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Exklusiv-Reportage aus der Ferrari-Box (2)

Qualifying-Drama in der Ferrari-Garage

Ferrari - Boxen-Reportage - GP Ungarn - 2014 Foto: Ferrari 25 Bilder

Ferrari ließ auto motor und sport beim GP Ungarn hinter die Kulissen blicken. Im zweiten Teil unserer exklusiven Reportage aus der Box erfahren Sie die Details vom Samstag in Budapest - mit dem missglückten Poker im Qualifying.

20.08.2014 Michael Schmidt

Der Samstag beginnt wie der Freitag. Mit Installationsrunden und einem Fahrzeug-Check. Auf der Mischung "medium" werden anschließend noch einmal die Ergebnisse vom Freitag verifiziert, dabei auch der unterschiedliche Streckenzustand in den Logbüchern festgehalten. Der Grip ist deutlich besser als am Tag zuvor. Im Ferrari mit der Startnummer 14 entdecken die Performance-Ingenieure zwei falsche Setup-Daten. Brosco zu Alonso: "Bleib im Auto sitzen. Wir machen einen Daten-Check. Die Pause wird 25 Minuten dauern."

Ferrari-Piloten bereiten sich auf Qualifying vor

Räikkönen will wissen, wie viel Zeit er auf der Zielgeraden verliert. Nur ein Zehntel, tönt es im Funk. Spagnolo verspricht Besserung und empfiehlt Kimi nach der Rückkehr in die Box, ungefähr zehn Einstellungen am Multifunktionsschalter vorzunehmen: "TORQUE 1, CHARGE 8, SPARK 5, ....." Kimi fragt zurück: "Warum muss ich so viele Knöpfe verstellen?" Spagnolo klärt ihn auf: "Wir gehen auf ein Motorprogramm mit einem anderen Drehmomentverlauf."

Als Alonso wieder auf die Strecke geht, legt er in der Zielkurve einen Drift wie ein Rallyefahrer hin. "Das Heck ist plötzlich ausgebrochen", meint der Pilot nach der Kurskorrektur trocken. Stella gibt zurück: "Wir haben es gesehen." Die Einlage lief über das internationale TV-Signal.

Um 11.39 Uhr wird eine Bestandsaufnahme gemacht. Alonso rekapituliert Kurve für Kurve. Ein Auszug daraus: "Übersteuern im Eingang von Kurve 12 und 14. In Kurve 11 habe ich Probleme beim Bremsen. Viel Rückenwind in den Kurven 5, 11 und 13. Dadurch Untersteuern beim Reinfahren. Vielleicht kriegen wir das etwas mehr Frontflügelanstellung hin."

Erst 12 Minuten vor Ende des FP3 wird es ernst. Sprit wird abgepumpt, frische weiche Reifen kommen ans Auto, Kommandos für Lenkrad-Setups schwirren durch den Funk: "STRAT 4, TORQUE 1, FUEL 1, SOC 5." Fertigmachen zur Generalprobe für den Nachmittag. Die Ferrari-Piloten sind fast gleich schnell. 1.24,769 Minuten für Alonso, 1.24,818 Minuten für Räikkönen. Noch brennt die Sonne auf den Asphalt, doch zur Qualifikation soll es kühler werden. Das muss man einrechnen, denn dann nimmt der Grip schlagartig zu.

Qualifikation so anspruchsvoll wie das Rennen

"Die Strategie für das Qualifying ist fast so anspruchsvoll wie im Rennen", beteuert Stella. "Du befindest dich permanent in einer Risiko-Abwägung zwischen Weiterkommen und Reifensparen, und du hast ganz wenig Zeit, dich zu entscheiden."

Als hätte es der 43-jährige Ingenieur geahnt: Im Q1 passiert der Alptraum der Strategen. Ferrari hat für den ersten Abschnitt eine so geannte Cutoff-Zeit von 1.26,7 Minuten berechnet. Das ist die Zeit, die man fahren muss, um weiterzukommen. Kimi steht mit 1.26,792 Minuten auf dem Zeitenmonitor. Lewis Hamilton und Pastor Maldonado haben wegen Defekten schon Feierabend. Da müsste schon einer der vier Hinterbänkler von Caterham und Marussia ein Wunder schaffen.

