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F1 Tagebuch GP Abu Dhabi 2015

Das Ende der Tournée

F1 Tagebuch - GP Abu Dhabi 2015 Foto: ams 23 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 19 blickt Michael Schmidt hinter die Kulissen des GP Abu Dhabi.

25.12.2015 Michael Schmidt

Die Tournée 2015 geht zu Ende. Leider auf einer Rennstrecke, mit der ich nichts anfangen kann. Der Yas Marina Circuit ist gigantisch, aber irgendwie übertrieben. Manche sagen auch: einfach nur krank. Mit dem Geld, das da im Wüstensand verbuddelt wurde, hätte man besser ein paar Strecken von früher renoviert. Es hätte sogar dafür gereicht, die Nordschleife wieder Formel 1 tauglich zu machen. Würde das Rennen nicht vom Tag in die Nacht gehen, würde kein Mensch darüber sprechen. So bekommt der Grand Prix wenigstens etwas Atmosphäre.

Es hilft auch nicht, dass seit 3 Rennen die Luft raus ist. Alle Entscheidungen sind gefallen. Man merkt an der Stimmung im Fahrerlager, dass jeder dieses 19. Rennen einfach nur hinter sich bringen will. Nach so langem Herumzigeunern freuen sich alle auf die Winterpause. Zum Glück ist der letzte Flug des Jahres nicht so lang.

Kollege Tobias Grüner und ich sind trotzdem zwölf Stunden auf den Beinen. Mit dem Zug von Stuttgart nach Frankfurt. Von dort via Doha nach Abu Dhabi. Qatar Airways bietet den neuen Airbus A350 auf. Der kann es mit dem Dreamliner von Boeing aufnehmen. Ein tolles Flugzeug.

Ich habe per Zufall 2013 seine Premiere bei der Flugshow in Le Bourget erlebt. Renault stellte in einem Pavillon auf dem Messegelände im Norden von Paris sein Hybrid-Projekt vor, das bis heute nicht richtig funktioniert. An diesem Tag ist der Airbus im Tiefflug über den Flugplatz gedonnert. Und dann fiel das Internet aus, weil Präsident Francois Hollande mit dem Hubschrauber einschwebte.

Abu Dhabi-Hotels unverschämt teuer

Ich schweife ab. Zurück zu Abu Dhabi. Und zu unverschämten Hotelpreisen. Als wir 2009 zum ersten Mal in das Emirat geflogen sind, konnten wir noch in einem der 6 Hotels in Gehweite zur Rennstrecke übernachten. Damit war ab dem dritten Jahr Schluss. Die Preise wurden immer abenteuerlicher.

Dieses Jahr wollte das billigste Hotel in der Anlage 5.500 Euro für 5 Nächte. Da wird selbst Monte Carlo blass. Trotzdem wohnen einige Teams dort. Ferrari stieg mit 60 Leuten in einem Hotel nebenan ab, das noch teurer war. Rechnen Sie mal aus, wie hoch die Rechnung ist. Es würde der Formel 1 wirklich gut tun, wenn eine Budget-Deckelung käme. Dann wären die Teams auch nicht mehr bereit, diese Phantasiepreise zu bezahlen.

Auch in der Stadt schlagen die Hotelbesitzer immer mehr auf. Was früher 150 Euro die Nacht gekostet hat, geht nicht mehr unter 300 Euro weg. Dabei fährt man zur Strecke 30 Minuten. Manche Kollegen weichen bis nach Dubai aus. Das ist eine Stunde Fahrt.

Ich habe mich ehrlich gesagt gefreut, dass viele Hotels am Ende mit den Preisen dramatisch runter mussten, weil sonst die Zimmer leer gestanden wären. Das hat Abu Dhabi verdient. Ich meine, die können das Geld dort unten drucken, bei all dem Öl, das sie haben. Dann müssen sie nicht auch noch die Leute mit hohen Hotelpreisen ausrauben.

Wir wechseln jedes Jahr unser Hotel, immer auf der Suche nach einem vernünftigen Preis. Auch diesmal haben wir wieder etwas gefunden. Wir zahlen für 4 Nächte deutlich weniger als die Gäste in den Strecken-Hotels für eine Nacht. Und haben sogar einen Hotel-Parkplatz. Das ist etwas wert in Abu Dhabi. Mit Einbruch der Dunkelheit werden in der Stadt die Parkplätze rar. Bei den Benzinpreisen fährt halt jeder Auto. Ein Mal volltanken für 11,50 Euro. Billiger ist nur Bahrain.

Diskussion um neues Auto und Renault

Beim letzten Grand Prix des Jahres gibt es viel Gesprächsstoff. Die Sitzung der Formel 1-Kommission ist erst 2 Tage alt. Wir hacken unsere erste Story noch am Flughafen in Frankfurt ins Netz. In Abu Dhabi geht es weiter. Der Billig-Motor ist abgeschmettert, aber wie wird das neue Motorenformat für 2018 aussehen? Es gibt wie immer 1.000 Meinungen.

Hoffentlich lassen sie diesmal die Ingenieure nur am Rande mitreden. Sonst kommt wieder ein Monster dabei raus. Ingenieure lieben technische Herausforderungen. Im Streit um die Motoren geht die Präsentation des 2017er Autos fast unter. Ich darf einen kurzen Blick auf die 4 Computergrafiken werfen. Doch ein Gedächtnisprotokoll reicht da nicht aus, um unseren Zeichner Giorgio Piola eine Vorlage zu liefern. Da braucht man gute Freunde im Fahrerlager. Donnerstagmittag habe ich die Entwürfe auf meinem Computer. Piola kann loslegen. Er verspricht die Grafik bis Sonntag.

