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F1-Tagebuch GP Japan 2016

Sushi, verpatzter Start und Protest

F1-Tagebuch - GP Japan 2016 - Suzuka - Formel 1 Foto: ams 33 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die Reporter von auto motor und sport persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 17 berichtet Andreas Haupt, was hinter den Kulissen beim GP Japan abgegangen ist.

17.12.2016 Andreas Haupt

Die Grand Prix von Malaysia und Japan fallen auf ein Back-to-Back-Wochenende. Das heißt für uns, dass wir von Kuala Lumpur aus nicht nach Hause fliegen, sondern gute siebeneinhalb Stunden nordwestlich nach Tokio. Unser Flieger verlässt Malaysia um sieben Uhr morgens. Am Flughafen treffen wir Sauber-Pilot Felipe Nasr, dem wir später nochmals in der Schlange zur Immigration am Flughafen in Tokio sehen sollten. In der japanischen Millionenmetropole legen Michael Schmidt, der mit einem Schnupfen zu kämpfen hat, und ich einen Zwischenstopp ein.

Lauda und Vettel in Tokio

Nicht aber, ohne zu arbeiten. Zunächst drehen wir am Dienstagabend vor dem GP Japan eine neue Folge von Formel Schmidt. Dafür konnten wir einen besonderen Gast gewinnen: Niki Lauda. Wir treffen den dreimaligen Weltmeister im 32. Stock eines Luxus-Hotels. Die Aussicht über die Weltstadt bei Nacht ist atemberaubend. Es ist ein etwas hektischer Abend. Uns fehlt das Übertragungskabel, um das Video von der Kamera auf den Computer zu ziehen, um es von dort aus zu den Kollegen nach Hause zu schicken. Michael Schmidt und ich müssen noch in ein Fachgeschäft. Es dauert ein Weilchen, bis wir der freundlichen japanischen Verkäuferin verklickert haben, was wir eigentlich benötigen. Aber es klappt.

Am nächsten Morgen treffen wir noch Sebastian Vettel zu einem Hintergrundgespräch. Für mich ist es das erste Mal, dass ich den viermaligen Formel 1-Champion außerhalb der Rennstrecke treffe. Auch Vettel residiert in Tokio in einem gehobenen Hotel. Diesmal genießen wir den Ausblick über Tokio im 50. Stock bei Tag. Nach nicht einmal 24 Stunden in Japans Hauptstadt zieht es uns weiter Richtung Suzuka. Wir nehmen den japanischen Hochgeschwindigkeitszug „Shinkansen“, dessen Zugführerkabine von außen aussieht wie ein Entenschnabel. Ein ICE hält mit dem Shinkansen keinem Vergleich stand. Man darf nur mit einer Sitzplatzreservierung mitfahren. Alles ist sauber, der Fahrplan wird penibel eingehalten. Die Fahrt kostet uns umgerechnet etwa 90 Euro.

Unser Hotel steht in Shiroko, ein paar Kilometer von der Rennstrecke gelegen. „Die Zimmer sind unheimlich klein. So ist das eben in Japan“, sagt Schmidt und macht mir ein bisschen Angst. Zumal ein finnischer Kollege mir zuvor erzählte, er reise aus genau diesem Grund nicht mehr nach Japan. Doch alles kein Problem: Das Zimmer hat eine angemessene Größe. Es gibt ein Bett, einen Schreibtisch, ein Bad. Alles wirkt ordentlich geputzt. Was will man mehr? Wir verbringen sowieso den Großteil unseres Tages an der Strecke. Und danach zieht es uns ins Restaurant. Im Prinzip brauchen wir nur einen Ort, um zu schlafen. Was kümmert mich da das Zimmer, wenn das Bett nicht gerade durchgelegen ist?

Das erste Mal in Suzuka

Schon am Mittwoch zieht es uns an die Strecke, um die ersten Fotos zu schießen. Für mich geht ein Traum in Erfüllung. Suzuka versprüht für mich eine ganz besondere Aura. Als Kind und Jugendlicher habe ich über 1.000 Mal auf der Playstation die 5,807 Kilometer und 18 Kurven abgefahren. Die Youtube-Videos von den Kollisionen zwischen Alain Prost und Ayrton Senna 1989 und 1990 habe ich mir unzählige Male reingezogen. Diese Piste ist legendär und ruft Kindheitserinnerungen in mir hervor.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Vater Jahr für Jahr eine Matratze ins Wohnzimmer gelegt hatte, um in den frühen Morgenstunden liegend die Rennen zu verfolgen. Ich erinnere mich an das WM-Finale 1998, als Michael Schumacher in der Startaufstellung der Motor abgestorben war. Ich erinnere mich an den Abflug von Eddie Irvine 1999 im freien Training. Damit nahm der zweite Titelgewinn für Mika Häkkinen seinen Lauf. Ich erinnere mich zurück an den ersten WM-Titel für Schumi mit Ferrari 2000, als er nach der Zieldurchfahrt wie wild mit beiden Händen auf das Lenkrad hämmerte. Als ob es gestern passiert wäre. Suzuka ist aus meiner Sicht die anspruchsvollste Strecke im Kalender. Eine einzige Achterbahn mit schnellen, mittelschnellen und langsamen Passagen. Es gibt keine großen Auslaufzonen wie auf modernen Strecken. Suzuka ist Old-School. Und darum einfach geil.

Und jetzt stehe ich hier auf der Zielgerade und muss einfach nur grinsen. Es sind die Momente, für die man lebt. Eigentlich mache ich nicht gerne Selfies. Aber dieses ist ein Muss.

