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Todt in starker Position

Der Kostenfahrplan der Formel 1

Horner Ecclestone Todt 2011 Foto: xpb 25 Bilder

Kommt Red Bull mit seiner Verzögerungstaktik in Sachen Formel 1-Kostendebatte durch? Ist der Sparkurs schon längst vom Tisch? Oder sitzt der Weltverband FIA doch am längeren Hebel? Wir haben die komplizierte Situation von einem Insider rechtlich analysieren lassen.

17.07.2012 Michael Schmidt

Am 30. Juni wollten sich die Teams darüber verständigen, wie ab 2013 das Thema Kosten geregelt ist. Bis auf Red Bull und Toro Rosso waren sich alle einig. Die Kosten sollen zunächst auf der Basis des Singapur-Abkommens (315 Mitarbeiter, 30 Millionen Euro Fremdleistungen, 60 Windkanalstunden, 40 Teraflops Simulationen, vier Aero-Tage) von der FIA geprüft werden. Bei Zuwiderhandlung kann der Weltverband Strafen aussprechen, schlimmstenfalls bis zum WM-Ausschluss.

FIA muss sich nicht an Concorde Abkommen halten

Fünf vor zwölf bekamen einige Teams Fracksausen, wollten Details noch abklären und baten sich mehr Zeit aus. Die geplante Abstimmung wurde verschoben. Bis zum 30. Juni hätten acht von zwölf Stimmen gereicht. Danach ist für ein Inkrafttreten im nächsten Jahr Einstimmigkeit gefragt. Hat damit Red Bull gewonnen und die FIA ihr Ziel verfehlt?

Nicht unbedingt. FIA-Präsident Jean Todt fühlt sich nicht an das Concorde Abkommen gebunden, da der Weltverband den neuen, bis 2020 reichenden Vertrag noch nicht unterschrieben hat. Während sich die Teams und Bernie Ecclestone in der Frage der Finanzen weitgehend einig sind, ist das Procedere der Regelfindung und Überwachung weiterhin nicht geklärt.

Ecclestone und einige der Hardliner unter den Teams würden gerne den Einfluss der FIA zurückdrängen und selbst die Regeln schreiben. Der Verband soll nur noch deren Einhaltung kontrollieren. Da spielt Jean Todt aber nicht mit. Außerdem verlangt er auch einen Teil vom großen Geldsegen. Und er hat nach Einschätzung von Rechtsexperten eine gute Chance, dieses Tauziehen zu gewinnen.

Vetorecht einiger Teams verstößt gegen EU-Recht

Nach Informationen, die auto motor und sport vorliegen, könnte die FIA das Concorde Abkommen anfechten, sollte sie auf ein Abstellgleis geschoben werden. Und nicht nur die FIA, sondern auch einige der betroffenen Teams. Nach dem Plan der Rechteinhaber sollen in Zukunft Ferrari, Red Bull, McLaren, Lotus und Williams über die Regeln bestimmen und bei Reglementänderungen auch ein Vetorecht haben. Mercedes würde auch noch zu dieser Gruppe gehören, wenn die Unterschrift unter das neue Concorde Abkommen aus Stuttgart endlich vorliegt.

Dieser Ansatz ist nach Meinung von Experten nach dem Europäischen Wettbewerbsrecht anfechtbar. "Es verzerrt den Wettbewerb, weil es den Teams, die die Regeln bestimmen und damit auch vor allen anderen kennen, einen unzulässigen Vorteil gibt. Das würde auf Machtmissbrauch hinauslaufen", sagt unser Insider.

Hätte Ecclestone ein Gegenargument? "Bernie könnte sagen, dass die Formel 1 kein freier Markt ist, sondern eine private Übereinkunft, weshalb die Europäischen Wettbewerbsgesetze nicht greifen. Das wäre aber problematisch. Bernie unternimmt gerade den Versuch, alles an sich zu reißen. Kaum vorstellbar, dass Jean Todt das erlauben wird."

Drei Jahre Vorlauf für FIA-Technikänderungen

Diese Karte wird die FIA ausspielen, sollte es zur Konfrontation kommen. Prinzipiell braucht Jean Todt kein Concorde Abkommen. Ohne könnte er viel freier agieren. In Bezug auf das technische Reglement bräuchte Todt allerdings immer noch eine Art Formel 1-Kommission.

