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F1 Tagebuch GP Belgien 2014

Jetzt ist Krieg!

Formel 1-Tagebuch - GP Belgien 2014 Foto: xpb 32 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2014. Im zwölften Teil blickt Tobias Grüner hinter die Kulissen vom GP Belgien.

15.12.2014 Tobias Grüner

Mit der Fahrt nach Belgien ist die vierwöchige Sommerpause endlich beendet. Nach dem Rennen in Hockenheim ist der Trip nach Spa-Francorchamps der Kürzeste im ganzen Kalender. Aus unserem Testwagen-Fuhrpark haben wir einen Hyundai Santa Fe für die knapp 4-stündige Reise bekommen. Der Korea-SUV hat genügend Platz und ist komfortabel. Es gibt aber zugegeben sportlichere Autos.

Elektro-Red Bull sorgt für staunende Blicke

Wie immer versuchen wir schon am Mittwoch erste Eindrücke und Informationen im Fahrerlager zu sammeln. Beim ersten Gang durch die Boxengasse ertönt plötzlich ein nerviges Piepsen aus Richtung der Red Bull-Box. Zuerst denke ich an einen rangierenden Gabelstapler – davon ist aber weit und breit keiner zu sehen. Beim Vettel-Team werden stattdessen Boxenstopps geübt.

Ich schaue mir den Reifenwechsel etwas genauer an und traue meinen Augen nicht: Nachdem alle 4 Räder getauscht sind, rollt der alte RB9 plötzlich von alleine zurück - bis auf das nervige Piepsen völlig geräuschlos. Chefmechaniker Kenny Handkammer grinst mir entgegen: "Das ist die neue Formel E - alles rein elektrisch." Einen zum Boxenstopp-Dummy umgebauten Formel 1-Renner hatte ich noch nie gesehen. Auch FIA-Technik-Kontrolleur Jo Bauer sieht sich das Schauspiel fasziniert an.

Am Donnerstag geht es mit ungewöhnlichen Gefährten weiter. Ferrari-Sponsor Shell hat einige ausgefallene Spritspar-Prototypen in der La Source-Haarnadel ausgestellt. Die flachen Renner sind von Studenten entwickelt und gebaut worden. Sie treten normalerweise bei Effizienz-Rennen an. Jetzt dürfen sich Fernando Alonso und Kimi Räikkönen in die kleinen Cockpits zwängen und ein paar Proberunden auf der Zielgeraden drehen.

Nach einem missglückten Wendemanöver rumpelt Alonso durch die Wiese und nimmt beinahe eine Handvoll Fotografen mit. Die kurze Probefahrt zeigt: Rennfahrer können nicht langsam. Beim Anblick der Shell-Logos kommt mir unweigerlich wieder die spektakuläre Greenpeace-Aktion aus dem Vorjahr in Erinnerung. Die Umweltschützer hatten das Rennen 2013 mit einem Protestbanner gegen Ölbohrungen in der Arktis gestört. In diesem Jahr ist von den Öko-Aktivisten jedoch nichts zu sehen.

Eiswasser kommt kübelweise

Statt Umweltschutz steht 2014 die Nervenkrankheit ALS im Mittelpunkt des Intresses. Die Ice-Bucket-Challenge, mit der Spenden für die Erforschung und Bekämpfung der Krankheit gesammelt werden, ist im Fahrerlager angekommen. Nacheinander lässt sich ein Fahrer nach dem anderen einen Kübel mit Eiswürfel-Wasser über dem Kopf ausleeren. In vielen Fällen geht es wohl mehr um Selbstdarstellung als um den guten Zweck. Die Fotografen freuen sich über ungewöhnliche Bilder.

Kaltes Wasser von oben gibt es am Samstag auch ganz ohne Eimer. Es regnet pünktlich zum Qualifying. Zum Glück feiert mein Kollege Roger Benoit vom Schweizer Blick das 666. Grand Prix-Rennen in seiner langen Reporter-Karriere. Für gute Freunde gibt es ein trockenes Erinnerungs-T-Shirt.

