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F1 Tagebuch GP USA 2015

Wasserspiele in Texas

F1 Tagebuch - GP USA 2015 Foto: ams 28 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2015. In Teil 16 blickt Tobias Grüner hinter die Kulissen des GP USA.

22.12.2015 Tobias Grüner

Ja, ich muss es gestehen: Die Reise in die USA ist jedes Jahr mein persönliches Highlight im Kalender. Ich bin ein Fan amerikanischer "Ess-Kultur", amerikanischer Sportarten wie Baseball und Football und ich freue mich jedes Mal fette Pickups auf den Straßen zu sehen, deren V8-Bollern die Erde beben lassen. Und davon sieht man in Texas besonders viele.

In einem Anflug geistiger Umnachtung hatte ich das Austin-Rennen im Vorjahr an meine liebe Kollegin Bianca Leppert abgetreten. Das sollte mir nicht noch einmal passieren. Eine Vegetarierin in Texas - das macht ja auch gar keinen Sinn. So stieg ich trotz der unchristlichen Uhrzeit gut gelaunt um kurz nach 5 Uhr morgens in den ICE zum Flughafen nach Frankfurt.

Abflug mit Hindernissen

Die gute Laune hielt allerdings nicht lange an. Kaum war ich angekommen, klingelte mein Handy. Kollege Schmidt meldete sich am anderen Ende der Leitung. Sein Zubringerflug von Stuttgart nach Frankfurt war ausgefallen. Ihm stand ein Rennen gegen die Zeit bevor. Würde er es noch rechtzeitig mit dem Zug schaffen?

Ich hatte ihm in den letzten Jahren immer wieder versucht einzutrichtern, dass man für die 200 Kilometer nach Frankfurt nicht den Flieger nimmt. Zu groß ist die Gefahr, dass etwas schief geht. Im besten Fall bleibt am Ende nur der Koffer auf der Strecke. Im dümmsten Fall schafft man die Verbindung selbst nicht. Und wenn man zur Sicherheit einen Flug früher nimmt, sitzt man ewig in Frankfurt und wartet auf den Weiterflug.

Da ist mir der Zug zehnmal lieber. Selbst wenn einer ausfällt: Der nächste kommt spätestens eine Stunde danach. Und ein paar Minuten Verspätung machen den Kohl bei einer Gesamtreisezeit von 12 Stunden bis Texas auch nicht fett. Lange Rede, kurzer Sinn. Kollege Schmidt schaffte es gerade so. 10 Minuten vor dem Abflug trafen wir uns am Gate.

Knapp 11 Stunden später spuckte uns der A380 in Houston wieder aus. Dank der hohen Luftfeuchtigkeit in Texas gelang mir bei der Landung (trotz defekter Handykamera) ein cooles Bild eines Luftwirbels, der sich über den Flügel zog. Da die Schlange an der Immigration mal wieder ewig lang war, hatte ich genügend Zeit, das Foto an die Technik-Fans unter meinen Twitter-Followern zu verteilen. Es war der am häufigsten geteilte Tweet des ganzen Wochenendes.

Vettel brabbelt mit Harley durch Texas

Die hohe Luftfeuchtigkeit sollte uns noch etwas länger verfolgen. Es war Regen vorhergesagt. Ausläufer eines Wirbelsturms über Mexiko rollten auch über Texas. Beim ersten Streckenbesuch am Mittwoch hatten wir allerdings noch Glück. Sebastian Vettel nutzte die letzten trockenen Stunden, um mit seiner ausgeliehenen Harley Davidson-Maschine an den Circuit of the Americas zu cruisen. "Schau mal, die hat sogar ein Radio", grinste der Formel 1-Weltmeister kurz bevor er den lautstark brabbelnden Motor abschaltete.

In der Boxengasse bauten die Sauber-Mechaniker gerade den Ferrari-Motor ein. Bei McLaren wurde der Honda-V6 ausgepackt. Ich hatte die Kamera schussbereit und ließ mich nicht zweimal bitten. Solche Gelegenheiten bekommt man im Laufe eines Jahres nicht so oft. Die Ingenieure waren sicher wenig begeistert. Aber das ist nun mal Teil des Spiels.

Am Folgetag hätte ich bei Sauber noch viel interessantere Fotos schießen können. Pressesprecher Robert Höpoltseder lud mich in die Garage ein, damit ich ein exklusives erstes Bild vom Jubiläumsaufkleber auf dem Auto machen kann. Das Schweizer Traditionsteam feierte seinen 400. Formel 1-Grand Prix. Auch Manor Marussia hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen. Zum Heimspiel von Alex Rossi wurden die Stars und Stripes auf die Heckflügel-Endplatte geklebt.

