Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

F1 Tagebuch GP China 2015

Kimi ignoriert Kimi-Fans

F1 Tagebuch - GP China 2015 Foto: ams 31 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 3 blickt Michael Schmidt hinter die Kulissen des China GPs.

09.12.2015 Michael Schmidt

Mal ganz ehrlich. Der GP China steht bei jedem von uns Formel 1-Journalisten ganz oben auf der persönlichen Shit-Liste. Es geht schon beim Visum los. Auch wenn es mittlerweile viel einfacher geworden ist als in den ersten Jahren. Aber der Papierkram nervt einfach. Und man muss immer mit zwei Pässen hantieren, weil wir kurz zuvor noch in Australien und Malaysia sind. Der Reisepass kann ja nicht gleichzeitig im Gepäck und auf der Botschaft sein.

In Shanghai bist du außerdem immer auf andere angewiesen. Taxifahrer, Shuttlefahrer, Busse, Züge. Selbst fahren ist im Reich der Mitte nicht drin. Die Reise nach China ist zudem teuer. Hotel, Transport zum Hotel, Internet an der Strecke. Für alles halten die Chinesen kräftig die Hand auf. Kein Wunder, dass das Pressezentrum hoch über der Zielgeraden so leer wie sonst nirgendwo ist.

Japanisch essen in China

Einziger Lichtblick für uns. Ein japanisches Restaurant um die Ecke vom Hotel. Top essen zu bezahlbaren Preisen. Schade nur, dass er immer schon um 10 Uhr abends schließt. Für uns ist das am Freitag und Samstag immer ein Wettrennen gegen die Zeit. Vor 8.30 h verlassen wir die Strecke nicht. Und der Shuttlefahrer braucht mindestens 45 Minuten bis ins Hotel.

Kollege Grüner hat sich jahrelang davor gedrückt und andere nach Shanghai reisen lassen, doch diesmal muss er mit. Er ist so begeistert, dass er schon Mittwochfrüh anreist, um noch am gleichen Tag erste Fotos aus dem Fahrerlager und der Boxengasse zu liefern. Da schwebe ich aus München kommend erst auf dem Pudong Airport der Millionenmetropole ein. Der Flieger ist überraschend Formel 1-frei. Nur ein paar Leute von Sky sind mit an Bord.

Dafür treffe ich die Formel 1-Karawane in der Einreisehalle am Flughafen wieder. Fast gleichzeitig kommen Maschinen aus London, Dubai und Doha an. In der riesigen Schlange stehen sich Vertreter aller Teams die Beine in den Bauch. Auch Valtteri Bottas und Sergio Perez sind darunter. Weit hinter mir. Wenigstens beim Anstehen funktioniert der Kommunismus noch.

Kimi-Fans warten vergeblich

Draußen vor der Gepäckausgabe warten Hundertschaften von Fans. Die meisten auf Kimi. Der ist aber nicht dabei. Vor dem Rennen lässt der Iceman seine Fans übrigens noch einmal im Regen stehen. Während alle anderen Piloten freundlich vom Bus der Fahrerparade grüßen, ignoriert der Finne den blau-weißen Fanclub auf der Haupttribüne. Warum die Fans ihn dennoch so verehren, ist uns ein Rätsel.

In China leben wir alle noch von der Euphorie des Ferrari-Sieges in Malaysia. Wird es am Ende doch kein Mercedes-Alleingang. Ich treffe Donnerstagfrüh den Mercedes-Chefstrategen James Vowles und will wissen, was in Malaysia schiefgelaufen ist. Er erzählt mir das Dilemma aus Mercedes-Sicht und warnt, dass Ferrari bei heißen Rennen und auf Strecken, die den Hinterreifen belasten wieder zuschlagen könnte. Diesmal allerdings nicht. Es bleibt kühl. Mercedes ist wieder allein zuhause.

Doch zuerst einmal hört Mercedes die Flöhe husten. Die Panik vor Ferrari geht um. Die Strategiebesprechung am Sonntag dauert eine Stunde. Länger als jemals zuvor. Dabei war es am Ende strategisch ein einfaches Rennen. "Es wurden eben alle möglichen und unmöglichen Szenarien durchgespielt", amüsiert sich Teamchef Toto Wolff.

Niki Lauda schüttelt den Kopf: "Ich kenn mich nimmer aus. Die haben Angst, etwas falsch zu machen, sind für alles abgesichert. Das ist die beste Voraussetzung dafür, dass etwas schiefgeht." Am Ende ist der GP China eine klare Angelegenheit für Hamilton und Rosberg. "Auf den weichen Reifen konnten wir noch mithalten. Mit den harten Sohlen haben die Mercedes den Hammer ausgepackt", gibt Sebastian Vettel zu.