Ganz so viele Grand Prix kann Max Verstappen noch nicht vorweisen. Der Holländer wurde erst wenige Tage zuvor von Toro Rosso als neuer Stammfahrer für 2015 vorgestellt. In Spa besucht der 16-Jährige zusammen mit Vater Jos das Fahrerlager und stellte sich erstmals den Fragen der F1-Journalisten. Geduldig steht der Youngster Rede und Antwort. Mein erster Eindruck: Verstappen wirkt noch etwas unsicher, aber er hat eine feste Meinung. Und er ist höflich, was man nicht von allen seiner Kollegen sagen kann.

Grand Prix-Neuling mit 32 Jahren

Mit 32 Jahren ist André Lotterer schon ein gutes Stück älter als Verstappen. In Sachen Grand Prix-Erfahrung stehen beide Piloten vor dem Spa-Wochenende aber noch auf dem gleichen Level. Bei Lotterer sollte sich das nun ändern. Der gebürtige Duisburger mit Wohnsitz in Belgien darf bei Caterham überraschend Kamui Kobayashi ersetzen. Das kleine Motorhome des Rennstalls platzt am Donnerstag bei der Vorstellung des Debütanten aus allen Nähten. Wer nicht rechtzeitig kommt, muss draußen bleiben.

Der Le Mans-Champions macht interessante Aussagen zu den Unterschieden zwischen Formel 1 und WEC - vor allem zum verrückten Medienzirkus in der Königsklasse und zu den vergleichsweise schlechten Pirelli-Reifen. Auch sportlich hinterlässt der Neuling einen guten Eindruck. Im Qualifying schlägt er Teamkollege Marcus Ericsson um fast eine Sekunde. Im Rennen ist allerdings schon nach einer Runde mit Motor-Defekt Schluss. Es sollte leider sein letzter Auftritt in der Königsklasse bleiben.

Mercedes-Streit eskaliert in Belgien

Nach der Zieldurchfahrt am Sonntag sind aber alle anderen Themen zweitrangig. Nico Rosberg und Lewis Hamilton sind schon in Runde 2 kollidiert. Hamilton fällt aus. Rosberg wird nur Zweiter. Im Fahrerlager herrscht Chaos. Die ganze Journalisten-Meute hat sich vor dem Mercedes-Motorhome versammelt. Wie ein Rudel Wölfe machen sich die Pressevertreter zunächst über Niki Lauda her. Der Österreicher ist bekannt für seine klaren Worte. Rosberg bekommt ordentlich eins auf den Deckel. Wenige Minuten später legt Teamchef Toto Wolff - mittlerweile drinnen im Motorhome - noch einmal nach.

Während ich die ersten Zitate der Chefetage auf die Webseite hieve, diskutieren die Mercedes-Bosse mit den Fahrern im ersten Stock des Mercedes-Pavillons über die entscheidende Szene. Kollege Schmidt hält die Stellung. Nach der Krisensitzung dürfen die englischen Journalisten mit Hamilton reden. Die deutsche Presse bekommt Rosberg an den Tisch gesetzt. Dummerweise enthalten die Zitate von Hamilton deutlich mehr Zündstoff. Der Engländer erzählt, dass Rosberg in der Aussprache praktisch zugab, ihn absichtlich gerammt zu haben. Das klang aus dem Mund des Deutschen allerdings etwas anders.

Die ganze Lage ist unübersichtlich. Der Streit ist außer Kontrolle geraten. Die Bild titelt: "Jetzt ist Krieg!". Bis wir die wichtigsten Aussagen beider Piloten verifiziert und zusammengetragen haben, vergeht viel Zeit. Wir berichten lieber etwas später als falsch. Normalerweise kommen wir bei einem Europa-Rennen um 22.30 Uhr von der Strecke weg. In Spa wird es jedoch fast Mitternacht. Und bis wir mit dem Santa Fe wieder in Stuttgart sind, steht der kleine Zeiger schon auf der Drei. Sechs Stunden später sitzen Kollege Schmidt und ich wieder im Büro. Es gibt schließlich noch so viele gute Geschichten, die auf das Internet warten.

In unserer Bildergalerie nehmen wir Sie mit hinter die Kulissen des GP Belgien.

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