Das erste Mal Sushi – lecker

Noch nie in meinem Leben hatte ich zuvor wirklich Sushi gegessen. Ich bin kein Fan von Fisch. Dann muss es roher erst recht nicht sein. Doch die Japan-Reise hat mich vom Gegenteil überzeugt. Besonders unser Sushi-Laden in Yokkaichi, wo wir abends meistens mit dem Zug für ein paar hundert Yen hin pendeln, hat es mir angetan. Die Sushi-Platte mit Shrimps, Aal, Lachs und Thunfisch schmeckt vorzüglich. Die beiden Köche arbeiten mit einer Hingabe, wie ich es in einem Restaurant noch nie gesehen habe. Egal, was sie zubereiten. Auf ihren Lippen tragen sie stets ein Lächeln. Ohnehin sind die Japaner aus meiner Sicht ein Klasse-Volk. Sie sind demütig, aber nicht unterwürfig, immer hilfsbereit und freundlich.

Die Fans lieben die Formel 1 und sie tragen ihre Liebe auch nach außen. Am Donnerstag läuft mir in der Boxenstraße einer mit einem alten Rennanzug und Helm von Ayrton Senna entgegen. Zwei Fans tragen einen Bauarbeiterhelm, den sie mit den Heckpartien des McLaren MP4-31 verschönern. Selbst die Streckenmitarbeiter im Pressezentrum leben den Motorsport. Das Schild mit den Internetzugangsdaten ist von einem Klebeband umrandet, das den Randsteinen auf der Strecke nachempfunden ist.

Der Sport liefert das nächste Spektakel des Jahres. Lewis Hamilton ist nach dem Motorplatzer von Malaysia angeschlagen. In der Donnerstags-Pressekonferenz wirkt der Weltmeister lustlos. Er spielt auf seinem Handy herum und antwortet nur sehr zugeknöpft. Hamiltons Ansage: Lasst uns das Format der PK ändern. Der Weltmeister hat recht: Ja, es springt bei den Sechserrunden mit den Fahrern häufig kaum Verwertbares heraus. Aber das rechtfertigt aus meiner Sicht nicht den lustlosen Auftritt. Hamilton bekommt vor allem vom (englischen) Boulevard eine Schelte.

Am Samstag revanchiert sich der Titelverteidiger nach der Qualifikation, die er um nur 13 Tausendstel oder 82 Zentimeter gegen Nico Rosberg verliert. Hamilton hält einen Monolog von nicht mal zwei Minuten, indem er mitteilt, dass er keine Fragen mehr beantworten werde. Ein Eklat. Ich persönlich bin leider nicht im Mercedes-Motorhome, weil ich eine andere parallel laufende Presserunde abdecke. Schade. Aber Kollege Schmidt kümmert sich um den Artikel.

Hamilton verbockt den Start

Der Rennsonntag beginnt mit einer schlechten Nachricht für Kimi Räikkönen und seine Fans. Im roten Auto mit der Startnummer sieben muss das Getriebe getauscht werden. Der Finne wird um fünf Startplätze rückversetzt. Seine Podest-Chancen schwinden. Leider kommuniziert Ferrari nicht, was genau die Schadensursache war. „Eine Vorsichtsmaßnahme“, heißt es vom Team. Nachsatz: „Technische Schäden erläutern wir nicht im Detail.“ Da frage ich mich: Warum nicht? Ferrari sollte nur mal zu Mercedes rüber schauen. Die Presseabteilung der Silbernen verfasste nach der Analyse des Hamilton-Motorschadens von Malaysia eine detaillierte Pressemitteilung. Mit Ursache für den Motorplatzer und sogar mit Angabe der bisherigen Laufleistung. Nur weil der V6-Turbo nach 618 Kilometern Feuer spuckte, wird kein Mercedes-Interessent abgeschreckt werden und kein Auto weniger verkauft. Im Gegenteil: Ehrlichkeit zahlt sich aus. Auch im Rennsport.

Das Rennen um den Sieg ist nach wenigen Metern entschieden. Hamilton verballert den Start, kriecht wie eine Schnecke aus der Startbox und wird von etlichen Kollegen überholt. Rosberg macht sich vorneweg aus dem Staub. Immerhin arbeitet sich sein härtester Rivale noch auf den dritten Rang nach vorne. Aber der Rückstand in der WM wächst auf 33 Punkte. Rosberg hat den Titel in den verbleibenden vier Grand Prix in der eigenen Hand, Hamilton ist auf Schützenhilfe, Fehler oder technische Defekte bei seinem Teamkollegen angewiesen.

Die Schlussrunden ziehen einen Protest nach sich. Max Verstappen wehrt einen Hamilton-Angriff nach bekanntem Muster ab. Der Youngster wartet auf den Zug des Gegners, um ihm dann auf der Bremse vor die Nase zu fahren. Hamilton verhindert eine Kollision, muss aber durch die Auslaufzone. Die Rennleitung greift nicht ein. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff fordert später eine Klarstellung der Regeln. Er bezieht sich auf Artikel 27.5 des Sportgesetzes. Drei Stunden nach Rennende flattert bei den Kommissaren eine Protest-Note von Mercedes herein. Das Weltmeisterteam sieht das Verstappen-Manöver als potentiell gefährliches Fahren an. Die Akteure Verstappen und Hamilton sind da schon längst auf der Heimreise. 83 Minuten später zieht Mercedes seinen Protest wieder zurück. Das Ergebnis bleibt bestehen. Ansonsten hätte der Fall in Austin verhandelt werden müssen. Und Mercedes wäre offiziell noch nicht Sieger der Konstrukteurs-Wertung. Ein Theater, wie es nur die Formel 1 aufführt.

In der Galerie finden Sie noch einige persönliche Impressionen der auto motor und sport-Reporter vom Geschehen hinter den Kullissen.

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