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F1-Tagebuch 2012 (Teil 18): Abu Dhabi

Ein Ölstaat ohne Tankstellen

GP Tagebuch 2012 Abu Dhabi Foto: Leppert 21 Bilder

Im Formel 1-Tagebuch geben die auto motor und sport F1-Reporter einen persönlichen Blick hinter die Kulissen des Grand Prix-Sports und lassen die Saison 2012 noch einmal Revue passieren. Teil 18: GP von Abu Dhabi.

20.12.2012 Michael Schmidt

Ich gebe es offen zu: Auch Abu Dhabi zählt zu meinen Hass-Grand Prix. Ich kann mit dieser bombastischen Retortenstrecke nichts anfangen. Von Wegen Monte Carlo des Nahen Ostens. Ein Yachthafen und ein futuristsches Hotel machen nicht 58 Jahre GP-Geschichte wett. Abu Dhabi fehlt einfach jegliche Atmosphäre. Nur die Nachtstimmung bringt noch etwas Leben in die triste Wüstenlandschaft.

Geld scheint keine Rolle zu spielen

Die ganze Anlage ist nicht von dieser Welt. So als hätten sich die Scheichs mit ihren Petro-Dollars ein schönes Spielzeug gekauft. Und gleich daneben mit Ferrari World, Achterbahn und Vergnügungspark das nächste. Den Begriff "normal" gibt es in dieser Gegend nicht. Im Rahmen des Grand Prix findet nicht ein Konzert statt, sondern an jedem Tag eines. Und das nicht mit C-Promis aus der RTL-TV-Welt, sondern mit Kylie Minogue oder Eminem.

Kollege Roger Benoit findet auf der Straße eine 500-Dirham Note. Das sind 100 Euro. Bei uns verliert man vielleicht mal ein Zehn-Cent-Stück. Wir gehen davon aus, dass 500 Dirham dem Scheich so vorkommen wie uns zehn Cent.

Obwohl das kleine Emirat dank seines unermesslichen Ölvorkommens das Geld praktisch selbst druckt, sind sie ganz schöne Abzocker. Die Hotelpreise bewegen sich jenseits von Gut und Böse. Wir reden hier nicht von Fünfsterne-Hotels. Die sieben Hotels im Einzugsbereich der Rennstrecke haben drei und vier Sterne. Sie berechnen die Nacht aber mit 400 Euro aufwärts, fünf Nächte Minimum.

Ist diese Abzocke notwendig?

Leider spielen immer noch genügend Teams und Sponsoren das Spiel mit und zahlen praktisch jeden Preis. Wenn man bedenkt, dass acht von zwölf Teams das Wasser bis zum Hals steht, dann erinnert das an die letzte Nacht auf der Titanic. Noch schnell mal die Sau rauslassen, bevor es zu spät ist.

Unser Fotograf Daniel Reinhard hat bei der Ausreise aus dem Emirat ein unangenehmes Erlebnis. Der Zoll knöpft ihm 75 Euro ab, obwohl es gar nichts zu verzollen gibt. Fotografen müssen lange Listen mit all ihren Ausrüstungsgegenständen einreichen. Am Ende wird nachgeschaut, ob alle Gehäuse und Objektive, die eingeführt wurden, auch wieder das Land verlassen. Das ist bei Reinhard auch der Fall. Trotzdem will die Behörde eine Bearbeitungsgebühr.

Wo gibt es denn so etwas? Die Fotografen machen mit ihren Bildern Werbung für die Veranstaltung und das Land und werden dafür auch noch abkassiert. So kommt Abu Dhabi aber mal ganz schnell nach ganz oben auf die schwarze Liste. Muss man sich so etwas antun? Eigentlich nicht.

