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FIA-Analyse des Bianchi-Unfalls

"Kein Anzeichen für mechanischen Fehler"

Jules Bianchi - GP Japan 2014 Foto: ams 16 Bilder

FIA-Rennleiter Charlie Whiting hat den genauen Ablauf des Unfalls von Jules Bianchi in Suzuka rekonstruiert. Wir erklären genau, wie unglückliche Umstände zu der Katastrophe führten und welche Faktoren keine Rolle spielten.

10.10.2014 Tobias Grüner

Der Unfall von Jules Bianchi in Suzuka bewegt noch immer das Fahrerlager und die Formel 1-Fans auf der ganzen Welt. Da es keine TV-Aufnahmen von dem Crash in Kurve 7 gibt, herrschte lange Zeit Unklarheit, wie sich das Geschehen in der 41. bzw. 42. Runde des GP Japan genau abspielte. In Sochi gab FIA-Rennleiter Charlie Whiting nun erstmals Auskunft und zeigte den anwesenden Journalisten das Video der Streckenkameras. Hier die Antworten auf die dringendsten Fragen:

Wie spielte sich der Unfall von Jules Bianchi genau ab?

Die Aufnahmen der Streckenkameras zeigen, dass sich in der langgezogenen Rechtskurve 7 auf der Außenbahn ein Wasserfilm gebildet hatte. Innen ist die Fahrlinie noch deutlich trockener. In der 41. Runde folgt Adrian Sutil nur wenige Meter hinter dem Marussia von Jules Bianchi, als er mit 2 Rädern auf die äußere Spur gerät. Der Sauber-Pilot verliert die Kontrolle, dreht sich und rutscht mit der Nase voraus in die Reifenstapel.

Als Bianchi eine Runde später wieder an der Unfallstelle vorbeikommt, passiert ihm das gleiche Missgeschick. Im Gegensatz zu Sutil kann Bianchi das ausbrechende Heck einfangen. Durch den Konter rutscht er allerdings geradeaus durchs Kiesbett, wo der Bergekran gerade mit dem Sauber am Haken rangierte. Der Marussia prallte in einem deutlich stumpferen Winkel auf, als es das bei YouTube veröffentlichte Video Glauben macht. Die Perspektive der Streckenkamera zeigt, dass das Auto wie eine Billardkugel abprallt und in dem kleinen Ausgang zwischen den Reifenstapeln zum Stehen kommt.

Wurden die Flaggen korrekt geschwenkt?

Das Video zeigt, dass auf der Passage zur Unfallstelle hin gelbe Flaggen geschwenkt werden und gelbe LED-Signale aufleuchten. Der Marshal an Posten 12 schwenkt ebenfalls Doppel-Gelb, solange sich die Bergung noch hinter der Flagge befindet. Als der Bergekran mit dem Sauber die Stelle passierte, wurde auf Grün umgeschwenkt.

"Das war absolut korrekt", erklärt Whiting. "Der Streckenposten hat das selbst entschieden und alles richtig gemacht. Eine grüne Flagge heißt, dass erst ab dieser Stelle wieder Gas gegeben und überholt werden darf. Es heißt nicht, dass sie schon gilt, wenn man sie aus der Ferne sieht. Das gleiche gilt auch für gelbe Flaggen. Diesbezüglich ist alles korrekt gelaufen."

Hätte man ein Safety-Car einsetzen müssen?

Viele fragten sich nach dem Unfall, warum trotz der Bergung innerhalb der Reifenstapel kein Safety-Car zum Einsatz kam. Whiting verteidigte die Entscheidung: "Der Sauber steckte sehr weit weg von der Strecke in der Bande. Wir entschieden uns deshalb für doppelte gelbe Flaggen, um die Fahrer zum Abbremsen zu zwingen. Das ist in solchen Fällen die übliche Prozedur."

War Jules Bianchi zu schnell unterwegs?

GPS-Daten der Formel 1-Tracker-App lassen vermuten, dass Bianchi an der Unfallstelle nicht ausreichend verlangsamt hat. Whiting will das nicht bestätigen, obwohl der FIA bereits mehr Daten vorliegen: "Es haben mehrere Piloten an der Stelle nicht ausreichend verzögert. Jules hat verlangsamt, aber in solchen Fällen kommt es immer darauf an, wie viel man das Tempo drosselt. Es wäre noch zu früh, jetzt Angaben über das genaue Tempo zu machen. Das wird noch untersucht."

Gab es einen technischen Defekt am Marussia?

Das Auto von Bianchi wurde bei dem Unfall fast komplett zerstört. Die Frage lautet, ob schon vor dem Unfall etwas kaputt ging, das zu dem Ausrutscher führte. Dazu Charlie Whiting: "Es gibt keine Anzeichen für einen mechanischen Fehler."

Gab es Verzögerungen bei der Bergung?

Viel wurde über die Bergung und den Abtransport diskutiert. Das erste Problem bestand darin, die Schwere des Unfalls überhaupt zu erkennen. Whiting erklärt, was in den entscheidenden Minuten in der Rennleitung vor sich ging: "Normalerweise bekommen wir ein Warnsignal, wenn die g-Kräfte bei einem Unfall überschritten werden. Im Fall von Jules Bianchi haben wir aber nichts bekommen, weil das Modul am Auto abgerissen wurde."

