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F1-Tagebuch 2012 (Teil 17): Indien

Bürokratie, Smog und heilige Kühe

GP Tagebuch 2012 Indien Foto: Reinhard 23 Bilder

Im Formel 1-Tagebuch geben die auto motor und sport F1-Reporter einen persönlichen Blick hinter die Kulissen des Grand Prix-Sports und lassen die Saison 2012 noch einmal Revue passieren. Teil 17: GP von Indien.

19.12.2012 Michael Schmidt

Wir sind jetzt schon zum zweiten Mal in Indien, und ich habe von dem Land außer dem Flughafen, dem Hotel, der Rennstrecke und den Verbindungswegen immer noch nichts gesehen. Selbst schuld, werden Sie sagen. Doch im Endspurt der Formel 1-WM ist leider nur ein Kurz-Trip ins Land der heiligen Kühe möglich. Die Arbeit daheim im Büro erledigt sich nicht von selbst. Deshalb gibt es auch diesmal Indien nur im Schnelldurchgang.

Räikkönen reist als Diplomat ein

Ich komme erst Mittwoch Mitternacht am Flughafen in Delhi an. Es beruhigt mich, dass es Kimi Räikkönen, Pedro de la Rosa und Red Bull-Testfahrer Sebastien Buemi genauso machen. Kimi reist erster Klasse. Mit seinen Jeans auf Halbmast, den ausgelatschten Turnschuhen, dem Rucksack und der Skimütze sieht er eher aus wie ein Austauschstudent als ein Firstclass-Passagier.

Firstclass ist sicher sein Bankkonto. Als einziger im Flugzeug genießt er den Luxus, dass ihn eine Inderin am Gate empfängt und zur Passkontrolle begleitet. Räikkönen steht an der Diplomatenspur an. Wir müssen uns bei den "ganz normalen" Menschen in die Schlange einreihen. Die ist gottseidank ziemlich klein. Nicht viel los um Mitternacht am Flughafen.

Sie glauben, Deutschland habe die Bürokratie erfunden? Dann waren Sie nie in Indien. Es geht schon los beim Beantragen des Jounalistenvisums. Ein dreiwöchiger Akt mit einem Papierkrieg ohne Ende. Das Dokument, das sie an die Botschaft schicken, füllt eine halben Leitz-Ordner. Was die bloß mit dem ganzen Papier machen?

Wenn man bedenkt, dass man dann vielleicht zwei Minuten am Einreiseschalter steht, war das Procedere davor ziemlich ineffizient. Am Flughafen werde ich schon von unserem Fahrer erwartet. Keine Angst, wir sind nicht übergeschnappt. Als Ausländer darf man in Indien nicht selbst fahren. Ist auch besser so.

Vorteile eines Chauffeurs

Nicht, dass ich mir nicht zutrauen würde, mich in dem Chaos zwischen klapprigen LKWs, Tuk-Tuks, überladenen Mopeds, Radfahrern, Fußgängern, streunenden Hunden, Kühen und Geisterfahrern zurechtzufinden. Wer Sao Paulo 25 Jahre lang überlebt hat, kommt auch in Indien klar. Manchmal sind keine Verkehrsregeln besser als zu viele. Hier gilt halt einfach das Recht des Stärkeren. Seine Fahrabsichten kündigt man mit der Hupe an.

Trotzdem balanciert man ständig an einer Grenze zum Unfall. Damit soll sich besser der Chauffeur herumschlagen, falls es mal soweit kommt. Keine Ahnung, ob bei kleineren Kratzern am Auto überhaupt die Polizei erscheint. Es ist wahrscheinlich unmöglich festzustellen, ob die nicht schon vorher da waren.

Ein echter Unfall könnte aber ziemlich zeitraubend sein. Ich möchte nicht wissen, wie viele Formulare bei einem Unfall ausgefüllt werden müssten. Zum Glück läuft das Visum erst im Januar ab. Außerdem muss man sich keine Gedanken über den Weg machen. Der Chauffeur kennt den Weg ins Hotel und von dort zur Rennstrecke. Dass das nicht immer so sein muss, erfahren wir erst bei der Abreise.

Grundsätzlich behält man seinen Fahrer das ganze Wochenende. Wir sitzen zu dritt in unserem Toyota. Kollegin Bianca Leppert und Roger Benoit vom Schweizer Blick sind auch noch mit dabei. Der Grand Prix-Veteran aus der Schweiz schaut unseren Chauffeur zu Beginn der Fahrt einmal kurz böse an. Damit weiß der, was in Zukunft gespielt wird. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind das oberste Gebot. Das erwartet unser Schweizer Freund vom gemeinen Inder. Wir haben Glück. Unser Mann ist ein Musterbeispiel an Verlässlichkeit.

