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F1 Tagebuch GP Österreich 2015

Reise in die glorreiche Vergangenheit

F1 Tagebuch - GP Österreich Foto: ams 30 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. Im achten Teil erzählt Andreas Haupt vom GP Österreich.

14.12.2015 Andreas Haupt

"Als Deutscher kommt man immer sehr gerne nach Österreich. Das Essen schmeckt gut und die Landschaft ist sehr schön", sagt Sebastian Vettel im Vorfeld des Rennens in der Steiermark. Ich kann dem Ferrari-Fahrer nur zustimmen. Auch mir gefällt die bergige Landschaft. Obwohl ich das Meer lieber habe. Und auch mir taugt das deftige Essen.

Während unserer Tage in Österreich speisen wir herzlich. Es gibt Schnitzel mit Pommes, Hähnchen und Schweinebraten. Also eigentlich alles, was das Schlemmerherz begehrt. Und alles, was den eigenen Hosenbund ein bisschen ausdehnt. Dazu Racing. Was will man mehr?

Rennen auf dem alten Flugplatz

Das pralle Abendessen gibt es zwar nicht für den schmalen Euro, aber der Preis ist gerechtfertigt. Ganz anders die Kosten für die Unterkünfte. Wir haben über die FOM (Formula One Management) ein kleines Hotel gebucht. Nicht falsch verstehen: Die Betreiber sind sehr gastfreundlich, das Frühstück ist abwechslungsreich und lecker, die Zimmer sind sauber und ordentlich ausgestattet. Aber 220 Euro die Nacht, statt der üblichen 36, ist doch etwas hoch gegriffen. Selbst 20 bis 30 Kilometer entfernt von der Strecke kosten Zimmer noch über 200 Euro. Da sollte an der Preisschraube nach unten gedreht werden.

Im zweiten Jahr nach dem Comeback zeigt sich Österreich von seiner besten Seite. Alles ist top organisiert. Das Pressezentrum gehört zu den besten des Jahres. Das Internet läuft ohne zu murren und wir haben aus dem vierten Stock einen Klasse-Blick auf die Zielgerade. Und über den Großteil der restlichen Passagen der 4,326 Kilometer langen Bahn, die malerisch in die Berge eingelassen ist. Ich kenne die Strecke schon von einem Besuch aus dem Jahr 2011. Damals raste nicht die Formel 1 über die modernisierte Anlage, sondern die DTM.

Was ich noch nicht kenne, sind die modernisierten Häuser in der Region. Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz ließ vor der F1-Rückkehr in die Steiermark rund 10 Millionen Euro springen. Die Bewohner nahmen das Angebot dankend an und peppten die Fassaden ihrer vier Wände auf, wie mir mein Kollegen Michael Schmidt erzählt.

Nur 55.000 Zuschauer am Rennsonntag

Mit ihm ist jede Fahrt auch eine Reise in die Vergangenheit. Als wir in unserem BMW X5-Testwagen am alten Flugplatz vorbeifahren, kommen wir auf den GP Österreich 1964 zu sprechen. "Hier haben sie ein paar Kurven abgesteckt und dann wurde Rennen gefahren", sagt Schmidt. Er selbst war damals noch nicht dabei, spricht aber derart detailliert, als ob er es gewesen sei.

Auf dem Weg zur Strecke geraten wir an keinem Tag in den Stau. Das Steuer gibt Michael Schmidt übrigens nie aus der Hand. Ich muss mich wie immer mit dem Beifahrersitz anfreunden. Was aber an stressigen Tagen durchaus seine Vorteile hat. 2014 sei es mit der Verkehrssituation noch anders gewesen, berichtet Schmidt. Fotograf Daniel Reinhard habe am Donnerstag vor dem GP für die letzten paar Kilometer ganze drei Stunden gebraucht. So groß sei der Andrang damals gewesen. Österreich war heiß auf die Formel 1. 2015 leider nicht mehr so. Die Zeltplätze behalten einige grüne Flecken. Der Veranstalter zählt am Sonntag 55.000 Zuschauer. Im Vorjahr waren es noch 95.000. Dabei stimmt das Programm.

Red Bull jammert und droht

Denn die Fans kriegen nicht nur die Turbo-Rennwagen der Gegenwart zu sehen. Sondern auch alte PS-Kracher mit Turbomotoren aus den 1980er Jahren. Nur der Sauber-C14 Ford aus dem Jahr 1995 tanzt aus der Reihe. Er trägt als einziges einen Saugmotor im Heck. Einen V8 wie ihn sich manche Fans zurückwünschen würden.

