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Boxenstopps in der Formel 1

Wo arbeiten die schnellsten Schrauber?

Mechaniker, Wagenheber Foto: Wolfgang Wilhelm 21 Bilder

Das Verbot der Tankstopps macht das Reifenwechseln zur reinen Akrobatik. Weil die Pirelli-Pneus die Fahrer häufiger an die Boxen zwingen, kommt dem einzelnen Stopp eine größere Bedeutung zu. Jede Zehntelsekunde zählt. Für den Zeitgewinn im Stand investieren die Teams ein Vermögen.

09.11.2011 Michael Schmidt

Erinnern Sie sich noch an die guten alten Tankstopps? Ist noch gar nicht so lange her. 2009 gehörte Tanken zum letzten Mal zum Repertoire eines Grand Prix. Damals hatten es die Reifenwechsler gemütlich - der Tankvorgang bestimmte den Zeitverlust in den Boxen. Die Crew an den Rädern war lange vorher fertig. Und wenn mal ein Rad klemmte? Geschenkt. "Die Mechaniker hatten damals doppelt so viel Zeit für die Räder", erinnert sich Mercedes-Teammanager Ron Meadows. In der Regel verblieben fünf bis acht Sekunden, um auf Pannen zu reagieren.

Heute tickt die Stoppuhr gnadenlos weiter. Mit der Zeitspanne zwischen Anhalten und Losfahren kann man ein Rennen gewinnen oder verlieren. Bei durchschnittlich mehr als fünf Boxenstopps pro Team in einem Grand Prix steht die Crew mehr unter Druck als je zuvor. Über-Kopf-Kameras filmen jeden Stopp. Nach dem Wochenende gibt es in der Fabrik Manöverkritik. Die Boxenstopps werden genauso akribisch analysiert wie die Datenflut, die das Auto produziert.

"Die Konstanz ist wichtiger als der einzelne Stopp", mahnt Meadows. So gut es sich im Fernsehen macht, wenn der Fahrer nach weniger als drei Sekunden wieder losbraust, so wenig sind Rekordstopps wert, wenn zwei andere dafür schief gehen. Der Rekord von Mercedes liegt bei 2,64 Sekunden. "In der Fabrik haben wir schon Stopps unter zwei Sekunden geschafft, aber da ist das Timing anders", verrät Meadows. "Das Auto steht schon da, wir müssen keine Geräte aus dem Weg räumen, damit es losfahren kann, und die Radmuttern werden nicht mit so hoher Kraft draufgeknallt. Das macht acht Zehntel aus."

19 Mechaniker wechseln vier Räder

Die Choreografie eines Boxenstopps in der Formel 1 reißt keinen vom Hocker. Zu viele Menschen wickeln den Service ab. Prinzip kurze Wege. Das Werkzeug liegt schon bereit. Hektik kommt nur auf, wenn die Radmutter klemmt oder sich der Reifen des Teamkollegen in die Garnitur geschmuggelt hat. Diese Fehlerquelle, die früher oft für Heiterkeit sorgte, wird durch verschiedenfarbige Banderolen auf den Heizdecken praktisch ausgeschlossen.

Bei Mercedes sind jeweils 19 Mann im Einsatz, wenn Michael Schumacher und Nico Rosberg mit Tempo 100 auf den Parkplatz zufahren. Je drei für jedes Rad. Zwei an den Wagenhebern. Zwei an den Seitenkästen, um bei Bedarf die Kühleinlässe zu reinigen oder dem Fahrer das Visier zu putzen. Zwei, wenn der Frontflügel verstellt werden muss. Und einer, der auf den Verkehr in der Boxengasse aufpasst. Droht die Gefahr einer Kollision mit einem Konkurrenten, wird der automatische Ampelablauf gestoppt und auf Handbetrieb umgeschaltet. Die Fastlane hat immer Vorfahrt.

Das Verstellen des Frontflügel-Flaps ist bei dem kompakten Ablauf fast schon Luxus. "Wenn du ihn ein oder eineinhalb Loch steiler stellst, kostet das in der Regel zwei bis drei Zehntel", weiß Meadows. Bringt der Fahrer eine demolierte Nase mit, dauert es im Schnitt zehn Sekunden, bis eine neue per Schnellverschluss festgezurrt wird. Da Schumacher das in diesem Jahr ein paar Mal passiert ist, hat die Mercedes-Box reichlich Übung: "Unser Bestwert liegt bei 7,5 Sekunden, der schlechteste bei zwölf."

Einparken mit Laser-Präzision

Auch ein Plattfuß kostet extra Zeit. "Ungefähr eine Sekunde, je nach Zerstörungsgrad." Ganz wichtig ist punktgenaues Parken. Ein Zentimeterraster auf dem Boxenvorplatz diktiert Fahrern und Schraubern die Position. 20 Zentimeter zu weit oder zu kurz kosten 0,5 Sekunden. Viele Teams setzen Laser ein, um dem Fahrer den Stopppunkt zu zeigen.

