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Formel 1: Red Bull, Ferrari, Mercedes und McLaren

Die Stärken und Schwächen der Top-Teams

Fernando Alonso GP Spanien 2010 Foto: xpb 22 Bilder

Beim GP Spanien gab es den ersten großen Aufschlag der Technikbüros. Was hat es gebracht? auto motor und sport bewertet die Fortschritte der Top-Teams, zeigt ihre Stärken und Schwächen und analysiert, wie sich die Abstände unter den Konkurrenten geändert haben.

11.05.2010 Michael Schmidt

In Barcelona begann die Formel 1-Saison noch einmal neu. Praktisch alle Teams brachten ihre ersten großen Ausbaustufen an den Start. Gravierende Verschiebungen im Feld hat es nicht gegeben. Aber es zeichnet sich bereits ein Trend ab. Red Bull führt die Rangliste weiter an, und Mercedes fährt hinterher.

1. Red Bull

Neun Zehntel Vorsprung im Training und 24 Sekunden im Rennen sind ein Wort. Red Bull gelang die Flucht nach vorne. Die Hoffnungen der Verfolger platzten wie eine Seifenblase. Der Vorsprung ist größer statt kleiner geworden. Auch wenn Barcelona nicht der ultimative Maßstab ist. Der Kurs belohnt aerodynamische Effizienz stärker als jeder andere. In Istanbul oder Montreal wäre der Vorsprung kleiner ausgefallen, aber immer noch komfortabel genug, um beide Autos in die erste Startreihe zu bringen. Adrian Newey hat in einem Gewaltakt ein Facelift durchgepeitscht, das mindestens so viele neue Details aufweist wie der runderneuerte Mercedes. Nach ein bisschen Geheimniskrämerei musste Teamchef Christian Horner zugeben: "Ab dem vorderen Chassisschott bis hinter zum Heck war alles neu."

Die Stärken von Red Bull:

Kein Auto produziert soviel Abtrieb. Und bei keinem Auto ist der Anpressdruck über eine so große Bandbreite von Bodenfreiheiten so stabil. Die Red Bull fliegen durch die schnellen Kurven und sie haben ausgangs der langsamen Kurven die beste Traktion. Die Aufnahmen der Bordkamera beweisen: Mark Webber und Sebastian Vettel steigen früher aufs Gas als ihre Gegner. Und sie fahren dabei wie auf Schienen. Im Gegensatz zum letzten Jahr bringen Randsteine und Bodenwellen das Auto nicht mehr aus der Spur. Die Red Bull federn auf Unebenheiten kaum nach.

Die Schwächen von Red Bull:

Der Top-Speed auf der Geraden ist und bleibt das große Problem. Das hat nur bedingt etwas mit dem Renault V8 zu tun. Die Werks-Renault sind auf der Geraden prinzipiell um drei bis fünf km/h schneller. Red Bull hat zwar den sogenannten F-Schacht, der die Strömung am Heckflügel abreißen lässt, noch in der Hinterhand, doch der Joker ist nicht so groß, wie er jetzt hochstilisiert wird. Bis Red Bull davon ab dem GP Türkei mit höherem Top-Speed profitiert, wird fast jedes Auto im Feld mit diesem Trick fahren und fünf bis zehn km/h dazugewinnen. Dann ist man wieder soweit wie vorher.

Der RB6 ist einfach voll auf Abtrieb getrimmt und dafür muss man auf der Geraden Opfer bringen. Solange beide Autos aus der ersten Reihe starten und beim Start keine Plätze verlieren, geht die Strategie auf. Aber wehe, es geht irgendetwas schief. Einmal ins Feld zurückgefallen, bleiben die Red Bull hängen, weil sie auf der Geraden nicht überholen können. Und bei Red Bull geht nach wie vor zuviel schief. Entweder weil die Technik streikt, beim Boxenstopp Zeit liegen bleibt oder das Wetter verrückt spielt.