Dann gibt es da noch das Thema Renault. Bernie Ecclestone sieht an den 3 Tagen kaum Tageslicht. Zusammen mit CVC-Chef Donald Mackenzie konferiert er mehrmals am Tag mit Renault-Marketingvorstand Jérôme Stoll. Es geht um 100 Millionen Dollar Extrazahlung. Bernie hat sie versprochen, will sie aber nicht mehr zahlen. Renault droht mit Ausstieg, falls das Geld nicht kommt. Bei Lotus beginnt das große Zittern. Ohne Renault kann das Team zusperren. Auch diesmal dürfen die Mechaniker erst mit Verspätung in die Garage. Ecclestone streckt das Geld für Begleichung der Altschulden vor.

Red Bull-Teamchef Christian Horner erzählt provokativ, dass sein Team nun endlich einen Motorenvertrag hat. Er dürfe nur nicht sagen, welchen. Alle wissen, es ist Renault. Doch diese Nachricht muss von Renault kommen. Es sieht so aus, als wolle Red Bull Fakten schaffen. Doch was passiert, wenn Renault doch aussteigt? "Dann kriegen wir den diesjährigen Motor ohne Entwicklung", sagt Horner. Bei Carlos Ghosn hört sich das anders an. Er droht Ecclestone mit dem totalen Abzug. Erst am Sonntag ist Entspannung angesagt. Ecclestone hat Renault ein neues Angebot gemacht. Jetzt muss Ghosn nur noch Ja sagen.

Hamilton wird nervös

Die Rosberg-Show geht weiter. So langsam wird nun auch Hamilton nervös. Und sucht nach Erklärungen. Oder Ausreden, je nachdem auf welcher Seite man steht. Diesmal ist das Setup schuld. "Seit Singapur ist es anders. Ich wollte wieder zurück zur alten Abstimmung, aber das Team hat mich nicht gelassen", erzählt Hamilton. "Blödsinn", sagen die Ingenieure. "Lewis kann das Auto abstimmen, wie er will."

Bei Ferrari ist Feuer unter dem Dach. Ein taktischer Fehler verbannt Vettel in die achte Startreihe. Wieder einmal ist man sich zu sicher und glaubt, dass die vorgelegte Zeit reicht. Erst in letzter Minute merkt Renningenieur Adami, dass es doch knapp werden könnte. Vettel wird mit Supersofts auf die Bahn geschickt, nach 18 Sekunden aber schon gestoppt. Das Team merkt nicht, dass der Deutsche schon auf einem Abstiegsplatz steht und Grosjean noch auf der Strecke ist.

Das passiert Ferrari nicht zum ersten Mal. Nur weil man sich einen frischen Satz Reifen für das Rennen aufsparen will. Und dann auch noch den falschen. Vettel ist so sauer, dass er mit dem Helm auf dem Kopf in den Ferrari-Pavillon stapft und die TV-Interviews für ein paar Minuten schwänzt.

Teamchef Arrivabene verscheucht am gleichen Tag einen Sky-Kameramann von der Ferrari-Box. Mit unpassender Wortwahl. Nicht sehr souverän, Herr Rennleiter. Man kann sich nicht in Barcelona auf die Tribüne setzen und Nähe zum Fan demonstrieren, und dann dafür sorgen, dass den Fans Informationen und Bilder vorenthalten werden. So etwas nennt man Heuchelei.

Das Rahmenprogramm in Abu Dhabi ist begrenzt. Zu einem echten Abendessen kommen wir nur am Donnerstag. Und da gibt es traditionell Wiener Schnitzel in einem Hotelrestaurant. Viel besser geht es auch in Österreich nicht. Was vielleicht daran liegt, dass der Laden von Österreichern geführt wird.

Schlaflose Nacht am Rennsonntag

Weil die Autos bis in die Dunkelheit fahren, kommen wir immer am Freitag und Samstag erst um 11 Uhr nachts in die Stadt zurück. Da gibt es dann nur noch Pizza oder Burger bei den einschlägigen Ketten. Mit Softdrinks. Zum Glück hat unser Hotel ein Pub. Ein Bier zum Absacken ist wenigstens gesichert.

Der Sonntag bringt einen weiteren Rosberg-Sieg und einen noch ratloseren Hamilton. Mercedes lässt ihn sogar seine eigene Taktik fahren, was aber auch nichts hilft. Es ist der längste Tag des Jahres. Um 10 Uhr geht es an die Rennstrecke. Um 3 Uhr morgens ist die Arbeit beendet: auto motor und sport Magazin, Online und iPad, dazu eine sport auto-Geschichte und noch das Formel 1-Jahrbuch: Das Finale ist immer ein Großkampftag.

Wir sind noch nicht mal die Letzten, als wir aufbrechen. Zwei deutsche und zwei japanische Kollegen retten uns. Wir fahren gleich zum Flughafen. Liegt ja um die Ecke. Um 6.30 Uhr geht es mit einem Stopp auf dem neuen Flughafen von Doha wieder zurück nach Frankfurt. Um 15 Uhr bin ich in der Redaktion. Die Arbeit hört nicht auf. Nachbereitung des letzten Rennens, der ganzen Saison. Und dann noch dieses Tagebuch. Jetzt ist das Formel 1-Jahr 2015 wirklich zu Ende.

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