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Felipe Massa

Der Brasilianer ist der Aufsteiger des Jahres

Felipe Massa Foto: Daniel Reinhard 45 Bilder

Lange wurde Felipe Massa unterschätzt. Doch mit Fleiß und Beharrlichkeit kämpfte sich der sensible Brasilianer nach oben. Sein steiler Aufstieg zum Beinahe-Weltmeister überraschte seine Feinde, aber auch manchen Freund.

15.12.2008 Michael Schmidt

Als Felipe Massa auf dem Siegerpodest von Sao Paulo die Faust in den pechschwarzen Himmel reckte, hätte ihm wohl jeder den Titel gegönnt. Ein WM-Punkt fehlte, 800 Meter oder einfach ein bisschen Glück. Für 25 Sekunden hielt der Sieger des GP Brasilien den Titel in der Hand. Bei manchem Fahrer müsste man befürchten, dass die Gelegenheit nie wieder kommt, doch Massas fehlgeschlagener Gipfelsturm war kein Zufall.
 
Er ist zu einem kompletten Rennfahrer gereift. Und zu einer Persönlichkeit. Der kleine Brasilianer war ein guter Verlierer. Kein Nachkarten, kein Selbstmitleid, kein Vorwurf an sein Team, das ihm mit Defekten und Pannen die Tour vermasselt hat. "Hamilton hat mehr Punkte als ich", sagt er tapfer. "Also verdient er den Titel. Basta." Der 1,66 Meter große Beinahe-Champion ist nicht gerade der Inbegriff eines Rennfahrers. Es fehlt das Verwegene im weichen Bubengesicht des 27-Jährigen.

Gespaltenes Verhältnis zu Senna

Massa ist kein Haudegen wie Emerson Fittipaldi, kein Playboy wie Nelson Piquet und auch kein Überirdischer wie Ayrton Senna, mit dem sich jeder brasilianische Rennfahrer seit jenem schicksalhaften 1. Mai 1994 in Imola vergleichen lassen musste. "Keiner kann sich mit Senna messen", beteuert Massa. "Ich würde es nicht mal tun, wenn ich mehrere Titel gewänne. Ayrton war einzigartig für unser Land." Er sagt es, obwohl er zu Senna ein gespaltenes Verhältnis hatte. Der Superstar schlug dem siebenjährigen Felipe einen Autogrammwunsch aus. "Ab dem Tag habe ich Nelson Piquet die Daumen gedrückt."

Das Idol seiner Teenager-Tage war sein Vater Luiz Antonio, der zum Spaß Tourenwagenrennen fuhr. Mit wenig Talent, wie der Sohn heute grinsend einwirft. "In meinem Kinderzimmer habe ich mit Spielzeugautos Papas Rennen nachgestellt. Bauklötze haben die Strecke markiert - natürlich Interlagos. Stundenlang habe ich die Autos hin und hergeschoben. Am Abend erzählte ich dann meinem Vater, wie er bei meinen fiktiven Rennen abschnitt." Der Werdegang des Vizemeisters ist der Gegenentwurf zu der Bilderbuch-Karriere von Lewis Hamilton. Massa hatte keinen Mäzen, keinen großen Sponsor, kein Formel 1-Team, das ihn früh in seine Obhut nahm.
 
Er diente sich in unbedeutenden Serien hoch, er gewann keine wichtigen Meisterschaften, und er lebte im italienischen Erba in einer Wohngemeinschaft mit dem Rennfahrer-Kollegen Augusto Farfus. "Wir kämpften zusammen gegen das Heimweh und tödliche Langeweile." Massas größter Förderer war sein Vater. Die Firma des Seniors stellt Verkleidungen für Busse her. Die Massas sind wohlhabend, aber nicht reich. "In meiner Kart-Zeit hatte ich pro Saison zwei Chassis und drei Motoren. Meine Gegner kamen mit fünf Chassis und 25 Motoren."

