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F1-Tagebuch GP China 2016

Der Beginn meiner Tournee

F1 - GP China 2016 - Tagebuch - Formel 1 Foto: ams 32 Bilder

Die Formel 1-Reporter von auto motor und sport berichten in ihren Formel 1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 21 Grand Prix-Rennen der Saison 2016. In Teil 3 blickt Andreas Haupt hinter die Kulissen des GP China 2016.

03.12.2016 Andreas Haupt

Die Hotelbewertungskarte spricht für das Land und die chinesische Politik. Es gibt fünf Bereiche zu bewerten: das westliche Restaurant, den Japaner, den Chinesen, den Zimmerservice und das Frühstück. Der Kunde kann sein Kreuzchen in einem von drei Kästchen setzen. Zur Auswahl stehen als Bewertungskriterien exzellent, gut und fair. So läuft das in einem Land, indem Twitter, Facebook, Snapchat und Instagram gesperrt sind, und indem ein kommunistisches Regime herrscht. Immerhin gibt es noch eine kleine Kommentarspalte für kritische Anmerkungen. Sie bleibt in meinem Fall aber unausgefüllt.

Hotel rund 10 Kilometer von Strecke

Ich komme am Mittwoch vor dem Grand Prix in Shanghai an. Die Immigration am Flughafen kostet mich eine Stunde. Deshalb verpasse ich meinen Kollegen Michael Schmidt, der mit einer anderen Maschine vor mir gelandet war und sich schneller durch die Passkontrolle kämpfte. Die Fahrt zum Hotel dauert eine Stunde und kostet 272 chinesische Renminbi. Das sind etwa 37 Euro. Ich drücke dem Taxifahrer 300 Renminbi in die Hand und sage ihm, dass er mir auf 280 herausgeben soll. Klappt nicht so ganz. Er steigt aus, lädt meinen Koffer aus und verabschiedet sich. Bevor ich etwas sagen kann, düst er weg. Nun ja, vier Euro Trinkgeld sind zu verschmerzen. Und eigentlich angebracht. Manchmal bin ich halt ein Geizhals.

Unser Hotel in Jiading – etwas mehr als zehn Kilometer vom Shanghai International Circuit entfernt – ist sauber, die Zimmer ausreichend groß, das Personal freundlich und hilfsbereit. Auf dem Bewertungskärtchen müsste ich also gut ankreuzen. Nur mit dem Englisch will es nicht immer klappen. Da braucht es Geduld, bis der richtige Ansprechpartner an der Rezeption steht. Aber sei es drum. Das Essen schmeckt, das Unterhaltungsprogramm stimmt. Meistens zieht es uns in den Japaner in unserem Hotelkomplex. Er hält zwar keinem Vergleich mit unserer Sushi-Bar beim GP Japan stand, doch in diesen Genuss sollte ich zum ersten Mal erst später im Jahr kommen. Ich esse während unserer China-Reise am liebsten die kleinen japanischen Teigtaschen „Gyoza“. Weil sie mich an Maultaschen erinnern. Ebenfalls auf meinem Speiseplan: California Rolls, Chicken Teriyaki und Lachs. Dazu genieße ich ein kühles Bier.

Dreifachkontrolle der Fahrerlagerpässe

Für die chinesische Bedienung sind wir echte Exoten. Schon ein kurzer Augenkontakt reicht, und sie lächelt verlegen. Erst zum Abschluss unserer Reise traut sie sich, uns nach einem Gruppenfoto zu fragen. Einerseits schüchtern, andererseits aber charmant. Nachdem wir uns die Mägen vollgeschlagen haben, verschlägt es uns meistens noch in die etwas abgelegene Hotelbar für einen Absacker. Oder auch mal zwei oder drei. Unter uns: Es ging auch mal bis drei Uhr morgens. Aber nach langen und arbeitsreichen Tagen an der Strecke muss ein lockeres Zusammensein unter Kollegen drin sein. Einfach, um den Kopf frei zu bekommen und auf andere Gedanken zu kommen.

Ein Media-Shuttle bringt uns täglich an die Strecke. Es dauert unterschiedlich lang – je nachdem, wie unser Fahrer drauf ist und inwiefern er sich an die gültigen Verkehrsregeln hält. Mal 20 Minuten, mal eine halbe Stunde. Mal wirft er gefühlt 200 Meter vor der Ampel den Anker, mal brettert er bei Rot über die Kreuzung. Morgens sind die Fahrten entspannt. Weil man sich auf den Tag an der Strecke freut. Abends will man schnellstmöglich nach Hause, um zu duschen. Der Medien-Tross wird auf einem trostlosen Parkplatz vor den Toren des Shanghai International Circuit abgeworfen. Es ist eine riesige Betonlandschaft mit schlecht verarbeitetem und welligem Asphalt. Bevor ich erstmals an die Rennstrecke darf, muss ich noch meinen Pass für die Formel 1-Saison 2016 abholen. China ist für mich das erste Rennen in diesem Jahr.

Der rote Pass ist bitter nötig. Nicht nur, um durch das Drehkreuz am Eingang des Fahrerlagers zu kommen. Nirgends bin ich bisher so akribisch kontrolliert worden wie in China: vor dem Gebäudezugang ins Pressezentrum; fünf Meter später vor den Aufzügen; ein drittes Mal oben im Pressesaal selbst. Aber ich möchte nicht alles auf die Goldwaage legen. Wenn es der Sicherheit dient, zeige ich auch gerne zehnmal meinen Pass.

„Finde dich erst einmal im Fahrerlager zurecht“, sagt Schmidt. Es ist riesig mit unzähligen Wegen, die von einem großen Vorplatz abführen zu den einzelnen Teampavillons. Ein bisschen wie ein Labyrinth. Das tückische: Die Wege sind untereinander nicht vernetzt. Das heißt: Wenn du einmal den falschen nimmst, musst du erst wieder zum großen Vorplatz zurück. Das kostet Zeit und im schlimmsten Fall verpasst du den Beginn einer Presserunde. Die Teams mieten die Pavillons für die Tage an der Strecke. Es fallen für vier Tage Kosten in Höhe von 55.000 Dollar an. Da müssen vor allem die kleinen Rennställe schlucken.

Hamilton mit Seuchenwochenende

Mir gefällt der 5,451 Kilometer lange Kurs mit seinen 16 Kurven. Vor allem die Schneckenkurve zu Beginn der Runde. Sie war früher auf der Playstation nicht einfach zu treffen. Wenn du zu schnell eingebogen bist, hat es das Auto zu weit rausgetragen und die Runde war im Eimer. Auch der Mittelsektor mit den langgezogenen Passagen gefällt mir. Nur der Schlussteil mit der ewig langen Gerade ist ein bisschen öde, wie ich finde.

Der Sport bringt ein abwechslungsreiches Wochenende. Die meisten Fans atmen auf: Die FIA und Bernie Ecclestone schaffen auf Wunsch der Teams das neue Qualifying-Format ab und wechseln auf das 2015er Modell zurück. Ein bisschen Pech ist dabei. Denn das neue Quali-Format hätte am Samstag richtig Spannung versprechen können und die Startaufstellung zumindest etwas durcheinander wirbeln können. Weil Pascal Wehrlein nach gut drei Minuten seinen Manor auf der Zielgerade in die Leitplanken feuert. Danach hätten einige Piloten innerhalb weniger Minuten Zeiten setzen müssen, um nicht in Q1 raus zu purzeln. Das hätte Hektik versprochen. Und in der Hektik passieren Fehler. Zur Erinnerung: Nach sieben Minuten begann nach dem 2016er Quali-Format die heiße Phase, in der alle 90 Sekunden ein Pilot ausschied.

Statt fliegender Runden auf letzter Rille bleibt die Strecke für 22 Minuten leer. Was nicht am neuen, alten Quali-Format liegt, sondern an der Vorsicht der Rennleitung. Sie schickt die Streckenposten raus, um die Pfütze hinter der Bodenwelle auf Start-Ziel zu trocknen. Kollege Schmidt regt sich im Pressezentrum furchtbar auf. Ich gebe ihm recht: Die 22 besten Rennfahrer der Welt müssen mit einem feuchten Fleck auf dem Asphalt klar kommen. Selbst wenn sie auf Slicks mit über 300 km/h diese Stelle passieren. Dann müssen sie halt langsamer fahren und das Tempo den Gegebenheiten anpassen.

Lewis Hamilton erlebt in China ein Seuchenwochenende. Schon vor dem ersten Training ist klar, dass der Weltmeister um fünf Plätze zurückgestuft wird. Weil Mercedes im Auto mit der Startnummer 44 das Getriebe tauschen muss. Es ist ein Folgeschaden der Kollision mit Valtteri Bottas aus dem Rennen zuvor in Bahrain. Im Qualifying macht dann auch noch die MGU-H Schlapp. Hamilton ist machtlos und startet den dritten GP des Jahres vom letzten Platz. Damit kein Ende. Im Startgetümmel rasiert er sich am Sauber von Felipe Nasr unverschuldet den Frontflügel ab. Der Weltmeister kämpft mit einem ramponierten Auto (Unterboden, krumme Lenkung), stoppt fünfmal und landet auf dem siebten Rang.

Teamkollege Rosberg verlebt dagegen einen ruhigen Nachmittag. Zwar rutscht er am Start hinter Daniel Ricciardo zurück, doch das Problem erledigt sich in der dritten Runde. Da platzt am Red Bull auf der Geraden der linke Hinterreifen. Trotzdem wird der Australier noch Vierter. Auf das Podest kommen Sebastian Vettel und Daniil Kvyat. Vettel trotz einer Kollision mit Kimi Räikkönen in der ersten Kurve. Der Heppenheimer schiebt den Unfall Kvyat in die Schuhe, der sich spät, aber sauber in der ersten Kurve an beiden Ferraris vorbeibremste. Kvyat erringt erstmals seit Ungarn 2015 wieder einen Podestrang. Das Ergebnis sollte nur von kurzem Nutzen sein. Zwei Wochen später degradiert ihn Red Bull zurück zu Toro Rosso und befördert stattdessen Max Verstappen.

Bei unserer Rückreise werden wir am Flughafen förmlich mit Handys bombardiert. Die Chinesen wollen sie uns billig andrehen. Echt sehen sie aus, aber es sind wohl nur Fälschungen. Ich verzichte. Kollege Schmidt sowieso. Er kann mit Handys so wenig anfangen wie Katzen-Allergiker mit Katzen.

In der Galerie finden Sie noch einige persönliche Impressionen der auto motor und sport-Reporter vom Geschehen hinter den Kullissen.

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