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F1-Historie

Die großen Reifendramen der Formel 1

Ralf Schumacher GP USA 2005 Foto: xpb 36 Bilder

Silverstone war nicht das erste Reifendrama der Formel 1. Reifenschäden haben in der Vergangenheit öfter zu schweren Unfällen geführt, einige mit Todesfolge. Wir haben in den F1-Geschichtsbüchern gekramt und präsentieren Ihnen hier eine kleine Auswahl.

03.07.2013 Michael Schmidt

Seit den Reifenplatzern von Silverstone kennt die Formel 1 nur ein Gesprächsthema. Wie gefährlich leben die Fahrer? Beim GP England ging alles glimpflich aus. Keiner der betroffenen Fahrer flog von der Strecke. Das größte Glück hatte Fernando Alonso, der den Reifentrümmern von Sergio Perez gerade noch ausweichen konnte.

Reifen sorgen für ersten Todesfall

In der Vergangenheit verliefen Reifenschäden aber nicht immer so harmlos. Sie haben Weltmeisterschaften entschieden und zu tödlichen Unfällen geführt. Nicht immer war der Reifen hundertprozentig als Ursache ermittelbar. Um den Todessturz von Jim Clark bei einem Formel 2-Rennen 1968 auf dem Hockenheimring streiten sich die Gelehrten noch heute, ob es ein Aufhängungsbruch oder ein Reifenschaden war, der den Lotus auf gerader Strecke in den Wald abbiegen ließ.

Andere Fälle waren eindeutiger. Wir haben sie für Sie eine kleine Liste der bekanntesten Reifendramen der Formel 1-Geschichte zusammengestellt:

Onofre Marimon, GP Deutschland 1954, Training: Der Argentinier kommt im Streckenabschnitt Wehrseifen nach einem Schaden an einem der Vorderreifen von der Strecke ab und überschlägt sich eine Böschung hinunter. Marimon ist das erste Todesopfer der Formel 1-Geschichte.

Richie Ginther, GP Italien 1966, Rennen: Auf der Anfahrt zu der ultraschnellen Curva Grande platzt am Honda von Richie Hinther der linke Hinterreifen. Der Honda fliegt in den Wald und wird total zerstört. Ginther kommt wie durch ein Wunder heil an die Boxen zurück. Der Unfall ist einer der Gründe, warum der Amerikaner ein Jahr später zurücktritt.

Graham Hill, GP USA 1969, Rennen: Ein Unfall, den sich nicht einmal Hollywood ausdenken kann. Graham Hill dreht sich in der Loop-Kurve, steigt aus und inspiziert sein Auto. Er schiebt den Lotus den Abhang hinunter, springt ins Cockpit und bringt den Motor durch das Anrollen wieder ins Laufen. Der GP-Veteran kann sich im Cockpit nicht selbst anschnallen. Er will dies später an den Boxen nachholen, verzichtet dann aber doch darauf, weil der Lotus ganz ordentlich läuft. Drei Runden später spürt Hill, dass der rechte Hinterreifen Luft verliert. Bei der Vorbeifahrt an seiner Box deutet er mit dem Daumen nach rechts hinten. Die nächste Runde will er einen Boxenstopp einlegen. Doch es kommt nicht mehr so weit. Auf der Geraden platzt der Reifen bei 250 km/h. Der Lotus 49B überschlägt sich in hohem Bogen. Dabei wird der Unglückspilot aus dem Auto geschleudert und zieht sich schwere Beinbrüchen zu.

Jack Brabham, Zandvoort 1970, Test: Jack Brabham testet einsam in Zandvoort. Nach einem Reifenschaden überschlägt sich der Australier drei Mal und bleibt auf dem Überrollbügel liegen. Brabham kann sich selbst nicht befreien und muss warten, bis Rettung kommt. Er betet, dass sich das auslaufende Benzin nicht entzündet. "Es waren die schlimmsten Minuten meines Lebens."

Roger Williamson, GP Holland 1973, Rennen: Roger Williamson kämpft gegen David Purley im hinteren Feld. Nach einem Reifenplatzer überschlägt sich der March auf der Anfahrt zu Tunel Oost und bleibt kopfüber im Scheitelpunkt der Kurve liegen. Das Auto fängt Feuer. Nur Purley steigt aus und hilft. Doch vergeblich. Die Feuerwehr kommt erst Minuten später. Williamson ist eingeklemmt und verbrennt qualvoll.

Mark Donohue, GP Österreich 1975, Warm-up: Am Ende der Zielgeraden platzt am Penske-March von Donohue der linke Vorderreifen. Das Auto überschlägt sich mehrfach und trifft am Ende seiner Irrfahrt eine Plakatwand. Der Fahrer zieht sich beim Aufprall gegen einen Eisenpfosten Gehirnverletzungen zu, die einen Tag später zum Tode führen. Ein Streckenposten wird von herumfliegenden Trümmern erschlagen. Donohues Witwe verklagt Goodyear, bekommt Recht und erhält 9,6 Millionen Dollar Schadensersatz.

Gilles Villeneuve, GP Holland 1979, Rennen: Ein Reifenschaden macht einen Fahrer zum Helden. Es ist der Beginn der Legende von Gilles Villeneuve. Dem Kanadier platzt in Führung liegend beim Anbremsen der Tarzan-Kurve der linke Hinterreifen. Der Ferrari gräbt sich nach einem wilden Dreher im Kiesbett ein. Nach kurzem Check, ob noch alles dran ist an seinem Auto buddelt sich Villeneuve wieder frei und bringt das Dreirad wild driftend und funkensprühend an die Boxen zurück. Bis er dort ankommt, hat sich das Rad atomisiert. Villeneuve wartet auf einen Reifenwechsel, doch Cheftechniker Mauro Forghieri fordert ihn mit einer knappen Handbewegung zum Aussteigen auf. Die Hinterachse hängt nur noch in Teilen am Auto.