Red Bull steht beim Heimspiel im Fokus. Aber nicht aufgrund überragender Leistungen, sondern weil Firmenchef Dietrich Mateschitz gegen Renault auskeilt. "Außer uns Zeit und Geld zu stehlen, haben sie uns auch die Freude und die Motivation genommen." Mateschitz droht offen mit Ausstieg. Seine Aussagen kommen bei den Fachleuten nicht gut an. Bei den Fans ebenfalls nicht. Außer man hält es mit Red Bull. Sicher schmerzen dem Serienweltmeister auch die Sticheleien der Konkurrenz. Mercedes inszeniert sich mit Werbeplakaten und dem Slogan "Die Spitze des Spielbergs".

Das eigentliche PS-Konzert verkommt am Samstag zu einer Komödie. Erst etwa sechs Stunden nach dem Qualifying flattert die offizielle Startaufstellung ins Pressezentrum. Die Motorenstrafen bei Red Bull und McLaren bringen die FIA und die Tagespresse ins Schwitzen. Dabei gibt es spektakuläre Momente auf der Strecke. Auf der Jagd nach der Pole-Position rodeln Lewis Hamilton und Nico Rosberg vom Asphalt. Trotzdem kann die Silbernen niemand schlagen.

Am Sonntag geht das Spektakel in den ersten Kurven weiter. Rosberg schnappt sich seinen britischen Rivalen auf den ersten Metern und fährt danach ein astreines Rennen inklusive Sieg. Hamilton scheitert am Speed seines Teamkollegen und patzt beim Boxenstopp. Bei der Ausfahrt tänzelt sein Heck über die weiße Begrenzungslinie. Die Folge: eine fünfsekündige Zeitstrafe.

Das Treffen mit Fernando Alonso

Im Hinterfeld kracht es. Kimi Räikkönen hat am Ausgang der zweiten Rechtskehre zu viel Drehmoment und verliert seinen Ferrari SF15-T. Der Finne biegt nach links ab und reißt Fernando Alonso mit in die Leitplanke. Der McLaren strandet kurios: Er liegt halb auf dem Ferrari, halb auf der Barriere. Für Alonso ist es das Ende eines weiteren verkorksten Wochenendes. Obwohl McLaren das Auto grundlegend erneuert - inklusive kurzer Nase - geht es nicht voran. Zu schwachbrüstig ist der Honda-V6.

Das Glück scheut vor dem Spanier zurück wie die Katz vor dem Hund. In Le Mans kann er eine Woche vor dem GP Österreich nicht antreten, weil McLaren sein Veto einreichte. Ausgerechnet der Porsche 919 Hybrid mit Nico Hülkenberg, den Alonso ebenfalls hätte steuern sollen, rauscht zum 24h-Sieg. Während Hülk auch noch in Österreich gefeiert wird, blickt der Spanier bedröppelt drein.

Später treffe ich Alonso im McLaren-Motorhome. "Darf ich Ihnen eine Frage stellen?" Alonso lässt mich gewähren. "Zuerst einmal, wie geht es Ihnen nach dem Unfall? Und wie beurteilen Sie die Situation?" Der Routinier lässt mich auflaufen. "Ich habe gesagt, eine Frage. Die Antwort: Mir geht es gut." Nach kurzen Erklärungen hat er doch ein Einsehen: "Ich habe das Gefühl, dass ihm das gleich wie in Montreal passiert ist. Offenbar hatte er ein sehr aggressives Drehmomentkennfeld. Dazu hatte er noch die harten Reifen drauf, die am Anfang nicht so viel Grip bieten."

Lauda veräppelt Prost und Piquet

Der GP Österreich 2015 ist insgesamt ein mittelprächtiges Rennen. Die alten Rennwagen, die im Rahmenprogramm von alten Haudegen und Weltmeistern gefahren werden, erregen gefühlt mehr Aufmerksamkeit. Nelson Piquet pilotiert einen Brabham BT52-BMW, Niki Lauda einen McLaren MP4-2, Alain Prost das Nachfolgemodell MP4-2B, Ricardo Patrese einen Renault RS50, Christian Danner einen Zakspeed 871, Pierluigi Martini einen Minardi M186-Motori Moderni. Ein Lotus 98T-Renault streikt leider. Dafür rückt der Sauber C14-Ford gefahren von Jean Alesi nach.

Die Legenden haben Spaß beim Fahren. Eine Szene wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Wie Niki Lauda seine alten Gegner Alain Prost und Nelson Piquet mit "Hasenohren" veräppelt. Früher war in der Formel 1 alles Ungezwungener, höre ich häufig. Ich glaube es aufs Wort und würde es mir wünschen, im Fahrerlager einfach mal so mit Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Co. ein Pläuschen zu halten. Doch an die Stars kommt man leider nicht mehr so einfach ran, wie wohl früher.

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