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Ferrari ohne Montezemolo

Mattiacci braucht Ruhe

Luca di Montezemolo & Sergio Marchionne - Ferrari - 2014 Foto: Ferrari 54 Bilder

Ferrari geht in eine neue Ära. Nach 23 Jahren als Ferrari-Präsident dankte Luca di Montezemolo ab. Der charismatische Capo hat den Formel 1-Rennstall in erfolgreiche Zeiten geführt, aber er stand ihm zum Schluss auch im Weg. Irgendwie erinnert der Machtwechsel an die Zeit nach Enzo Ferraris Tod.

16.09.2014 Michael Schmidt

Es war nicht ein Abschied nach Maß. Luca Cordero di Montezemolo liebte den großen Auftritt. Er war der begnadetste Schauspieler außerhalb Hollywoods. Ein exzellenter Redner und Verkäufer, und ein charmanter Unterhalter. Er war auch ein Manager mit Weitblick. Sein Beitrag zum Erfolg der Straßenautos war größer als der für den Rennsport.

Montezemolo begriff früh, dass Mythos allein nicht ausreicht. Er brachte die berühmtesten Sportwagen der Welt technisch auf Großserienstandard und wandelte Ferrari in eine hoch profitable Firma um. Und er machte die Autos fit für die Zukunft. Im La Ferrari steckt sogar Hybridtechnik.

Jetzt hat man Montezemolo vom Hof gejagt. Der Präsident fiel in die Mühlen der großen Firmenpolitik. Fiat-Chef Sergio Marchionne ist nicht sein Freund. Er lastet dem Sonnenkönig von Maranello die jüngsten Misserfolge der Formel 1 an. Mit dem bevorstehenden Börsengang wurde Montezemolo das Grab geschaufelt. Es hätte das Ende seines autokratischen Führungsstils bedeutet.

Ferraris Capo war noch ein Herrscher alter Schule. Alle hörten auf sein Wort. Dass er vier Tage vor seiner Rücktrittsverkündung diese in Monza noch dementierte, war ein bisschen würdelos. Montezemolo hätte einen besseren Abgang verdient gehabt.

Viele Parallelen zum Ende der Ära Enzo Ferrari

Immerhin hatte Ferrari in seiner Amtszeit auch seine erfolgreichste Ära in der Formel 1. Sechs Fahrer-Titel und acht Konstrukteurs-Pokale gingen zwischen 1991 und 2014 nach Maranello. Montezemolo kam aus dem Rennsport. Enzo Ferrari ernannte ihn 1974 zu seinem Rennleiter. Er sollte eine lange Durststrecke beenden. Ferrari stellte zuletzt 1964 einen Weltmeister.

Montezemolo war für Enzo Ferrari das, was später Jean Todt 20 Jahre später unter seiner Leitung werden sollte. Der Heilsbringer für das Formel 1-Team. Montezemolo brauchte nur ein Jahr, um den angestaubten Rennstall zu renovieren. 1975 wurde Niki Lauda Weltmeister. Und 1977 ein zweites Mal. Da war der damals erst 30-jährige Senkrechtstarter bereits Leiter sämtlicher Motorsportaktivitäten von Fiat. Die Formel 1-Geschäfte führte zunächst Daniele Audetto, dann Roberto Nosetto weiter.

Nach 1979 fiel Ferrari in die Krise. Gianni Agnellis Zögling hatte Ferrari verlassen. Enzo Ferrari heuerte die falschen Manager an, die falsche Entscheidungen trafen. Der alte Herr lebte in seiner alten Welt und hatte längst den Anschluss verpasst. McLaren und Williams zeigten Ferrari, wie es geht. Konzentration auf die Technik mit dem Schwerpunkt auf der Aerodynamik.

Montezemolo zu sprunghaft in seiner Politik

Und wieder finden sich viele Parallelen zu Montezemolos erster Karriere bei Ferrari. Die Verpflichtung von Jean Todt erwies sich als goldener Griff, auch wenn sich Montezemolo zunächst nur schwer mit dem Franzosen anfreunden konnte. Der Agnelli-Clan musste ihn erst überzeugen. Mit Todt kamen Michael Schumacher, Ross Brawn, Rory Byrne und Gilles Simon.