2. Ferrari:

Red Bulls direkten Verfolgern fehlen realistisch betracht drei bis fünf Zehntel pro Runde. Barcelona war ein Ausreißer, der sich höchstens noch in Silverstone und Suzuka wiederholen wird. Die Roten sind unter dem Strich leicht besser als McLaren. Das ist aber streckenabhängig. Ferraris Revier sind Layouts mit vielen Geraden, Bremspunkten und Beschleunigungszonen. Flüssige Kurven wie in Barcelona sind die Problemzone des F10. Weil sich in den langgezogenen Kurven Untersteuern einstellt und da der Ferrari generell leicht zum Untersteuern tendiert, verstärkt sich das Problem. Über den gesamten Kalender gibt es mehr Strecken, die ins Profil des Ferrari als das des McLaren passen. Ferrari modifizierte sein Auto für den GP Spanien nur leicht. Priorität hatten der F-Schacht und das Kurieren der Motorenseuche. Beides ist Maranello mit Bravour gelungen.

Die Stärken von Ferrari:

Das Auto ist mit dem F-Schacht jetzt das schnellste auf der Geraden, es liegt stabil beim Bremsen und hat Traktionswerte wie der Red Bull. Das spricht für eine gute aerodynamische Stabilität. Der Ferrari ist die vielleicht ausgewogenste Konstruktion im Feld. Nicht das beste Auto in der Qualifikation, nicht das beste im Rennen, aber unter dem Strich ein exzellenter Allrounder. Stefano Domenicalis Spruch von Barcelona sagt alles: "Hier haben sich unsere Fahrer zum ersten Mal beschwert."

Die Schwächen von Ferrari:

Die Seuche im pneumatischen Ventiltrieb ist offenbar behoben. Ferrari bat bei der FIA um den Einbau besserer Dichtungen. Das Problem hat Alonso aber bereits zwei seiner acht Triebwerke gekostet. Er muss deshalb im Freitagstraining Kilometer sparen, um das wieder wettzumachen. In schnellen Kurven sind Red Bull und McLaren besser. Fernando Alonso forderte beim letzten Rennen: "Wir müssen mehr Abtrieb finden." Der Ruf des Messias wird seinen Ingenieuren Befehl sein.

3. McLaren-Mercedes:

Lewis Hamiltons Ausfall in der vorletzten Runde trübte die makellose Bilanz der chromfarbenen Autos. Es war der erste Ausfall eines McLaren. Auch Teamkollege Jenson Button verlor seinen Platz an Schumacher wegen eines Kupplungsproblems beim Boxenstopp. Der McLaren MP4-25 ist dort stark, wo sein Vorgänger schwach war. In den schnellen Kurven können Hamilton und Button den Red Bull folgen. Dafür strampeln sie sich in den langsamen Passagen und auf Randsteinen ab. In Barcelona hat McLaren schon zum zweiten Mal den Heckflügel-Trick statt in Top-Speed in Anpressdruck investiert, um in den langsamen Passagen auf Ballhöhe zu sein.

McLaren duelliert sich mit Ferrari um die Kronprinzenrolle hinter Red Bull. In Barcelona hatten die McLaren den besseren Speed. Obwohl man auf der Strecke nicht ganz den Fortschritt zeigte, den die Simulationen dem neuen Front- und Heckflügel und dem modifizierten Diffusor prognostizierten. Im MP4-25 schlummert vielleicht das größte Potenzial aller Autos. Keiner bietet so viele innovative Techniklösungen wie der McLaren. "Wehe, wenn die mal alle funktionieren", warnt Jackie Stewart.

Die Stärken von McLaren-Mercedes:

Der F-Schacht ist eine Trumpfkarte für McLaren, auch wenn ihn bald jeder hat. Der gezielte Strömungsabriss am Heckflügel ist eine Wissenschaft für sich. Es kommt auf die Abstimmung an. Und da kann McLaren von seinem Erfahrungsvorsprung noch bis in den Sommer zehren. Je nach Bedarf nutzen die Ingenieure das System, mal um Top-Speed, mal um durch steilere Anstellung des Heckflügels Abtrieb zu generieren. Der Mercedes-Motor ist eine feste Bank. Experten vermuten einen Vorteil von rund zehn PS. Und das Triebwerk ist kugelsicher. Über den Winter arbeitete McLaren an der größten Schwäche des Vorjahresautos. Beim 2009er McLaren kam es in schnellen Kurven im Diffusor oft zu Strömungsabriss. Der schwankende Abtrieb verunsicherte die Fahrer. Das ist gelöst. Seitdem gehen die McLaren in den schnellen Kurven wie die Hölle.

Die Schwächen von McLaren-Mercedes:

Wer seine Schwächen abstellt, muss bei den Stärken oft Federn lassen. Man bekommt in der Formel 1 nichts geschenkt. Die Aerodynamik des McLaren funktioniert in einem zu kleinen Fenster. Die Autos sind hart gefedert und deshalb auf Unebenheiten schwer zu fahren. Mit wenig Benzin an Bord, also in der Qualifikation, heizen sich dadurch die Reifen nicht ausreichend auf. So wie die Red Bull im Training stärker sind als im Rennen, ist es bei McLaren umgekehrt. Viel Sprit an Bord nivelliert das Problem mit den Reifentemperaturen.

4. Mercedes GP:

Das große Facelift hat Mercedes nicht wirklich näher an die Spitze herangebracht. Auf die Red Bull fehlten 1,2 Sekunden pro Runde, auf Ferrari und McLaren eine halbe Sekunde. Also mehr als zuvor. Der Fünfte Renault ist näher an Mercedes dran als Mercedes an Ferrari und McLaren. Mit harten Reifen zeigen sich die Defizite mehr als mit weichen. "Wir konnten nur auf Ausfälle der anderen hoffen, und das ist unbefriedigend", konstatierte Michael Schumacher. Vielleicht war zuviel neu an dem Silberpfeil: Radstand, Gewichtsverteilung, Frontflügel, Leitbleche, Airbox, Diffusor. Gerade Änderungen am Radstand und der Gewichtsverteilung sind heikel, weil sie in Rechenmodellen schwer dargestellt werden können. Man muss seine Erfahrungen auf der Strecke sammeln. "Wir haben jetzt mehr Spielraum beim Setup", verteidigt Ross Brawn das neue Paket.

Darin liegt womöglich die Antwort. Die Techniker und Fahrer werden noch eine Zeit brauchen, bis sie aus den neuen Rahmenbedingungen das Optimum herausholen. Doch den Zeitverlust kann sich Mercedes eigentlich nicht leisten, weil die Konkurrenz nicht schläft. Man holt nicht einfach so im Handumdrehen eine Sekunde auf. Nicht gegen Red Bull, Ferrari und McLaren. Deshalb könnte nach den nächsten vier Rennen die Entscheidung fallen, die Entwicklung am MGP W01 auf Sparflamme laufen zu lassen und sich schon voll auf 2011 zu konzentrieren.

Die Stärken von Mercedes GP:

Die Zuverlässigkeit ist das beste Pfund an diesem Auto. Bis auf Schumachers Problem mit dem verlorenen Rad in Malaysia liefen die Autos wie Uhrwerke. In schnellen Kurven scheint der Mercedes noch ganz passabel zu liegen. Auch auf der Bremse ist das Fahrverhalten ordentlich.

Die Schwächen von Mercedes GP:

Die Ingenieure haben sich bei der Entwicklung total mit den Reifen verschätzt. Das Auto harmoniert nicht mit den neuen Karkassen und Gummimischungen, die im Vergleich zu 2009 bei niedrigeren Temperaturen ihren optimalen Arbeitsbereich haben. Entweder dauert es zu lange, bis der Gummi arbeitet, oder er überhitzt zu schnell. Dummerweise vorne und hinten nicht in gleichem Maße. Daraus ergeben sich Balanceverschiebungen. Das heißt: Mal kämpfen die Fahrer mit Untersteuern, mal mit Übersteuern. Jenson Button beobachtete in Barcelona, dass Schumacher mit wenig Grip und wenig Traktion wild durch die Gegend rutschte.

Da es in den schnellen Kurven ganz ordentlich funktioniert, liegt das Übel wohl eher in der Mechanik. Verdächtigt werden Gewichtsverteilung und Aufhängungsgeometrien. Mercedes muss jetzt schnell reagieren, wenn man die Saison retten will. Und da liegt schon das nächste Manko. Mit 450 Angestellten ist die Mannschaft aus Brackley gegen Ferrari (900), McLaren (550) und Red Bull (550) nicht gleichwertig aufgestellt. Das wird sich erst im Dezember 2010 angleichen, wenn jedes Team maximal 350 Mitarbeiter ohne die Motorenabteilung aufbieten darf.

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