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F1 Tagebuch Italien 2013

Monza die Fünfunddreißigste

GP Italien 2013 - Formel 1-Tagebuch Foto: xpb 30 Bilder

Die auto motor und sport-F1-Reporter waren auch 2013 wieder auf den Grand Prix-Strecken dieser Welt unterwegs. In ihren Formel 1-Tagebüchern gewähren sie einen persönlichen Blick hinter die Kulissen. Rennen 12: GP Italien.

13.12.2013 Michael Schmidt

Ich gebe es zu. Monza ist mein persönliches Highlight. Liegt es daran, dass ich im Autodrom 1976 zum ersten Mal die Formel 1 live erlebt habe? An dem Tag, an dem Niki Lauda 42 Tage nach seinem Feuerunfall am Nürburgring sein Comeback gab? Mit standing ovations von der Haupttribüne. Oder daran, dass ich 1977 mit drei Kumpels in einem Fiat 127 wie einst Hannibal mit seinen Elefanten die Alpen überquert habe, um einen grandiosen Sieg von Mario Andretti mitzuerleben.

Das Programm war damals noch klar abgesteckt. Freitag Goodyear-Schikane und zweite Lesmo-Kurve. Samstag Parabolica. Sonntag Stehplatz, irgendwo im Wald zwischen der Unterführung und der Ascari-Schikane. Alle Tribünen-Tickets waren ausverkauft. Angeblich bevölkerten 210.000 Menschen den Park. Genauso hat es sich angefühlt. Eine unglaubliche Atmosphäre. Die Hälfte hat wahrscheinlich keinen Eintritt bezahlt.

Kurven haben noch echte Namen

Drahtschere und Leiter gehörte seinerzeit zur Grundausrüstung eines wehrhaften Tifosi. Die wussten genau, wo sie über die Mauer klettern mussten. Wir waren noch Monza-Neulinge und haben alle drei Tage brav unseren Obolus entrichtet. Der Eintritt damals: lächerliche 10.000 Lire, glaube ich. Als wir drin waren, sind wir zwei Stunden über Stock und Stein gestolpert, um überhaupt irgendwo einen Platz am Zaun zu ergattern.
 
Noch heute befällt mich das gleiche unbeschreibliche Gefühl, wenn ich durch das Tor in den alten, verwitterten Park einfahre. Das Autodrom atmet Motorsport-Geschichte aus allen Poren. Ich habe dieses Jahr meinen 35. Grand Prix in Monza erlebt, doch jedes Mal wähnt man sich in einer anderen Welt, wenn man die alten Steilkurven sieht, die zum Glück unter Denkmalschutz stehen. Einmal in der Zeitmaschine einen Salto rückwärts und Fangio durch die Steilwand rauschen sehen. Das wäre es.

Curva Grande, Lesmo, Ascari, Parabolica: Sind das nicht echte Kurvennamen, unter denen man sich etwas vorstellen kann? Auf den Tilke-Strecken werden die Kurven durchnummeriert. Wie langweilig ist das denn. Die Marketing-Experten des Motorsports machen wirklich alles falsch, was man falsch machen kann. Über eine Kurve mit Namen lässt sich mehr erzählen als über eine mit einer Zahl.

Landhotel mit Ferrari-Tradition

Genug von alten Zeiten geschwärmt. Im Jahr 2013 haben Kollege Tobias Grüner und ich die Alpen über den Splügen-Pass bezwungen, und den Fiat 127 ersetzte ein Audi A6-Turbodiesel aus dem Dauertest-Fuhrpark von auto motor und sport. 313 PS statt 50. Ich wohne auch nicht mehr in Mailand in der Nähe des Hauptbahnhofs, sondern in Arcore im ehemaligen Ferrari-Hotel. Ein altes Landhaus in einem Stadtpark. Heute sind sich Teams wie Ferrari natürlich zu fein dazu, in dem etwas abgewohnten Dreisterne-Hotel zu übernachten, aber damals spielte das keine Rolle.
 
Gegenüber dem Hotel steht die Dorfkirche. Damals wie heute mit einem sehr ambitionierten Glöckner. Ab 7.30 Uhr morgens gibt der alles. Niki Lauda hat es seinerzeit geschafft, dass der Glöckner etwas später mit seiner Arbeit beginnt. Rennfahrer brauchen Schlaf. Unser Arm reicht natürlich nicht so weit. Wir fahren ja auch nicht Ferrari. Den Niki kennen sie übrigens immer noch in dem Hotel. Vor ein paar Jahren kam er mit uns zum Abendessen in das vorzügliche Hotelrestaurant, und er wurde begrüßt wie ein alter Bekannter. Laudas Kommentar: "Da hat sich ja seit damals nix geändert."

