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Ex-FIA-Boss Max Mosley im Interview

Die Formel 1 braucht ein Budgetlimit

Max Mosley Foto: dpa

Vor einem Jahr übergab Max Mosley das Amt des FIA-Präsidenten an Jean Todt. Der 70-jährige Engländer ist auch im Ruhestand ein streitbarer Mann mit einer klaren Meinung. In einem Gespräch mit auto-motor-und-sport.de kritisiert Mosley die Schlupflöcher, die der Kostenreduzierungsplan der Teams offenlässt, er bezeichnet Luca di Montezemolos Idee mit dem dritten Auto als Unsinn, und er begrüßt das neue Motorenreglement für die Formel 1.

23.12.2010 Michael Schmidt

Wie schätzen Sie das erste Motorsport-Jahr nach Ihrem Rücktritt als FIA-Präsident ein?
Mosley: Die Formel 1-Saison war sehr gut. Aber wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs. Jean Todts Arbeit wird man erst richtig bewerten können, wenn ein weiteres Jahr ins Land gegangen ist.

Sie haben die Voraussetzung für neue Teams in der Formel 1 geschaffen. Haben Sie erwartet, dass sie sich so schwer tun würden?
Mosley: Ich habe erwartet, dass sie ein hartes Jahr haben würden. Wäre die Formel 1 jedoch meinem Modell des Budgetlimits gefolgt, hätten sie auch bessere Chancen gehabt. Dann wären sie in der Qualifikation vermutlich ein paar Mal in die zweite K.O.-Runde vorgestoßen. Dass es nicht so kam, lag daran, dass sie nur mit einem Teil des Budgets operiert haben wie die anderen Teams und dass ihnen die Erfahrung fehlte. Es ist absurd, sie mit den etablierten Teams vergleichen zu wollen. Wenn ich mir aber unter den gegebenen Voraussetzungen das Gesamtpaket von Lotus, Virgin und HRT anschaue, in Bezug auf Speed, Standfestigkeit und professionellem Auftreten, dann haben sie im Vergleich zu vielen Neueinsteigern in den letzten 20 Jahren eine gute Figur abgegeben. Sehen Sie sich Virgin an. Die haben ein Auto ohne einen Tag im Windkanal gebaut, und sie sind mit Lotus und HRT mitgefahren. Das war mich eines der interessantesten technischen Experimente der letzten Jahre. Weil es einen neuen Weg aufgezeichnet hat. Es geht auch ohne Windkanal.
 
Die Teams haben statt dem von Ihnen vorgeschlagenen Budgetlimit einen Kostenreduzierungsvertrag geschlossen. Wird der am Ende die gleichen Ergebnisse bringen?
Mosley: Das bezweifle ich. Der Effekt dieses Abkommens ist minimal. Nur deshalb haben sich die Teams darauf geeinigt. Bei der letzten FOTA-Sitzung der Teams vergangenen Donnerstag, fragte Red Bull um eine Amnestie für das Nichteinhalten des Kostenreduzierungsplan an. Wenn diese Berichte stimmen, dann kann das nur heißen: Red Bull hat mehr ausgegeben oder eingesetzt als erlaubt, und jetzt bitten sie die anderen Teams, das abzunicken. Es würde mich interessieren, wie die Gegner darauf reagieren.
 
Warum glauben Sie, dass der Sparplan der Teams wenig bringt?
Mosley: Ein einfaches Beispiel. Die Teams beschränken sich unter anderem auf eine bestimmte Mitarbeiterzahl. Sagen wir 100. Wenn ich mit viel Geld durchs Fahrerlager laufe, dann suche ich mir die besten 100 Leute aus. Wer knapp kalkulieren muss, bekommt was übrigbleibt. So habe ich nie eine Chance gegen die reichen Teams. Diese Ressourcenbeschränkung ist eine Mogelpackung. Das einzige, was funktioniert, ist ein Budgetlimit. Es wäre auch viel interessanter, weil es den Fokus auf Cleverness legt und nicht darauf, wieviel Geld ich ausgebe. Als Folge davon würde die Zahl der wettbewerbsfähigen Teams steigen. Das gleiche Budget gibt jedem zunächst einmal gleiche Chancen. Ein größeres Budget ist vergleichbar mit einem größeren Motor.
 
Da passt Montezemolos Forderung nach mehr Testfahrten ins Bild?
Mosley: Absolut. Es würde den Abstand zwischen kleinen und großen Teams nur vergrößern, weil sich die reichen Teams mehr Testfahrten leisten könnten. Auf der einen Seite beklagt er sich, dass die neuen Teams zu weit weg sind, auf der anderen Seite fordert er etwas, das den Abstand noch vergrößern wird.
 
