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F1 Tagebuch GP Russland 2014

Premiere in Putins Märchenland

Formel 1-Tagebuch - GP Russland 2014 Foto: Wilhelm 47 Bilder

Die auto motor und sport Formel 1-Reporter berichten in ihren F1-Tagebüchern von ihren persönlichen Erlebnissen bei den 19 Grand Prix-Rennen der Saison 2014. In Teil 16 blickt Michael Schmidt hinter die Kulissen des GP Russland.

19.12.2014 Michael Schmidt

Der GP Russland beginnt für Kollege Grüner und mich in Japan. Wo auch sonst? Während viele andere aus dem Fahrerlager mangels direkter Verbindung von Japan nach Russland zurück nach Europa fliegen, um ein paar Stunden später von dort in Russlands Olympiastadt aufzubrechen, entscheiden wir uns ausnahmsweise dafür, ein paar Flugmeilen und damit Kosten zu sparen.

So können wir auch noch einen Tag länger in Japan bleiben können. Ein Besuch in Tokio ist das wert. Das Sushi in einer kleinen Bar in der Nähe von Tokios Flaniermeile Ginza bestätigt uns. Wir müssen zwar 20 Minuten warten, werden aber mit dem besten Sushi der Stadt verwöhnt. Glauben wir zumindest.

Aeroflot oder Turkish Airlines?

Wer nach Sotschi reisen will, kann zwischen Pest und Cholera wählen. Wir haben uns für Cholera entschieden. Also nicht für Aeroflot via Moskau, sondern für Turkish Airlines über Istanbul. Ich muss sagen: Von Turkish Airlines kann sich die Lufthansa zwei Scheiben abschneiden. Unsere deutsche Fluglinie hat außer unverschämten Preisen, Streiks und sicherem Fluggerät nicht mehr viel zu bieten. Dagegen fühlt man sich bei der türkischen Linie wie im Paradies.

Flüge nach Japan waren seit den Tagen als es noch über Anchorage ging, nicht mehr so lang. Die Airlines meiden aus guten Gründen die Ost-Ukraine und müssen große Umwege fliegen. Nach einem Elf-Stunden-Ritt von Tokio nach Istanbul dürfen wir erst einmal sechs Stunden am Flughafen auf unseren Weiterflug nach Sotschi warten.

Wir treffen Nico Hülkenberg, der ebenfalls die Zeit totschlägt. Wir diskutieren natürlich über den Unfall von Jules Bianchi. Gemeinsam schauen wir uns noch einmal den fast identischen Unfall von Martin Brundle 1994 in Suzuka auf YouTube an. Hülk fällt sofort auf: "Da war ja viel mehr Wasser als bei uns. Wahnsinnig wie flott die da noch fahren konnten. Die Regenreifen haben viel mehr Wasser vertragen als heute."

Offiziell gibt sich der Rheinländer eher einsilbig. Alle Formel 1-Mitglieder wurden dazu verdonnert zu dem Thema nichts zu sagen. Befehl von ganz oben. Dümmer kann man mit einem Unglück wie diesem gar nicht umgehen. Glaubt die FIA allen Ernstes, dass wir nichts über den Unfall schreiben, nur weil keiner darüber spricht?

Bianchi-Unfall setzt FIA unter Druck

Die Quittung flimmerte schon einen Tag nach dem GP Japan über YouTube. Ein Zuschauer hat ein Unfall-Video ins Netz gestellt. Verschiedene Leute ziehen aus einer grünen Flagge, die hinter dem Unfallort geschwenkt wird, die falschen Schlüsse. Sie sitzen zuhause in ihren Redaktionsstuben und haben schlicht keine Ahnung. Aber der Schaden ist angerichtet. Und die Informationsverhinderer aus den Reihen der Formel 1 tragen die Verantwortung. Weil sie die dringlichsten Fragen schon am Sonntagabend hätten beantworten können.

