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F1-Fahrsimulator

Hundertmal besser als Playstation

Lewis Hamilton Foto: Wolfgang Wilhelm 18 Bilder

Die Formel 1-Entwicklung findet wegen der Test-Restriktionen immer häufiger im Labor statt. Dabei wird der Simulator zum wichtigsten Werkzeug. McLaren hat den besten seiner Art. auto motor und sport durfte exklusiv einen Blick hinter die Kulissen werfen.

21.02.2009 Michael Schmidt

Vergessen Sie Videospiele und die Aufnahmen der Bordkameras. Das ist besser als selber fahren. Der neue McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh vergleicht: "Unser Simulator ist um den Faktor 100 präziser als die besten Playstation-Spiele." Obwohl man nur danebensteht, ist man mittendrin. Die brutale Beschleunigung, die aberwitzigen Kurvengeschwindigkeiten, das kurveninnere Rad, das beim Bremsen immer an der Grenze zum Blockieren ist, das Heck des Autos, das bei jedem Einlenkmanöver leicht nach außen drängt - endlich lässt sich erahnen, was im Cockpit wirklich abgeht.

Jede Leitplanke, jede Reifenspur auf den Randsteinen stimmt bis ins Detail. "Lewis Hamilton legt besonderen Wert auf absolute Realitätsnähe", erklärt McLaren-Geschäftsführer Jonathan Neale. "Einmal ist ihm aufgefallen, dass wir in Silverstone einen alten Unterstand für die Streckenposten am Pistenrand vergessen hatten."

Seekrank beim Trockentraining

Der Beobachter wird nicht nur optisch in die Welt des Formel 1-Piloten entrückt. Auch die Begleitmusik stimmt. Der virtuelle Mercedes-V8 grummelt wie der echte dumpf vor sich hin. Wenn McLarens Edeltester über die Randsteine rattert, gibt das ein hässliches Geräusch, das durch Mark und Bein geht. Wenn er die Bodenwelle in der Mitte der Zielgeraden trifft, greift man sich unwillkürlich ins Kreuz. Pedro de la Rosa kennt das Trockentraining seit 2003. "Am Anfang wurde mir nach zehn Runden schlecht", erinnert er sich.

Auch sein Ex-Kollege Alexander Wurz litt lange unter Seekrankheit. Kimi Räikkönen blieb bis zum Schluss skeptisch. Im gleichen Maße wie der Simulator immer ausgereifter wurde, besserte sich auch das Wohlbefinden seiner Passagiere. Früher mussten die Fahrer gebeten werden, ihn zu nutzen. Heute fragen Hamilton und Kovalainen: "Wann dürfen wir rein?"

Der aktuell McLaren-Simulator ist schon die fünfte Generation. "Heute habe ich nur noch Kopfweh, wenn ich 140 Runden am Tag drehe", verrät de la Rosa. Das liegt an der hohen Konzentration, die vom Fahrer gefordert ist. "Die Fliehkräfte merke ich nur beim Einlenken, aber nicht über die gesamte Zeit, die ich in einer Kurve verbringe." Noch extremer ist es beim Bremsen. Der Rundhorizont suggeriert fünf g Verzögerung, aber der Körper spürt sie nicht. "Kopf und Auge sind nicht in Einklang. Das strengt an", sagt der Spanier.

Universell programmierbar

Jeder Simulator ist nur so gut wie seine Rechenmodelle und die Grafik, die den Fahrer optisch auf die 17 GP-Strecken beamt. Anfangs war es ein Werkzeug, mit dem die Fahrer schneller neue Strecken lernen konnten. Heute wird in dem Hochsicherheits-Kino die Basis-Abstimmung für das nächste Rennen ausgetüftelt, und die Designer beziehen es in ihre Arbeit mit ein. 70 Prozent der Entwicklung basieren mittlerweile auf computergestützter Simulation. 2003 waren es noch 30 Prozent. "Wir können im Handumdrehen fünf verschiedene Aufhängungsgeometrien probieren", sagt Neale.

Was an der Strecke Stunden dauert, geht in der Computerwelt auf Knopfdruck. Mehr Radsturz, ein neues Motorkennfeld, eine andere Gewichtsverteilung - alles nur einen Mausklick entfernt. De la Rosa beteuert: "Die Simulation ist so gut, dass ich ein Grad mehr oder weniger Frontflügel im Fahrverhalten spüre." Jonathan Neale sagt: "Dieses Werkzeug hält uns davon ab, beim Design Fehler zu machen, die später korrigiert werden müssten." Das spart Zeit und unter dem Strich auch Geld.

Damit die Stellmotoren das McLaren-Chassis samt Fahrer so in alle Richtungen bewegen, wie es in Wirklichkeit auch passieren würde, muss die Fahrdynamik in Daten übersetzt werden. Motor, Fahrwerk und Aerodynamik, alles ist auch in der Welt der Zahlen interaktiv. Der größte Unsicherheitsfaktor sind die Reifen. "Es ist kompliziert, die Phänomene des Reifens exakt zu berechnen", gibt Neale zu. Die künstliche Welt ist so exakt, dass die Rundenzeiten höchstens eine halbe Sekunde von den echten entfernt sind.

Aufwendige Vorbereitung

Pro Sekunde müssen eine Billion Gleitkommaoperationen verarbeitet werden. Der Aufwand, eine neue Strecke zu programmieren, ist enorm. McLaren investiert dafür zwei Monate. Das Gerüst liefern die Kurvenradien, Werte für Steigungen, Gefälle und die Neigung der Straße, die der Veranstalter liefert. Dann wird jeder Millimeter der Piste mit einem Laser abgetastet. Filmaufnahmen aus der Sicht des Fahrers liefern den künstlichen Horizont in höchster Auflösung.

Nur eines kann der Simulator noch nicht: "Wir haben kein Rechenmodell für die Konkurrenz", bedauert Neale. "Deshalb können wir uns immer nur mit uns selbst vergleichen." De la Rosa hätte einen weiteren Verbesserungsvorschlag: "Mir fehlen die Grid girls."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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