Als das Dreamteam auseinander fiel, verlor Ferrari in einem schleichenden Prozess den Anschluss. Wie nach Enzo Ferraris Tod im August 1988 fiel der Rennstall in ein Vakuum. Stefano Domenicali war ein guter Sportchef, doch er hatte nicht das Gewicht eines Jean Todt. Der wahre Strippenzieher im Hintergrund war Montezemolo. Diesmal nicht mehr zum Segen des Teams.

Der Präsident war sprunghaft und setzte seine Truppe zu sehr unter Druck. Domenicali schaffte es nicht, seine Mannschaft vor den Launen seines Vorgesetzten zu schützen. Mal waren die Konstrukteure zu brav, mal zu aggressiv mit ihrem Konzept.

Wie 30 Jahre zuvor hielt die alte Hire-and-Fire-Politik Einzug. Technikchef Aldo Costa musste gehen, weil Ferrari beim GP Spanien 2011 überrundet wurde. Heute baut Costa bei Mercedes das angehende Weltmeister-Auto. Motorenchef Luca Marmorini sprang für seine Fehler beim V6-Turbo über die Klinge. Domenicali wurde nach dem Pleiten-Grand Prix in Bahrain zum Rücktritt gezwungen.

Ferrari fiel in alte Untugenden zurück

Mit Marco Mattiacci kam ein Mann, der die Formel 1 nur vom Hörensagen kannte. Er war Marchionnes Wahl, und sie musste von Montezemolo mitgetragen werden, auch wenn offiziell eine andere Geschichte erzählt wurde. Jetzt bekommt Mattiacci mit Marchionne einen Chef zur Seite gestellt, der auch nicht aus der Rennszene kommt. Viele Tifosi fragen besorgt, ob das gut gehen kann.

Auch diese Phase erinnert an jene Zeit kurz vor und kurz nach Enzo Ferraris Tod. Ferrari wechselte damals unter dem Druck von Fiat die Manager wie die Hemden, und keiner von ihnen hatte eine Vita im Sport. Ob sie nun Piero Fusaro, Pierguido Castelli oder Piergiorgio Cappelli hießen. So wie Montezemolo in einem Verzweiflungsakt noch Adrian Newey und Andy Cowell verpflichten wollte, wurden damals Cesare Fiorio, John Barnard, Steve Nichols und Renault-Motorenchef Jean-Jacques His angeheuert und später wieder entlassen. Ruhe kehrte erst mit Jean Todt ein.

Ferrari-Chefs nicht vom Fach

Marco Mattiacci hat sich in den wenigen Monaten gut in das Geschäft eingearbeitet. Man spürt, dass er mit jedem Tag Sicherheit gewinnt. Man merkt es an seinen Aussagen. Er strahlt eine gewisse Ruhe aus, was Ferrari nur guttun kann. Wenn ihn Marchionne leben lässt. Mischt er sich zu sehr ein, ist Chaos programmiert.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass Mattiacci nicht vom Fach ist. Das schärft seinen Blick auf die Fehler im System. Es ist nicht seine Aufgabe, den neuen Ferrari zu bauen oder Fernando Alonso zu erzählen, wie er fahren muss. Er muss die richtigen Leute an die richtigen Stellen bringen und dafür sorgen, dass sie in Ruhe arbeiten können.

Ferrari hat gute Leute. Das zeigt sich bei den Boxenstopps. Sie sind im Durchschnitt die schnellsten. Auch in der Renn-Strategie liegt Ferrari öfter richtig als falsch. Und trotz des Ausfalls von Alonso in Monza zählt auch die Qualitätskontrolle zu den Stärken Maranellos. Mit einem Defekt liegt Ferrari immer noch an der Spitze der Zuverlässigkeits-Statistik.

Mit James Allison, Dirk de Beer und Pat Fry sitzen Ingenieure im Konstruktionsbüro, die ein Siegerauto bauen können. Der nächste Ferrari ist ihr erstes Produkt, und der hauseigene Windkanal liefert inzwischen verlässliche Zahlen.

Die Defizite bei der Antriebseinheit sind bekannt. Dort könnte der Weg zurück vielleicht etwas länger dauern. Weil man immer noch für Versäumnisse der Vergangenheit bezahlt. Ferrari bekommt erst jetzt moderne Prüfstande namens VTT (Virtual Test Track), die Mercedes schon vor drei Jahren eingekauft hat.

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