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F1 Test-Analyse Barcelona 2013

Vettels Gegner rücken näher

Sebastian Vettel Barcelona Test 2013 Foto: xpb 177 Bilder

Wäre das Ergebnis der ersten Testwoche in Barcelona die Startaufstellung für den GP Australien, dann stünde uns eine spannende Saison bevor. Die ersten fünf Teams trennen nur 0,349 Sekunden. Die ersten acht eine knappe Sekunde. Doch was steckt wirklich dahinter?

25.02.2013 Michael Schmidt

In Jerez hatten die Teams noch Ausreden. "Nicht repräsentativ", sagten alle von Red Bull bis Marussia. Der Kurs in Andalusien hat einen zu reifenfressenden Belag, zu viele schnelle Kurven, zu wenig Geraden. Barcelona sollte die erste Standortbestimmung sein. Sie war es nicht wirklich.

Die Ergebnisse wurden durch das Reifendilemma überlagert. Die Fahrer konnten mit den neuen Pirellis maximal zwei schnelle Runden drehen. Dann ging dramatisch der Grip verloren, und die Rundenzeiten brachen ein. Barcelona ist schon bei normalen Temperaturen ein Reifenkiller. Aber in der zweiten Testwoch war es so kalt, dass sich spätestens ab der dritten Runde der Gummi in Fetzen von der Lauffläche schälte. Man nennt das Körnen.

Reifen beim Barcelona-Test in der Kritik

Das Problem traf alle gleich hart. Red Bull-Pilot Mark Webber fasste zusammen: "Von 100 Runden an einem Tag waren nur sieben gut." Nämlich jene kurz nachdem ein frischer Reifensatz aufgezogen wurde. Auch die Longruns waren nicht die erwartet harte Währung. Das Körnen überlagerte alle anderen Reifenphänomene, wie Gripverlust durch Überhitzung oder Verschleiß. Wer seinen Dauerlauf extrem langsam begann, wurde später mit konstanten Rundenzeiten belohnt. Doch so kann man im Rennen nicht fahren.

Ferrari-Testpilot Pedro de la Rosa meinte: "Ich mache mir echt Sorgen, denn das Körnen war schon in Jerez da. Und das bei 25 Grad auf dem Asphalt." Jenson Button hielt den Ball flach: "Wir hatten in den letzten Jahren auch Reifenprobleme in Barcelona. In Melbourne hat sich dann immer alles normalisiert." Die Supersoft-Reifen waren unter den kalten Bedingungen völlig unbrauchbar. Pastor Maldonado probierte sie, war aber eine halbe Sekunde langsamer als mit der Mischung "soft".

Wie viel Sprit hatte Vettel an Bord?

Was also soll man von den Testzeiten der ersten Barcelona-Woche halten? McLaren, Ferrari, Sauber, Lotus und Red Bull drängeln sich auf 0,349 Sekunden zusammen. Gleich war dabei zumindest die Reifenmischung, mit der die jeweiligen Bestzeiten gefahren wurden. Somit hat man schon mal einen Vergleichsmaßstab. Bleibt die Frage nach dem Tankinhalt. Für Außenstehende ist sie die große Unbekannte. Die Teams haben Algorithmen entwickelt, die ausrechnen, wer mit welcher Spritmenge wann unterwegs war. Sie kommen der Wahrheit meistens ziemlich nahe.

Pedro de la Rosas erste Frage zeigt, wer im Kreise der Favoriten als großer Favorit gilt: "Wisst Ihr, wie viel Benzin Vettel bei seiner 1:22.1 Minuten-Runde an Bord hatte?" Ferrari geht davon aus, dass der Weltmeister mit mindestens 50 Kilogramm unterwegs war. Weil Red Bull praktisch nie unter dieser Benzinmenge testet. Es sei denn am Ende einer Rennsimulation, aber dann sind auch schon die Reifen über den Berg.

Favorit Red Bull mit Fragezeichen

Bis jetzt hat Red Bull noch keine Tagesbestzeit geschafft. Sebastian Vettel wirkte auch nicht wie einer, der auf Rekordjagd aus war. Bei Mercedes rechnet man, dass der Red Bull im Vergleich zum GP Brasilien 2012 um eine Sekunde schneller geworden ist. Die Selbstsicherheit ist allen Beteiligten anzumerken. "Wir sind mit unserem Auto rundum zufrieden", bestätigte Teamberater Helmut Marko.