Zwischen Bauruinen zur hochmodernen Rennstrecke

Es gibt in Indien zwei Welten. Die normale auf der Straße ist eher bedrückend. Rechts und links sieht es aus wie auf der Müllhalde oder einer Baustelle. Es scheint mehr Bauruinen als fertige Häuser zu geben. Irgendwem ist da wohl wieder mitten im Projekt das Geld ausgegangen.

Die andere Welt sind die Hotels und die Rennstrecke. Als wäre ein Ufo auf dem Mond gelandet. Alles, wie man es bei uns kennt. Dementsprechend sind die Hotelpreise. Man sagt, nirgendwo sei Übernachten so teuer wie in Indien. Die kleinen Baumängel an der Strecke wurden allesamt beseitigt. Stromversorgung und Internet funktionieren klaglos.

Ein Grand Prix wie jeder andere möchte man sagen. Nur der Smog macht alle fertig. Es herrscht eine Sicht wie bei uns mitten im November. Selbst am Sonntag, wenn die Lastwagen nicht fahren dürfen und die Fabriken dicht bleiben.

Ach ja, der Chef hat Geburtstag. Bernie Ecclestone wird schlanke 82 Jahre alt. Er hasst Geburtstagsfeiern, doch so weit reicht die Macht dann doch nicht, dass er eine kleine Stehparty bei Caterer Karlheinz Zimmermann verhindern könnte. Die Teamchefs erscheinen zu einem Glas Champagner.

Im Eiltempo zum Flughafen - soweit der Plan

Später kommt Bernie an einen Tisch, wo ich mit Niki Lauda und Stefano Domenicali sitze. Der Formel 1-Boss beginnt ganz ungeniert über die letzten Streitpunkte beim Concorde Abkommen zu reden. Auf die Frage, ob ich gehen soll, hält er mich fest. "Ach was, die Formel 1 ist doch total transparent geworden." Es wird ein bisschen gelästert, über dieses und jenes, und man bekommt einen kleinen Eindruck davon wie Formel 1-Sitzungen so laufen. Details werden natürlich nicht verraten.

Am Sonntagabend haben es Kollegin Leppert, Fotograf Daniel Reinhard und ich eilig. Um zehn Uhr abends Ortszeit müssen wir mit unserer Arbeit fertig sein. Der überlegene Vettel-Sieg beschleunigt das Schreiben. Der Hintergrund ist schon vorbereitet, und das Rennen verläuft mit einer Einstopptaktik für alle Beteiligten so übersichtlich, dass man kein Einstein sein muss, um es richtig zu lesen.

Bianca muss auf den Flieger nach Abu Dhabi, Dani Reinhard und ich auf die Maschine zurück nach Zürich. Für den Transport bekommen wir einen neuen Fahrer. Einen lustigen Inder mit Turban und Rauschebart. Leider merken wir erst bei der Abfahrt, dass er halb blind ist. Hindernisse erkennt er erst, wenn sie vor seiner Nase auftauchen. Den Weg nach Delhi kennt er auch nicht. Wir fragen uns, wie er überhaupt an die Rennstrecke gefunden hat.

Wir lotsen ihn auf die Autobahn und von dort an den Stadtrand von Delhi. Auf dem unbeleuchteten Teil der Autobahn ist er so unsicher, dass er stur mit 60 km/h einem Lastwagen folgt. Der ist quasi sein Blindenhund. Erst als die Straße beleuchtet ist, wird er mutiger. Er ist aber kein Meister des Spurwechsels. Ziemlich zittrig tastet er sich von einer Fahrspur zur nächsten und erntet dafür meistens ein wütendes Hupkonzert.

Bekannte Gesichter beim Rückflug

Als wir den Distrikt Noida verlassen, hellt sich die angespannte Miene unseres Fahrers schlagartig auf. "Welcome to Delhi", meint er sichtlich erleichtert. Wir interpretieren das als Zeichen, dass er ab jetzt den Weg kennt.

Wir kommen tatsächlich nach 90 Minuten Fahrt am Flughafen an. Dort trennen sich unsere Wege. Bianca darf bis zum nächsten Grand Prix drei Tage in der Hitze Abu Dhabis braten. Wir erfahren, dass in Zürich und Stuttgart Schnee liegt. Was für ein Kontrastprogramm.

Übrigens die Herren an Bord der Swiss sind wieder die gleichen wie beim Hinflug. Ich sehe Räikkönen, de la Rosa und Buemi. Daraus schließe ich: Sie mögen weder Indien noch Abu Dhabi. Sonst würden sie nicht freiwillig ein Mal acht und ein Mal sechs Stunden im Flugzeug verbringen. Wenn ich ehrlich bin: Mir geht es genauso.

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