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F1-Tagebuch 2012 (Teil 16): Korea

Top-Teams mit Presse-Schikane

GP Tagebuch 2012 Korea Foto: xpb 28 Bilder

Im Formel 1-Tagebuch geben die auto motor und sport F1-Reporter einen persönlichen Blick hinter die Kulissen des Grand Prix-Sports und lassen die Saison 2012 noch einmal Revue passieren. Teil 16: GP von Korea.

18.12.2012 Tobias Grüner

Obwohl das Korea-Rennen schon zum dritten Mal ausgetragen wurde, war es mein erster Besuch im geteilten Land. Ich hatte viele chaotische Storys über den Grand Prix gehört und eigentlich geplant, Kollegin Bianca Leppert zum alleinigen Korea-Dauergast zu machen. Doch der eng gestaffelte Rennkalender 2012 mit dem Doppelschlag in Suzuka und Yeongam innerhalb einer Woche ließ mir keine andere Wahl.

Korea widerlegt alle Vorurteile

Zusammen mit Kollege Schmidt ging es von Tokio nach Seoul. Schon am Flughafen Incheon wurden alle meine Vorurteile über Korea widerlegt. Groß, hell, modern, kurze Wege, schnelle Abfertigung, unkomplizierte Einreise - da können sich einige andere Grand Prix-Stationen aber mal eine Scheibe abschneiden. Inklusive der deutschen Airports.

Nach einer Übernachtung im Flughafenhotel ging es in unserem Mietwagen - natürlich ein Hyundai - von Seoul nach Süden. Das Ziel Mokpo, eine Hafenstadt in der Region Yeongam, lag laut unserem Navi dreieinhalb Stunden entfernt. Viele Kollegen traten die Reise quer durchs Land per Zug an. Das kommt natürlich für auto motor und sport-Reporter nicht in Frage.

Ein neues Land muss wortwörtlich "erfahren" werden. Wie bewegt sich der Koreaner vorwärts? Wie sehen die Raststätten aus? Wie gut sind die lokalen Navis? Erneut wurden meine Vorurteile widerlegt: Der Koreaner unterscheidet sich beim Thema Auto kaum vom Deutschen. Die Navis sind etwas bunter und reden mehr. Die Raststätten sind etwas karger. Und statt VW, BMW und Mercedes bevölkern Hyundai, Kia und Sssanyong die Straßen.

Einchecken im Love-Hotel

Nur in Sachen Tempolimit kann Korea nicht mit uns mithalten. 130 km/h – mehr ist nicht drin. So kamen wir zwar nicht so schnell, aber dafür umso entspannter an unserem Hotel an. Viel hatte ich vorher von den besseren Jugendherbergen in Mokpo gehört. Die kleinen Love-Hotels der Hafenstadt werden normalerweise von jungen Pärchen gebucht, um sich näher kennenzulernen.

Im Gegensatz zu anderen Kollegen bekam ich beim Einchecken aber keine Kondome in die Hand gedrückt. Auch schummeriges Rotlicht suchte ich vergeblich. Nur die Familienpackung Bodylotion und Unmengen von Kleenex-Tüchern in allen Ecken des Zimmers erinnerten daran, das hier normalerweise keine Geschäftsreisenden zu Besuch sind. Und die Einrichtung erinnerte eher an mein Kinderzimmer als an ein Business-Zimmer.

So schlimm, wie mir immer gesagt wurde fand ich es gar nicht. Auch der Ort Mokpo ist bei weitem nicht so ein versifftes Fischerdorf, wie immer behauptet wird. Bei Tag zugegeben etwas trist. Dafür geht nach Sonnenuntergang dank Neon-Lichtern und Dauermusik aus den vielen Bars und Restaurants der Bär ab. Las Vegas für Arme dachte ich mir. Kein Ziel für meinen nächsten Urlaub, aber auch nicht so schlecht, dass ich gleich wieder abreisen will.

