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F1 Tagebuch GP Brasilien 2015

Paris überschattet Sao Paulo

Felipe Massa - GP Brasilien 2015 Foto: xpb 25 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 18 blickt Bianca Leppert hinter die Kulissen des GP Brasilien.

24.12.2015 Bianca Leppert

SMS mit dem Absender Lufthansa verheißen oft nichts Gutes. Dieses Gefühl täuscht mich auch einen Tag vor meinem geplanten Abflug nach Brasilien nicht. Weil der Grand Prix von Deutschland ausgefallen war, bleibt mir in der Saison 2016 neben Monaco nur noch das Rennen in Interlagos. Da verursacht die Meldung des Lufthansa-Streiks und die daraus resultierende Annullierung meines Flugs durchaus Herzrasen. Dank unseres Reisebüros, auf das wir uns schon seit Jahren verlassen, kann ich auf eine Ausweichroute über Paris wechseln. Dass diese Stadt mich noch die ganze Woche über beschäftigen würde, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Wider Erwarten bleibt das große Chaos beim Umsteigen in Frankreich aus. Ich erwische meinen Flug pünktlich und werde in der TAM-Maschine von einer Horde Friseurinnen unterhalten, die offenbar einen Ausflug mit Wella in die Sonne machen. Oder hatte ich von der neuesten Frisurenmesse in Brasilien einfach nichts mitbekommen?

Renoviertes Fahrerlager in Brasilien

Mit dem Taxi geht es vom Flughafen durch das übliche Verkehrschaos in Sao Paulo. Motorradfahrer riskieren in dem Moloch jeden Tag Kopf und Kragen, wenn sie sich durch die Autohorden schlängeln. Im Hotel wartet schon Kollege Michael Schmidt auf mich. Er ist nach dem Doppelschlag USA/Mexiko noch ein paar Tage bei seinem alten Kumpel Nelson Piquet geblieben und erzählt mir gleich von seinen Abenteuern mit dem alten Haudegen.

Viel Zeit bleibt allerdings nicht, wir müssen noch am selben Tag mein Ticket in der Akkreditierungsstelle in einem Hotel nahe der Strecke einsammeln. Wer nur wenige Rennen pro Jahr dabei ist, muss sich den heiß begehrten Pass jedes Mal neu organisieren. Die Strecke empfängt uns wie eh und je als wir mit dem Auto durchs Tor fahren. Nur die Teampavillons und die Boxengebäude sind teilweise etwas modernisiert. Im Pressezentrum belegen wir wie immer die gleichen Plätze. Noch ist nicht viel im Fahrerlager los. Lediglich vor der Lotus-Box herrscht Wirbel, weil sie von Sicherheitsleuten abgeschirmt wird. Offenbar sind wieder mal Rechnungen offen.

Als wir die ersten Infos im Pressezentrum ins Netz stellen wollen, wird es plötzlich dunkel. Wegen des Gewitters draußen ist der Strom ausgefallen. Und zu Kollege Schmidts Entsetzen bestätigt unser brasilianischer Kollege Livio seine Theorie, dass nirgendwo auf der Welt so viele Menschen durch Blitze ums Leben kommen wie in Brasilien. Kein Wunder, dass es Schmidt besonders eilig hat, zurück zu unserem Mietauto zu kommen.

Vegetarierin im Fleischtempel

Die Entschädigung folgt am Abend mit unserem Pflicht-Besuch in unserer Stamm-Churrasceria. Die brasilianischen Fleischtempel haben selbst für mich als Vegetarierin jede Menge leckeres Grünzeug im Angebot. Und erst die legendäre Crema di Papaya und der Caipirinha. Das weiß auch Ferrari zu schätzen. Wir treffen dort das gesamte Team an.

Der Donnerstag läutet den eigentlichen Beginn des Rennwochenendes ein. Die Fahrer plaudern über ihre Erwartungen für diesen Grand Prix. Auch Schmidt gibt Statements ab. Zum Beispiel, dass er lieber eine Anaconda als einen Hund hätte. Und fragt, ob mein Oberteil absichtlich ein Loch am Rücken hat. Ich erkläre ihm, dass nicht nur die Formel-1-Aerodynamiker auf Kühlung achten, sondern auch die Designer der Modekette Zara neuerdings viel Wert auf bessere Belüftung legen.

Als ich tatsächlich in der Boxengasse Technikdetails fotografiere, brüllt mir unser Technik-Guru Giorgio Piola "Tobi, Tobi, Tobi" hinterher. Offensichtlich hat er nicht bemerkt, dass sich mein Kollege Tobias Grüner in diesem Fall optisch leicht verändert hat – auch wenn wir den Kurzhaarschnitt gemeinsam haben.