Auf der Suche nach einer Tankstelle

Weil die Hotels rund um die Rennstrecke so unverschämt teuer sind, wohnen wir in der Stadt. Zur Strecke sind es dann 25 Minuten Fahrtzeit auf der Autobahn. Beim Autofahren muss man aufpassen. Kollege Tobias Grüner und ich hatten 2011 den ultimativen Horrortrip, als uns ein Taxifahrer an einer roten Ampel von hinten aufs Auto gefahren ist. Einfach so. Die Ampel war schon gute 20 Sekunden rot. Bis die Polizei den Unfall aufgenommen hatte, vergingen vier Stunden. Man sollte den Taxifahrer einsperren dafür, dass er uns vier Stunden Lebenszeit geklaut hat.

Diesmal habe ich bei jedem Stopp immer zuerst in den Rückspiegel geschaut, ob nicht so ein Träumer das Bremsen vergisst. Notfalls wäre ich in die Kreuzung geflüchtet. Die Unfallrate in den Emiraten ist extrem hoch. Angeblich, weil die Fahrer mehr mit ihrem Handy beschäftigt sind als mit dem Fahren.

Noch so ein Kuriosum: Suchen Sie mal eine Tankstelle in Abu Dhabi. Man sollte meinen, die gibt es an jeder Ecke in einem Land, in dem das Öl nur so aus dem Boden sprudelt. Man bekommt aber leichter ein Glas Bier als einen Liter Super, und das in einem streng islamischen Land. Nach drei Tagen haben wir endlich eine Zapfsäule gefunden. Der Benzinpreis versöhnt uns mit allen Ärgernissen. Acht Euro für einmal Volltanken. So muss es sein.

Mit Schumacher im Auto zur Rennstrecke

Mein erster Programmpunkt ist ein Interview mit Michael Schumacher. Wir treffen uns bei ihm im Hotel. Er schlägt vor, auf der Fahrt zur Rennstrecke zu reden. Da haben wir mehr Ruhe. So haben wir es schon beim letzten Mal in Budapest gemacht. Damals von der Rennstrecke zum Hotel.

Michael hat sich etwas verspätet. Er kommt mit Timo Glock aus Dubai. Das Navigationsgerät ist ausgefallen. Deshalb verfransen sie sich etwas bei der Anfahrt zum Shangri Lá-Hotel. Egal. Alle Taschen werden in Schumis ML-Klasse Mercedes umgeladen, und ab geht es zur Rennstrecke.

Der Rekordsieger ist gut drauf. Irgendwie hat er trotz der sportlichen Enttäuschungen bei den letzten Rennen mit der Sache abgeschlossen. Er will die letzten drei Grand Prix seiner Karriere einfach nur noch Spaß an der Sache haben. Den hat er sich auch verdient.

Viereinhalb Stunden Nachspiel zur Qualifikation

Der erste Tag des Wochenendes endet mit einer Einladung: Kollege Mathias Brunner von Speedweek feiert seinen 400. Grand Prix mit einem Abendessen. Daniel Reinhard und ich können schon mal Anschauungsunterricht nehmen. Uns blüht das gleiche beim GP Brasilien. Dann sind wir die Gastgeber. Fotograf Reinhard wird beim GP Abu Dhabi 500 Grand Prix alt, ich zwei Wochen später in den USA. Bernie Ecclestone will es gar nicht glauben. "So viele? Unmöglich."

Am Samstag wird unsere Geduld wieder auf die Probe gestellt. Viereinhalb Stunden warten wir auf eine Entscheidung im Fall Vettel. Red Bull hat seinen Fahrer 400 Meter vor der Boxeneinfahrt durch einen Funkbefehl gestoppt, weil das Benzin im Tank zur Neige geht. Ganz ehrlich, mit der Bestrafung war zu rechnen. Ich habe meine Internet-Story zu dem Ergebnis gleich so vorbereitet, dass Vettel alle Rundenzeiten gestrichen werden.

Vor der Rennleitung warten die TV-Crews darauf, dass etwas passiert. Ich treffe Charlie Whiting irgendwo im Fahrerlager. Zwischen den Zeilen erfahre ich, dass es nicht so gut aussieht für Red Bull. Renault liefert nur fadenscheinige Erklärungen darüber ab, warum der Motor Schaden hätte nehmen können. Fernando Alonso setzt sich demonstrativ in den Vorgarten des Ferrari-Pavillons, um vor Ort aus erster Hand die Entscheidung zu erfahren. Als Vettel strafversetzt wird, soll ein Lächeln über Alonsos Gesicht gehuscht sein.