Was halten Sie von seiner Idee mit dem dritten Auto?
Mosley: Das ist kompletter Unsinn. Es gäbe den großen Teams noch mehr Power. Sportlich und politisch. Außerdem ist es gegen den Geist der Formel 1. Sie braucht eine Blutauffrischung. Ohne neue Teams wird die Formel 1 sterben. Das Problem mit Luca ist: Er musste nie ein Team von Null aufbauen. Ihm wurde alles von Agnelli auf dem Silbertablett präsentiert. Er weiß gar nicht wie schwer es ist, mit einem neuen Team anzutreten. Die Formel 1 hat wirklich viele Probleme. Aber Luca macht sie eher größer als kleiner.
 
Ist die Formel 1 immer noch in einer schwierigen Phase?
Mosley: Solange Geld ein so wichtiger Faktor ist, ja. Du kannst gegen Ferrari und Red Bull nur gewinnen wenn du auch 200 oder 300 Millionen Euro ausgibst. Die Zahl der Teams, die das kann, ist gering. Wieviel kriegen die Teams von Bernie? Vielleicht 50 Millionen. Selbst wenn die gesamten Summen ausbezahlt würden, wären es nur 100 Millionen. Den Rest müssen die Teams selbst suchen. Wo soll man die Differenz auf dem Markt finden? Dieses Geschäft kann mittelfristig nicht überleben, wenn man so weiterwirtschaftet. Weil die Formel 1 dann Teams verlieren wird. Das schlimme ist, dass wir über dieses Thema seit 2008 diskutieren. Und nichts ändert sich. Alle außer Ferrari stimmten mir damals zu, dass ein Budgetlimit der richtige Weg sei. Bis Mai 2008 haben sogar die Finanzdirektoren zugegeben, dass man ein Budgetlimit kontrollieren könne. Wieder mit der Ausnahme von Ferrari. Mein Plan war, das Budgetlimit mit den anderen Teams durchzuziehen. Ferrari hätte wahrscheinlich mit dem Ausstieg gedroht. Darauf hätte ich es ankommen lassen, weil wir alle wissen, dass sie sowieso nicht aussteigen. Dann kam aber meine Affäre mit der Zeitung dazwischen. Ferrari war der einzige Rennstall, der sich mir gegenüber loyal verhielt. Also konnte ich schlecht etwas gegen ihre Interessen durchsetzen. Diese Affäre hat meinen Plan vom Budgetlimit gekippt.

Muss ein beweglicher Heckflügel als Überholhilfe sein, nach einer spannenden Saison wie dieser?
Mosley: Wir machen uns schon seit Jahren Gedanken darüber, wie man Überholmanöver einfacher machen könnte. Zunächst muss man sich ein technisches Reglement ausdenken, dass es einem hinterherfahrenden Auto erlaubt, schneller zu sein als das vorausfahrende. So war es in den 60er Jahren. Die Autos haben vom Windschatten profitiert und sie hatten in den Kurven keine Probleme am Vordermann dranzubleiben. Wenn wir mal soweit sind, muss der Speedunterschied zwischen den beiden Fahrzeugen groß genug sein, um ein Überholen zu ermöglichen. Am einfachsten ist dies, wenn die Aerodynamik verstellbar ist, und zwar nur in dem Fall, in dem ein Auto direkt hinter einem anderen liegt. Insofern ist es im Prinzip eine gute Idee.
 
Was halten Sie von dem Motorenreglement für 2013?
Mosley: Es ist ein großer Schritt in die richtige Richtung. Dieser Plan wurde noch in meiner Ära geboren. Ich hatte schon lange die Idee, dass die Motorleistung eher durch den Verbrauch statt durch den Hubraum definiert wird.
 
Wäre dieses Ziel nicht auch mit einem V8 möglich gewesen?
Mosley: Wer Effizienz darstellen will, muss die Zylinderzahl verkleinern und Aufladung zulassen.
 
Was wird nach dem nächsten Concorde Abkommen passieren?
Mosley: Vielleicht gibt es nach 2012 gar kein Concorde Abkommen mehr. Wenn ich mir anhöre, was Luca di Montezemolo jüngst gesagt hat, dass die Teams mehr Geld wollen und notfalls eine eigene Serie starten mit Bernie als Chef, dann kommt mir das vor wie eine Eröffnung in einem Schachspiel. Luca weiß ganz genau, dass Bernie keine eigene Serie starten kann. Vielleicht will er nur zusammen mit zwei, drei anderen Teams besondere Konditionen herausschlagen.
 
Es fällt auf, dass Montezemolo nichts ohne Bernie unternehmen will. In den letzten Jahren gab es da eher Kritik.
Mosley: Es hört sich so an, als wollte er ihn abwerben. 

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