Am zweiten Testtag schlichen sich jedoch erste Pannen ein. Ein Mal brach der Hydraulikdruck zusammen, ein Mal lockerte sich ein Rad. Kurz davor hatte Vettel einen Boxenstopp simuliert. Marko glaubt, dass Vettel sehr schwer zu schlagen sein wird: "Er ist noch stärker als im Vorjahr. Jetzt kommt zum Speed und zur Rennintelligenz die Abgeklärtheit hinzu."

Ein Rückschlag ist die Nachricht der FIA, dass die Motorkennfelder dem Stand von 2012 entsprechen müssen. Renault ging davon aus, dass man bei Null beginnen könne. Man darf annehmen, dass Red Bull und Renault die Motorsoftware für die optimale Auspuffwirkung maßschneidern wollten. Und in diese Richtung wurde in Jerez und Barcelona auch getestet. Jetzt gilt Kommando zurück. Da wurde wertvolle Testzeit verschwendet.

Ferrari bestätigt Aufwind

Ferrari kommt langsam in Fahrt. Pedro de la Rosa bestätigte Fernando Alonsos Aussage, dass Ferrari auf dem Stand des Saisonfinale in den Testwinter eingestiegen sei. Das wäre zu wenig gewesen. Inzwischen haben die Ingenieure das Auto besser verstanden. "Wir kommen in Fahrt", bestätigt de la Rosa. Das sei auch nicht allzu verwunderlich, denn von seiner Basis her ist der Ferrari F138 mit dem F2012 verwandt. Die Ingenieure sind nur in einigen Teilbereichen extreme Wege gegangen. De la Rosa: "Wir können jetzt auf etwas aufbauen, das wir kennen."

Fernando Alonso bestätigte die Aussage seines Landsmannes mit der zweitschnellsten Runde der Barcelona-Testwoche. Auch in der Standfestigkeit bewegt sich Ferrari wieder auf das Niveau zu, das man im letzten Jahr hatte. Mit 366 Runden lagen die Roten deutlich vor McLaren (315) und Red Bull (292). Der gebrochene Auspuff am zweiten Tag war Teil eines Experiments: "Wir wollten sehen, wo das Limit liegt", erklärte Motorenchef Luca Marmorini.

McLaren zwischen Gut und Böse

Wenn der McLaren läuft, dann ist er ein Red Bull-Gegner. Das zeigte die Wochenbestzeit von Sergio Perez. Doch der Chrompfeil läuft nicht immer. "Es gibt gute und weniger gute Ansätze", bilanziert Jenson Button. Dem Weltmeister von 2009 macht Sorgen, dass er sein Auto noch zu wenig kennt. "Uns bleiben nur noch vier Tage, es verstehen zu lernen."

Möglicherweise rennt McLaren die Zeit davon. Das neue Konzept könnte dem Team in den ersten vier Rennen auf den Kopf fallen. Danach aber könnte es zur Trumpfkarte werden, wenn dieser MP4-28 wirklich so viel Entwicklungsspielraum hat wie die Ingenieure sagen. "Die Saison geht über 19 Rennen und nicht nur vier", beruhigt sich Button.

Lotus mit Sorgen in langsamen Kurven

Lotus hat seine gute Form von Jerez für Barcelona konserviert. Den Fahrern fällt es leicht, schnelle Runden zu drehen. Sowohl auf den weichen Reifen als auch mit dem Medium-Gummi waren Romain Grosjean und Kimi Räikkönen bei der Musik. Räikkönens Bestzeit von 1:22.623 Minuten wurde auf Medium-Reifen erzielt. Insgesamt haben die Lotus-Piloten zu wenige Runden zurückgelegt. Es treten immer noch zu viele Defekte auf. Diesmal im Bereich Getriebe und Elektronik. Mit 247 Runden bewegte sich Lotus in Barcelona auf Marussia-Niveau.
 
Immerhin verstehen die Ingenieure ihr Auto. Es ist ja auch noch ein Abziehbild des Vorjahresautos. Bis auf die Seitenkästen und die dem Red Bull nachempfundene Auspufflösung. Romain Grosjean berichtete von Problemen in langsamen Kurven. Da muss Lotus noch durch einen Lernprozess. Die Version, bei der die Auspuffgase auf eine Rampe am Ende der Seitenkästen zielen, verändert die Fahrcharakteristik des Autos. In der letzten Testwoche werden viele neue Teile erwartet.