Reifenwechsel werden nicht nur in der Fabrik geübt. Bevor das Rennen losgeht, kennen die Mechaniker die einzelnen Schritte im Schlaf. Meadows: "Wir trainieren am Donnerstagabend und am Freitag-, Samstag- und Sonntagmorgen. Pro Sitzung spulen wir 30 bis 40 Reifenwechsel ab." Mercedes exerziert nicht nur den Idealfall. Auch ein Reifenschaden, ein Lenkradwechsel, das Nachfüllen der Flüssigkeit für die Ventilpneumatik oder das Absterben des Motors werden simuliert. Oder wenn beide Autos im Abstand von fünf Sekunden die Box ansteuern.

Mechaniker sind heute so fit wie die Fahrer. Im Winter sind sie regelmäßig Gäste im Kraftraum. Mercedes nimmt 15 Fahrräder mit auf die Reisen und steckt die Monteure in Hotels, die ein Fitnessstudio besitzen.

Ampelanzeige mit Fehler-Potenzial

Die schnellsten Mechaniker helfen jedoch nichts, wenn das Werkzeug versagt. Mercedes gehört neben Red Bull, McLaren, Ferrari und Renault zu den Teams, die sich auf eine Ampelsteuerung verlassen. Kostenpunkt: 50.000 Euro. Die vier Schlagschrauber und zwei Wagenheber sind mit Sensoren versehen. Melden alle sechs Informationsgeber Vollzug, schaltet die Ampel automatisch auf Grün.

"Der klassische Lollipop-Mann musste jedes Rad einzeln abchecken", rechnet Meadows vor. "Das hat im Schnitt vier Zehntel gedauert." Der Nutzen der Ampel ist umstritten. Sauber-Teammanager Beat Zehnder wirft ein: "Sie bringt Vorteile, wenn alles gutgeht. Tritt ein Problem auf, verlierst du aber richtig viel Zeit."

Siehe Kimi Räikkönen 2008 in Valencia, Felipe Massa im gleichen Jahr in Singapur oder Nico Rosberg in der vergangenen Saison in Budapest. Da löste sich beim Anfahren das rechte Hinterrad und irrte herrenlos durch die Box. Und wie weiß der Regisseur, dass etwas schiefgegangen und die Ampel außer Kraft zu setzen ist? Antwort Meadows: "Dann deuten die Schlagschrauber in eine bestimmte Richtung."

Teures Werkzeug zum Reifenwechsel

Das Werkzeug für den Boxenstopp wird im Hause entwickelt und teilweise auch selbst gefertigt. Zum Beispiel die vorderen Wagenheber, die an der Achse schwenkbar sind, damit der Mann am Gerät schneller seitlich wegtauchen kann, wenn das Auto anfährt. Oder die hinteren, die auf Knopfdruck das Auto ablassen. Vorne Titan, hinten Stahl. "Die Dinger kosten zwischen 10.000 und 15.000 Euro", verrät Meadows.

Die Teams schleppen 30 mobile Stellagen, in denen die Reifen auf 80 Grad vorgewärmt werden, um die Welt. Kostenpunkt: 500.000 Euro. Für einen Schlagschrauber könnte man sich einen Dacia Logan kaufen. 4.000 Euro Materialwert plus 4.000 Euro Eigenentwicklung. Die 320 Gramm leichten Radmuttern aus Aluminium oder Stahl gibt es etwas billiger. 500 Euro das Stück.

Schlagschrauber hämmern mit fünf Tonnen Drehmoment

Wenn jede Zehntelsekunde zählt, muss auch beim Lösen und Aufsetzen der Radmutter Zeit gespart werden. Mercedes hat die Gewindegänge auf den Naben von drei auf zwei reduziert. "Die Schlagschrauber entwickeln doppelt so viel Drehmoment wie vor zwei Jahren." Bis zu fünf Tonnen. Das Loshämmern der Mutter dauert eine halbe Sekunde. Drauf geht schneller, im Mittel drei Zehntel. Big brother merkt alles. "Red Bull ist fixer beim Lösen der Radmuttern", so Meadows. "Wir kriegen sie schneller wieder drauf."

Man darf es allerdings nicht übertreiben, so wie bei Schumacher vor dem Abschlusstraining zum GP Belgien. Die Radmutter rechts hinten war mit zu viel Druck auf das Gewinde gehämmert worden. Unter der rohen Gewalt gingen die Windungen kaputt, und das Rad löste sich.

Vor dem Grand Prix von Abu Dhabi hat Mercedes GP seine eigene Boxenstopp-Statistik veröffentlicht, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten:

Wie viele Boxenbesuche gab es insgesamt in 17 Rennen?
998 Boxenstopps - 21 Durchfahrtsstrafen - 4 Stop-and-Go-Strafen

Rennen mit den meisten Boxenstopps?
GP Ungarn (85), GP Türkei (80) und GP Spanien (70)

Rennen mit den wenigstens Boxenstopps?
GP Italien (35), GP Monaco (41) und GP Australien (44)

Wer hat die meisten schnellsten Boxenstopps?
Red Bull (8), Mercedes (7), McLaren (1), Ferrari (1)

Die genaue Reihenfolge aller zwölf Teams bei der Durchschnittszeit der Boxenstopps in dieser Saison erfahren Sie in der Bildergalerie.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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