Diesmal wohnte John Surtees im St. Eustorgio. So heißt der Laden. Auch der 79-jährige Engländer fühlte sich an alte Zeiten erinnert. Als er von 1963 bis Anfang 1966 für Ferrari fuhr, war das St. Eustorgio Pflichtherberge für ihn. Auch uns ist das Hotel ans Herz gewachsen. Er gehört zu einem Monza-Besuch einfach dazu. Wegen der guten Küche und der guten Lage und dem Personal, das wir seit Jahrzehnten begleitet haben.

Vettel begeistert von alten Zeiten

Vom Schlossparkplatz bis zum Presseparkplatz sind es zehn Minuten. Die Straße ist eigentlich gesperrt, und das runde Verkehrszeichen mit dem roten Rand weist eindrücklich darauf hin, doch der Parkplatzaufkleber hinter der Windschutzscheibe wirkt Wunder. Die Carabinieri winken einen immer freundlich durch. Motorsport hat in Monza eben Vorfahrt.
 
Erinnern Sie sich noch an den Shell-Film des GP Belgien von 1955, den ich Ihnen in unserem Spa-Tagebuch gezeigt habe? Ich habe ihn am Donnerstag Sebastian Vettel zukommen lassen. Der war so begeistert, dass er sich den Streifen am gleichen Tag in seinem Ruheraum in der Red Bull Energy Station reingezogen hat. Hinterher kam er an und konnte fast jede Szene rezitieren. Das zeigt: Vettel ist ein echter Fan. Ich wette, dass keine zehn Prozent seiner Kollegen Interesse an der alten Zeit haben. Als ich zu Vettel sage, dass ich gerne mal eine Zeitreise in diese Epoche machen und mir so ein Rennen aus den 50er Jahren anschauen würde, da meint er: "Was heißt hier anschauen? Ich würde da gerne mal mitfahren."
 
Kollege Mark Webber wird in Monza verabschiedet. Dabei stehen noch sieben Grand Prix an. Webber meint bei der Feierstunde im ersten Stock des Red Bull-Motorhomes: "Geht das jetzt bei allen sieben Rennen so? Muss ich überall Abschied feiern?" Monza ist diesmal versöhnlich mit dem Australier. Die Strecke hatte ihm noch nie Glück gebracht. Bei seinem letzten Auftritt im königlichen Park wird er mit einem dritten Platz belohnt. Obwohl er sich die letzten Runden mit einem maladen Getriebe über die Distanz quält.

Sonntagabend mit Überstunden

Am Donnerstag muss ich auf das Abendessen mit den Kollegen im St. Eustorgio verzichten. David Ward, der Mann der gegen Jean Todt um das Präsidentenamt der FIA kandidieren will, hat vier englische Kollegen und mich zur Privataudienz eingeladen. In ein Restaurant am Flughafen Linate. Da sträubt sich sogar das Navi. An der Flughafen-Peripherie geht es erst durch ein Industriegebiet und dann durch ein paar alte Gemäuer mit einer Straße, so breit wie ein Auto. Und plötzlich taucht da wie aus dem Nichts ein veritables Lokal auf. Typisch Italien eben.
 
Der Abend ist interessant. Herr Ward plaudert aus dem Nähkästchen. Wir erkennen sofort: Typische Max Mosley-Schule. Todt muss aufpassen, und er weiß das. Als ich ihn zwei Tage später im Fahrerlager treffe, kommt er sofort auf mich zu und sagt mir: "Ich trete zur Wahl an. Nur um anderslautenden Gerüchten vorzubeugen."
 
Ansonsten läuft das Monza-Wochenende ab wie immer. Geordnetes Chaos eben. Das Rennen ist schnell vorbei, die Arbeit leider nicht. Die Gerüchte verdichten sich zum Fakt: Kimi Räikkönen unterschreibt bei Ferrari. Da hat uns der Herr Räikkönen am Sonntagabend zusätzlich Arbeit eingebrockt.
 
Um 10 Uhr abends brechen wir die Zelte ab. Kollege Grüner darf auf dem Heimweg seine geliebten Burger bei McDonalds zum Mitnehmen kaufen. Aber nur das eine Mal. Öfter würden wir ihm in Italien den Stilbruch nicht erlauben. Natürlich empfängt uns in der Schweiz nicht nur das lästige Tempolimit, sondern wie jedes Jahr beim Nachhausefahren auch ein Wolkenbruch, der bis Schaffhausen nicht aufhören will. So laufen wir wenigstens nicht Gefahr, den Radarfallen ins Messer zu laufen. Um 3.30 Uhr sind wir wieder in Stuttgart. Mit dem sicheren Gefühl: Monza war wieder eine Reise wert.

In unserer Galerie haben wir ein paar Impressionen vom Geschehen hinter den Kulissen des F1-Rennens von Monza gesammelt.

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