Sauber deutet in Barcelona Potenzial an

Sauber trat drei Tage nicht groß in Erscheinung. Nur am Mittwoch ließ Nico Hülkenberg den C32 von der Kette. Mit 1:22.160 Minuten war er voll bei der Musik. Die Unruhe beim Einlenken ist noch nicht ganz gelöst, nach Aussagen der Ingenieure aber lösbar. Die Zuverlässigkeit ist im grünen Bereich. Mit 343 Runden lag Sauber erneut im vorderen Feld. Das Auto kann zum Favoritenschreck werden.

Mercedes zumindest kein Flop

Ein gewisses Aufatmen war hörbar. Der neue Mercedes ist zumindest kein Flop. Die Fahrer schütteln schnelle Runden relativ leicht aus dem Handgelenk, auch wenn die ganz schnelle Runde noch fehlt. Auf die Top 5 fehlten fünf Zehntel. Was aber damit erklärbar ist, dass Rosberg nur auf Medium-Reifen unterwegs war, und die machen rund eine halbe Sekunde aus.
 
Die Zeitentabelle zeigt, dass Rosbergs 1:22.611 Minuten-Zeit in der ersten Runde eines Sieben-Runden-Turns erzielt wurde. Lewis Hamilton mahnt trotzdem an, dass noch Abtrieb fehlt. Er hat einen guten Vergleichsmaßstab. Vor drei Monaten saß er noch in einem McLaren. Damit kommt die Weiterentwicklung ins Spiel. Und die hat bei Mercedes in den vergangenen Jahren nie richtig funktioniert. "Wir müssen beweisen, dass wir diese Disziplin können", fordert der neue Teamchef Toto Wolff.

Mittelfeld dicht gedrängt

Williams könnte eine ähnliche Rolle spielen wie im letzten Jahr. Das neue Auto funktionierte auf Anhieb. Und es ging praktisch nicht kaputt. Mit 367 Runden stellte der Williams FW35 den Rekord der Woche auf. Der Reifenverschleiß scheint eine Stärke zu sein. Bottas fuhr eine Rennsimulation mit nur drei Boxenstopps.

Auch die Rundenzeiten konnten sich sehen lassen. Mit 1:22.675 lag das blaue Auto auf Anhieb auf Mercedes-Niveau. "Wir müssen im Gegensatz zum letzten Jahr unser Potenzial auch nutzen", fordert Technikchef Mike Coughlan. Damit spricht er die Fahrer an, die 2012 einige Punkte durch Dummheiten verschenkt haben. In der kommenden Woche wird der FW35 noch einmal sein Gesicht verändern. Dann kommen neue Seitenkästen. Sie werden so spät fertig, dass der Aero-Test in Idiada abgesagt werden musste.

Force India war nicht so überzeugend wie in Jerez. Aber das Phänomen konnte man schon im letzten Jahr beobachten. Toro Rosso fiel etwas ab. Mit 1:23.366 Minuten lag das Team aus Faenza klar hinter Sauber, Williams und Force India. Marko behauptet: "Toro Rosso macht gute Fortschritte." Doch man sah beim Red Bull B-Team schon in glücklichere Gesichter als in Barcelona. Jean-Eric Vergne beruhigte: "Wir haben mehr Möglichkeiten, das Auto abzustimmen. Erst in der letzten Testwoche werden wir diese Möglichkeiten ausschöpfen."

Marussia in Barcelona besser als Caterham

Am Ende des Feldes hat sich nichts geändert. Caterham und Marussia krebsen dem Feld im Zweisekunden-Abstand hinterher. Der Abstand hat sich noch vergrößert, weil in den Cockpits nur unerfahrene Piloten sitzen. Die beiden Teams werden am Ende des Feldes wieder ihr eigenes Rennen fahren. Barcelona bestätigte den Eindruck von Jerez. Marussia ist im Moment stärker als Caterham.

Wenn man bedenkt, dass Charles Pic bereits eine Saison Erfahrung hat und Giedo van der Garde vorher öfter ein Formel 1-Auto testen durfte als Max Chilton, dann fährt Caterham mit besseren Piloten langsamer. Die Sekunde Differenz ist nicht nur damit erklärbar, dass am dritten Tag in Giedo van der Gardes Caterham KERS ausgefallen war.

Momentan sind die grünen Autos eine echte Enttäuschung. Caterham hat Renault-Motoren, Kers und Getriebe von Red Bull, testet im Williams-Windkanal und hat mit Mark Smith und John Iley Ingenieure in ihren Reihen, die schon bei Top-Teams gearbeitet haben. Es gibt also keinen Grund hinterherzufahren.

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