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F1 Tagebuch GP Belgien 2015

Holländer und Bauern auf der Straße

F1 Tagebuch - GP Belgien 2015 Foto: xpb 25 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 11 blickt Michael Schmidt hinter die Kulissen des GP Belgien.

17.12.2015 Michael Schmidt

Die Sommerpause tut gut. Wenn man wie ich seit 35 Jahren der Formel 1 hinterher reist, dann sind 4 Wochen ohne Motorenlärm erholsam. Außerdem laufen sich die Geschichten tot. 10 Rennen am Stück, da dreht sich irgendwann alles im Kreis. Nicht nur die Autos.

Zugegeben: Für mich waren es nicht ganz 4 Wochen Pause. Ich hatte eine Woche nach dem GP Ungarn noch das IndyCar-Rennen von Mid Ohio auf dem Kalender. Ein Rennen der IndyCars gönne ich mir jedes Jahr. Es tut gut, mal wieder mit Leuten wie Mario Andretti oder Juan Pablo Montoya zu reden. Die sagen noch, was sie denken.

Ich bin zum dritten Mal nach 1991 und 2012 in Mid Ohio. Eine Rennstrecke aus dem Mittelalter, aber irgendwie cool. Am Samstagnachmittag schaue ich mir das Qualifying an der Strecke an. Inmitten von Zuschauern, die in der Wiese hocken, auf Gartenstühlen oder auf dem Dach ihrer Camper, die sie direkt am Streckenrand geparkt haben. Es ist eine Stimmung wie früher auf der Nordschleife.

Szenenwechsel nach Belgien: Der erste Grand Prix nach der Sommerpause ist ein Rennen, auf das man sich freut. Spa zählt zu den Traditionsveranstaltungen. Immer, wenn man die atemberaubende Steigung von Eau Rouge rauf zur Kemmel-Gerade sieht, denkt man: So müssten alle Rennstrecken aussehen. Kollege Tobias Grüner und ich reisen wie üblich schon am Mittwoch an. Diesmal komfortabel in unserem Dauertest BMW X5. Ein Riesenschiff, von dem man auf andere Autos runterschaut. Die Welt um uns herum scheint ziemlich klein zu sein.

Sauber-Wifi mit Schweizer Qualitäten

Tobi macht die ersten Fotos, ich suche die erste Geschichte. Nach der Sommerpause ist das ziemlich mühsam. Es gibt Gerüchte, dass die FIA 2017 die Groundeffect-Autos zurückholen will, doch als ich mit FIA-Rennleiter Charlie Whiting spreche, stellt sich heraus, dass einer der Informanten aus der Strategiegruppe entweder gepennt oder nichts verstanden hat. Tatsächlich hat die FIA einen Gegenentwurf zu dem Red Bull-Konzept eingereicht. Und die Ingenieure haben Zeit bis Anfang Oktober darüber nachzudenken.

Weil das Internet im Pressezentrum noch Sommerpause hat, weichen wir auf die Stufen des Sauber-Motorhomes aus. Dort bekommen wir freundlicherweise einen Gäste-Login für das Wifi-Netz, um die Bildergalerie upzuloaden. Das Netz ist wie vieles in der Schweiz: etwas langsam aber zuverlässig.

Ziemlich unerwartet fliegt dann noch eine Zweizeilen-Meldung aus Maranello ins E-Mail-Postfach. Der Vertrag mit Kimi Räikkönen wurde per Option um ein Jahr verlängert. Nicht die Tatsache an sich überrascht, sondern der Zeitpunkt. An einem Mittwochnachmittag um 16.30 Uhr.

Bevor wir in unsere Herberge fahren, machen wir noch ein paar Fotos mit unserem X5 auf Teilen der neuen und alten Strecke. Dann geht es nach Malmedy, um Bier zu kaufen. Als gebürtiger Bayer muss ich zu meiner Schande gestehen. Die Belgier brauen besseres Bier als wir. Wir bunkern zwei Kästen "Leffe" für den Eigengebrauch. Natürlich erst nach dem Wochenende.

Ardennen-Herberge im Nirgendwo

Unser etwas altmodisches Hotel im Nirgendwo steht immer noch. Und der Koch ist weiterhin in Hochform. Es ist das einzige Hotel auf unserer Tournée, das wir mit Halbpension buchen. Es lohnt sich. Das Essen ist einfach erstklassig. Selbst unsere Kollegen von Bild und Speedweek schauen in den nächsten Tagen bei uns zum Essen vorbei. Und für sie sind es mit Hin- und Rückfahrt gut 50 Kilometer.

Sicherheitshalber folgen sie uns nach getaner Arbeit an den Trainingstagen in den dunklen Wald bei Trois Ponts. Hier hat schon so manches Navigationsgerät versagt. Oder wenn es funktioniert hat, haben die Insassen der Technik misstraut. Irgendwann wird die Straße so schmal, der Weg so einsam, dass man sich nicht mehr vorstellen kann, in irgendeiner Behausung zu landen. Geschweige denn einem Hotel.

Der Sommer hat es bis in die Ardennen geschafft. Von Freitag früh bis zur Zielflagge findet alles auf trockener Strecke statt. Bei teilweise blauem Himmel. Wir fragen uns: Sind wir wirklich in Spa? Und wie oft gab es das in der Geschichte des GP Belgien, dass die Formel 1 immer auf trockener Straße trainiert hat?