"Auf den Kameras war zunächst auch nicht zu erkennen, wo sich das Auto befand, da es durch den Bergekran verdeckt wurde. Ein Marshal hat dann den Streckenchef per Funk informiert, dass der Kran von einem Auto getroffen wurde. Daraufhin haben wir die Kameras umgeschwenkt und den Marussia gesehen. Dann haben wir sofort das Medical-Car losgeschickt. Die Verzögerung betrug aber höchstens 20 Sekunden." Innerhalb von 7 Minuten war der Rennarzt am Unfallort.

Wie kam es zur Konfusion um den Rettungshubschrauber?

Nach der Bergung gab es unterschiedliche Meldungen über den Transportweg ins Krankenhaus. FIA-Medical-Officer Jean-Charles Piette erklärt, wie es zu der Konfusion kam: "Normalerweise ist ein Helikopter immer an der Strecke. Aus Angst vor Taifun-Schäden wurde der Hubschrauber aber am Samstgabend abgezogen. Am nächsten Morgen hieß es zunächst, dass er nicht mehr an die Strecke kommen könne."

"Wir haben dann wie üblich in solchen Situationen diskutiert, wie lange ein Transport auf der Straße dauern würde. Das Ergebnis war, dass der Weg ins 15 Kilometer entfernte Krankenhaus von Mie rund 25 Minuten dauern würde. Wir entschieden uns deshalb, alles für diesen Weg vorzubereiten. Um 11 Uhr kam der Helikopter dann aber doch. Das Problem war, dass sich das Wetter zum Unfallzeitpunkt so weit verschlechtert hat, dass er zwar von der Strecke abheben, aber nicht mehr am Hospital landen konnte. Wir entschieden uns deshalb für den Landweg."

Hatte die Verzögerung negative Auswirkungen für den Patienten?

Der Transport zum Krankenhaus dauerte am Ende mit Polizeieskorte 32 Minuten. Wäre ein schnellerer Transport per Helikopter besser gewesen? Rettungs-Koordinator Ian Roberts dementiert: "Wir haben den Zustand des Patienten genau überwacht. Die Werte blieben den gesamten Transport über unverändert. Der Transportweg hatte somit keinen Einfluss auf den Gesundheitszustand."

Waren die Bedingungen schon vor den beiden Unfällen zu gefährlich?

Felipe Massa schimpfte nach dem Rennen, dass er schon vor dem Unfall über Funk vehement einen Abbruch gefordert habe, weil die Bedingungen zu gefährlich wurden. "Ich würde sagen, diese Aussagen entsprechen nicht der Wahrheit", entgegnete Rennleiter Charlie Whiting. "Ich habe mir die Funksprüche nach dem Unfall noch einmal angehört. Die einzige Aussage von Felipe Massa in diese Richtung lautete: "Die Bedingungen auf der Strecke verschlechtern sich."

Es habe von Seiten der Fahrer keine Anzeichen gegeben, die einen Abbruch des Rennens erforderten. Erst als das Safety-Car auf der Strecke war, haben 2 Teams die Rennleitung darauf aufmerksam gemacht, dass die Sichtverhältnisse wegen der einsetzenden Dunkelheit grenzwertig werden. Darunter sei auch Williams gewesen, bestätigte Whiting.

Wie wäre der Unfall ausgegangen, hätte Bianchi nicht den Kran getroffen?

Nach dem Unfall gab es viele "Was-wäre-wenn-Fragen" an Charlie Whiting. Nicht alle konnten sicher beantwortet werden. Auf die Frage, wie die Konsequenzen für Bianchi ausgesehen hätten, wäre er nicht mit dem Kran kollidiert sondern in die Bande gekracht, hatte der FIA-Rennleiter aber einen interessanten Vergleich: "Ich glaube, bei der geschätzten Geschwindigkeit und 3 Reihen Reifenstapel, wäre es ähnlich ausgegangen, wie bei Heikki Kovalainen 2008 in Barcelona." Beim Finnen war damals in der schnellen Campsa-Kurve die Felge gebrochen. Außer eine Gehirnerschütterung kam der Ex-McLaren-Pilot allerdings glimpflich davon.

Wäre eine Asphalt-Auslaufzone besser gewesen?

Auf dem Unfall-Video ist zu erkennen, wie das Auto über das feuchte Kiesbett schlittert, ohne sichtbar an Geschwindigkeit zu verlieren. Die Frage, ob das bei einer Asphalt-Auslaufzone anders gewesen wäre, konnte Whiting nicht beantworten. "Eine Asphaltfläche ist in fast allen Szenarien besser als ein Kiesbett. Deshalb haben wir sie ja auch bei allen neuen Strecken. Nur die Traditionskurse haben immer noch Kiesbetten, die an sich nicht schlecht sind. Wie sich das konkret im Fall Bianchi ausgewirkt hätte, kann ich nicht sagen."

In unserer Galerie zeigen wir noch einmal die Szenen des Unfalls von Jules Bianchi.

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