Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows

Ferraris seltsame Teststrategie

Bluff oder Vorsicht?

Kimi Räikkönen - Ferrari - Formel 1 - Test - Bahrain - 21. Februar 2014 Foto: ams 21 Bilder

Aus Ferrari wird man nicht schlau. Die roten Autos fuhren in Bahrain viel, phasenweise auch schnell, lagen in ihrer Bestzeit aber eine Sekunde hinter Mercedes und Williams. Hoher Top-Speed und gute Sektorzeiten werfen Fragen auf: Blufft Ferrari oder traut man sich nur selten zu, volle Leistung zu geben?

06.03.2014 Michael Schmidt

Ferrari-Rennleiter Stefano Domenicali zog nach acht Testtagen in Bahrain Bilanz: "Wir liegen hinter Mercedes und Williams. Jetzt beginnt der Entwicklungswettlauf das aufzuholen." Als die Mikrofone abgeschaltet waren, fügte Ferraris Capo hinzu: "Der Rückstand ist nicht so groß und aufholbar."

Ferrari ist von allen Teams am schwierigsten einzuschätzen. Was können die roten Autos wirklich, wenn man sie lässt? Force India-Technikchef Andy Green glaubt, dass Ferrari blufft. Mercedes-Ingenieure vermuten anhand ihrer GPS-Messungen, dass im Moment nicht mehr geht. Die Sekunde Rückstand von Fernando Alonso auf die Bestzeit ist das, was Ferrari zwei Wochen vor dem Saisonstart draufhat.

Nach Kilometerstand auf Platz 3

Klar ist nur eines. Mit 4.458 Testkilometern liegt Ferrari auf Platz 3 hinter Mercedes (4.972 km) und Williams (4.892 km). "Die meisten Probleme haben wir aussortiert", stellte Fernando Alonso zufrieden fest. Das kann in Melbourne ein Joker sein. Zuverlässigkeit ist das eine, Speed das andere. Und genau da stiftet Ferrari Verwirrung. Der F14T zeigte nur phasenweise sein wahres Gesicht.

Beispiel Top-Speed. Am letzten Tag brauste Alonso mit 339,6 km/h über die Zielgerade. Um Welten schneller als die Konkurrenz. Die Runde selbst war mit 1:35.509 Minuten eher langsam. Sie lag 1,2 Sekunden über Alonsos Bestwert mit 1:34.280 Minuten. Gleiches Spiel zwei Tage zuvor. Alonso wurde mit 338,5 km/h auf der Zielgeraden gemessen. Dann legte er den Schongang ein. Die dazugehörige Rundenzeit: 1:40.634 Minuten.

Was verbirgt Ferrari?

Es ging aber auch umgekehrt. In seiner schnellsten Runde des gesamten Bahrain-Tests schlich Alonso mit 308,5 km/h über die Zielgerade. Über 30 km/h langsamer als das, was möglich gewesen wäre. Die Sektorzeiten dieser Runde erscheinen gar nicht. Ferrari gab Transponder-Probleme an. Zufall oder Absicht? Bei keinem Team gab es in der Sektor-Ermittlung so viele leere Datensätze. Und zwar an allen Testtagen.
 
Nur auf dem Zielstrich und bei der Top-Speed-Ermittlung konnte Ferrari nichts verbergen. Da verlässt man sich nicht nur auf den Transponder. Diese Werte sind lückenlos registriert. Würde man die besten Sektorzeiten zusammenzählen, die vom Ferrari offiziell gemessen wurden, dann wäre Alonsos schnellste Runde bei 1:35.559 Minuten gestanden. Also 1,279 Sekunden langsamer als die persönliche Bestzeit. Die ist allerdings verbürgt.

Top-Speeds in langsame Runden gepackt

Italienische Medien spekulierten, dass Ferrari sein wahres Gesicht nicht zeigen wollte und deshalb eine persönliche Zeitnahme irgendwo auf der Strecke aufgebaut hat. Man habe nur zwischen diesen Messpunkten wirklich Gas gegeben, um bei Start und Ziel zu verschleiern, was man wirklich drauf hat.

Diese Theorie wird auch von Force India-Technikchef Andy Green vertreten: "Es ist doch komisch, dass Ferrari seine besten Top-Speeds in langsame Runden packt. Ihre Sektorbestzeiten haben sie zu unterschiedlichen Zeiten gefahren."
 
Für den Verdacht, dass Ferrari nicht alles gezeigt hat, spricht: Domenicali, Alonso und Räikkönen wirkten trotz des Rückstandes von einer Sekunde auf Mercedes und Williams erstaunlich gelassen. Normalerweise wäre bei einer solchen Differenz Feuer unter dem Dach.

Mercedes wird aus Ferrari-Programm nicht schlau

Bei Mercedes wird das angezweifelt. Chefdesigner Aldo Costa berichtet: "Anhand unserer GPS-Messungen ist Ferrari so schnell, wie es die Rundenzeiten aussagen. Sie fahren nur ein komisches Test-Programm. Es unterscheidet sich von allen anderen. Wir wurden nicht schlau daraus, was sie da gemacht haben."
 
Es gibt Stimmen aus dem Ferrari-Lager, dass Ferrari zwar schneller fahren könnte, es aber aus Vorsicht nicht getan habe. Oder nur ganz selten für ein paar Abschnitte, um zu sehen, was möglich wäre, wenn man den Hund von der Kette lässt. Das würde für die starken Schwankungen und die Highlights sprechen, die immer nur kurz aufgeblitzt sind.

Schenkt Ferrari 40 PS her

Angeblich gibt es auch bei Ferrari noch Probleme mit der Motorabstimmung. Bei weitem nicht so schlimm wie bei Renault, aber doch groß genug, dass man es sich nicht leisten kann auf den Geraden dauerhaft mit dem maximal möglichen Ladedruck zu fahren oder die gesamte Elektrokraft abzurufen. Die meiste Zeit sind offenbar nur 120 der 160 PS der Elektromaschine abgerufen worden. Insgesamt habe man wegen der konservativen Motoreinstellungen 1,5 Sekunden verschenkt.
 
Auch mit dem Spritverbrauch soll man noch am Limit sein. Es ist jetzt eine gesicherte Erkenntnis, dass Ferrari beim Runterschalten die MGU-K dazu nutzt, elektrisch Zwischengas zu geben. Deshalb hört es sich so an, als würde der Motor abgeschaltet. Man hört, dass man nichts hört. Ein Experte: "Das machst du, wenn du mit dem Benzinverbrauch Probleme hast."

Elektrisch Zwischengas: Gut oder schlecht?

Mercedes hält das für eine Verschwendung elektrischer Energie. Die könne man an anderer Stelle besser einsetzen. Es gibt aber auch Gegenstimmen. Toyota macht bei seinem neuen Le Mans-Motor das gleiche. Die japanischen Ingenieure haben ausgerechnet, dass Zwischengas mit dem E-Motor der effizienteste Weg für das Getriebe, den Spritverbrauch und die Fahrbarkeit ist und die elektrische Leistungsabgabe an anderer Stelle nicht negativ beeinflusst. Wenn man die Abstimmung perfekt beherrscht. Und die ist das größte Problem.

Empfehlungen aus dem Netzwerk
Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden