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F1 Tagebuch GP Japan 2015

12 Monate nach Bianchi

F1 Tagbuch - GP Japan 2015 Foto: Wilhelm 39 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 14 blickt Tobias Grüner hinter die Kulissen des GP Japan.

20.12.2015 Tobias Grüner

Von Singapur ging es Dienstagfrüh direkt nach Japan. Schon Wochen zuvor hatte mir Kollege Schmidt von dem kleinen Sushi-Laden in Tokyo vorgeschwärmt, den wir erst im Vorjahr entdeckt hatten. Wie an einer deutschen Currywurst-Bude stehen die Gäste dort an der Theke und lassen sich auf Bestellung einen Fisch-Happen nach dem anderen reichen. Doch daraus wurde nichts. Als wir um 21.30 Uhr ankamen, machte man uns dir Tür vor der Nase zu. Wir konnten es nicht fassen.

Schweine-Innereien statt rohem Fisch

Eigentlich sollte man meinen, dass in Tokyo ein Sushi-Restaurant neben dem anderen liegt. Doch dem ist nicht so. Wir sind durch das gesamte Vergnügungsviertel "Ginza" gezogen und haben nur noch einen weiteren Laden gefunden - der aber ebenfalls geschlossen hatte. Offenbar geht der Japaner gerne früher ins Bett.

Allerdings ist von außen nicht immer direkt zu erkennen, was drinnen auf den Tisch kommt. Wir haben uns dann für ein Restaurant entschieden, auf dessen leuchtender Werbetafel ein Comic-Schwein abgebildet war. Hier wird es doch wohl hoffentlich ein ordentliches Stück Fleisch geben, dachten wir. Doch dem war nicht so. Die englische Menü-Karte zeigte eine Reihe von Holzspießen vom Grill mit verschiedenen Innereien. Man konnte wählen zwischen Leber, Zunge, Uterus, Herz, Magen, Darm oder Knorpel. Guten Appetit.

Trotz solcher Erlebnisse reisen wir immer wieder gerne nach Japan. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend. Alles ist sauber und sicher. Die Toilettensitze sind stets vorgewärmt. Und dank der Shinkansen-Schnellzüge hat man das Land ruckzuck durchquert. Die 350 Kilometer lange Strecke von Tokyo nach Nagoya ist zum Beispiel in gut anderthalb Stunden bewältigt. Dann ist es nur noch ein Katzensprung bis in unser Hotel in dem kleinen Städtchen Shiroko.

Suzuka weckt Bianchi-Erinnerungen

Beim ersten Weg zur Rennstrecke am Mittwoch war mir ehrlich gesagt etwas mulmig. Als das Riesenrad des angrenzenden Vergnügungsparks in Sicht kam, überfiel mich direkt wieder das bedrückende Gefühl, das schon 12 Monate zuvor beim Verlassen des Fahrerlagers aufgekommen war. Der schwere Unfall von Jules Bianchi war der erste tödliche Crash, den ich in meiner Laufbahn als F1-Reporter direkt an der Strecke miterlebt habe. Dieses Rennen werde ich nie vergessen.

Der erste Weg führte uns natürlich direkt an die Unfallstelle. Wir wollten die letzten Meter noch einmal zu Fuß nachempfinden. Wo hat Bianchi die Kontrolle verloren? Wie weit ist der Weg durch das Kiesbett? Wo hatte der Kran genau gestanden? Wie konnte das schreckliche Unglück passieren? Auf dem angrenzenden Reifenstapel hinterließ ich mit Kugelschreiber eine kleine Widmung. Statt mobiler Bergekräne wurde dort nun ein feststehender Kran mit langem Ausleger platziert, um gestrandete Autos zu bergen.

In Sachen Sicherheit hat sich in den letzten 12 Monaten viel getan. Doch beim Rahmenrennen der japanischen Nachwuchsformelserie traute ich am Samstag meinen Augen kaum. In der schnellen 130R-Kurve landete ein Fahrer im Reifenstapel. Das Auto wurde ohne Einsatz des Safety-Cars von einem Bagger aus dem Kies gezogen. An der Unfallstelle wurden lediglich gelbe Flaggen geschwenkt. Ich war fassungslos.

Lotus-Mechaniker stehen im Freien

Auch die Situation um Lotus sorgte für ungläubige Blicke. Das Team hatte seine Rechnungen nicht bezahlt und bekam keinen Schlüssel zum Pavillon im Fahrerlager. Auch die Seefracht wurde zurückgehalten. Beim Aufbau in der Garage am Mittwoch musste Force India mit Hydraulik-Flüssigkeit aushelfen. Es war ein unwürdiges Bild. Bernie Ecclestone lud die heimatlosen Mechaniker am Freitag in die Kantine des Paddock Clubs ein, damit sie nicht verhungern müssen. Zum Dank gabs ein Gruppenfoto mit freundlichen Grüßen an den F1-Boss.

Sportlich stand ansonsten vor allem die Frage im Raum, warum Mercedes in Singapur so abgekackt war. Die Ingenieure hatten angeblich Antworten gefunden. Doch obwohl die Strecke vom Layout und von den Bedingungen nicht vergleichbar war, kam doch etwas Spannung auf, ob sich die Pleite nicht doch wiederholen würde. Sie tat es nicht. Rosberg holte überlegen die Pole Position. Hamilton gewann das Rennen. Anschließend beklagte sich Rosberg über die übermäßige Zweikampfhärte des Weltmeisters. Doch Hamilton lächelte die Klagen souverän weg.

Aprés-Sieg-Party mit Mercedes

Auch bei den Mercedes-Ingenieuren war die Stimmung nach dem Doppelsieg ausgelassen. Am späten Abend trafen wir die Techniker in einem Restaurant in Shiroko wieder. Spontan wurde die auto motor und sport-Delegation zu einem Bierchen eingeladen. Das war eine nette Abwechslung. Wenn ich mit meiner Kamera in der Boxengasse auf der Jagd nach Technik-Details bin, sind die Jungs mit dem Stern auf der Brust sonst immer deutlich weniger entspannt.

Am Montag ging es endlich wieder zurück nach Hause. Die Flugverbindung war allerdings mehr als bescheiden. Erst um 23.30 Uhr hob unsere Maschine in Richtung Singapur ab. Bei dem Zwischenstopp mussten wir am nächsten Morgen noch einmal achteinhalb Stunden rumbringen, bevor es weiter nach Frankfurt ging. Übrigens war der Smog mittlerweile deutlich stärker als noch eine Woche zuvor während des Rennens.

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