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F1 Tagebuch GP Singapur 2015

Vier gewinnt unter Flutlicht

F1 Tagebuch - GP Singapur 2015 Foto: ams 28 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 13 blickt Tobias Grüner hinter die Kulissen des GP Singapur.

19.12.2015 Tobias Grüner

Mit der Reise nach Singapur startete auch das auto motor und sport-Team in den Saisonendspurt. Vor dem Abflug wussten wir nicht genau, was uns am anderen Ende der Welt erwartet. Berichte über eine hohe Smog-Belastung machten in den Tagen zuvor die Runde. Nach ausgiebigen Brandrodungen in Indonesien hatte sich angeblich ein Grauschleier über die Glitzermetropole gelegt. Doch als wir Mittwoch ankamen, war alles nur halb so wild. Die Luft war zwar nicht besonders gut, eine Absage des Rennens war aber nicht zu befürchten.

Früher haben wir immer im Swissotel direkt an der Strecke gewohnt. Doch weil sich die Preise dort im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hatten, mussten wir uns eine neue Herberge in etwas weiterer Entfernung suchen. Wenn ein Grand Prix in die Stadt kommt, bekommen Hoteliers traditionell Dollarzeichen in die Augen. Von unserem neuen Quartier konnten wir leider nicht mehr zu Fuß bis ins Fahrerlager laufen. Stattdessen ging es jeden Tag per U-Bahn los.

Auf Kriegsfuß mit der Technik

Taxis kamen für uns nicht in Frage. Damit haben wir in Singapur schon jede Menge schlechter Erfahrungen gemacht. Wegen der Formel 1-Straßensperrungen verlieren die Chauffeure auch ohne Smog schnell den Durchblick. Außerdem ist der Verkehr zur Rush-Hour tödlich.

Die U-Bahn ist nicht nur schneller sondern auch noch billiger. Das einzige Problem sind die Touchscreen-Ticketautomaten, mit denen Kollege Michael Schmidt generell auf Kriegsfuß steht. Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass Schmiddi noch nicht einmal ein Handy besitzt. Das Herumtippen auf Bildschirmen hält der Technik-Verweigerer für Hexenwerk. In Singapur kommt erschwerend hinzu, dass man seine Chipkarte auch noch kompliziert vor jeder Fahrt neu aufladen muss. Ich muss nicht erwähnen, dass es ein paar Fahrten dauerte, bis er das System verinnerlicht hatte.

Auch der ungewöhnliche Zeitplan des Nachtrennens ist nur schwer zu verinnerlichen. Es ist immer noch ein komisches Gefühl, sich im Hotel bis in die Früh wachzuhalten und dann bis zum frühen Nachmittag auszuschlafen. Auch bei meinem siebten Grand Prix unter Flutlicht hatte ich immer noch ein schlechtes Gewissen, den Wecker auf 13 Uhr zu stellen. Da man das Fahrerlager aber immer erst nach Mitternacht verlässt, kommt man natürlich dennoch auf die übliche Arbeitszeit.

Als erfahrene Singapur-Reisende wissen wir mittlerweile auch, wo man um 2 Uhr Nachts noch ordentlich was essen kann. Erste Anlaufstelle ist traditionell der sogenannte "Newton Circus", wo sich viele kleine Garküchen zu einem riesigen Foodcourt zusammengeschlossen haben. Angeboten werden asiatische Spezialitäten zu vertretbaren Preisen. Das Essen ist frisch. Das Bier ist kalt. Und weil es an Alternativen mangelt, trifft sich stets das gesamte Formel 1-Volk in der offenen Anlage.

Auf Entdeckungsreise im TCR-Fahrerlager

Neben den Formel 1-Berichten hatte ich in Singapur dieses Mal noch einen Spezialauftrag. Für unser Schwestermagazin sport auto ging es für eine Story zur neuen TCR-Tourenwagen-Serie auf Recherche. Die Hondas, Seats und VWs fuhren beim Grand Prix im Rahmenprogramm. Es war ein etwas komisches Gefühl für mich, in das separate Fahrerlager zu gehen und niemanden zu kennen. Da aber die Journalisten-Konkurrenz in der TCR nicht besonders groß ist, versorgten mich die Teams gerne mit Informationen und Gesprächspartnern. Sogar Serienchef Marcello Lotti - quasi der Ecclestone der TCR - nahm sich 15 Minuten Zeit für ein Interview.

In der Formel 1 sind die Türen leider nicht ganz so offen. Kritischen Journalisten wird gerne mal ein Knüppel zwischen die Beine geworfen. Fahrer werden weggeschlossen. Ingenieure erhalten Redeverbot. Und wenn man es doch wagt, neben den offiziellen Presserunden mit Teammitgliedern zu quatschen, steht oft direkt ein Pressepolizist mit dem Aufnahmegerät daneben. Da traut sich natürlich niemand mehr offen zu reden.