In Sotschi wird der Druck auf die FIA so groß, dass sie sich am Freitag dazu entschließt, die Aufnahmen der Streckenkameras zu präsentieren. Endlich bekommt man aus erster Hand ein Bild davon, was wirklich passiert ist. Als Bianchis Einschlag in den Traktor zu sehen ist, wird es still im Raum. Keiner wagt es zu fotografieren oder gar zu filmen. Immerhin da hat die F1-Gemeinde mal zusammengehalten.

Charlie Whiting wirkt trotz der Anschuldigungen souverän. Er hat auf alle Fragen eine schlüssige Antwort. FIA-Präsident Jean Todt wird neben ihm immer kleiner. Er hat wohl bei der Gelegenheit gemerkt, was er an Whiting verlieren würde, wenn er ihn über die Klinge springen lässt. Ob es hilft? Viele fürchten, dass mit Ex-Toro Rosso-Ingenieur Laurent Meckies bereits Ersatz bereitsteht. Im Zirkus sind sich alle einig: "Charlie kann keiner ersetzen."

Übernachtung im Olympischen Dorf

Zurück zum Thema Russland: Wir kommen um 3.30 Uhr morgens in Sotschi an. Die Einreiseformalitäten gehen erstaunlich reibungslos über die Bühne. Nach einer halben Stunde sind wir aus dem Flughafen draußen. Weitere zehn Minuten später am Hotel. Es nennt sich Azimut 3. Die Zahl weist auf die Sterne hin. Es gibt auch noch ein Azimut 4, etwas weiter entfernt. Zufrieden stellen wir fest, dass unser Hotel am nächsten zur Strecke liegt. Zu Fuß ist man in 15 Minuten im Fahrerlager. Das Hotel ist wie alles rund um die Olympiabauten praktisch nagelneu. Unsere Anlage war im Februar offenbar das olympische Dorf.

Irgendwie sieht der ganze Komplex aus wie ein Märchenland. Modern, funktionstüchtig, aber etwas seelenlos. So wie ein Architektenentwurf auf dem Reißbrett. Vladimir Putin hat sich ein schönes Denkmal in seine Sommerresidenz gestellt. Die Rennstrecke ist wie wir befürchtet haben. Supermodern, aber ohne großen Nervenkitzel. Was für ein Unterschied zu Suzuka, das wir vor ein paar Tagen verlassen haben.

Jeden Morgen warten Kontrollen wie am Flughafen. Polizei und Militär schauen grimmig drein, geben sich aber alle Mühe höflich zu sein. Man fühlt sich trotzdem wie bei der Musterung zum nächsten Feldzug. Trotzdem kann man den Russen hier keinen Vorwurf machen. Lieber mehr Sicherheit als zu wenig.

Russland feiert perfekt organisierte Formel 1-Premiere

An der Rennstrecke ist alles perfekt organisiert. Nirgendwo sonst auf der Welt funktioniert das Internet so reibungslos. Die Arbeitsplätze sind um Welten besser als in Silverstone oder Hockenheim. Mit Blick auf die Strecke natürlich. Das Fahrerlager ist erfreulich klein. So läuft man sich zwangsläufig über den Weg. Da der schmale Schlauch zwischen Boxengebäude und Team-Pavillons fast ständig im Schatten liegt, erinnert er an einen dunklen Kasernenhof. Das schöne Wetter entschädigt dafür. Die Russen sind gute Gastgeber. Sie wollen wie bei Olympia einen guten Eindruck hinterlassen.

Das gilt aber nur für die Rennstrecke. Außerhalb ist Russland eine Service-Wüste. Spätestens am zweiten Tag wünschen sich die Kollegen gegenseitig viel Glück vor dem Abendessen. Es ist nämlich nicht sicher, ob man überhaupt etwas bekommt. Dabei sind manche Lokale nicht mal voll. Und Personal gibt es genug. Sie arbeiten aber so, als würde noch der alte Kommunismus regieren. Alle haben einen Job, aber keiner muss sich anstrengen.

