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F1 Tagebuch GP Mexiko 2015

Totentanz in Mexico-City

F1 Tagebuch - GP Mexiko 2015 Foto: xpb 26 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 17 blickt Tobias Grüner hinter die Kulissen des GP Mexiko.

23.12.2015 Tobias Grüner

Kennen Sie das Gefühl? Sie haben gerade eine anstrengende Dienstreise hinter sich. Mit Stress von morgen bis abends. Und mit jeder Menge schlechtem Wetter. Und dann stehen Sie am Flughafen und bemerken, dass sie jetzt auch einfach an die Karibik-Strände von Cancun fliegen könnten. Würde doch niemand merken. Einfach verpissen. Aber dann kommt Kollege Schmidt um die Ecke und sagt Ihnen, dass auch Mexiko-City ganz toll sei. Er war da schließlich schon mal. Vor drölfundfünzig Jahren. Als die Welt noch in Ordnung war.

Der kleine Teufel auf der Schulter wird also zum Schweigen gebracht. Doch schon beim Weg vom Flughafen ins Hotel wird schnell klar, dass man auf den Teufel hätte hören sollen. Im chaosmäßigen Feierabendstau der 20-Millionen-Metropole geht es nämlich nur mit Schrittgeschwindigkeit voran. Unser Fahrer gibt alles. Aber auch Schleichwege durch enge Seitengassen und wildes Gehupe helfen nur bedingt weiter. Wir hängen fest.

Richtig unlustig wird die Situation aber erst, als uns der Chauffeur auch noch auffordert, die Seitenscheibe hochzukurbeln. Wir befinden uns gerade in einem nicht ganz ungefährlichen Viertel, erklärt uns der Mann am Steuer und zwirbelt gelangweilt an seinem Schnurrbart. Draußen fängt es nun auch noch an zu nieseln. Die Wischer des alten Volkswagens schubbern quietschend über die Scheibe. Hört dieser Alptraum den niemals auf?

Quer durch Mexiko für 30 Cent

Am nächsten Tag sieht die Welt schon etwas freundlicher aus. Kollege Schmidt hat einen U-Bahn-Plan von Mexiko-City auf eine DIN-A4-Seite ausgedruckt und die Verbindung vom Hotel zur Rennstrecke mit Textmarkern farbig angestrichen. So machte man das damals im Analog-Zeitalter. Wir müssen zweimal umsteigen. Jede Linie hat eine andere Farbe. "Two return tickets to ciudad deportiva", verlangt Schmiddi am Fahrkartenschalter. Erst am nächsten Tag merken wir, dass es völlig egal ist, wie weit man fährt und ob man gleich den Rückfahrschein mit ordert. Ein Ticket kostet immer 5 Peso - knapp 30 Cent.

In der U-Bahn ist es heiß und stickig aber immerhin nicht so voll wie in dem Zug am gegenüberliegenden Gleis. Wir fahren in der Früh aus der Innenstadt raus und abends nach der Arbeit wieder rein zum Hotel. Die arbeitende einheimische Bevölkerung macht es genau andersherum. Deshalb sind unsere Bahnen immer deutlich luftiger. Unsere Kollegen im Pressezentrum halten uns für verrückt, mit der gefährlichen U-Bahn zu fahren. Es gäbe doch schließlich auch einen Shuttlebus. Der ist vielleicht etwas sicherer, benötigt an Wochentagen aber bis zu 2 Stunden bis zur Strecke. Mit der U-Bahn sind es gerade einmal 35 Minuten.

Wir kommen am renovierten Traditionskurs an und erleben die erste Enttäuschung. Im Pressezentrum hat Architekt Hermann Tilke offenbar vergessen, Fenster einbauen zu lassen. Dass sich die Boxengasse nicht einsehen lässt, kennen wir von anderen Strecken. Dass man aber nicht mal erkennt, ob draußen die Sonne scheint oder ob es regnet, ist etwas deprimierend.

Mexiko-Tribünen bieten guten Überblick

Bei einem ersten Streckenrundgang wird die Laune aber schon wieder besser. Besonders die steilen Tribünen sind der Wahnsinn. Wir klettern bis in die letzte Reihe um uns einen Überblick zu verschaffen. Die Sicht ist genial. Aber auch aus der letzten Reihe merken wir nichts von der dünnen Höhenluft. Das ist fast schon etwas enttäuschend. Genau wie das Wetter. In der Zielkurve angekommen, beginnt es schon wieder zu regnen. Davon hatten wir doch in Austin eigentlich genug.

An den Abenden erkundschaften wir die nähere Umgebung des Hotels. Wir sind in der sogenannten "Zona Rosa" untergebracht. In den Straßen herrscht jede Menge Trubel. Weil an diesem Wochenende der "Dia de los Muertes" gefeiert wird, kommen uns viele Einheimische mit aufgeschminkten Totenköpfen entgegen. Unter den "Toten" sind viele gleichgeschlechtliche Paare. Schnell wird uns klar, dass wir uns im Schwulen- und Lesben-Zentrum der Stadt einquartiert haben. Es ist alles etwas skurril, aber irgendwie auch lustig und auf jeden Fall nicht langweilig.

