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F1-Tagebuch 2012 (Teil 15): Japan

Schumi sagt Sayonara in Suzuka

GP Tagebuch 2012 Japan Foto: Grüner 28 Bilder

Im Formel 1-Tagebuch geben die auto motor und sport F1-Reporter einen persönlichen Blick hinter die Kulissen des Grand Prix-Sports und lassen die Saison 2012 noch einmal Revue passieren. Teil 15: GP von Japan.

17.12.2012 Tobias Grüner

Japan hieß die zweite Station des großen Übersee-Endspurts. Obwohl ich nach 2009 schon zum zweiten Mal ins Land der aufgehenden Sonne reiste, war ich erneut überrascht, wie anders Japan doch ist. Die Kultur, die Menschen, das Essen, die Sprache - für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer sind die Gepflogenheiten im asiatischen Inselstaat äußerst gewöhnungsbedürftig.

Schon die Anreise ist ein Abenteuer für sich. In 25 Stunden ging es mit Turkish Airlines über Istanbul nach Tokyo. Mit dem Superschnellzug Shinkanzen am Fujiyama vorbei nach Nagoya. Von dort mit der Regionalbahn in unsere Herberge nach Shiroko. Zum Glück hatte ich mit Kollege Michael Schmidt einen ausgewiesenen Japan-Kenner dabei, der sich auch von Zugplänen im Periodensystem-Format nicht verwirren ließ.

Japanische Formel 1-Fans kommen auf ihre Kosten

Ein Bus-Shuttle brachte uns schließlich jeden Tag die letzten zehn Kilometer zu Strecke. Dort wurden wir schon am Donnerstag von tausenden begeisterten Fans empfangen - obwohl noch nicht ein einziges Auto auf der Strecke unterwegs war. Die verrückten Japaner sind eine Attraktion für sich. Bunt bemalt, verrückt verkleidet und mit Plakaten bewaffnet brachten sie sich in der Boxengasse in Stellung.

Eigentlich wollte ich nur die letzten Technik-Updates fotografieren. Doch immer wenn ich mit meiner Kamera vorbeikam, brachten sich die Fans in der typisch japanischen Foto-Pose mit Victory-Zeichen vor mir in Stellung. Eine weiteres Highlight waren die sechs Honda-Formel 1-Renner, die an der Strecke ausgestellt waren. Autos von Senna bis Button ließen das Herz jeden Rennfans höher schlagen.

Schumi verabschiedet sich überraschend

Die Herzen der Anhänger von Michael Schumacher standen dagegen für einen Moment still. Am Donnerstag wurde eiligst eine Pressekonferenz im Silberpfeil-Pavillon eingerichtet. Mir kam es schon komisch vor, dass von Teamseite überall Kameras installiert wurden. Auch Ross Brawn und Norbert Haug sitzen bei normalen Medien-Runden eigentlich nicht an der Seite des Rekordchampions.

Als der Altmeister dann mit einem Zettel in der Hand zum Podium schritt war alles klar. Ich blieb noch, bis er das Statement vollständig vorgelesen hatte. Die anschließende Fragestunde überließ ich Kollege Schmidt. Die brandheiße Internetmeldung musste schließlich so schnell wie möglich auf Sendung gehen. Am Abend wurden dann noch eilig Stimmen von alten Weggefährten gesammelt. Zusammen mit Bildern schnürten wir Schumi ein schönes Abschiedspaket.

Das Herz von Kollege Schmidt schlug am Freitag plötzlich noch einmal höher. Er hatte herausgefunden, dass Red Bull mit einem Doppel-DRS ausgerüstet war. Für Technikfans eine absolute Knallermeldung. Das Problem: Wir wussten nicht, wie das System funktioniert und seit wann der Trick eingebaut war. Klar war nur, dass Luft oben in den Heckflügel eingeleitet wird. Stundenlang sichteten wir Bilder unserer Fotografen. Am Sonntag hatten wir dann die wichtigsten Details zusammen und veröffentlichten die Story.

Vettel holt Grand Slam, Kobayashi schreibt Renngeschichte

Die meisten anderen Teams hatten den Braten noch nicht gerochen. Jeder wunderte sich nur, warum Red Bull im Qualifying sowohl auf der Geraden als auch in den Kurven so schnell unterwegs war. Wir hatten die Antwort gefunden. Red Bull versuchte den Einfluss der Technik natürlich herunterzuspielen. Die Zurückhaltung wäre aber gar nicht notwendig gewesen. Für die Konkurrenz war es zu spät, um noch eine Kopie an den Start zu bringen.

Sebastian Vettel konnte im Rennen gleich doppelt jubeln. Nach der Pole Position führte er das Feld bis ins Ziel an und fuhr auch noch die schnellste Rennrunde. Dieser Grand Slam war ihm erst zum zweiten Mal in seiner Karriere gelungen. Als Bonus fiel auch noch sein ärgster WM-Rivale Fernando Alonso am Start aus, nachdem ihm Kimi Räikkönen den Hinterreifen aufgeschlitzt hatte. Sein Vorsprung schmolz auf vier Punkte zusammen.