Unser Experte: "In Kapitel 15 des Concorde Abkommens steht, dass vor einer technischen Änderung ohne Zustimmung der Teams drei Mal der 1. Januar liegen muss. Die FIA könnte also für frühestens 2015 einen Einzylindermotor mit 500 Kubikzentimeter vorschreiben, wenn sie dies wollte. Beim Sportgesetz und der Entscheidungsfindung aber hat Todt für 2013 schon freie Hand. Er muss nur den 100-Jahre-Deal mit den Rechteinhabern befolgen, aber der schränkt ihn kaum ein. Das bringt ihn in seinen Verhandlungen mit Ecclestone in eine starke Position."

Schlechte Nachrichten für die Verhinderer eines Kostenreduzierungsplanes. Anfangs zeigte sich Todt den Plänen, dass die FIA diese Frage in ihr Reglement aufnimmt reserviert gegenüber, doch jetzt steht er voll dahinter. "Die Kostenkontrolle ist eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft." Trotzdem sucht der 66-jährige Franzose immer noch den Konsens. Er will, dass alle mit dem Plan happy sind.

Spielt Red Bull weiter auf Zeit?

Zurzeit arbeiten die Technikchefs an einer weiteren Verschärfung der Kostenbremse ab 2014. Wenn das fertig ist, sollen alle Teams darüber abstimmen. Sauber-Geschäftsführerin Monisha Kaltenborn sieht keinen Grund für weitere Verzögerung: "Es gibt nichts, was Red Bull nicht kennt." Der Einwand von Red Bull, dass man auch die Motorenhersteller einbremsen müsse, ist für Saubers starke Frau kein Argument. "Man kann ja beides tun. Wenn wir eine gute Lösung für das Chassis finden, können wir diese in einem zweiten Schritt auf die Motoren anwenden."

Auch Kaltenborn hofft, dass die FIA hart bleibt, sollte Red Bull im September erneut auf Zeit spielen. "Die FIA muss den Kostenreduzierungsplan noch nicht einmal in das Sportgesetz aufnehmen. Sie könnte parallel zum technischen und sportlichen Reglement auch eine Finanzregel schaffen. Von der steht nichts im Concorde Abkommen."

Die Formel 1 steht nach Meinung vieler vor einer existenziellen Entscheidung. Das neue Concorde Abkommen, das die Reichen noch reicher macht und die Armen kaum besser stellt als jetzt, löst die Probleme nicht, sie verschärft sie nur. Bei den großen Teams sitzen genügend bornierte Köpfe, die nicht begreifen wollen, dass sie gegen sich selbst nicht fahren können.

Globaler Budget-Deckel als fairste Lösung?

Der frühere FIA-Präsident Max Mosley hatte in einem Interview mit auto motor und sport vor einem Jahr in der Frage um eine Budgetdeckelung folgenden Vergleich aufgestellt. "Wenn es einem Team erlaubt ist, mit deutlich mehr Geld anzutreten als andere, kann man diesem Team auch gleich einen Motor mit mehr Hubraum zugestehen. Wo ist da der Unterschied? Ein Sport muss daran interessiert sein, dass die finanziellen Voraussetzungen einigermaßen gerecht sind."

Nach seiner These wären Ferrari. Red Bull und McLaren auch dann dabei, wenn sie von den Rechteinhabern gar kein Geld bekommen würden. Allein die Sponsoreinnahmen der großen Drei sind höher als die Summe, die Sauber in einer Saison ausgibt. Mosley ist wie Kaltenborn einer der glühendsten Verfechter der Budgetdeckelung. Er wollte sie der Formel 1 im Jahr 2008 verordnen, ist mit seinen Plänen aber gescheitert.

Kaltenborn hat einen modifizierten Mosley-Plan diesmal in die Debatte über die Kosten eingebracht. "Man kann es drehen und wenden wie man will. Eine Kontrolle der Budgets ist der einfachste und effizienteste Weg Kosten zu sparen. Alles, was wir jetzt besprechen, ist kompliziert, und es gibt immer Wege, sich daran vorbei zu mogeln."

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