Die Restaurants in dem Ausgehviertel sind gut und günstig. Wir finden einen argentinischen Steakladen direkt um die Ecke. Die kleinste Einheit sind 500 Gramm Rindfleisch, die erst gegrillt und dann in den Ofen geschoben werden. Serviert wird der Alptraum für jeden Vegetarier direkt auf dem Backblech. Dazu ein dunkles Bier mexikanischer Brauart. Das ist genau nach meinem Geschmack.

U-Bahn-Drama in Pantitlan

Langsam freunde ich mich doch noch mit Mexiko-City an - und werde etwas übermütig. Als es Freitagfrüh an die Strecke geht, will ich eine alternative U-Bahn-Strecke ausprobieren. Statt der Route mit zweimal Umsteigen gibt es auch noch eine Kombination mit nur einem Bahnwechsel - die allerdings 7 Stationen länger ist. Ich entschließe mich für den direkten Vergleich und schicke Schmiddi auf der alten Route los.

Der neue Weg führt über die Station Pantitlan. Hier beginnen und enden 3 Linien. Sie liegt draußen am Stadtrand. Und schon beim Einfahren des Zuges merke ich, dass es keine gute Idee war. Tausende von Menschen drücken sich auf den Verbindungswegen durch die Gänge. Teilweise wird es so voll, dass die Massen nur noch mit Metalltoren aufgehalten werden können. Vor den Gattern kommt es zu dichtem Gedränge. Ich bekomme leichte Panik. Doch um mich herum sind die Mexikaner ganz ruhig. Sie kennen das Spiel offenbar schon.

Alleine das Umsteigen dauert 20 Minuten. Ein Schild zeigt endlich meinen Bahnsteig an. Ich drängele mich in eine große Menschentraube, die eine stehende Rolltreppe zum Gleis hochstiefelt. Eine Frau spricht mich auf Spanisch an. Ich habe aber keine Ahnung, was sie von mir will. Der Bahnsteig im Obergeschoss ist komplett überfüllt. Als die Bahn einfährt, quetscht sich die Meute in den Waggon. Ich bleibe direkt an der Tür stehen, weil ich ja schon nach 2 Stationen wieder raus muss. Doch kaum ist der Zug angefahren merke ich, dass ich auf der falschen Seite stehe.

Meine Station kommt und ich kann mich keinen Zentimeter bewegen. Nur mit roher Gewalt und Schwimmbewegungen presse ich mich durch das Menschenknäuel zum Ausgang. Irgendwie schaffe ich es, mich zu befreien und aus der Tür zu quetschen. Ich dachte schon, ich müsste mit der Masse ewig weiterfahren.

Am Bahnhof treffe ich Kollege Christian Menath vom Motorsport Magazin, der auf dem gleichen Weg unterwegs war. Er fragt mich, ob ich die speziellen Frauen - und Männer-Waggons nicht auch lustig finde. Ich schaue ihn fragen an: Welche Frauen- und Männer-Waggons? Und plötzlich wird mir bewusst, dass in meinem Abteil ja wirklich nur weibliche Fahrgäste mit mir zusammengequetscht waren. Und ich weiß jetzt auch, warum mich die Dame auf dem Weg zum Gleis angesprochen hatte.

Vettel erlebt Rennen zum Vergessen

Die ganze Nummer ist mir extrem peinlich. Aber die Geschichte ist einfach zu gut, um sie an dieser Stelle zu verschweigen. Der Rest des Wochenendes ist nicht ganz so unterhaltsam. Die Tribünen sind voll, aber das Rennen ist nicht der Hit. Rosberg gewinnt von der Pole Position. Weltmeister Hamilton hat wohl etwas lange gefeiert und wird Zweiter.

Noch schlechter läuft es bei Sebastian Vettel, der sich erst einen Plattfuß einfährt, sich dann dreht und dann auch noch in die Bande kracht. Nach dem Rennen will der Heppenheimer zuerst gar keine Presserunde mehr geben. Erst auf leichten Nachdruck steht er doch Rede und Antwort. Da hat sich auch der Ärger über Daniel Ricciardo gelegt. Nach dem Studium der TV-Bilder will er die Vorwürfe gegen den alten Red Bull-Teamkollegen nicht wiederholen. Er gesteht fair seine Fehler ein. Diese Souveränität des vierfachen Weltmeisters gefällt uns.

Am Montag muss ich das Teufelchen auf der Schulter wieder überzeugen, nicht in die Karibik abzubiegen sondern ins Büro nach Deutschland zu fliegen. Kollege Schmidt biegt in einen anderen Terminal ab. Er fliegt zum Urlaub zurück in die USA. Dann geht es für ihn weiter nach Brasilia, wo er mit Nelson Piquet ein paar entspannte Tage verbringt. Das hätte ich auch sofort gegen mein Büro im kalten Stuttgart eingetauscht.

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