegen." Vorwürfe ersparte er sich: "Wir gewinnen und verlieren zusammen. Nachdem, was ich auf einem der großen Bildschirme gesehen hatte, ging ich davon aus, dass Nico und Sebastian an den Boxen und damit mit frischeren Reifen unterwegs waren als ich. Deshalb habe ich mich nicht gewundert, als der Aufruf zum Boxenstopp kam."

Die Teamleitung entschuldigte sich bei seinem Fahrer für den Fehler. Ein geringer Trost für einen, der zum zweiten Mal nach 2008 Monaco gewinnen und seinen WM-Vorsprung ausbauen wollte, stattdessen plötzlich zehn Punkte auf Rosberg verlor. "Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich fühle. Ich will es noch nicht einmal versuchen."

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