Der erste Aufreger ist der Reifenplatzer von Nico Rosberg bei der Anfahrt auf Blanchimont. Trotz aller Beteuerungen von Mercedes und Pirelli ahnen wir bereits, dass es an diesem Wochenende noch Ärger mit den Reifen geben könnte. Wir müssen bis zur 43. Runde im Rennen warten, bis sich unser Verdacht bestätigt.

Auch sonst gehen uns die Geschichten nicht aus. Die Story von Lotus hört sich wie ein schlechter Roman an. Das Team kommt abgebrannt nach Spa. Kein Geld für die Transporter, Mietwagen und Mechaniker. Romain Grosjean muss wegen eines Getriebeschadens fünf Startplätze zurück. Das Team hat für die ganze Saison nur 3 Getriebe gebaut. Die kaputten werden immer wieder repariert.

Grosjean wird am Ende Dritter. Den Reifenplatzer von Vettel hätte der Franzose gar nicht gebraucht. Seine Reifen sind sieben Runden jünger. Für Lotus und Grosjean ist es das erste Podium seit Austin 2013. Im Ziel wartet schon der Gerichtsvollzieher. Der frühere Testfahrer Charles Pic hat einen Anspruch wegen unbezahlter Rechnungen erklagt. Erst am Donnerstag nach den Grand Prix darf der Lotus-Transporter das Fahrerlager verlassen.

Verstappen sorgt für Staus am Rennsonntag

Am Renntag sind wir früh auf den Beinen. Leider nicht früh genug. Wir geraten in einen Stau, fahren im Stop-and-Go Richtung Francorchamps, bis wir endlich auf die Zufahrt zum Presseparkplatz gelangen. Was wir nicht bedacht haben: Das Rennen ist eine Woche früher, und damit noch in den Sommerferien. Und viele Holländer sind da.

Sie haben mit Max Verstappen einen neuen Star. Erinnert mich das nicht an etwas vor 24 Jahren? Als ein gewisser Michael Schumacher Formel 1-Deutschland aus seinem Dornröschenschlaf erweckte. Ich gebe zu, dass Geduld nicht meine Stärke ist. Normalerweise hadere ich damit, warum wir nicht früher aufgebrochen sind und als Strafe dafür im Stau warten müssen. Aber diesmal freut es mich irgendwie. Weil es ein volles Haus für Spa bedeutet. Und diese Rennstrecke hat es verdient, dass viele Leute kommen.

Das Rennen selbst ist nicht der Knüller. Lewis Hamilton hat alles im Griff. Nico Rosberg verliert beim Start 3 Positionen. Ihm passiert das gleiche wie Hamilton in Ungarn. Ein Turbo-Problem bei Nico Hülkenberg provoziert eine zweite Formationsrunde und einen zweiten Start. Die Kupplung wird zu heiß, der Druckpunkt verschiebt sich. Hamilton weiß nach der Erfahrung von Budapest, was zu tun ist. Rosberg nicht. "Ich habe falsch reagiert." Bis sich Rosberg freigeschwommen hat, liegt er schon zu weit zurück. Ein Safety-Car bringt ihn zwar noch einmal an seinen WM-Gegner heran, doch Hamilton gibt sich an dem Tag keine Blöße.

Das Rennen plätschert bis zur 43. Runde so dahin. 12 Kilometer vor dem Ziel passiert es. Vettel platzt 200 Meter hinter Eau Rouge der rechte Hinterreifen. Vettel ist sauer. Er diktiert in die TV-Mikrofone Sätze wie: "Die Reifen taugen nichts. Wie viel muss noch passieren, bis wir aufwachen? Ich akzeptiere, wenn alte Reifen langsamer werden. Nicht aber, wenn sie platzen."

Reifenplatzer wird zum Dauerthema

Pirelli hat einen hohen Verschleiß im Verdacht. Vettel ist bereits 28 Runden auf dem Reifensatz gefahren. Seine einzige Chance auf ein Podium bestand in einem Einstopp-Rennen. Alle anderen sind mit 2 oder 3 Stopps unterwegs. Ferrari-Rennleiter Maurizio Arrivabene widerspricht der Vermutung, man habe zu hoch gepokert. "Ein Stopp war Plan A für uns. Wir haben uns anhand von Daten drei Stunden vor dem Rennen dafür entschieden. Es war eine aggressive Strategie, aber kein Risiko."

Auch die Konkurrenz zweifelte Pirellis Verschleiß-Theorie an. Dazu sind Vettels Rundenzeiten zu schnell. Der zuständige Pirelli-Ingenieur in der Ferrari-Box hätte Alarm geschlagen, wenn die Reifentemperatur unter 110 Grad fällt. Die Reifentechniker der Teams vermuteten einen Ermüdungsbruch der Karkasse. Der Zwischenfall rettet den Grand Prix. Es gibt in der Woche danach viel zu schreiben. Nach 5 Tagen können wir das Reifen-Thema nicht mehr hören. Doch es wird uns schon in Monza wieder einholen.

Zuerst einmal steht die Heimfahrt an. Wir verlassen um 22.30 Uhr das Pressezentrum. Es gießt wie aus Kübeln, so als wollte uns Petrus für 3 Tage schönes Wetter in Spa bestrafen. Wir können mit unserem BMW-Dampfer teilweise nicht schneller als 100 km/h fahren. Erst hinter Kaiserslautern lässt der Regen nach. Um 2 Uhr morgens sind wir zuhause. Ein Leffe zuhause beschließt einen langen Tag.

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