Die japanischen Fans interessierte der Sieg von Vettel jedoch nur am Rande. Kamui Kobayashi war auf Rang drei gefahren. Zum ersten Mal stand der Lokalmatador auf dem Podium - und dann auch noch beim Heimspiel. Die Haupttribüne bebte, als der Sauber-Pilot von lauten "Kamui-Kamui-Rufen" begleitet das Podium betrat. Auch im Pressezentrum bekam ich Gänsehaut.

Nach dem Rennen folgte für mich aber schon das nächste Highlight. Bis zum Grand Prix in Korea ging es noch zwei Tage nach Tokio. Bisher hatte ich von der Hauptstadt nur den Flughafen und den Hauptbahnhof gesehen. Am Montagnachmittag ging es erstmals auf Erkundungstour.

Im Shopping-Center Fehl am Platz

Erste Station auf meinem Touritrip war der vor wenigen Monaten eröffnete Tokyo Skytree. Mit 634 Metern Höhe ist der Turm immerhin das zweithöchste Gebäude der Welt. Doch auch die Japaner waren ganz scharf auf ihr neues Wahrzeichen. Lange Schlangen am Eingang bedeuteten, dass ich mir das Bauwerk zunächst nur aus der Froschperspektive anschauen durfte.

Also ging es weiter nach Ginza, dem Glitzer- und Einkaufsviertel der Metropole. Ein Blick auf die Preisschilder der noblen Shopping-Tempel zeigte aber schnell, dass das Preisniveau etwas über meinem Budget lag. In einem der Luxuskaufhäuser suchte ich nach der Abteilung für Herrenbekleidung. Da ich den Plan nicht lesen konnte, fuhr ich planlos  mit der Rolltreppe nach oben. Als im siebten Stock immer noch nichts von Klamotten zu sehen war, kehrte ich um.

Ich war in der Uhren- und Schmuck-Abteilung gelandet. Von anderen Kunden war nichts zu sehen. Auf den wenigen Metern zur Rolltreppe nach unten standen ca. zehn Verkäufer im edlen Anzug rechts und links neben den Auslagen Spalier und machten nacheinander den Diener als ich vorbeilief. Das Wort "unbehaglich" gibt nur annähernd wieder, wie ich mich dabei fühlte.

Kobe-Rindfleisch ist einfach göttlich

Am Abend ging es zusammen mit Sebastian Vettel, seinem Trainer, Force India-Teammanager Otmar Szafnauer, Kollege Michael Schmidt und Fotograf Daniel Reinhard in das Teppanyaki-Restaurant Monchere Tonton. Die Menüpreise lagen ebenfalls deutlich über meinem Budget. Aber wann bekommt man schon mal die Chance, original zubereitetes Kobe-Rindfleisch zu essen. Es war einfach göttlich.

Um ein Uhr nachts ging es zurück ins Hotel. Wir hatten uns aber schon für vier Uhr morgens wieder mit Szafnauer zum Besuch des berühmten Fischmarkts verabredet. Dazwischen fand ich allerdings keinen Schlaf. Ich wusste, dass Lotus in Korea mit einem neuen Auspuff kommen würde, hatte aber vereinbart es erst zu melden, wenn die offizielle Mitteilung draußen war. Auf dem Presseserver fand ich das erwartete Dokument. Eine Stunde später war die Story auf der Webseite.

Ohne eine Minute Schlaf traf ich mich mit Kollege Schmidt schließlich mitten in der Nacht in der Lobby. Mit dem Taxi ging es zum Fischmarkt. Die Sonne war längst noch nicht aufgegangen. Wir trafen auf Szafnauer, irrten aber zunächst planlos herum. Unser Ziel war eigentlich die große Thunfisch-Auktion. Dafür hätte man sich aber schon Stunden vorher Tickets reservieren müssen.

Skytree - Tokio liegt einem zu Füßen

Aber auch so war der Besuch ein beeindruckendes Erlebnis. So viele verschiedene Tiere aus dem Meer habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Mit welcher Präzision die riesigen Thunfische per Machete zerlegt werden, ist einfach nur beeindruckend. Nach einem Rundgang entschieden wir uns noch für einen Besuch in einer kleinen Sushi-Hütte. Um sechs Uhr morgens hatte ich eigentlich noch keine große Lust auf rohen Fisch. Aber wann bekommt man ihn jemals so frisch serviert.

Langsam ging auch die Sonne auf. Ich verabschiedete mich von meinen Kollegen und machte mich erneut per U-Bahn auf zum Skytree. Dort war kurz vor acht Uhr wieder viel los. Alle warteten darauf, dass die Kassen endlich öffneten. Ich stellte mich hinten an. Effizient wie immer wurden die Besucher auf die Aussichtsplattform gekarrt. Der Blick entschädigte für die Mühen. Tokio lag mir zu Füßen.

In der U-Bahn zurück ins Hotel machte ich dann das, was alle Japaner in der U-Bahn machen: Schlafen. In meinem Zimmer konnte ich das Nickerchen noch eine Stunde verlängern. Dann ging es auch schon wieder los. Narita-Express zum Flughafen. Korea wartete schon. Was mich dort erwartete lesen Sie in der nächsten Folge unseres Tagebuchs.

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