Um 23 Uhr Ortszeit ist es soweit. Die Sportkommissare teilen Christian Horner mit, was sie eine halbe Stunde vorher beschlossen haben. Man muss nur in Horners Gesicht schauen, um das Ergebnis zu kennen. Wie drei Tage Regenwetter. Vettel flüchtet von einer Traube TV-Journalisten verfolgt durch den Hintereingang. Was soll er auch sagen?

Horner schiebt alle Schuld auf Renault und vermutet, dass irgendwo im Tank noch Sprit versteckt ist. Selbst wenn es so wäre, es hätte ihm nichts geholfen. Es zählt nur der Sprit, der aus dem stehenden Auto abgesaugt werden kann. Der Tank darf dabei nicht ausgebaut werden. Der späte Entscheid hat Auswirkung auf unsere Essensplanung. Um halb eins sind wir im Hotel. Da haben in Abu Dhabi nur noch die Fast Food-Ketten auf. Das heißt Pizza bei Pizza Hut.

Wegen Eminem fast den Flug verpasst

Am Sonntagmorgen haben sich die Gemüter immer noch nicht beruhigt. Vettel spricht von einer harten, Ferrari von einer gerechten Strafe. Hat jemand etwas anderes erwartet? McLaren echauffiert sich, dass die Kommissare Red Bull höhere Gewalt haben durchgehen lassen. "Da waren sie bei uns strenger. Da hieß es, höhere Gewalt sei ein Unfall, ein Motorschaden oder ein Hydraulikdefekt. Vettel hat genauso freiwillig gestoppt wie Hamilton in Barcelona."
 
Adrian Newey erklärt mir zudem, warum Red Bull keinen neunten Motor eingebaut hat. Die Strafe dafür hätte man locker verschmerzen können. Noch weiter hinten als ganz hinten geht nicht. "Der neunte Motor ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht das beste Exemplar im Angebot." Als ich Pedro de la Rosa die Geschichte erzähle, weiß er sofort Bescheid: "Ich musste bei Sauber auch mal einen neunten Motor einbauen lassen. Schon als ich aus der Box raus bin, merke ich, dass der keine Power hat. Das neunte Triebwerk ist immer das schlechteste." Quasi ein Montagsmotor.
 
Der Grand Prix versöhnt dann mit allen Unannehmlichkeiten. Was für ein Rennen! Leider drängt bei mir die Zeit. Wie in Indien will ich noch in der gleichen Nacht nach Hause flüchten. Bis um 23.15 Uhr Ortszeit müssen alle Geschichten im Kasten sein. Dann ab zum Flughafen. Eigentlich sind es bis dahin nur zehn Minuten, doch als ich die Rennstrecke verlasse, erlebe ich ein blaues Wunder. Stau, wohin man schaut. Das Konzert von Eminem ist gerade fertig. Die Araber bewegen sich wild hupend im Schritttempo vorwärts. Ihre Reaktionszeit an der Ampel ist nicht berühmt. Da war Mark Webbers Start am Nachmittag eine Rakete.

Ich muss ein paar Mal auf den Pannenstreifen ausweichen, damit ich noch rechtzeitg zum Flughafen komme. Dort dann die nächste böse Überraschung. Ich stehe bei der Ausreise eine halbe Stunde in der Schlange. Anstatt froh zu sein, dass wir wieder abhauen, prüfen sie jeden Reisepass doppelt und dreifach. Der Flieger nach Frankfurt startet trotzdem mit mir. Kollegin Bianca Leppert schlägt sich noch die Nacht bis drei Uhr morgens im Pressezentrum um die Ohren. Sie fliegt (flieht) erst am nächsten Morgen um neun Uhr. Sollte ich mir für 2013 vielleicht auch überlegen.

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