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F1-Tagebuch 2012 (Teil 7): Kanada

Business-Class und Studentenproteste

GP Tagebuch 2012 Kanada Foto: Wilhelm 19 Bilder

Im Formel 1-Tagebuch geben die auto motor und sport F1-Reporter einen persönlichen Blick hinter die Kulissen des Grand Prix-Sports und lassen die Saison 2012 noch einmal Revue passieren. Teil 7: GP von Kanada.

09.12.2012 Tobias Grüner

Das Kanada-Wochenende begann für mich schon auf der Anreise mit einer Überraschung. Beim Einchecken in Stuttgart wurde mir mitgeteilt, dass es meinen gewünschten Fensterplatz auf der Maschine in Richtung Montreal nicht mehr gibt. Was man mir nicht mitteilte war, dass ich stattdessen in die Business-Class upgegradet wurde. Und so stand ich in Zürich etwas irritiert vor dem Platz, den meine Bordkarte ausgewiesen hatte.

Shuttle-Service über den Sankt Lorenz-Strom

Mit einem Augenzwinkern versicherte mir die freundliche Stewardess dann aber, dass ich mich einfach hinsetzen und den Service genießen soll. Ich durfte vorher noch nie in der Luft mit Tischdecke speisen oder komplett in der Horizontalen liegen. Daran könnte man sich glatt gewöhnen. Nachdem mich die Swiss zu Saisonbeginn wegen eines technischen Defekts auf einen Acht-Stunden-Flug mit drei Mal Umsteigen nach Malaga geschickt hatte, war mein Ärger über die Schweizer im wahrsten Sinne des Wortes wie verflogen.

In Montreal begann dann schnell wieder Business as usual. Die Rennstrecke liegt auf einer Insel mitten im Sankt Lorenz-Strom. Von den Hotels in Downtown geht es nur mit dem eigenen Auto oder per Shuttle über das Wasser. Da man von den Parkplätzen rund um das Regattabecken kilometerweit laufen muss, entscheide ich mich mit Kollege Michael Schmidt traditionell für die Shuttle-Variante. Die Busse setzen einen zwar direkt vor dem Fahrerlager ab. Dafür fahren sie erst vier Blocks entfernt von unserem Hotel los.

Mit Schumi und Rosberg im Fußball-Fieber

Im Jahr zuvor sorgte ein Jahrhundert-Unwetter noch für das längste Rennen aller Zeiten. In diesem Jahr lief alles etwas geordneter ab. Das große Thema im Fahrerlager war die Fußball-Europameisterschaft. Natürlich kam das Auftaktspiel der deutschen Mannschaft wieder einmal genau zur falschen Zeit - direkt im Anschluss an das Qualifying.

Und so ging es zwischen den Presserunden immer wieder auf die Suche nach Fernsehern, auf denen die Partie gegen Portugal gezeigt wurde. Vor dem Mercedes-Pavillon hatte sich eine kleine Fangruppe versammelt - inklusive Schumi und Rosberg. Dummerweise zeigte der Flatscreen zwar ein Bild des Spiels, aber keinen Ton. Erst zur Halbzeit gab es endlich einen deutschen Kommentar. Beim Tor von Gomez in der 78. Minute war der Ärger aber schnell wieder vergessen.

Studentenproteste sorgen für Chaos auf den Straßen

Das zweite große Thema der Woche waren die Studentenproteste. Jeden Abend zogen wilde Horden mit Trommeln, Tröten und Trillerpfeifen durch die Straßen von Downtown, um ihrem Ärger über zu hohe Studiengebühren Luft zu machen. Wir sicherten uns in den Restaurants immer Fensterplätze, um einen guten Blick auf das spektakuläre Geschehen vor der Tür zu haben.

Manche der Demonstranten trugen nichts am Leib außer Schuhen und einem Plakat. Das hielt die martialisch ausgerüsteten Polizei-Einsatzkräfte aber nicht davon ab, die Halbnackten quer durch die Straßen zu jagen. Ab und zu flogen Böller und Raketen, gefolgt von lautem Jubel. Wir fanden das ganze Schauspiel aus sicherer Position relativ unterhaltsam. Die Autofahrer waren weniger begeistert. Überall bildeten sich lange Staus vor den Polizeiketten.

Nach einem kurzen Streit um die illegale Bremsbelüftung am Red Bull sah es sportlich eher langweilig aus. Sebastian Vettel hatte sich mit drei Zehnteln Vorsprung die Pole Position gesichert. Doch am Sonntag kam alles anders. In der Reifenlotterie zogen einige Piloten eine Niete. Vettel fiel früh hinter Hamilton und Alonso zurück. In der 50. Runde schien es, als hätten sich die Positionen gefestigt.

Reifenchaos sorgt für Spannung im Rennen

Doch dann wurde Hamilton plötzlich zum zweiten Stopp an die Box gerufen. Vettel und Alonso blieben draußen. Beide bezahlten dafür. Die Reifen hielten nicht durch. Schnell waren beide wieder von Hamilton eingeholt. In der dramatischen Schlussphase gingen auch noch Grosjean und Perez vorbei, die es irgendwie geschafft hatten, ihre Reifen am Leben zu halten. Alonso konnte sich gerade noch vier Zehntel vor Rosberg auf Rang vier ins Ziel schleppen. Die Fans auf den Tribünen waren nach dem Krimi-Finale begeistert.
 
Ich kann mich noch gut an meine Frage an Alonso nach dem Rennen erinnern, wie Ferrari solch ein Fehler in der Strategie passieren konnte. Der Spanier versuchte mir daraufhin ausschweifend zu erklären, dass es alles eigentlich gar kein Fehler war und man ja nicht vorhersehen konnte, wann die Reifen einbrechen. McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh konterte: "Wir wussten gleich, dass unsere Daten stimmen und dass ihre Rechnung nicht aufgehen wird."
 
In der WM-Tabelle rückten Hamilton, Alonso und Vettel auf drei Punkte zusammen. Auf dem Heimflug konnte ich das nächste Rennen dieser Knaller-Saison kaum erwarten. Leider saß ich dabei wieder im hinteren Teil des Flugzeugs.

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