Nigel Mansell, Paul Ricard 1985, Test: Am Ende der 1,8 Kilometer langen Mistral-Geraden platzt am Williams ein Reifen. Mansell zieht sich beim Aufprall in die Leitplanken eine schwere Gehirnerschütterung zu und muss den folgenden GP Frankreich auslassen.

Derek Warwick, GP Österreich 1986, Training: Ein Abziehbild des Donohue-Unfalls. Am Ende der Zielgerade explodiert am Brabham-BMW der linke Hinterreifen. Das Auto fliegt heftig in die Leitplanken. Warwick bleibt unverletzt.

Nigel Mansell, GP Australien 1986, Rennen: Nigel Mansell platzt 18 Runden vor der Zielflagge auf der Geraden bei 310 km/h der linke Hinterreifen. Einige Runden zuvor hatte Keke Rosberg seinen McLaren bereits wegen einer Laufflächenablösung an einem Hinterreifen abgestellt. Goodyear ist gewarnt. Die Amerikaner hatten den Reifenverschleiß bei den kühlen Temperaturen falsch eingeschätzt. Williams holt Mansells Teamkollege Piquet aus Sicherheitsgründen zum Reifenwechsel an die Box. Dadurch erbt Alain Prost die Führung und den WM-Titel, den Mansell schon in beiden Händen hielt.

Nelson Piquet, GP San Marino 1987, Training: Es ist der Auftakt einer unheimlichen Unfallserie in der Tamburello-Kurve von Imola. Nelson Piquet kreiselt nach einem Druckverlust rechts hinten mit 300 km/h mit dem Heck voran in die Mauer von Tamburello. Er ist drei Minuten lang bewusstlos. Wegen einer Gehirnerschütterung erteilt ihm Formel 1-Arzt Sid Watkins Startverbot. Goodyear entdeckt Blasen an der Reifenschulter und fliegt 400 neue Reifen für das Rennen ein.

Ayrton Senna, Hockenheim 1991, Test: Eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Ayrton Senna platzt bei 330 km/h kurz vor der ersten Schikane ein Hinterreifen. Der McLaren wird zum Flugzeug und überschlägt sich mehrfach. Augenzeuge Andrea de Cesaris ist so geschockt, dass er weiterfährt, weil er glaubt, Senna sei nicht mehr zu helfen. Doch der Brasilianer schält sich unverletzt aus seinem Wrack.

Riccardo Patrese, Imola 1992, Test: Es ist der reinste Horror. Der linke Hinterreifen am Williams-Renault von Riccardo Patrese verliert Luft, und der Fahrer merkt es nicht, weil die aktive Aufhängung für einen Niveauausgleich sorgt. Bis der Reifen platzt. Ausgerechnet in Tamburello. Der Williams ist Schrott. Patrese steigt durchgeschüttelt aus.

Mika Häkkinen, GP Australien 1995, Training: Die PS-Party zum Saisonausklang erhält einen Dämpfer. Mika Häkkinen rutscht im Training nach einen Reifenplatzer links hinten praktisch ungebremst in die Absperrungen der 220 km/h schnellen Malthouse-Kurve. Ein Nagel hat die Lauffläche des Reifens perforiert. Der Kopf des Finnen kracht beim Aufprall gegen den rechten Cockpitrand und das Lenkrad. Er wird mit einem Schädelbasisbruch ins Krankenhaus eingeliefert, erholt sich aber erfreulich schnell von seinen schweren Verletzungen. 1998 und 1999 wird Häkkinen Weltmeister.

Mika Häkinen, GP Deutschland 1999, Rennen: Mika Häkkinen platzt bei 335 km/h auf der Geraden vor dem Motodrom der linke Hinterreifen. McLaren hat den Luftdruck zu niedrig eingestellt. Der McLaren rauscht frontal in einen Reifenstapel. Häkkinen bleibt unverletzt.

Ralf Schumacher, GP USA 2004, Rennen: Ralf Schumacher fliegt in der Steilkurve nach einem Reifenschaden links hinten rückwärts in die Mauer. Der Williams-Pilot erleidet eine Gehirnerschütterung und eine schwere Wirbelprellung.

Ralf Schumacher, GP USA 2005, Training: Ein Déjà vue für Ralf Schumacher. Gleiche Kurve, anderes Auto. Ein Reifenschaden am Toyota schickt ihn in der Zielkurve in die Mauer. Diesmal vorwärts. Es ist der Beginn eines Reifendramas, das Michelin dazu veranlasst, seinen Kunden Startverbot zu erteilen. In der überhöhten Zielkurve treten an der Reifenschulter Brüche in der Karkasse auf.

Sebastian Vettel, GP Abu Dhabi 2011, Rennen: Vettel platzt 500 Meter nach dem Start der rechte Hinterreifen. Über die Ursache wird lange gerätselt. Heute weiß man: Der im Unterboden eingelassene Auspuff bläst seine heißen Gase zu nah an die innere Reifenflanke. Die Karbon- und Kevlarstrukturen in der Karkasse nehmen Schaden.

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