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F1-Tagebuch GP Kanada 2016

Eine Stadt lebt ihren Grand Prix

F1-Tagebuch - GP Kanada 2016 - Montreal Foto: ams 24 Bilder

In ihren Grand Prix-Tagebüchern liefern die Reporter von auto motor und sport persönliche Eindrücke vom Arbeitsalltag an einem Formel 1-Wochenende. In Folge 7 berichtet Michael Schmidt, was hinter den Kulissen beim GP Kanada abgegangen ist.

07.12.2016 Michael Schmidt

Der GP Kanada ist der Start eines Marathons. Sechs Rennen in acht Wochen. Was das heißt, wissen wir erst mit der Zielflagge zum GP Deutschland. Nie war die Sommerpause willkommener.

Als wir via Zürich nach Montreal reisen, sind die Batterien noch voll. Der Flug beginnt mit einem mächtigen Blitzeinschlag in den Rumpf der Airbus A330 knapp unterhalb meines Fensters 10 Minuten nach dem Start. Ein dumpfer Knall, das war‘s. Das Flugzeug fliegt weiter, als wäre nichts geschehen.

Schlechtes Wetter in Montreal

Immerhin, ich habe noch nie einen Blitz so nahe gesehen. Acht Stunden später empfängt uns schlechtes Wetter in Montreal. Die Vorhersage verheißt nichts Gutes. Es soll das ganze Wochenende grau und kalt bleiben. Das Thermometer bewegt sich meistens um die 12 Grad herum. Was auf die Stimmung drückt.

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt fällt mir auf, wie runtergekommen Montreal ist. Es wird jedes Jahr schlimmer. So sieht eine Stadt aus, die pleite ist. Die Straßen sind in einem erbärmlichen Zustand. Auf vielen Baustellen wird nicht gebaut.

In der Stadt ein ganz anderes Bild. Nirgendwo fahren so viele und schwere Schlitten durch die Straßen wie in Montreal. Nicht mal in Monte Carlo oder in Abu Dhabi kommt es zu einem vergleichbaren Schaulaufen der 250.000 Euro-Plus-Liga. Zwischen Donnerstag und Samstag gehören Ferrari, Lamborghini, McLaren und Porsche zum Straßenbild (Carspotting).

Am Sonntag sind sie schon wieder verschwunden. Die ganze Stadt lebt ihren Grand Prix. Überall Shows, Straßenfeste, schwarzweiß kariertes Merchandising in den Schaufenstern. Die Kneipen sind jeden Abend brechend voll. Man merkt: Hier findet ein Rennen statt.

Wir wohnen mitten in der Stadt. Zu einem Preis, den wir besser verschweigen. Auch in Montreal hat die Unsitte um sich gegriffen, die Leute nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch bei den Hotels auszubeuten. Deshalb ist es ein kleines Wunder, dass der Grand Prix an drei Tagen immer noch 205.000 Zuschauer in die Stadt am St. Lorenz-Strom lockt. Der Formel 1-Ausflug muss die Zuschauer ein kleines Vermögen kosten.

Nächster Zoff im Silberhaus

Die Rennstrecke liegt auf einer kleinen Insel vor der Stadt. Obwohl es vom Hotel bis zur Strecke nicht mal 10 Kilometer sind, gestaltet sich die Fahrt im Shuttle jedes Mal zur Weltreise mit Hindernissen. Die umständliche Verkehrsführung mündet auf einem Damm, der oberhalb des Regattabeckens ins Fahrerlager führt.

Seit meinem ersten Montreal-Besuch 1988 hat sich auf dem Weg nicht viel getan. Er ist immer noch nicht asphaltiert. Wenn es regnet, wird die Fahrt zur Schlammschlacht. Bei Trockenheit ziehen die Autos eine Staubfahne wie bei den Wüstenetappen der Dakar-Rallye hinter sich her.

Nach dem Beinahe-Sieg von Red Bull in Monte Carlo hoffen alle, dass Mercedes unter Druck gerät. Montreal scheint die Erwartungen zu erfüllen. Ferrari bringt sich auf Schlagdistanz. Die Italiener haben 3 Token in einen neuen Turbolader investiert. Auch Honda rüstet auf. Da merkt man noch nicht viel. Montreal ist keine McLaren-Strecke.

Am Renntag ist Sebastian Vettel hellwach. Toll, wie er die zwei Mercedes beim Start austrickst. Und wie Lewis Hamilton und Nico Rosberg für den nächsten Zoff im Silberhaus sorgen, weil Hamilton seinen Teamkollegen in die Wiese drängt.

Ferrari hat den Sieg auf dem Fuß, bringt sich aber erneut durch eine dumme Strategieentscheidung um den Erfolg. Ausgerechnet das Team mit dem reifenschonendsten Auto taktiert mit zwei Stopps. Und Mercedes mit einem. Das ist der zweite Saisonsieg für Hamilton. Vettel schaut wie in Melbourne wieder mal in die Röhre.

Wie schon so oft beginnt während des Kanada-Grand Prix ein großes Fußballereignis. Diesmal ist es die Europameisterschaft. Die Kanadier übertragen alles, was uns aber nicht viel hilft. Die Spiele finden alle am Nachmittag statt. Da sind wir an der Rennstrecke.

Nur am Montagmittag, kurz vor der Fahrt zum Flughafen sehen wir in einem Pub eine Halbzeit Schweden gegen Irland live. Dann bringt uns die Swiss wieder nach Zürich und Stuttgart. Am gleichen Abend geht es weiter nach Baku. Doch dazu mehr in der nächsten Story ...

In der Galerie finden Sie noch einige persönliche Impressionen der auto motor und sport-Reporter vom Geschehen hinter den Kullissen.

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