Einen Tag später rätseln wir auf der Hinfahrt, wie es nun mit Red Bull weitergeht. Das Team hat sich immer noch nicht zu seiner Zukunft in der Formel 1 und einem Motorenpartner geäußert. Wir spekulieren, dass Wartburg im Spiel ist und man noch etwas warten will, bis man diesen Coup verkündet. Später vermelden dann auch die ersten Medien, Red Bull mache weiter - allerdings nicht mit welchem Motor. Die Wartburg-Theorie erhärtet sich.

Paris-Terror überschattet Grand Prix

Doch das Lachen vergeht uns an diesem Freitagabend schnell. Während wir unsere Trainingsanalyse fertig stellen, hören wir die ersten News zu den Terror-Anschlägen in Paris. Noch wissen wir nicht viel und machen uns auf den Heimweg. Wieder gewittert es. Auf der Fahrt liest uns Blick-Kollege Roger Benoit den Newsticker vor. Es regnet in Strömen, in den Straßen bilden sich Bäche. Mit jeder neuen Meldung wird die Stimmung im Auto gedrückter, das Unwetter draußen liefert die entsprechende Kulisse.

Am Abend ist uns allen nach einem schnellen Essen. Rogers Idee die auch in Deutschland bekannte Kette Vapiano zu besuchen, wird von Schmidt jedoch schnell abgeschmettert. Als er bemerkt, dass er sich sein Essen hier selbst holen muss, ziehen wir weiter in ein Lokal namens "Brauhaus", das ausgerechnet ein Sandwich in der Karte hat, das nach Michael Schumacher benannt ist. Es sei nur so viel gesagt: Es gibt gute Gründe, warum man im jeweiligen Land die lokale Küche bevorzugen sollte.

Auch am nächsten Morgen bestimmen die Ereignisse in Paris die Gespräche im Fahrerlager. Einzig Fernando Alonso bringt dann doch viele zum Lachen. Nach einem Motorplatzer im Training, schafft er im Qualifying nicht mal eine gezeitete Runde und strandet wieder mit Motorschaden. Während sein McLaren-Honda geborgen wird, setzt er sich in einen Klappstuhl, schließt die Augen, legt den Kopf in die Nacken und sonnt sich. Wieder im Fahrerlager zurück schnappt er sich Jenson Button und posiert mit ihm auf dem obersten Treppchen des Podests. Unter diese Bilder passt nur eine Zeile: Ohne Worte.

Dass er mit diesen Gesten einen Social-Media-Trend auslösen würde, hätte Alonso aber wohl nie gedacht. Kurz nachdem das Bild vom relaxenden Spanier über den Fernseher geflimmert ist, montieren ihn Fans aus aller Welt unter dem Hashtag #PlacesAlonsoWouldRatherBe in verschiedene Szenen - ob auf die Couch von Homer Simpson, ins Raumschiff Enterprise, in die Badewanne oder in einen Ferrari.

Tote Fliegen als FloViz-Ersatz

Die Pole-Position machen wieder mal die Silberpfeile unter sich aus. Zum fünften Mal hintereinander hat Nico Rosberg die bessere Runde abgeliefert. Für den Abend hat Formel-1-Urgestein Schmidt eigentlich ein Essen mit Niki Lauda und Nelson Piquet arrangiert. Die beiden sagen aber in letzter Minute ab. So müssen wir uns alleine über die alten Zeiten austauschen. Und kommen zu dem Ergebnis: Was heute die FlowViz-Farbe ist, waren früher die toten Fliegen. Zum Abschluss schwärmt uns Kollege Helmut Uhl noch von dem Likör Amarula vor. Und ist noch am nächsten Morgen ganz "amarulasiert".

Das Rennen am Sonntagnachmittag gehört indes eher zur langweiligen Sorte. Nico Rosberg gewinnt vor Lewis Hamilton und Sebastian Vettel. Es ist das gleiche Bild wie in Mexiko. Trotzdem sitzen wir noch bis 23 Uhr im Pressezentrum, um unser übliches Standardprogramm abzuarbeiten. Dabei stellen wir einen neuen persönlichen Rekord auf: Wir sind die letzten Journalisten im Pressezentrum. Die meisten Tageszeitungen haben die Berichterstattung nach der WM-Entscheidung drastisch reduziert. Während Kollege Schmidt am nächsten Tag nach 4 Wochen Rundreise zurück nach Stuttgart fliegt, mache ich mich nach einem Zwischenstopp in München gleich wieder auf den Weg nach Bahrain. Dort wartet das FIA WEC-Finale.

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