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F1-Tagebuch 2012 (Teil 4): Bahrain

Reifenwechsel im Kriegsgebiet

GP Tagebuch 2012 Bahrain Foto: dpa 31 Bilder

Im Formel 1-Tagebuch geben die auto motor und sport F1-Reporter einen persönlichen Blick hinter die Kulissen des Grand Prix-Sports und lassen die Saison 2012 noch einmal Revue passieren. Teil 4: GP Bahrain.

06.12.2012 Michael Schmidt

Es ist das Rennen, von dem keiner weiß, ob es je stattfinden wird. Ungefähr 95 Prozent im GP-Zirkus hoffen, dass es nie stattfinden möge. Diese Unsicherheit bestimmt auch unsere Reiseplanung. Der Logik nach müssten wir von Shanghai gleich direkt nach Bahrain weiterfliegen. Sind ja nur sieben Tage zwischen den beiden Rennen. Und keiner sitzt freiwillig extra Stunden im Flugzeug ab.

Diesmal ist es anders. Was tun, wenn der GP Bahrain in letzter Minute doch abgesagt wird? Dann können wir alles zu hohen Kosten umbuchen. Um dem Verlag einen Gefallen zu tun und auf der sicheren Seite zu bleiben, fliegen wir zwischendrin wieder heim. Was den Vorteil hat, dass wir weder in Shanghai noch in Manama überflüssige Zeit verbringen müssen. Mich zieht es in keine dieser Städte.

Englische Journalisten verbreiten Horrorgeschichten

Also Montag früh zurück von Shanghai nach Zürich, einen Tag Redaktion, und Mittwoch mittag von Frankfurt nach Manama. Im Flieger sitzt Karl Wendlinger neben mir. Er hilft beim ORF als Experte aus. Alexander Wurz muss für Toyota das Le Mans-Auto testen. Wir unterhalten uns darüber, was uns in Bahrain wohl erwarten würde.

Dem Grand Prix gehen die reinsten Horrorgeschichten voraus. Von täglichen Demonstrationen mit Molotov-Cocktails ist die Rede, von Entführungen, von Terroranschlägen. Besonders die englischen Journalisten heizen die Krisenstimmung an. Einige von ihnen sind schon am Montag vor dem Rennen in der Stadt. Ihre Geschichten lesen sich wie Kriegsberichterstattung.

Es sind die gleichen, die in Sao Paulo aus Angst vor Schießereien am liebsten unterirdisch vom Hotel zur Rennstrecke reisen würden. Ausgerechnet die Engländer! Früher haben die keinen Krieg ausgelassen. Sind sogar auf die Falkland-Inseln gefahren, um sie von den Argentiniern zu befreien.

Scheinbare Normalität in der Krisenhaupstadt

Als wir am Flughafen ankommen, erwartet jeden von uns ein freundlicher Araber mit unserem Namensschild. Wir werden vom Flugzeug über die Passkontrolle bis zum Gepäckband eskortiert. Alles geht reibungslos und in Rekordgeschwindigkeit. Schnell wird klar, wozu der Aufwand gut ist. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass Normalität herrscht.

Als Kollegin Bianca Leppert und ich unseren Mietwagen in Empfang nehmen, zeigt uns der Angestellte stolz das Ersatzrad im Kofferraum. Immerhin, es ist ein vollwertiges Rad, nicht so ein Notbehelf. Wir werden es zwölf Stunden später noch zu schätzen wissen.

Der Eifer des Mietwagen-Fritzen macht mich stutzig. Ich erinnere mich an Rio 1987. Mein erster  Brasilien-Grand Prix. Auch da erklärt mir der Mann von Hertz zuerst, wo im Auto der Ersatzreifen und das Werkzeug zu finden sind. Zehn Kilometer hinter dem Flughafen hatte ich eine Reifenpanne. Mitten in der Montagmorgen-Rushhour von Rio de Janeiro.

Zurück zu Bahrain. Nichts Verdächtiges auf dem Weg zum Hotel. Dort schauen wir uns im Pub noch die zweite Halbzeit des Champions League-Halbfinales Chelsea gegen Barcelona an. Der Raum ist voller Engländer. Die sind happy, weil Chelsea gewinnt. Am nächsten Tag treten wir die erste Reise zur Rennstrecke an. Kollege Roger Benoit erzählt, dass unsere gewohnte Route über die Halbinsel Sitra gesperrt sei. Sitra gilt als Hochburg der Rebellen. Die Information erweist sich als Irrtum. Doppelt dumm für uns. Wir fahren einen anderen Weg und verfransen uns.

Bekanntschaft mit hilfsbereiten Einheimischen

Als wir endlich auf unserer Straße sind, fühlt sich am Ausgang eines Kreisverkehrs die Lenkung so komisch an. Ein paar Meter weiter merke ich: Links vorne ist der Reifen platt. Zum Glück weiß ich ja, wo der Ersatzreifen ist. Das mit dem Werkzeug ist schon schwieriger. Kollegin Bianca erinnert sich zum Glück, weil sie mal einen Toyota gefahren ist.