Die Ingenieure raten: "Wir bleiben drin, sparen einen Satz Reifen." Räikkönen antwortet mit leichtem Zweifel in der Stimme: "Okay, ich traue euren Daten." Doch in letzter Sekunde stößt ihn Marussia-Pilot Jules Bianchi aus dem Feld. Es geht um 64 Tausendstel. Totenstille am Funk. Räikkönen steigt aus, verlässt die Box. Später heißt es bei Ferrari. "Wir haben unterschätzt, dass die fallenden Temperaturen die Strecke um so viel schneller machen würden."

Kimis Missgeschick mahnt Alonso-Crew zur Vorsicht

Die andere Box nebenan ist gewarnt. Alonso fragt sofort nach der neuen Cutoff-Zeit für das Q2. "Eine tiefe 1.24er Runde", sagt Stella. Das ist ambitioniert. Alonso wird in eine Lücke im Verkehr gelotst. Information vom Kommandostand: "Mehr Rückenwind in Kurve 5, Seitenwind in den Kurven 9, 11 und 12. Hinter dir sind Hülkenberg und Rosberg. Du hast freie Bahn vor dir."

Die Zeit von 1.24,249 Minuten reicht locker, doch Räikkönens Missgeschick macht die andere Crew vorsichtig, obwohl Alonso sagt: "Da müssten mich noch beide Sauber und Force India überholen. Die bräuchten schon einen magischen Knopf dafür."

Stella beharrt: "Wir müssen raus. Es ist zu riskant. Die Strecke wird schneller und schneller." Sein Fahrer schlägt vor: "Lass uns früh rausgehen. Dann kann ich die Runde abbrechen, wenn wir sehen, was die anderen draufhaben." Plötzlich Alarm am Funk: "Hülkenberg hat einen schnellen ersten Sektor. Du musst Attacke machen, Fernando." Als Alonso in Kurve 5 einlenkt, kommt der Befehl: "Nimm Gas raus. Wir sind durch."

Regen wird zum Risikofaktor

Im Rennen um die besten zehn Startplätze (Q3) kommt ein weiterer Risikofaktor hinzu. In Kurve 1 beginnt es zu regnen. Kevin Magnussen fliegt von der Strecke. Nico Rosberg fast. Rote Flagge. Dann minutenlang die Diskussion zwischen Fahrer und Boxenmauer: "Machen wir zwei plus zwei Runden, zwei plus eine oder doch ganz normal jeweils einen gezeiteten Versuch?"

Stella schlägt vor: "Zwei plus eins. Wir geben dir genug Sprit mit, damit wir zwischendrin nicht tanken müssen und Zeit sparen." Als Alonso auf die Strecke geht, will er wissen: "Wie bremsen die anderen Kurve 1 an?" Es gibt immer noch feuchte Stellen dort. Nach dem ersten Versuch wird umdisponiert. Wieder droht Regen. "Komm sofort rein. Wir geben dir neue Reifen, der Sprit reicht." Nach 48 Sekunden Stillstand rauscht der Spanier wieder ab. Die Zeit von 1.23,909 reicht für Startplatz 5. "Unser übliches Fenster", kommentiert Alonso trocken.

Ferrari holt 26 Punkte in Ungarn

Am Sonntag darf Ferrari jubeln. Alonso wird Zweiter, er hat sogar eine kleine Siegchance. Die Zweistopp-Strategie ist riskant, aber perfekt. Räikkönen kämpft sich von Startplatz 16 auf den sechsten Rang nach vorne. Die 26 Punkte sind Saisonrekord. Als im Konferenzraum über den Lastwagen das Abschluss-Briefing läuft und die Mechaniker die Garage abbauen, denken die Ingenieure in Maranello schon wieder an die nächste Mission: Vier Wochen später in Spa.

In unserer Galerie zeigen wir Ihnen passend zur Story exklusive Fotos aus der Ferrari-Garage vom Samstag und aus dem Briefing-Raum in Maranello.

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