Manchmal werden wir auch mit falschen Informationen versorgt - wenn auch nicht beabsichtigt. Auf Nachfrage hatte uns Niki Lauda zum Beispiel vor dem Singapur-Wochenende verraten, dass der in Monza ausgebaute Motor von Nico Rosberg in der Fabrik untersucht wurde. Das Aggregat befinde sich in einwandfreiem Zustand und solle im Singapur-Training zum Einsatz kommen, versicherte der Mercedes-Außenminister.

An der Strecke erzählten uns die Ingenieure dann eine etwas andere Story. Man sei nicht sicher, ob das Triebwerk nicht doch Probleme macht, nachdem sich in Monza Kühlwasser mit Öl vermischt hatten. Weil sich die Fahrer in Singapur selbst im Training keine langen Ausfallzeiten leisten können, werde der Motor erst in Suzuka wieder eingebaut und getestet. Und im Rennen soll er aus Sicherheitsgründen bis Saisonende gar nicht mehr eingesetzt werden.

Schmidt mit richtigem Riecher in Sachen Renault

Da steht man als Journalist natürlich dumm da. Als Online-Journalist ist man es aber gewohnt, dass man von den Lesern sofort auf seine Inkompetenz hingewiesen wird, wenn mal etwas schief läuft. Auf der anderen Seite hatten wir während des Singapur-Wochenendes aber auch einige Storys, die sich am Ende als richtig herausstellten. Kollege Schmidt fand zum Beispiel heraus, dass Renault eine Kaufoption für das Lotus-Team unterschrieben hatte, was von den Franzosen erst anderthalb Wochen später offiziell bestätigt wurde.

Auch das Thema Technik ist für uns natürlich immer besonders interessant. Wir hatten schon eine Woche vor dem Singapur-Wochenende über das große Sauber-Update berichtet. Ein Pressesprecher erzählte mir, dass die neuen Teile jedoch erst am Donnerstagabend kurz vor der technischen Abnahme ausgepackt werden. Doch dann standen die neue Nase und der neue Flügel plötzlich einige Stunden früher vor der Garage. So etwas artet dann immer in leichten Stress aus.

Mercedes greift komplett ins Klo

Stress gab es auch bei Mercedes. Die Autos präsentierten sich schon im Freien Training ungewöhnlich langsam. Spätestens im Qualifying war klar: Es handelt sich nicht um ein Pokerspiel. Keiner wusste, wo die überlegene Pace geblieben ist. Verschwörungstheoretiker vermuteten ein böses Spiel der FIA oder von Pirelli, die Rosberg und Hamilton mit härteren Reifen ausgestattet hatten. Andere wiederum stellten die Theorie auf, dass Mercedes absichtlich den Motor drosselte, damit die Konkurrenz auch mal einen Pokal abbekommt.

Erst in Japan kamen die Ingenieure mit einer plausiblen Erklärung. Man hatte mit dem Setup komplett ins Klo gegriffen, was sich in überhitzenden Reifen niederschlug. Im Rennen fiel Hamilton dann auch noch aus, weil sich eine Metallschelle an einem Luftschlauch in der Airbox gelöst hatte. Die Konkurrenz nahm das Geschenk gerne an. Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo lieferten sich ein spannendes Duell um den Sieg.

Am Ende sorgte ein Flitzer für die Entscheidung zugunsten des Deutschen. Die Safety-Car-Phase kam Vettel gerade recht. So konnte Ricciardo seinen Vorteil in Sachen Reifenverschleiß nicht ausspielen. Auch für uns Reporter war der betrunkene Brite eine gute Story. So etwas erlebt man schließlich nicht alle Tage.

Ebenfalls eine gute Story lieferte Max Verstappen nach dem Rennen. Die Toro Rosso-Strategen wollten Carlos Sainz in den Schlussrunden per Stallregie-Befehl an ihm vorbeilotsen. Doch der Holländer verweigerte den Befehl. Nach dem Rennen sorgte der Youngster für das Zitat des Tages, als er die Reaktion seines Vaters Jos wiedergab: "Er hat mir gesagt, dass er mir in die Eier getreten hätte, wenn ich zur Seite gefahren wäre." Solche Sprüche hört man in der sterilen Formel 1-Welt leider nur selten.

Um 5 Uhr morgens waren die ersten Geschichten im Kasten. Auf das Abendessen (oder Frühstück) verzichteten wir. Es ging nur noch ins Bett. Lange konnten wir am Montag nicht ausschlafen. Für die Reise nach Japan mussten wir schon ein paar Storys vorbereiten. Und in Japan war die Formel 1 im Gegensatz zu Singapur leider nicht auf Europa-Zeit unterwegs. Als ich am Dienstag früh um 6.30 Uhr in das Taxi zum Flughafen stieg, war meine innere Uhr komplett durcheinander.

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