Wir können im Umfeld des Hotels zwischen der russischen Variante "Graf Orloff", dem deutschen Wirtshaus "Bruderschaft" und einem Italiener namens "Basilika" wählen. Keines der Restaurants wirkt vertrauenserweckend. Also weichen wir drei Mal auf das Hotel-Restaurant im Azimut 4 aus. Kollege Mathias Brunner von Speedweek ist so freundlich, uns immer Plätze zu reservieren. Er ist Hotelgast.

So warten wir nur vergleichsweise kurze ein bis zwei Stunden auf das Essen. Karl Wendlinger, der für den ORF im Einsatz ist, erzählt uns, dass man in 15 Minuten mit dem Taxi an die Strandpromenade fahren kann. Dort gäbe es Restaurants en masse. Der Service ist aber auch nicht viel schneller. In der Stadt wollen wir es gar nicht erst versuchen. Sotschi liegt 40 Kilometer entfernt.

Die Abende enden jeweils in der Bamboo Bar in unserer Anlage. Wenigstens klappt der Bier-Nachschub. Die Preise steigen täglich. Von 150 Rubel am ersten bis auf 500 Rubel am letzten Tag. 500 Rubel sind ein Einheitspreis. Unser brasilianischer Kollege Jayme Brito lässt sich für diesen Obolus mit zwei Doppelgängern von Stalin und Lenin fotografieren.

Putin taucht mit Verspätung auf

Vier Tage lang blieb Russlands Staatspräsident Wladimir Putin ein Phantom. In der 38. Runde des Rennens taucht er plötzlich auf. Mit 24 Gefolgsleuten und nicht 800 wie von der Bild-Zeitung und englischen Boulevardmedien aufgeregt angekündigt. Ohne ein Heer von Kamerateams. Ohne Chaos mit der Security. Auf einer Tribüne statt in einer Loge hinter verdunkeltem Panzerglas. Neben ihm nahmen andere Potentaten Platz. Bernie Ecclestone, dann FIA-Präsident Jean Todt. Man beachte die Reihenfolge.

Russlands erster Mann hatte nicht viel verpasst. Sein Stellvertreter Dimitry Kozak durfte Charlie Whiting beim Start assistieren. Es ging alles glatt. So wie bei der Zieldurchfahrt. Herr Putin hat zum richtigen Zeitpunkt abgewinkt. Fußball-Gott Pelé hatte das ja mal verschlafen.

Nach drei hektischen Runden plätscherte der erste Grand Prix in Sotschi ereignislos vor sich hin. Schuld waren die Reifen, das Streckenlayout und der hohe Spritverbrauch. Das alles lud nicht zum Überholen ein. Pirelli lieferte viel zu harte Mischungen. Aus Angst, die 300 Meter lange Omega-Kurve könnte weichere Reifen in die Knie zwingen. 16 der 21 Fahrer kamen mit einem Stopp über die Runden.

Viel sehen wir von Sotschi und Russland nicht. Nach der Arbeit am Sonntag geht es direkt zum Flughafen. Wieder zu nachtschlafender Zeit um drei Uhr morgens. Der Chauffeur ist etwas indisponiert. Er denkt, dass wir in einem anderen Hotel wohnen müssten und lässt sich erst überzeugen, als er unsere Reisepässe sieht. Die Verständigung ist schwierig, da er nur Russisch spricht. Er fährt wie ein Henker. Vielleicht will er Daniil Kvyat Konkurrenz machen.

Zum Glück ist der Flughafen nicht weit. Auf der Maschine nach Istanbul sitzt die halbe Formel 1. In der Lounge am Atatürk-Flughafen trennen sich unsere Wege. Für Kollege Grüner und mich geht es nach Stuttgart zurück. Um 11 Uhr vormittags am Montag sitzen wir wieder im Büro. Das gibt es sonst nur bei europäischen Rennen. 4 Stunden Schlaf im Flugzeug müssen ausreichen.

In unserer Bildergalerie nehmen wir Sie mit hinter die Kulissen des GP Russland.

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