Keine Atmosphäre an der Strecke

Die Strecke draußen vor den Toren der Stadt gefiel mir da schon deutlich weniger. Schon am Mittwoch sahen wir uns auf dem Tielke-Retortenkurs um, der in die Wildnis an der Küste gepflanzt wurde. Stimmung Fehlanzeige. Ein riesiges Fahrerlager ohne Atmosphäre. Das lag aber auch daran, dass kaum ein Journalist vor Ort war. Die weite Reise nach Fernost war einigen Kollegen wohl doch zu anstrengend.

Wer aber denkt, dass die paar anwesenden Medienvertreter von den Teams hofiert wurden, der sah sich getäuscht. Da wir wegen der extremen Zeitverschiebung auf den Live-Ticker verzichteten, bin ich im ersten Freien Training in die Boxengasse gepilgert. Bewaffnet mit meiner Kamera suchte ich nach Technik-News. Vor allem der neue Auspuff am Lotus war interessant. Noch niemand hatte ein gutes Bild des Update veröffentlicht.

Keine Detailfotos bei McLaren und Red Bull

Als ich den ersehnten Schuss im Kasten hatte, wollte ich mich noch kurz bei Red Bull und McLaren umsehen. Doch irgendwie bin ich mit meiner Kamera bei den Top-Teams nicht so erwünscht. Bei Red Bull kam Chefmechaniker Kenny Handkammer auf mich zu. Meine ausgestreckte Hand schlug er weg. Mit vorgehaltenem Finger schimpfte er mich an: "Du machst hier viel zu viele Detailfotos. Hör damit auf!" Als ich ihm erklärte, dass ich Journalist bin und es mein Job ist, beschimpfte er mich als "Mercedes-Spion".

Ein McLaren-Kollege kam ebenfalls dazu und redete auf mich ein. Er schaute sich meinen FIA-Pass an und schickte mich weg. Ich wähnte mich im falschen Film. Da fliegt man für viel Geld um die halbe Welt und dann wird man auch noch dumm angemacht? Ich bat die Presseabteilungen der beiden Teams um Hilfe. Bei McLaren entschuldigte sich erst Sportdirektor Sam Michael für den Vorfall. Später kam dann auch der betreffende Mechaniker kleinlaut mit einem Handschlag.

Von Red Bull habe ich dagegen nie ein Wort gehört. Da muss man als technikinteressierter Journalist wohl auch weiter mit Schikane rechnen. In einem Sport, der eigentlich reines Marketing ist, lässt sich die Presseverhinderungsarbeit eigentlich nicht nachvollziehen.

Per Seilbahn auf den Seoul Tower

Ansonsten verlief das Wochenende ungewöhnlich ruhig. Auf der Piste machte Red Bull eine bessere Figur als neben der Strecke. Doppel-Pole und Doppel-Sieg. Nur bei der Gangnam-Style-Tanzübung zusammen mit Koreas Weltstar Psy kamen Sebastian Vettel und Mark Webber kurz aus dem Rhythmus. In allen Bars der Stadt war der gerade total angesagte Dance-Kracher zu hören. Auch in den Beiträgen der TV-Sender lief der Song ständig im Hintergrund.

Mein Highlight des Korea-Wochenendes folgte allerdings erst am Montag. Da mein Flieger gen Heimat erst spät in der Nacht das Land verließ, blieb noch genug Zeit für eine ausgiebige Erkundungstour durch Seoul. Die Mischung aus Luxus-Kaufhäusern, moderner Architektur und asiatischem Chaos muss man einfach mal gesehen haben.

Zum Schluss ging es noch auf den N-Seoul Tower. Der Fernsehturm ist zwar mit 236 Metern selbst nicht besonders hoch, er steht aber auf einem 250 Meter hohen Hügel mitten in der Stadt, der per Seilbahn erklommen wird. Von der Aussichtsplattform bietet sich ein faszinierender Blick auf die zweitgrößte Metropolregion der Erde. Ich werde wohl auch in Zukunft gerne mal wieder vorbeischauen.

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