Wir knien gerade auf dem staubigen Randstreifen, da hält der erste Einheimische an und will helfen. Wir lehnen dankend ab. Kaum ist der weg, kommt der nächste. Der fackelt nicht lange und besteht darauf, den Reifen selbst zu wechseln. Er will sich dabei nicht mal von uns assistieren lassen. Nach fünf Minuten ist das neue Rad drauf. So fix, wie der ist, muss er im Hauptberuf Mechaniker sein.

Wir wollen ihm zehn Dinar, umgerechnet 25 Euro, zustecken, doch der Mann lehnt ab. Also weiter. Kurz vor der Strecke tanken wir noch voll. Macht knapp vier Euro. Marke Mumtaz, beste Qualität. Was für ein Paradies. 40 Liter Wasser kosten dagegen ein Vermögen.

Hysterie im Fahrerlager

An der Rennstrecke hat sich nichts verändert. Außer dass der Ort einer Geisterstadt ähnelt. Nur die Zirkusmenschen wieseln herum. Aber wir leben ja sowieso in unserer eigenen Welt. Die Engländer verbreiten weiter Panik. Geschichten, dass alles normal verläuft, wollen sie nicht hören. Sie suchen Geschichten, in denen es kracht. Und werden fündig.

Vier Force India-Mechaniker geraten auf dem Heimweg auf der Autobahn in ein Scharmützel zwischen Polizei und Aufständischen. Force India will am Freitag abreisen. Bernie Ecclestone redet es ihnen aus. Weil auch noch Bilder von einer Großdemonstration vor dem Sheraton-Hotel über die TV-Bildschirme flimmern, erreicht die Stimmung im Fahrerlager den Zustand der Hysterie.

Einige Kollegen wagen sich abends nicht mehr aus dem Hotel. Reporter ohne Grenzen warnt angeblich, dass Bahrain für Journalisten der gefährlichste Ort direkt hinter Afghanistan sei. Ich fasse es nicht. Was sollen sich da die Kriegsberichterstatter in Afghanistan, Irak oder Somalia denken. Gegen deren Arbeitsbedingungen ist der Aufenthalt in Bahrain eine Wellness-Kur.

Relaxte Kontrollen am Streckeneingang?

Wer sich im Fahrerlager umhört, glaubt dass außerhalb der Strecke Krieg herrscht. Wir kriegen nichts davon mit. Und fahren jeden Morgen und Abend mitten durch das angebliche Krisengebiet rund um Sitra. Unsere alte Route hat uns wieder. Und wir schrecken auch nicht vor Restaurantbesuchen in der nahegelegenen Fußgängerzone rund um unser Hotel zurück. Man muss diesmal nirgendwo reservieren.

Sebastian Vettel erzählt mir am Samstagabend bei einem Plausch vor dem Red Bull-Pavillon: "Daheim haben sie mehr Angst als wir hier vor Ort. Die glauben das, was im Fernsehen gezeigt wird. Mein Vater hat mir empfohlen, nie ohne Reisepass das Hotel zu verlassen. Damit ich gleich abhauen kann, wenn es ernst wird."

Polizei und Militär halten sich dezent zurück. 8.000 sollen es sein. Die meisten tarnen sich wohl in Zivilklamotten. Die Kontrollen an der Strecke sind erstaunlich relaxt. Wie am Flughafen vor dem Sicherheitsbereich. Getränke müssen draußen bleiben. Kugelschreiber auch. Zum Glück hat heute jeder Laptops. Wir fragen uns trotzdem, ob das alles ist. Natürlich nicht.

Erst am Sonntag erfahren wir, wie die Bahrainis sich vor einem Anschlag schützen. Unser brasilianischer Kollege Livio fährt zufällig mit einem Zuschauerbus an die Strecke. Er wundert sich, dass der Bus drei Kilometer vor der Strecke in die Wüste abbiegt und abseits aller Augenzeugen stehenbleibt. Dort werden das Fahrzeug und seine Insassen auf Herz und Nieren untersucht. Nach einer Stunde geht es weiter. Der Bus darf bis zu Strecke fahren.

Formel 1 unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Von außen hat man den Eindruck, als hätte es nie Kontrollen gegeben. Wie erwartet tun sich nur wenige Zuschauer die Prozedur an. Wenn am Sonntag 15.000 Besucher gekommen sind, war das eine optimistische Schätzung. Eine Woche später zum GP2-Rennen haben sie gar keine Leute an die Strecke gelassen. Es sind die ersten Rennen in der Motorsportgeschichte unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
 
Das Bahrain-Wochenende endet am Montag am Hotel-Pool so wie es begonnen hat. Völlig entspannt. Wir haben keinen einzigen Demonstranten gesehen und auch keinen Schuss gehört. Kollege Roger Benoit spricht das Schlusswort: "So ruhig war es noch nie." Trotzdem hat sich die Reise nach Bahrain nicht gelohnt. Der Formel 1-Zirkus ist wieder mal ohne Not in eine Falle getappt und hat seinen Kritikern eine willkommene Angriffsfläche geboten.

Jean Todt erzählt mir, dass man sich von der Politik nicht missbrauchen lassen darf. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Ich sage ihm, dass es in dem Fall besser gewesen wäre, wenn wir alle daheimgeblieben wären. Dann hätte sich auch keiner rechtfertigen müssen.

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