Auch für Technik-Fans gab es schon am Donnerstag viel zu sehen. Mercedes hatte zusätzlich Kühleinlässe an die Airbox montiert. Eine kurze Nachfrage bei den Ingenieuren ergab, dass hier für das nächste Rennen in Mexiko getestet werden sollte. Erstmals erzählten uns die Techniker, wie groß die Sorgen vor dem Rennen in der dünnen Höhenluft waren.

Barbecue mit Hass F1

Am Abend ging es mit Haas F1-Teamchef Guenther Steiner und seinem Pressekorps in ein richtig uriges Texas-BBQ-Restaurant. Das "Salt Lick" ist über die Grenzen des Staates bekannt. In Rauch- und Schwenkgrills werden tonnenweise Ribs und Brisket hergestellt. Genau mein Ding. An den langen Tischen herrscht gemütliche Oktober-Fest-Atmosphäre. Das ist mir viel lieber als irgendwelche Nobelschuppen, wo das Steak 50 Euro kostet.

Gegen die Wetterprognose am Freitagfrüh hatte die gute Laune aber keine Chance mehr. Nachdem das erste Training auf feuchter Strecke noch einigermaßen vernünftig über die Bühne ging, kannte der Regen kurz vor der zweiten Sitzung keine Gnade mehr. Es begann zu schütten. Und zwar richtig. So viel Regen hatte ich lange nicht gesehen. Erst 48 Stunden später hatte der Himmel endlich erbarmen.

Dazwischen lag noch der komplette Samstag, an dem es keine trockene Minute gab. Ich traute mich kaum aus dem Pressezentrum heraus. Kollege Schmidt sah nach jedem Ausflug in das Fahrerlager aus wie ein begossener Pudel. Das Qualifying wurde immer wieder verschoben, bis es dann schließlich ganz abgesagt wurde. Das war nicht nur für die Fans zuhause deprimierend sondern auch für uns. Da halfen auch die Comedy-Vorstellungen einiger Teams in der Boxengasse nichts.

Vor allem bedeutete es, dass wir am Sonntag früher aufstehen mussten, um den zweiten Anlauf des Qualifyings nicht zu verpassen. Als wollten die Piloten die ganze Action nachholen, ging es auch im Rennen anschließend drunter und drüber. Ich hatte bereits ein paar Storys für einen möglichen WM-Titel Hamiltons vorbereitet, hoffte aber insgeheim, dass sich der Mercedes-Pilot noch etwas länger Zeit lässt.

Internet-Totalausfall nach Hamilton-Titel

Doch ein Fehler von Nico Rosberg wenige Runden vor Schluss brachte dann alle Pläne durcheinander. Hektisch passte ich nach dem Rennen die Bildergalerie mit den Highlights aus Hamiltons Karriere an. Der alte und neue Weltmeister musste schließlich gebührend abgefeiert werden. Rosberg war dagegen nicht zum Feiern zumute. Der Zweitplatzierte beklagte sich über die ruppige Fahrweise seines Teamkollegen am Start und forderte eine Aussprache.

Die Teamleitung gab Rosberg recht, wollte sich aber nicht weiter zu dem Thema äußern. Man wollte Hamilton schließlich nicht die Party versauen. Als hätten wir nicht schon genug Stress und Hektik fiel am Abend auch noch das Internet im Pressezentrum aus. Nachdem schon eine Stunde lang nichts ging, meldete sich der FIA-Pressechef über die Lautsprecher und verkündete, dass man den Fehler offenbar nicht so schnell beheben könne. Er riet uns, die Strecke zu verlassen und aus dem Hotel weiterzuarbeiten.

Seit 2009 fahre ich nun regelmäßig zu Formel 1-Rennen. Aber so etwas ist mir noch nie passiert. Ich hätte auch nie gedacht, dass so etwas in einem technisch fortgeschrittenen Land wie den USA passieren könnte. Schnell packten wir unsere Sachen ein und fuhren nach Hause. Die Bilder des Tages und die Rennanalyse kamen allerdings mit etwas Verspätung.

Erst um Mitternacht waren die wichtigsten Artikel auf der Seite. Da war es in Deutschland zum Glück erst 7 Uhr morgens. Da wir noch nichts gegessen hatten, legten wir eine kurze Pause ein um einen Happen zu essen. Danach ging es mit der Arbeit weiter. Das Montagsprogramm musste schließlich noch vorbereitet werden. Erst um 3 Uhr machte ich das Licht aus. Hätte ich doch nur die Kollegin Leppert nach Texas geschickt.

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