Massa unter Druck

In der Formel 3000-Euroserie drohte ihm sein Team: "Entweder du gewinnst das nächste Rennen oder du fliegst heim nach Brasilien." Massa gewann. Draco-Teamchef Andrea Morini schlug vor: "Du fährst gratis bei mir, aber ich bekomme lebenslang 20 Prozent deiner Gage." Morini verkaufte die Forderung 2001 an Jean Todt. Lange traute man Ferraris neuer Nummer eins Siege zu, aber nicht den langen Atem für den Titelgewinn. Phasenweise fuhr Massa weltmeisterlich, dann wieder war er im Nirgendwo.

2007 regte sich die Spaghetti-Presse mächtig darüber auf, wie man einem wie Massa ohne Not und mit einem Jahr Vorlauf den Vertrag bis 2010 verlängern könne. Prompt machte das Wort Vetternwirtschaft die Runde. Massa wird von Nicolas Todt gemanagt, und dessen Vater war damals noch der große Ferrari-Sportchef. Als der Brasilianer mit zwei Nullrunden in die Saison startete, forderten die italienischen Gazetten seinen Rausschmiss. Massa ging die Kritik an die Nieren. Er gab die Antwort - mit einem Sieg in Bahrain.

Reifeprozess verlief langsam

Massa braucht immer neue Bestätigungen. Der elffache GP-Sieger muss sich für Fehler rechtfertigen, die man anderen nachsieht. Wie er sich bei der Siegerehrung in Sao Paulo mit der rechten Hand auf die Brust schlug, das hatte Symbolcharakter. Die Geste war für die gedacht, die ihn lange unterschätzt haben. "Seht her, wo ich heute stehe." Der Reifeprozess verlief langsam. 2007 setzte Massa das um, was er sich von Michael Schumacher abgeschaut hatte. Wie man mit den Ingenieuren arbeitet. Wie man im Team seine Führungsrolle einfordert. Wie man ein Rennen liest. Wann man aggressiv, wann man konservativ fahren muss.
 
Michael Schumacher war Massas Lehrer. Renningenieur Rob Smedley ist sein Mentaltrainer. Der Engländer brachte seinem Schützling bei, Prioritäten zu setzen. Fahrer und Ingenieur reden am Funk mehr als andere. "Rob erzählt mir jede Runde, manchmal jede Kurve, was ihm anhand der Daten auffällt. Und ich setze es sofort um."

Der Schritt zum absoluten Spitzenfahrer gelang Massa erst im letzten Winter. Dabei stellte er alle Schwächen ab, die man ihm angekreidet hatte. Die hohe Fehlerquote. Die Leistungsschwankungen. Die fehlende Konstanz in seinen Rundenzeiten. Die geringe Trefferquote bei der Fahrzeug-Abstimmung. Die Abneigung gegen bestimmte Rennstrecken.

Verbot der Traktionskontrolle bringt die Wende

Massa erkannte, dass die Behandlung der Reifen mehr denn je der Schlüssel zum Erfolg sein würde. Wer sie in das richtige Temperaturfenster bringt, gewinnt mehr Zeit als mit jedem Eingriff am Auto. Das Verständnis für die Reifen kam mit der Umstellung auf das Fahren ohne Traktionskontrolle. "Ich habe die Traktionskontrolle wie einen Schalter benutzt. Es gab nur Vollgas oder gar nichts, den Rest hat die Elektronik erledigt. Kimi spielte schon im letzten Jahr viel mit dem Gasfuß. Deshalb hatte er auch einen geringeren Benzinverbrauch als ich. Beim Anpassen meines Fahrstils bekam ich den Dreh raus, wie man die Reifen optimal nutzt."
 
Früher hätte er lange an der Enttäuschung einer Niederlage wie dieser getragen. Diesmal sagte er einfach: "Wir können stolz auf die abgelaufene Saison sein. Die neue begann für mich einen Tag nach dem letzten Rennen."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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