Shanghai wächst immer weiter

Vor den Renntag hat das GP China-Skript den täglichen Transfer vom Hotel zur Strecke und zurück gesetzt. Unser Schweizer Blick-Kollege Roger Benoit ist ganz stolz darauf, weil er ihn auch organsiert hat. Es ist ein VIP-Service, nur für uns. Dementsprechend teuer. Das heißt: Benoit, die Bild-Kollegen Nicola Pohl und Lennart Wermke, Tobias Grüner und ich.

Die Fahrten verlaufen immer ziemlich kurzweilig. Wir wundern uns jedes Jahr wieder, wie Shanghai wächst. 2004 stand die Rennstrecke noch im Grünen, oder das was Chinesen grün nennen. Inzwischen ist der Shanghai International Circuit Teil der Stadt. In atemberaubender Geschwindigkeit werden ganze Vororte hochgezogen. Alle nach Einheitsmuster. Heute noch neu, in einem Jahr schon grau. Kräne und Baumaschinen, wohin das Auge schaut. Wir fahren jedes Jahr eine andere Route. Wahrscheinlich, weil die anderen schon wieder verstopft sind. Es scheint, als würden auch ständig neue Straßen gebaut werden.

Meistens drehen sich unsere Gespräche im Bus um die Bundesliga. Kollege Lenny und ich sind Leidensgenossen. Sein Verein Hannover 96 blickt der Relegation ins Auge. Meiner, der TSV 1860 München, auch. Nur eine Klasse tiefer. Es gibt auch an dem Wochenende keine guten Nachrichten für uns. Niederlagen, nichts als Niederlagen. Das heitert die Stimmung am Renntag nicht gerade auf.

Rennen wird zur Schlaftablette

Nach dem Knüller von Malaysia ist der GP China eine Schlaftablette. Wäre da nicht Nico Rosberg, der uns bei der Pressekonferenz nach dem Rennen einen Gefallen tut. Der Unterlegene zettelt einen Zwergenaufstand an. Der Schuss geht jedoch nach hinten los. Rosberg beschwert sich: "Lewis denkt nur an sich. Durch seine unnötig langsame Fahrweise konnten die Ferrari zu mir aufschließen. Es bestand die Gefahr, dass mir Vettel durch einen frühen Boxenstropp den zweiten Platz abnimmt."

Was Ferrari beim zweiten Reifenwechsel tatsächlich probiert. Mercedes muss mit Rosberg nachziehen und gegen alle internen Spielregeln Spitzenreiter Hamilton später an die Box holen. Was der locker mit der schnellsten Runde im Rennen kontert. Auch darüber regt sich Rosberg auf: "Lewis hat mit dieser Runde gezeigt wie schnell er hätte fahren können."

Der Engländer gibt cool zurück: "Es ist nicht mein Job, auf Nico aufzupassen. Ich habe meine Reifen geschont, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein." Hinterher schenkt er noch einen drauf. "Es macht den Anschein, dass Nico mit seinem zweiten Platz zufrieden war. Sonst hätte er versucht, mich zu überholen."

Bei Red Bull und Renault ist Feuer unter dem Dach. Vier Autos, zwei WM-Punkte, zwei Motorschäden, ein unplanmäßger Motortausch. Red Bull prügelt nicht mal mehr auf den Motorpartner ein. Fährt da schon die Resignation mit? Daniil Kvyat scheitert an Rissen in den Zylinderlaufbuchsen, Max Verstappen an einem gebrochene Kolbenbolzen.

Sportdirektor Cyril Abiteboul verteidigt sich matt: "Wir mussten in kurzer Zeit so viele Probleme kurieren, dass das aktuelle vernachlässigt worden ist. Weil wir die zweiten Motoren früher bringen mussten als geplant, kamen die aus der gleichen Charge wie die ersten."

Ron Dennis sucht Autos vergeblich

Auch bei McLaren-Honda regiert die Bescheidenheit. Das Team spricht von großen Fortschritten. Zum ersten Mal kommen beide Autos ins Ziel. Dazu noch eine schöne Szene aus der Startaufstellung. Ron Dennis sucht seine Autos in den ersten Startreihen. Dort findet er sie natürlich nicht. Missmutig trottet er in der Autoparade nach hinten. Man sieht ihm die körperlichen Schmerzen förmlich an.

Während die Kollegen noch den ganzen Montag in Shanghai verbringen, um dann in der folgenden Nacht nach Bahrain zu fliegen, düse ich in aller Früh zurück nach Frankfurt. Dank sieben Stunden Vorzeit bin ich Montagabend daheim. Und am Dienstag im Büro. Für Bahrain reicht es, am Mittwochabend anzukommen. Tobi ist ja schon da und macht die Bilder aus dem Fahrerlager. Und auf einen zusätzlichen Tag in Shanghai kann ich locker verzichten.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden