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F1 Tagebuch Japan 2013

Spezialitäten aus der Gerüchte-Küche

GP Japan 2013 - Formel 1-Tagebuch Foto: Wilhelm 38 Bilder

Die auto motor und sport-F1-Reporter waren auch 2013 wieder auf den Grand Prix-Strecken dieser Welt unterwegs. In ihren Formel 1-Tagebüchern gewähren sie einen persönlichen Blick hinter die Kulissen. Rennen 15: GP Japan.

16.12.2013 Michael Schmidt

Der Anflug auf den Osaka Kansai Airport ist immer wieder atemberaubend. Der Flieger dreht eine Runde vor der riesigen Stadt und steuert dann auf die künstliche Insel in der Bucht vor Osaka zu. Dort haben sie den Flughafen mitten ins Meer gebaut. Bislang haben wir Japans zweitgrößte Stadt immer links liegengelassen und sind direkt nach Suzuka gereist. Oder wir haben die Tage vor dem Rennen in Tokio verbracht. Von Tokio habe ich jetzt genug gesehen. Auch Vettel kann uns nicht mehr umstimmen. Sein enger Terminkalender hat sich plötzlich gelockert. Er hätte jetzt wieder Zeit mit uns zu unserem Traditions-Essen zu kommen.

Wir haben diesmal aber anders geplant. sport auto-Kollege Marcus Schurig hat uns Osaka ans Herz gelegt. Also buchen wir uns dort gegenüber dem größten Vergnügungsviertel des Landes ein. Das ist Roppongi hoch zwei. Zur Information: Roppongi ist Tokios Kneipen-Distrikt. Tobias Grüner und ich müssen gestehen. Kollege Schurig hatte Recht. Es war es wert, mal zwei Tage in Osaka zu verbringen. Dort haben wir die japanische Küche auch mal von einer anderen Seite kennengelernt. Die beiden Abendessen waren jedenfalls exzellent.

Sightseeing in Kyoto

Bei unserer Ankunft in Japan werden Tobi und ich zuerst einmal vom japanischen Fernsehen interviewt. Die wollen wissen, warum es uns Langnasen ins Land der aufgehenden Sonne zieht. Beim Thema Formel 1 werden die Reporter hellhörig. Sie wollen wissen, ob wir jedes Jahr kommen und seit wann. Für meinen Teil sind es schon ein paar Jahre. 1988 war ich zum ersten Mal in dem Land.
 
Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt hören wir, dass die Kollegen von Sportbild in Deutschland den Abschied von Ross Brawn bei Mercedes vermeldet. Kollege Grüner muss hinterherrecherchieren. Der Dienstag geht halb mit der Vorbereitung für den GP Japan drauf, und die andere Hälfte gestatten wir uns ein bisschen Kultur. Mit dem Zug fährt man in einer halben Stunde von Osaka nach Kyoto. Wer oft in Japan ist, sollte die alte Kaiserstadt schon einmal gesehen haben.

Ehrlich gesagt, ich bin ein bisschen enttäuscht. Man stellt sich da immer ein ganzes Zentrum aus Tempelanlagen vor, doch die Tempel und Buddhas sind quer über die ganze Stadt verteilt. Zwischendrin die hässlichen japanischen Neubauten. Passt irgendwie nicht zusammen.

Mit den Tempeln verhält es sich so: Hast du drei gesehen, hast du alle gesehen. Auch wenn jeder natürlich unterschiedlich ist und schon allein von der Bautechnik beeindruckt. Unglaublich, was man aus Holz alles zaubern kann. Das ganze wird dadurch etwas entweiht, dass es touristisch und kommerziell voll ausgeschlachtet wird. Selbst unter der Woche pilgern Heerscharen von Menschen durch die bekannteren der vielen Tempelanlagen.

Tuch zwischen Brawn und Mercedes zerissen

Am Mittwoch geht es per Zug mit der Kintetsu Line von Osaka nach Suzuka. Unser Ort Shiroko empfängt uns mit Regen. Es ist aber trotzdem unglaublich warm. Die nächsten vier Tage erleben wir bestes Sommerwetter im Oktober. Immer 27 bis 28 Grad, und eine schwüle Luft wie in den Tropen. Die Japaner erzählen uns, sie hätten den heißesten Sommer seit Menschengedenken erlebt. Allerdings auch so viele Taifune wie selten zuvor. Der angekündigte Wirbelsturm tobt sich allerdings schon vorher über dem Meer aus. Ein anderer erreicht dafür Tokio, allerdings erst eine Woche später.
 
Als wir am Mittwoch an der Rennstrecke ankommen, treffe ich Ross Brawn. Normalerweise ist er nie so früh da. Das Timing passt. Zeit mit ihm über den angekündigten Abschied zu sprechen. Er sagt, dass noch gar nichts entschieden sei, dass er auch weder mit McLaren noch mit Honda über die Zukunft gesprochen habe.

Zwischen den Zeilen merke ich jedoch: Das Tuch ist zerrissen. Mercedes wird Brawn nicht das bieten können, was er für sein Bleiben verlangt. Und das ist: Es kann nur einen Chef geben. Ein Triumvirat aus Brawn, Wolff und Lowe kommt für ihn nicht in Frage. Damit ist klar, dass sich die Wege von Brawn und Mercedes trennen werden. Niki Lauda, der zwei Tage später eintrifft, meint resignierend: "Ich habe alles versucht, Ross zu halten."

Abendprogramm endet um 23:40 Uhr

Am Mittwoch besuchen wir in Yokkaichi unsere tradionelle Sushi-Kneipe. Nirgendwo gibt es besseren rohen Fisch als in dem kleinen unscheinbaren Laden am Ende einer dunklen Gasse. Das Restaurant ist Pflicht bei unseren Suzuka-Besuchen. Entdeckt hat es Bernie Ecclestones Caterer Karlheinz Zimmermann. Seit zehn Jahren gehen wir dort mit ihm essen. Diesmal kann er leider nicht kommen.

Das Essen ist so gut, dass wir gleich zwei Mal Plätze reservieren. Das Angebot an der Theke ist beschränkt. Zum Glück erfahren wir rechtzeitig, dass der Laden am Samstag wegen eines Feiertags geschlossen ist. Also steht Sushi und Sashimi schon am Freitag wieder auf dem Speiseplan.
 
Danach geht es immer in eine Kneipe namens Philip Marlowe. Die Besitzerin hortet neben einer Unzahl bekannter Fotos der Zeitgeschichte auch ein Porträt meines alten Kollegen Malte Jürgens. Der tingelte vor 20 Jahren mit mir um die Welt, immer der Formel 1 hinterher. Jürgens sieht aus wie ein Sumo-Ringer, hatte damals aber noch rote Haare und einen roten Bart. Das war in Japan auch in den 90er Jahren noch eine Sensation.

Der letzte Zug nach Shiroko setzt uns immer ein Zeitlimit. Er fährt um 23.40 Uhr ab. Den sollte man erreichen, denn nach Mitternacht stellt sich Japan in der Provinz tot. Dann gibt es nicht einmal mehr ein Taxi nach Shiroko.

Red Bull Dominanz geht weiter

An der Rennstrecke wird das übliche geboten: Red Bull allein auf weiter Flur. Diesmal darf Mark Webber von der Pole Position starten, weil sich in Vettels Auto der KERS-Teufel eingeschlichen hat. Wer hofft, dass die Technik den Seriensieger diesmal auch im Rennen bremsen könnte, der hofft umsonst. Am Sonntag funktioniert alles wieder einwandfrei. Webber ist wieder nur zweiter Sieger. Schade eigentlich, denn man gönnt dem Australier noch einen Sieg zum Ausklang seiner Formel 1-Karriere.
 
Ein schlechter Start von Vettel und ein umso besserer von Grosjean macht das Rennen richtig spannend. Vettel hat großes Glück. Er schlitzt im Startgetümmel Hamiltons rechten Hinterreifen auf. Der Mercedes-Pilot muss in der ersten Kurve zaubern und drängt dabei Massa, Hülkenberg und Button ab. Mindestens zwei von denen wären sonst in der ersten Kurve vor Vettel gelandet. Und dann hätte er den Sieg wirklich abschreiben können.
 
Vettel Siegerehrungen kennen wir nun schon auswendig. Da sind die Gerüchte vom Transfermarkt schon interessanter. McLaren-Chef Martin Whitmarsh gibt Martin Brundle und mir gegenüber zu, dass er Alonso will. Und dass er deshalb seine Piloten Button und Perez zappeln lässt. Punktgenau meldet eine spanische Website, dass der Transfer schon perfekt sei. Ferrari-Rennleiter Stefano Domenicali passt Whitmarsh ab. Beide unterhalten sich angeregt eine halbe Stunde lang im McLaren-Pavillon.

Grüchteküche brodelt unentwegt

Manchmal ist die Formel 1 ganz einfach gestrickt. Man lässt eine kleine Bombe fallen und schaut, wo der Rauch aufsteigt. Eddie Jordan will seinen Ruf als "Seher" weiter aufpolieren und fragt bei mir nach, wo Nico Hülkenberg landen könnte. Ich sage ihm, dass er mal auf Force India setzen soll. Damit könnte er am Ende richtig liegen. Prompt erzählt Eddie in der BBC, dass Hülkenberg zu Force India geht. Felipe Massa stellt Jordan darauf die Frage: "Weißt du auch, wo ich nächstes Jahr fahre?"
 
Irgendwoher erfahre ich, dass McLaren einen Vertrag mit Red Bull-Chefaerodynamiker Peter Prodromou unterzeichnet hat. Ich frage bei Doktor Marko nach. Der ist zunächst versteinert, sagt mir dann aber, dass man um Prodromou kämpfen werde. Fünf Minuten später bittet er mich das Zitat etwas zu modifizieren. "Schreib einfach: Noch ist der Prodromou nicht bei McLaren."

Später erzählt mir Whitmarsh, dass McLaren auch die Nummer zwei im Aerodynamikbüro von Red Bull verpflichtet hat. Die Story wird immer besser. Als Eddie Jordan vor dem BBC-Mikrofon Christian Horner fragt, wann Adrian Newey geht, ist der Red Bull-Teamchef so perplex und nervös, dass er das Interview abbricht.

Gewichtiger Wetteinsatz bei Force India

Force India-Sportdirektor Otmar Szafnauer versteckt sich meistens in seinem Pavillon. Das hat einen guten Grund. Exakt vor einem Jahr hat er mit Kollege Grüner gewettet, dass er in zwölf Monaten von 112 auf 90 Kilogramm abspecken wird. Es geht um ein teures Abendessen in unserem Restaurant in Tokio. Stichproben während der Saison lassen bereits ahnen, dass Szafnauer diese Wette verlieren wird. Aber er will es erst in Suzuka eingestehen. Teammanager Andy Stevenson grinst sich einen: "Ich glaube, Otmar hat da was missverständen. Er wiegt jetzt nicht 90 sondern 114 Kilogramm."
 
Der Renntag klingt mit einer Nachtschicht aus. Um 23.40 Uhr geht der letzte Bus ins Hotel. Während Kollege Grüner das Hotel aufsucht, weil er schon um fünf Uhr morgens den Zug nach Nagoya nehmen muss, trinke ich noch zwei Bier in der Kneipe gegenüber. Mein Flieger zurück nach Deutschland geht erst am Dienstag. Das Büro wird in ein Hotelzimmer in Nagoya verlegt. Noch ein Mal japanisch Essen und dann geht es mit einem Tag Verspätung zurück nach Frankfurt.

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