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Formel 1 hat ein Regen-Problem

"Du siehst nicht mal die Rücklichter"

Max Verstappen - GP Brasilien 2016 Foto: Wilhelm 65 Bilder

Die Formel 1 hat sich in Brasilien blamiert. Obwohl es nur leicht geregnet hat, musste das Rennen 2 Mal unterbrochen werden. 4 Fahrer flogen wegen Aquaplaning ab. Schuld sind nicht nur schlechte Regenreifen.

18.11.2016 Michael Schmidt 6 Kommentare

Der GP Brasilien war ein klassisches Regenrennen. Es regnete von Anfang bis Ende durch. Um präzise zu sein: Es tröpfelte, es nieselte, aber nichts von der Stärke, die wir eigentlich aus Sao Paulo gewohnt sind. Trotzdem musste der Start um 10 Minuten verschoben werden, es wurde hinter dem Safety-Car gestartet, zwei Mal unterbrochen und der Grand Prix fünf Mal für insgesamt 31 Runden neutralisiert. Und jede dieser Maßnahmen war im Sinne der Sicherheit gerechtfertigt.

Wie kritisch die Bedingungen waren, zeigte der Unfall von Kimi Räikkönen auf der Zielgeraden. Da schrammte die Formel 1 haarscharf an einer Katastrophe vorbei. Das war Russisch Roulette mit 5 Kugeln im Lauf. Dass Räikkönens Ferrari bei seiner Irrfahrt quer über die Strecke oder später dann, als er verkehrt herum an der Boxenmauer stand, nicht getroffen wurde, war das große Wunder des Rennens.

Regenreifen verdrängen zu wenig Wasser

Noch einmal: Es war ein Regenrennen, bei dem man sich vor 40, 30, 20, ja sogar 10 Jahren keine Gedanken gemacht hätte. Es wäre bei der geringen Regenintensität ohne Safety-Car-Start, ohne Unterbrechungen und ohne Aquaplaning auf der Geraden über die Bühne gegangen. Wenn jemand abgeflogen wäre, dann in den Kurven.

Erinnern Sie sich noch an die Regenschlachten von Zolder 1977, Estoril 1985, Barcelona 1996 oder Silverstone 2008? Da hat es dreimal so stark geregnet. Da war die Bahn teilweise überflutet. Trotzdem hatten die Fahrer nicht das Gefühl, nur Passagier zu sein und in einem totalen Blindflug um die Strecke zu fahren. Lewis Hamilton bestätigte: „Silverstone 2008 war viel schlimmer.“

Der Sieger des GP Brasilien sagte aber auch: „Im Regen mit einem Formel 1-Auto zu fahren ist die schwierigste aller möglichen Aufgaben. Wenn es einfach wäre und jeder ohne Fehler seine Runden drehen würde, dann könnte es ja jeder tun. Wir fahren so hohe Geschwindigkeiten, dass es für die Reifen schwer ist, das Wasser zu verdrängen. Ich empfand das Rennen nicht als besonders schwierig. Das Problem war nicht die Nässe, sondern das Aquaplaning.“

Die meisten Fahrer geben den Regenreifen die Schuld. „Wir müssen daran arbeiten, sie zu verbessern. Es wäre schon gut, wenn es bei wenig Wasser nicht so auf Messers Schneide stünde ob du abfliegst oder nicht“, fordert Nico Rosberg. Räikkönen sagte nach dem Rennen: „Früher hätte ich mein Auto noch abgefangen.“ Max Verstappen hofft: „Nächstes Jahr mit mehr Abtrieb und besseren Reifen sollte es einfacher werden.

Die Fahrer sehen nicht mal die Rücklichter

Doch das Problem sind nicht die Pirelli-Regenreifen allein. Es ist auch die Gischt, die im Gleichklang mit der immer extremeren Aerodynamik immer schlimmer wird. Die Fontänen sind gut 100 Meter lang. In einem Pulk, besonders nach den Re-Starts, ist die Sicht gleich Null.

„Der Wassernebel zieht auch nicht gleich ab. Er schien die ganze Zeit über der Zielgeraden zu hängen“, kritisiert Pascal Wehrlein. Carlos Sainz meinte: „Die Re-Starts warten echt übel. Ein Wunder, dass da alle heil durchgekommen sind.“

Hamilton hat leicht reden. Er war der einzige im Feld, der ständig freie Sicht hatte, und er sitzt im besten Auto mit dem meisten Abtrieb und einem Motor, der sich fahren lässt wie ein Serientriebwerk. Er konnte jede Pfütze sehen. Er wusste, wo auf der ansteigenden Zielgerade das Wasser über die Strecke lief.

Seine Kollegen fuhren in eine weiße Wand. „Du siehst gar nichts, nicht einmal das blinkende Rücklicht, wenn ein Auto 10 Meter vor die fährt“, berichtet Wehrlein. „Ich war jedes Mal erleichtert, wenn ich wieder das Ende der Zielgerade erreicht hatte“, gab Sergio Perez zu.

Tatsächlich passierten alle Unfälle und alle Ausrutscher auf der Vollgaspassage zwischen den Kurve 12 und 1. Weil sich dort immer wieder neue Pfützen bildeten, die in der Runde davor noch nicht da waren. Gefährlich waren auch die weißen Linien in den Kurven 12 und 13. Bei dem Drehmoment der V6-Turbos mit ihrer Elektro-Power wurden sie für viele Fahrer zur Falle.

Wer sich in dem Bereich drehte, stand wie auf dem Präsentierteller seinen Kollegen im Weg. Nicht nur Räikkönen hatte Glück. Marcus Ericsson, Felipe Massa, Sebastian Vettel, Max Verstappen und Fernando Alonso brauchten alle Schutzengel, um nicht getroffen zu werden.

Richtig unheimlich wird es, wenn man die Stimmen einiger Fahrer hört. Daniel Ricciardo lag direkt hinter Räikkönen, als der Unfall passierte. Der Australier hat ihn nicht mal gesehen. Wehrlein erzählt: „Das erste Mal, als ich gemerkt habe, dass da ein Auto steht, war als ich schon neben ihm war. Aus dem Augenwinkel habe ich links von mir etwas Rotes gesehen. Wäre Kimi mitten in der Bahn gestanden, hätte ich ihn voll getroffen.“

Die Konsequenz solcher Aussagen wäre, Regenrennen zu verbieten. Oder die Dinge abzustellen, die es heute fast unmöglich machen, ein Regenrennen zu fahren. Zu einem Maßnahmenpaket gehören bessere Regenreifen, eine Aerodynamik, die nicht so viel Gischt erzeugt, stärkere Rücklichter oder elektronische Warnsignale im Cockpit.

Neuester Kommentar

@naja

"das die drainage der strecke zumindest an manchen stellen nicht gut sei steht ausser frage, es ist aber sehr unwahrscheinlich das eine so krasse verschlechterung so plötzlich eintritt, ohne erdbeben, ohne ausserirdischen"

Interlagos hat vor dem Rennen 2014 ein komplett neues Asphaltband bekommen und seither gab es IIRC auch noch keine vergleichbaren Regenbedigungen, weder in einem Training noch in den Rennen 2014 oder 2015.

Proesterchen 21. November 2016, 22:03 Uhr
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